Table Of ContentUlrich Schmitzer
Zeitgeschichte in Ovids Metamorphosen
Beiträge zur Altertumskunde
Herausgegeben von
Ernst Heitsch, Ludwig Koenen,
Reinhold Merkelbach, Clemens Zintzen
Band 4
B. G. Teubner Stuttgart
Zeitgeschichte in
Ovids Metamorphosen
Mythologische Dichtung
unter politischem Anspruch
Von
Ulrich Schmitzer
B. G. Teubner Stuttgart 1990
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Schmitzer, Ulrich:
Zeitgeschichte in Ovids Metamorphosen: mythologische
Dichtung unter politischem Anspruch / von Ulrich Schmitzer. -
Stuttgart: Teubner, 1990
(Beiträge zur Altertumskunde; Bd. 4)
ISBN 3-519-07453-2
NE: GT
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© B. G. Teubner Stuttgart 1990
Printed in Germany
Druck und Bindung: Röck, Weinsberg
Vorwort
Die vorliegende Untersuchung wurde im Sommersemester 1989 von der Philoso-
phischen Fakultät II (Sprach- und Literaturwissenschaften) der Universität Erlan-
gen-Nürnberg als Dissertation angenommen. Für den Druck wurde sie in einigen
Teilen nochmals überarbeitet.
Das Zustandekommen dieser Arbeit ermöglichte ein Promotionsstipendium
des Cusanuswerks, dem ich dafür zu Dank verpflichtet bin. Gedankt sei an dieser
Stelle auch den Mitgliedern der Fachschaft Altphilologie im Cusanuswerk, na-
mentlich Erich Kunkel (Würzburg), für manch förderliche Diskussion, Christine
Korten (Erlangen) für die Gelegenheit, viele Aspekte dieser Arbeit zu besprechen,
sowie Priv.-Doz. Dr. Raban von Haehling (Düsseldorf) für die freundliche Bereit-
schaft, mir das Manuskript seiner Habilitationsschrift noch vor der Veröffentli-
chung zukommen zu lassen. Professor Dr. Egert Pöhlmann (Erlangen) danke ich,
daß er die Mühe des Korreferats auf sich nahm und mir auch darüber hinaus wert-
volle Hinweise gab. Professor Dr. Clemens Zintzen (Köln) sei für die Bereitschaft
gedankt, meine Arbeit in die "Beiträge zur Altertumskunde" aufzunehmen.
Mein ganz besonderer Dank gilt Professor Dr. Severin Koster (Erlangen), der
diese Untersuchung angeregt und betreut hat.
Gewidmet ist diese Arbeit meinen Eltern als Zeichen der Dankbarkeit für al-
les, was sie für mich getan haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Literatur in ihrer politischen Dimension. Die Stellung von
Ovids Metamorphosen in der Forschungsdiskussion um die
augusteische Dichtung 1
1.1. Der politische Gehalt der Metamorphosen 1
1.1.1. Die Entwicklung der Fragestellung bis zum Ende der sechzi-
ger Jahre 1
1.1.2. Aktuelle Tendenzen der Forschung 5
1.1.2.1. Die Metamorphosen - ein antiaugusteisches Werk? 6
1.1.2.2. Die Verteidigung der traditionellen Leseweise 10
1.2. Augustus und die augusteische Literatur 14
1.3. Die Interpretationsbedürftigkeit der antiken Literatur als
Funktion ihrer Verbreitung und ihrer Wirkungsabsicht 19
2. Mythos in politischer Funktion in den Metamorphosen 33
2.1. Vom Chaos zur Ekpyrosis. Kosmologie als Medium politi-
scher Sinngebung und Herausforderung poetischen Selbst-
bewußtseins am Beginn der Metamorphosen (1,5-2,400) 33
2.1.1. Die Adaption des politischen Gehalts kosmologischer Theo-
reme durch Ovid 33
2.1.1.1. Die Kosmogonie im engeren Sinn (1,5-88) 35
2.1.1.2. Die vier Weltalter (1,89-150) 39
2.1.1.3. Augustus und Iuppiter: Die Gigantomachie (1,151-243) 52
2.1.1.4. Das Ende der Welt und der Anfang der Liebesdichtung 60
2.1.1.4.1. Zweierlei Untergang: Diluvium und Ekpyrosis 60
2.1.1.4.2. Epyllische Einschübe als alexandrinische Irritationen im kos-
mologischen Gefüge (1,452-746) 69
2.1.2. Instrumentalisierung des Mythos zur zeitgeschichtlichen Stel-
lungnahme 77
Inhaltsverzeichnis VII
2.1.2.1. Lycaon. Mythologisches Muster aktueller Konflikte im Herr-
scherhaus (1,163-243) 77
2.1.2.2. Die Phaethonsage - ein umgekehrter Fürstenspiegel (1,747-
2,400) 89
2.1.3. Exkurs: Picus. Ovid, Livia und die Enkel des Augustus (14,
320-434) 108
2.2. Cadmus, Bacchus und Hercules - Augustus in der Welt der
Heroen 134
2.2.1. Cadmus (3,1-137) 134
2.2.1.1. Cadmus als Ebenbild des Aeneas 134
2.2.1.2. Cadmus und der Hercules Vergilianus 138
2.2.1.3. Cadmus als Sieger im Bürgerkrieg 140
2.2.2. Bacchus (3,511-4,30) 147
2.2.2.1. Augustus und Bacchus. Das Verhältnis nach der Schlacht von
Actium 147
2.2.2.2. Pentheus und Antonius 152
2.2.2.3. Bacchus, Augustus und die tyrrhenischen Seeräuber: Piaton-
Rezeption als Mittel politischer Sinngebung 152
2.2.3. Hercules (9,1-272) 166
2.2.3.1. Augustus und Hercules 166
2.2.3.2. Hercules und Achelous. Die Einstimmung auf den augustei-
schen Gehalt der Sage 170
2.2.3.3. Res gestae divi Herculis und die Apotheose 177
2.3. Ovid über Dichtung und Politik. Die Sagen um Minerva als
Paradigma für das Programm der Metamorphosen 187
2.3.1. Minerva und die Musen. Die politische Relevanz poetischer
Theorie (5,250-678) 187
2.3.1.1. Zum Stand der Forschung und zum Aufbau 187
2.3.1.2. Das Attentat des Pyreneus 188
2.3.1.3. Falsche und richtige Dichtung. Pieriden und Musen 201
2.3.1.3.1. Die Pieriden: Mythologische-politisches Großepos als obsolet
gewordene Form (5,319-331) 201
VIII Inhaltsverzeichnis
2.3.1.3.2. Das Musterepyllion vom Raub der Proserpina (5,341-661) 208
2.3.1.3.3. Macer, Gallus und Germanicus. Der Zusammenhang zwi-
schen der Wahl des literarischen γένος und der politischen
Einstellung des Dichters 216
2.3.1.4. Die Rolle der Minerva 229
2.3.2. Minerva und Arachne: Was hat Minerva von den Musen ge-
lernt (6,1-145)? 230
2.3.3. Bilder aus der Bürgerkriegszeit als Rahmen. Die Darstellun-
gen von Perseus und Niobe 238
2.3.3.1. Perseus (4,604-5,249) 238
2.3.3.2. Niobe (6,146-312) 244
2.4. Römische Geschichte und augusteische Gegenwart. Von Ro-
mulus bis Augustus 250
2.4.1. Harmonie zwischen Macht und Geist: Numa und Pythagoras
(15,1-481) 251
2.4.2. Die politische Realität in Rom. Cipus, Augustus und die Kri-
se des Jahres 23 v.Chr. (15,533-621) 260
2.4.3. Zeitgeschichte als Ziel der Metamorphosen. Aesculapius,
Caesar und Augustus 273
2.4.3.1. Adventus dei. Der Weg des Aesculapius nach Rom (15,622-
744) 273
2.4.3.2. Caesar als Wegbereiter des Augustus 278
2.4.3.3. Caesars Apotheose und die Politik des Augustus 284
3. Ovids Metamorphosen als politische Dichtung 298
3.1. Zusamenfassung der bisherigen Ergebnisse 298
3.2. Ovids Verfahren bei der mythologischen Verschlüsselung
zeitgeschichtlichen Geschehens 307
3.3. Ovids Stellung in der römischen Innenpolitik 315
4. Literaturverzeichnis 321
5. Register 363
1. Literatur in ihrer politischen Dimension.
Die Stellung von Ovids Metamorphosen in der Forschungsdiskussion um die augu-
steische Dichtung.
1.1. Der politische Gehalt der Metamorphosen.
1.1.1. Die Entwicklung der Fragestellung bis zum Ende der sechziger Jahre.
Als Publius Ovidius Naso (43 v.Chr. - ca. 18 n.Chr.) seine Metamorphosen vollen-
det und damit eine mythologische Weltgeschichte von der Entstehung des Kosmos
bis in die eigene Gegenwart unter dem Leitthema des beständigen Wandels aller
Dinge geschaffen hatte, war er der festen Überzeugung, damit ein Werk vorzule-
gen, dessen dauerhaftem Bestand und Ruhm weder der Blitz Iuppiters noch die
gefräßige Zeit würden schaden können. Dieses Selbstbewußtsein bestätigte sich
durch die viele Jahrhunderte währende Hochschätzung seines Epos als eines unbe-
zweifelten Bestandteils europäischer literarischer Tradition. Erst die Griechenbe-
geisterung seit dem späten 18. Jahrhundert sowie der in dieser Zeit aufgekomme-
ne Vorwurf mangelnder Originalität und bloß rhetorischer Kunstfertigkeit brach-
ten die Metamorphosen (wie andere Werke der lateinischen Literatur auch) um
ihr Ansehen.1 Nur langsam erhielten sie durch die wissenschaftlichen Bemühungen
des 20. Jahrhunderts den ihnen gebührenden Rang als eines der bedeutendsten
Werke der Weltliteratur zurück, während sie in einer breiteren literarisch interes-
sierten Öffentlichkeit noch immer unter dem Verdikt bloßer Nachahmung wesent-
lich tiefgründigerer griechischer Originale zu leiden haben. Vielleicht ist es Zei-
chen einer sich zu einem gerechteren Urteil wandelnden Einschätzung, daß Chri-
stoph Ransmayrs 1988 erschienener Roman "Die letzte Welt"2, der sich in ambitio-
nierter Weise mit Ovid und seinen Metamorphosen auseinandersetzt und sie neu
gestaltet, ohne in bloße Nacherzählung zu verfallen, sowohl von der Kritik als auch
vom Lesepublikum mit breiter Zustimmung aufgenommen wurde.
Der Wandel der Einschätzungen ist bequem zugänglich dokumentiert bei W. Stroh: Ovid im
Urteil der Nachwelt. Eine Testimoniensammlung. Darmstadt 1969.
C. Ransmayr: Die letzte Welt. Mit einem Ovidischen Repertoire. Nördlingen 1988 (Die Andere
Bibliothek 44).
2 Forschungsbericht und Grundlagen
Einen wichtigen thematischen Schwerpunkt, den Ransmayr in seinem Roman
behandelt, stellt das problematische Verhältnis zwischen Ovid und Augustus dar.
Er bringt damit eine Fragestellung erneut der literarischen Öffentlichkeit ins Be-
wußtsein, die so alt ist wie die Frage nach den Gründen von Ovids Verbannung
und - abgesehen von den eigenen Äußerungen des Dichters im Exil - bis in die
Spätantike zurückreicht, beginnend mit der Epitome de Caesaribus, nach der Ovid
verbannt wurde quod tres libellos amatoriae artis conscripsit (Ps. Aurel. Vict. epit.
1,24), und dann mit Sidonius Apollinaris:
et te carmina per libidinosa
notum, Naso tener, Tomosque missum,
quondam Caesareae nimis puellae
ficto nomine subditum Corinnae?
(Sidon. carni. 23,158-161)
Gerade diese Verknüpfung mit der Verbannungsfrage hatte jedoch die fatale
Konsequenz, daß sich die Klärung der Beziehung zwischen dem Princeps und dem
Dichter weitgehend auf das Niveau eines Hilfsmittels für die Lösung des Rätsels,
warum Ovid nach Tomi relegiert wurde, reduzierte und so - entsprechend den
Tendenzen bei der Diskussion des übergeordneten Problems3 - vor allem ins mo-
ralische Fahrwasser geriet: Sei es, daß man die Ars amatoria als sittenverderben-
des Machwerk inkriminierte, sei es, daß man mutmaßte, Ovid sei Zeuge eines
Skandals im Haus des Augustus geworden.
Ansonsten war die Frage nach der Einstellung Ovids zum Princeps im Grunde
schon beantwortet, ehe sie noch gestellt war: "Was seine politische Ansicht betrifft
so gehört Augusts (sie) Alleinherrschaft zu den Voraussetzungen unter denen er
aufgewachsen ist; er ist Dichter des neuen, durch Monarchie und Frieden in Sta-
gnation gerathenen Roms ..."4
Die Metamorphosen dagegen blieben unter diesem Aspekt fast völlig außer
Betracht. Diejenigen Stellen, an denen Augustus direkt genannt wird (1,200-205.
560-563. 15,760-870), faßte man als aufgesetzte Panegyrik auf, die mit dem Rest
des Werkes unverbunden sei, und sah sich damit zu keiner weiteren Diskussion
verpflichtet.5
3 J.C. Thibault: The Mystery of Ovid's Exile. Berkeley, Los Angeles 1964 faßt die bis 1963
vorgetragenen Hypothesen zusammen.
4 So schon (als ein frühes Zeugnis der Ovidforschung) in der Mitte des vorigen Jahrhunderts W.
Teuffei: Ovidia gens, in: Real-Encyklopädie der classischen Altertumswissenschaft. Hg. von A.
Pauly, nach dessen Tode fortgesetzt von Chr. Walz und W.S. Teuffei. Fünfter Band. Stuttgart
1848. S. 1030.
5 Vgl. Kap. 2.1.2.1. und 2.4.3.3.