Table Of ContentStefan Boschen· Peter Wehling
Wissenschaft zwischen Folgenverantwortung und Nichtwissen
Stefan Boschen· Peter wehling
Wissenschaft
zwischen
Foigenverantwortung
und Nichtwissen
Aktuelle Perspektiven
der Wissenschaftsforschung
VS VERLAG FOR SOZIALWISSENSCHAFTEN
-
+ III
vs VERLAG FOR SOZIALWISSENSCHAFTEH
VS verlag fOr Sozialwissenschaften
Entstanden mit Beginn des Jahres 2004 aus den beiden Hausern
Leske+Budrich und Westdeutscher verlag.
Die breite Basis fOr sozialwissenschaftliches Publizieren
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1. Auflage Mai 2004
Aile Rechte vorbehalten
© VS Verlag fOr Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2004
Lektorat: Frank Engelhardt
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Umschlaggestaltung: KOnkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg
Gedruckt auf saurefreiem und chlorfrei gebleichtem papier
ISBN-13: 978-3-531-14083-4 e-ISBN-13: 978-3-322-87351-4
DOl: 10.1007/978-3-322-87351-4
Inhalt
Einleitung: Wissenschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts - Neue
Herausforderungen fUr Wissenschaftsforschung und -politik
Stefan Boschen und Peter Wehling
1. Die "Ent-Grenzung" der modernen Wissenschaft ................................... 9
1.1 Die Etablierung der modemen Wissenschaft ............................................... \0
1.2 Entgrenzung als Infragestellung von Grundunterscheidungen .................... 13
2. Dichotomien der Wissenschaftsforschung - und Perspektiven zu
ihrer Uberwindung ..................................................................................... 20
2.1 Institutionalistisches vs. wissenssoziologisches Paradigma ......................... 22
2.2 Realismus vs. Konstruktivismus .................................................................. 25
2.3 "Modus I" oder "Modus 2" der Wissensproduktion? .................................. 27
2.4 "Hierarchische Wissenschaftsgesellschaft" oder "polyzentrische
Wissensgesellschaft"? .................................................................................. 29
3. Zwischen Folgenverantwortung und Nichtwissen: Ausblick auf
die beiden Teile des Buches ....................................................................... 31
Weshalb wei6 die Wissenschaft nicht, was sie nicht wei6? - Umrisse einer
Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens
Peter Wehling
1. Einleitung: Das Nichtwissen der Wissenschaft ....................................... 35
2. Nichtwissen - ein neuartiger Gegenstand soziologischer Analyse ....... ..40
2.1 Die "soziale Konstruktion" des Nichtwissens ............................................ .40
6 Inhalt
2.2 Wissenschaftliches Nichtwissen: "specified ignorance" und "science
based ignorance" .......................................................................................... .42
3. Grundlagen, Themenfelder und Forschungsperspektiven der
Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens ..................................... .45
3.1 "Ignorance claims" in Wissenschaft und Medien ....................................... .47
3.2 "Public Ignorance of Science" ..................................................... .49
3.3 Die politische Konstruktion von Wissensliicken ......................................... 51
3.4 Die "kognitive Konstruktion" wissenschaftlichen Nichtwissens ................. 56
3.4.1 Die SelektiviUit wissenschaftlicher Theorien ............................................... 58
3.4.2 Die Dekontextualisierung experimentell erzeugten Wissens ....................... 59
3.4.3 Die Konstitution unbekannter Wirkungshorizonte ....................................... 63
3.5 Fragestellungen und Forschungsperspektiven der Soziologie des
wissenschaftlichen Nichtwissens ................................................................. 67
4. Was heiOt (wissenschaftliches) Nichtwissen? -
Wissenssoziologische Abgrenzungen und Differenzierungen ................ 69
5. Entstehung, Entdeckung und Folgen wissenschaftlichen
Nichtwissens - vier Fallbeispiele ............................................................... 74
5.1 FCKW und Ozonloch: die Entdeckung des unerkannten
Nichtwissens ................................................................................................ 75
5.2 DES: latente und (fast) unsichtbare Langzeiteffekte eines
kiinstlichen Hormons ................................................................................... 79
5.3 Contergan: institutionell begiinstigtes "Nicht-so-genau-wissen-
Wollen" ......................................................................................................... 82
5.4 BSE: die politisch motivierte Ausblendung des Nichtwissens .................... 86
5.5 Einige Schlussfolgerungen ........................................................................... 91
6. Kognitive und institutionelle Perspektiven des Umgangs mit
wissenschaftlichem Nichtwissen ............................................................... 94
7. Fazit und Ausblick ................................................................................... 102
Inhalt 7
Science Assessment: Eine Perspektive der Demokratisierung von
Wissenschaft
Stefan Boschen
1. Einleitung: Die Infragestellung der doppelten Monarchie und
das Aufkommen von Science Assessment ............................................. 107
1.1 Die erste Antwort auf das Aufbrechen des Wissens-Doppe1status:
Technology Assessment ............................................................................ 111
1.2 Science Assessment als Nebenfolgenreflexion (in) der
Wissenschaft .............................................................................................. 113
1.3 Gliederung der Studie: Wissenskulturen und
GestaltungsOffentlichkeiten ....................................................................... 118
2. Modus 2 und das Kontextualisierungsproblem ..................................... 122
2.1 Rethinking "Re-Thinking Science" ............................................. 125
2.1.1 Ein neuer Modus der Wissensproduktion .................................................. 126
2.1.2 Epistemologische Erwartungen und Enttauschungen ................................ 127
2.2 Konturen eines programmatischen Kontextualismus ......................... 130
3. Epistemische Kulturen: Begrenzung und Offnung von
Problemhorizonten .................................................................................. 135
3.1 Differenzierung wissenschaftlichen Wissens nach der Theorieform ......... 136
3.2 Wissenschaft und Tatigkeit: Wissenschaft als Praxisform ........................ 140
3.3 Heuristik unterschiedlicher Wissenskulturen ............................................ 143
4. Epistemische Kulturen und Kontext: Entstehung von
Gestaltungs6ffentlichkeiten .................................................................... 147
4.1 Chemiepolitik: das Problem der Offnung .................................................. 149
Exkurs 1: FCKW und weitere "Inert-Fiktionen" ........................................ 151
Exkurs 2: Von der okologischen zur nachhaltigen Chernie? ...................... 153
4.2 Grone Gentechnik: das Problem der SchlieBung ....................................... 155
4.3 Wissenspolitik: reflexive Strukturierung von
GestaltungsOffentlichkeiten ........................................................................ 158
8 Inhalt
5. Foigenretlexion und Transformation des Forschungssystems ............ 165
5.1 Wissenschaftsfolgenabschatzung erster und zweiter Ordnung .................. 167
5.2 Science Assessment in sich wandelnden Innovationskontexten ................ 168
6. Perspektiven eines "scientific citizenship" .................................. 172
6.1 Empirische Beobachtungen zu einem scientific citizenship ...................... 175
6.2 Scientific citizenship und die Prozeduralisierung des
Gesellschaftsvertrages zwischen Wissenschaft und Offentlichkeit ........... 178
7. Ausblick: Aristotelische Renaissance? .................................................. 180
Literatur ...................................................................................................................... 183
Einleitung: Wissenschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts
Neue Herausforderungen fUr Wissenschaftsforschung und
-politik
Stefan Boschen und Peter Wehling
1. Die "Ent-Grenzung" der modernen Wissenschaft
Biomedizin, Humangenetik und Embryonenforschung stehen im Zentrum einer
erbittert gefiihrten und hochgradig polarisierten politisch-ethischen Auseinan
dersetzung, die Risiken der "griinen Gentechnik" werden weltweit auBerst kon
trovers und offenbar ohne Aussicht auf Einigung diskutiert, der massenhafte,
alltagliche Einsatz von MobiItelefonen erweist sich genau besehen als ein ge
sellschaftliches GroBexperiment mit elektromagnetischer Strahlung, des sen Fol
gen nicht absehbar sind. Die Reihe solcher Beispiele lieBe sich fast beliebig
verlangern; sie sind als Indizien daf'iir zu sehen, dass die Gesellschaft immer
starker mit den Unsicherheiten, Risiken und (moglichen) Folgen des wissen
schaftlichen Wissens und seiner technischen Nutzung konfrontiert wird. Und
dies gilt offenbar nicht mehr nur in okologischer, gesundheitlicher oder wirt
schaftlicher Hinsicht, sondern zunehmend auch unter ethischen und sozialen
Aspekten, etwa hinsichtlich des Umgangs mit ungeborenem menschlichem Le
ben oder mit Krankheit und Behinderung. In dem MaBe, wie die Gesellschaft
zum "Labor" wird (Krohn/W eyer 1990), fordern gleichzeitig immer mehr ge
sellschaftliche Gruppen oder auch einzelne Biirgerinnen und Biirger Beteili
gungs- und Mitspracherechte an forschungs- und technologiepolitischen Ent
scheidungsprozessen. Ablesbar ist dies beispielsweise an der wachsenden Be
deutung von Formen der partizipativen Technikfolgenabschatzung (PTA) in
verschiedenen europaischen Landern (JosslBellucci 2002; BoschenIViehOverl
Wehling 2003) oder an aktuellen Diskussionen um technological oder scientific
citizenship (vgl. dazu den Beitrag von Boschen in dies em Buch).
Solche neuartigen Konflikt- und Bruchlinien zeigen an, dass das Verhaltnis
von Wissenschaft und Gesellschaft seit einigen lahren fundamentalen Veran
derungen unterworfen ist. Vor diesem Hintergrund geht unser Versuch, neue
Perspektiven und Fragehorizonte der Wissenschaftsforschung zu skizzieren, von
zwei we it reichenden, gesellschafts- und modernitatstheoretisch inspirierten
10 Einleitung
Annahmen aus: Wir vermuten zum einen, dass die angedeuteten Umbriiche ih
ren Grund wesentlich in Veranderungen der Wissenschaft selbst haben, verstan
den sowohl als etablierter institutioneller Zusammenhang wie auch als spezi
fische Form und Praxis der Wissenserzeugung. Zum anderen spricht vieles da
fur, dass es sich dabei nicht lediglich urn vOriibergehende und letztlich periphere
Turbulenzen handelt, sondern urn eine tiefer gehende Erosion und Transforma
tion der fur "die Moderne" und ihr kulturelles Selbstverstandnis lange Zeit giil
tigen institutionellen und kognitiven Charakteristika von Wissenschaft. Diese
Charakteristika beruhten ganz entscheidend auf einer Reihe von institutionell
stabilisierten und kaum in Frage gestellten Trennungen und Grenzziehungen,
sowohl im "Binnemaum" der Wissenschaft (etwa zwischen Grundlagen- und
angewandter, zwischen akadernischer und industrieller Forschung und schlieJ3-
lich auch zwischen Wissenschaft und Technik) als auch in ihrem "AuJ3enver
haltnis". Hier sind es insbesondere die vier grundlegenden Unterscheidungen
zwischen Fakten und Werten, zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Ex
perten und Laien sowie zwischen wissenschaftlichem und nicht-wissenschaft
lichem Wissen, die zusehends unter Druck geraten und zu verschwimmen dro
hen (vgl. auch Boschen 2003c). Bevor wir darauf im Abschnitt 1.2 ausfuhrlicher
zu sprechen kommen, mochten wir in einem kurzen historischen Riickblick ver
deutlichen, wie die modeme Wissenschaft sich als "Erfolgsmodell" durchsetzen
konnte und we1che Rolle die erwahnten Grenzziehungen dabei spielten.
1.1 Die Etablierung der modernen Wissenschafi
Die Grundvorstellung der "experimentellen Philosophie", wie sie sich im 17.
Jahrhundert herausbildete, erschien zunachst als bestechend einfach: Ihr Kern
bestand in der gezielten Untersuchung von idealisierten Naturprozessen in Ver
suchsanordnungen und der Deutung der so gewonnenen Einsichten als Natur
gesetze. Die Ergebnisse wurden in Vorfuhrungen interessierten Zeugen zur Be
glaubigung vorgelegt. Darnit wurde - zurnindest der Idee nach - in direkter
Kommunikation vorurteilsfrei ausgelotet, was als Faktum anzusehen ist und was
nicht. Diese Form der Beglaubigung von Wissen wurde paradigmatisch von Ro
bert Boyle vorexerziert (vgl. Shapin/Schaffer 1985: 22ff.), fand ihre explizite
Formulierung und Generalisierung allerdings erst wesentlich spater in den von
Robert Merton herausgearbeiteten grundlegenden Normen des Wissenschafts
systems (Merton 1985). Diese Form der offenen Kommunikation war aber nur
auf der Grundlage der Forschungsfreiheit moglich, die der neuzeitlichen Wis
senschaft gewahrt wurde - im Gegenzug von ihr aber Enthaltung in allen mora
lischen und politischen Fragen forderte (vgl. van den Dae1e 1977; Lepenies
1997). Darnit konnte jener Freiraum geschaffen werden, der die sogenannte
"wissenschaftliche Revolution" ermoglichte. Die unbekannte Welt der Natur er-
BoschenIW ehling 11
schien durch die Moglichkeiten der experimentellen Philosophie letztlich voll
standig kartographierbar; methodisch gesichertes Wissen konnte zudem als
Schiedsinstanz in allen gesellschaftlichen Wissenskonflikten dienen (vgl. Bo
schen 2003a). Das Projekt der Autklarung ging in den Prozess gesellschaftlicher
Rationalisierung durch Wissenschaft und die (mutmaBlich) line are und kumu
lative Zunahme des Wissens tiber (vgl. Wehling 2002a).1 Mit der Durchsetzung
der Industriemoderne etablierte sich schlieBlich jenes stabile System gesell
schaftlicher Einbettung von Wissenschaft, in dem die (wissenschaftliche) Eigen
und (gesellschaftliche) Fremdwahmehmung zunehmend synchron gingen: Wis
senschaft wurde in Verbindung mit ihren technischen Umsetzungserfolgen zu
dem zentralen Motor gesellschaftlicher (Hoher-)Entwicklung. Wissenschaftlich
technischer Fortschritt bedeutete Wohlfahrt und eine zunehmende Unabhangig
keit von Naturprozessen. Ais institutionelle Voraussetzung hierfiir gaIten die
"soziale Distanz" (Weingart 2003: 8) der Wissenschaft und die sie schiitzenden
Grundunterscheidungen, etwa zwischen Tatsachen und Werten oder zwischen
Experten und Laien.
Etwas vereinfacht lasst sich der hier beschriebene Prozess in drei Phasen
unterteilen: In ihrer fiiihmodernen Konstitutionsphase (etwa bis zur Mitte des
18. Jahrhunderts) grenzte sich die neuzeitliche Wissenschaft strikt von allen
"externen", besonders religiosen und politischen Einflussnahmen ab und be
grundete daraus ihre Autonomie und ihren Objektivitatsanspruch. Der "organi
sierte Skeptizismus" war dabei zunachst ein streng interner. Die Kritik der ein
zelnen naturwissenschaftlichen Ergebnisse lief mit dem Nachdenken tiber die
methodologischen Voraussetzungen einher. Es waren die Universalgelehrten
und Gentlernan-Wissenschaftler, die das Feld wissenschaftlicher Arbeit be
stimmten. Die Forschungsarbeiten wurden an Akademien vorangetrieben, tech
nische Urnsetzungsmoglichkeiten zeigten sich zunachst noch nicht, auch wenn
das Programm neuzeitlicher Wissenschaft von Anfang an "inharent technisch"
war (van den Dae1e 1987: 407). Die zweite Phase, von der Mitte des 18. bis ins
friihe 20. Jahrhundert, war gepragt durch den "klassisch" modernen Idealtyp der
wahrheitsorientierten Grundlagenforschung, die sich disziplinar immer weiter
differenzierte und spezialisierte. Neben den Akademien waren es die Universi
taten, die im Gefolge der Humboldtschen Reform aus den ehernaligen Artisten-
Verstarkt wurde dieser Effekt noch dadurch, dass ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Wissen
schaft mehr und mehr die Verantwortung flir Fragen der Letztbegriindung iibemahm, nachdem
die Religion diesen Platz raumen musste. Wissenschaft trat mit ihrem Objektivitatsversprechen
an die frei gewordene Stelle. Die aktuellen Debatten urn eine "post-sakulare" Gesellschaft (Jiir
gen Habermas) deuten darauf hin, dass mittlerweile auch der Letztbegriindungsanspruch der
Wissenschaft fragwiirdig wird.