Table Of ContentGuido Mehlkop
Wirtschaftliche Freiheit,
Einkommensungleichheit
und physische Lebensqualität
Forschung
Soziologie
Band 174
Guido Mehlkop
Wirtschaftliche Freiheit,
Einkommensungleichheit
und physische Lebensqualität
Eine international vergleichende Studie
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2002
Diese Arbeit wurde als Dissertation von der Philosophischen Fakultät der
Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn im Jahre 2002 ange
nommen. Wenngleich ich für alle Fehler in dieser Arbeit allein verantwortlich
bin, so gebührt folgenden Personen besonderer Dank. Herrn Prof. Dr. Erich
Weede danke ich rur seine nimmermüde und engagierte Betreuung sowie
seine unverzichtbaren kritischen Anmerkungen. Allen (ehemaligen)
MitarbeiterInnen des Seminars für Soziologie der Universität Bonn, beson
ders Dr. Peter Graeff, Michael Hasse, Silvia Amold, Kathrin Schaarschmidt
und Christoph Acker danke ich für ihre wertvollen Anmerkungen und vor
allem rur ihre Freundschaft. Heidi Lichtenberg und Ralph danke ich für
Beistand in schwerer Zeit. Christina Schmitz danke ich dafür, dass sie ihr
Leben mit mir teilt. Meinen Eltern in tiefer Dankbarkeit und Liebe. Für
meinen Vater.
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier.
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
ISBN 978-3-8100-3686-5 ISBN 978-3-663-11857-2 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-11857-2
© 2002 Springer Fachmedien Wiesbaden
Ursprünglich erschienen bei Leske + Budrich, Opladen 2002
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung au
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zulässig und strafbar. Das gilt insbesondere rur Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ... ........ ...... ... ............ .... .... ........ ......... ..... .................. ..... 5
1. Einleitung .................................................................................. 9
2. Marktwirtschaft, Kapitalismus und Freiheit .......... ...... ......... 17
2.1 Einleitung .. .......... ... ............... .... .... ........... ....... .............. .... ......... 17
2.2 Die Freiheit des Tausches als Grundlage .. ........ ........ ......... ......... 20
2.3 Effiziente Arbeitsteilung bedarf der wirtschaftlichen
Freiheit .. ...... ......... ............. ....... .... ... ...... ... ................ ... ........... ..... 22
2.4 Das Menschenbild des rationalen
Eigennutzmaximierers ................... ... .............. ..... .............. ......... 23
2.5 Marktversagen und Politikversagen .... .... ............ .... ...... ... .......... 24
2.6 Der Egoist im Dienste der Gesellschaft:
Das Gleichnis der unsichtbaren Hand .. ..... ...... ..... .......... .... ......... 25
2.7 Keine Freiheit ohne Verantwortung ....... ... ............. ... ... ... ..... ... ... 25
2.8 Ungleichheit der Entlohnung als unverzichtbare
Steuerungsfunktion ................... ;................................................. 27
2.9 Die Verwendung des Wissens in einer freien Gesellschaft 31
2.10 Keine effiziente Marktwirtschaft ohne sichere
Eigentums-und Verfügungsrechte ............................................. 33
2.11 Begrenzung politischer Macht als Vorbeugung gegen
"Rent-Seeking" ........................................................................... 35
2.12 Zusammenfassung ...................................................................... 39
3. Die Methodologie der Messung wirtschaftlicher
Freiheit ... ... .................. ..... .......... ... .......... ...... ... ....... ... ...... ......... 41
3.1 Einleitung ................................................................................... 41
3.2 Der Index der wirtschaftlichen Freiheit
des Fraser Institutes ........ ........... ..... ........... .......... ... ........ ........ .... 41
3.2.1 Zusammensetzung des Fraser Index der
wirtschaftlichen Freiheit .. ..... ..... .... ................ ......... ........ ...... ...... 42
3.3 Alternative Messungen der wirtschaftlichen Freiheit ................. 46
3.3.1 Die Vorgänger des Index der wirtschaftlichen
Freiheit des Fraser Institutes . ....... ...................... ..... ........ ........ .... 46
3.3.2 Der Index der wirtschaftlichen Freiheit der
Heritage Stiftung ........................................................................ 49
5
3.3.3 Die Messung der wirtschaftlichen Freiheit des
Freedom House Institutes ......................................................... .. 52
3.3.4 Der Index der wirtschaftlichen Freiheit von
Scully and Slottje ....................................................................... . 56
3.4 Die Komponenten des Fraser Index im Jahre 2000 .................. .. 57
3.5 Hypothesen über den Zusammenhang zwischen
wirtschaftlicher Freiheit, Einkommensungleichheit und
physischer Lebensqualität ......................................................... .. 92
3.5.1 Hypothese I: Wirtschaftliche Freiheit und
Einkommensungleichheit .......................................................... . 92
3.5.2 Hypothese 11: Wirtschaftliche Freiheit und physische
Lebensqualität ............................................................................ . 96
4. Wirtschaftliches Wachstum und wirtschaftliche
Freiheit ..................................................................................... . 101
4.1 Forschungsüberblick .................................................................. . 101
4.2 Diskussion ................................................................................. . 116
5. Wirtschaftliche Freiheit, Einkommensungleichheit
und physische Lebensqualität ................................................ .. 119
5.1 Wirtschaftliche Freiheit und Einkommensungleichheit ............ .. 120
5.1.1 Forschungsüberblick .................................................................. . 120
5.1.2 Kontrollvariablen ....................................................................... . 132
5.1.2.1 Entwicklungsniveau und Einkommensverteilung ...................... . 132
5.1.2.2 Intersektoraler Wandel ............................................................. .. 136
5.1.2.3 Bildung und berufliche Fähigkeiten .......................................... . 137
5.1.2.4 Bevölkerungswachstum und Einkommensungleichheit ............ . 138
5.1.2.5 Militärischer Partizipationsgrad und
Einkommensungleichheit .......................................................... . 140
5.1.2.6 Demokratie und Einkommensungleichheit ................................ . 141
5.1.2.7 Macht und Privileg als Determinanten der
Einkommensverteilung: ............................................................. . 142
5.1.2.8 Einkommensungleichheit im globalen Wettbewerb:
Dependenztheoretische Ansätze ................................................ . 144
5.1.2.9 Zusammenfassung ..................................................................... . 146
5.1.3 Wirtschaftliche Freiheit und Einkommensungleichheit -
empirische Ergebnisse ............................................................... . 147
5.1.4 Zusammenfassung ..................................................................... . 173
5.2 Wirtschaftliche Freiheit und physische Lebensqualität ............ .. 174
5.2.1 Forschungsüberblick .................................................................. . 177
5.2.2 Kontrollvariablen ....................................................................... . 179
5.2.3 Wirtschaftliche Freiheit und physische Lebensqualität -
empirische Ergebnisse ............................................................... . 180
5.2.4 Zusammenfassung ..................................................................... . 209
6
6. Schlussbetrachtung ................................................................... 213
Anhang ...................................................................................... 223
Literaturliste ... ...... ............... .............. ... .......... ... ....... ..... ...... ..... 235
7
1. Einleitung
In der hier vorliegenden Arbeit wird in international vergleichenden multiva
riaten Regressionsanalysen der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher
Freiheit (erfasst durch den Index der wirtschaftlichen Freiheit des Fraser
Institutes) und Einkommensungleichheit (erfasst über den Ginikoeffizienten
und die Einkommensanteile der vier unteren Einkommensgruppen) sowie
physischer Lebensqualität (Lebenserwartung, Kindersterblichkeit und Alpha
betisierung) untersucht. Die Befunde dieser quantitativen Studie sind eindeu
tig: Erstens kann in fünf Querschnittsanalysen 1 kein robuster Zusammenhang
zwischen dem Niveau der wirtschaftlichen Freiheit, dessen Veränderung oder
den einzelnen Indikatoren und der Einkommensungleichheit festgestellt wer
den. Zweitens erweisen sich in sechs Querschnittsanalysen2 das Niveau und
die Mehrzahl der einzelnen Teilbereiche des Index der wirtschaftlichen Frei
heit als robuste Determinanten der physischen Lebensqualität: Je höher das
Niveau der wirtschaftlichen Freiheit, desto höher die durchschnittliche Le
benserwartung, desto geringer die Kindersterblichkeit und desto höher der
Anteil der Erwachsenen, die Lesen und Schreiben können. Ebenfalls kann ein
(wenn auch nicht für alle Untersuchungszeitpunkte signifikanter) Zusam
menhang zwischen der Veränderung hin zu mehr wirtschaftlicher Freiheit
und höherer physische Lebensqualität festgestellt werden. Zusätzliche Analy
sen zeigen, dass diese Ergebnisse nicht lediglich Einkommenseffekte reflek
tieren, dass sie robust im Hinblick auf Ausreißer und potentiell einflussreiche
Fälle sind, und dass gerade arme Länder mit einem hohen Niveau der wirt
schaftlichen Freiheit ein hohes Niveau der physischen Lebensqualität aufwei
sen.
Seit Adam Smith mit seinem 1776 erstmals erschienenen Werk "Der
Wohlstand der Nationen" die modeme Ökonomie begründete, steht im Mit
telpunkt der Wirtschafts- und bedeutender Teile der Sozialwissenschaften die
Frage, warum einige Nationen Wachstum und Wohlstand genießen und ande
re nicht, und warum in einigen Nationen die Einkommen relativ egalitär
verteilt sind, während in anderen Ländern die Einkommen verschiedener
Gruppen weit auseinander klaffen. Wie aktuell diese Fragen noch heute sind,
Berechnet werden Regressionsanalysen für die Zeitpunkte 1975, 1980, 1985, 1990 und
1995.
2 Die Berechnungen bezüglich des Zusammenhangs zwischen wirtschaftlicher Freiheit und
physischer Lebensqualität beziehen sich auf die Zeitpunkte 1975, 1980, 1985, 1990, 1995
und 1997.
9
ein Jahrzehnt nach dem Kollaps der Planwirtschaften in Osteuropa und dem
Zusammenbruch der UdSSR, nach dem postulierten »Sieg des Kapitalis
mus«, zeigen die Diskussionen über die Gründe der wirtschaftlichen Krise in
Asien 1998 und die fast schon erbitterten Auseinandersetzungen um Vorteile
und Risiken der Globalisierung und die teilweise gewalttätigen Proteste von
Globalisierungsgegnem (etwa in Genua im Jahre 2001) am Rande von Welt
wirtschaftsgipfeln.
Dabei sind die nationalen institutionellen Rahmenbedingungen, in denen
wirtschaftliches Handeln stattfindet, immer mehr in den Fokus des Interesses
gerückt. So bemerkt Mancur Olson (1996) in einem Essay über die Gründe,
warum einige Länder eine bessere wirtschaftliche Performanz erreichen als
andere Länder, dass politische Entscheidungen und institutionelle Arrange
ments eine wichtige Rolle spielen:
" ... the large differences [ ... ] across countries cannot be explained by differences in access
to the world's stock of productive knowledge or to its capital markets, by differences in the
ratio of population to land or natural resüurces, or by differences in the quality of market
able human capital or personal culture [ ... ]. The only remaining plausible reason is that the
great differences in the wealth of the nations are mainly due to differences in the quality of
their institutions and economic policies. [ ... ] The evidence from the national borders that
delineate different institutions and economic policies not only cüntradicts the view that
societies produce as much as their resource endowments permit, but also directly suggests
that a country's institutions and economic policies are decisive for its economic perform
ance" (Olson 1996: 19, vgl. zu dieser Einschätzung auch z.B. Beach and Davis 1999: 5 ff;
De Haan and Sturm 2000: 216).
Der Grad der wirtschaftlichen Freiheit in einem Land ist einer der bedeuten
sten Indikatoren für die Qualität der politischen Entscheidungen und der
institutionellen Rahmenbedingungen, in denen wirtschaftlichen Handeln von
Individuen stattfindet.
Die hier verwendete Definition wirtschaftlicher Freiheit stammt von
Gwartney, Lawson and Block (1996: 12), die als zentrale Elemente der wirt
schaftlichen Freiheit die individuelle Wahlmöglichkeit, den Schutz des Pri
vateigentums und die Freiheit des Tausches ansehen. Somit genießen Indivi
duen wirtschaftliche Freiheit, wenn a) deren Eigentum, welches ohne Ge
brauch von Zwang, Betrug oder Diebstahl erworben wurde, geschützt wird
und b) die Individuen frei sind, ihr Eigentum in ihrem Interesse und nach
ihrem Willen zu gebrauchen, zu tauschen oder abzugeben, solange sie damit
nicht die identischen Rechte Dritter verletzen.
Somit muss - wieder Gwartney, Lawson and Block (1996: 12) folgend -
eine Messung der wirtschaftlichen Freiheit erfassen, ob rechtmäßig erworbe
nes Eigentum geschützt wird und ob die Individuen die Freiheit freiwilliger
Transaktionen genießen. In einer Gesellschaft, deren institutioneller Rahmen
mit wirtschaftlicher Freiheit in oben definierten Sinne kompatibel ist, besteht
die fundamentale Funktion der Regierung in dem Schutz des privaten Eigen
tums und der Durchsetzung rechtskonformer Verträge. Versagt eine Regie-
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rung beim Schutz exklusiver Eigentumsrechte, enteignet sie Besitz ohne volle
Kompensation oder behindert sie mit Restriktionen und Regulierungen den
freiwilligen Tausch, dann wird die wirtschaftliche Freiheit der Individuen
verletzt.
In dieser Studie wird der multidimensionale Index der wirtschaftlichen
Freiheit des kanadischen Fraser Institutes, herausgegeben von Gwartney,
Lawson, and Samida (2000) verwendet. Dieser Index besteht aus 23 Kompo
nenten, die ihrerseits in sieben Bereiche zusammengefasst sind und über die
(mit jeweiligen Gewichtungen) ein Summenindex gebildet wird. Die sieben
Bereiche sind: I. Staatskonsum, Ausmaß der Transferleistungen und Subven
tionen; 11. Struktur der Wirtschaft und Bedeutung des Marktes; 111. Geldpoli
tik und Preisstabilität; IV. die Freiheit, alternative Währungen gebrauchen zu
dürfen; V. Sicherheit der Eigentumsrechte und Durchsetzbarkeit von Verträ
gen; VI. Internationaler Handel und die Freiheit mit Ausländern Handel zu
treiben; sowie VII. Freiheit der Kapital- und Finanzmärkte. Dieser Quelle
können Messungen des Summenindex sowie der einzelnen Bereiche für ins
gesamt sieben Zeitpunkte (1970, 1975, 1980, 1985, 1990, 1995 und 1997)
entnommen werden. Erfasst werden Ge nach Messzeitpunkt) zwischen 57
und 123 Länder.3 Somit können die Effekte des Niveaus des Gesamtindex
bzw. der einzelnen Komponenten zu einem bestimmten Zeitpunkt und die
Effekte der Veränderung der wirtschaftlichen Freiheit über hinreichend lange
Zeitspannen hinweg auf die Einkommensungleichheit und die physische
Lebensqualität analysiert werden.
Wieso sollte der Effekt wirtschaftlicher Freiheit (welche in der Hauptsa
che durch "harte" ökonometrische Kennzahlen, wie Inflationsraten und Höhe
von Steuern und Zöllen erfasst wird) auf die ökonomische Performanz eines
Landes das Thema einer soziologischen Arbeit sein, wieso sollte dies nicht
den Wirtschaftswissenschaften vorbehalten bleiben?
Der Wirtschaftshistoriker Douglass C. North (1988: 207) weist darauf
hin, dass Ökonomen ihre Disziplin zwar als Theorie von Wahlhandlungen
verstehen und dass diese Wahlhandlungen durch Wahlmöglichkeiten und
Präferenzen bestimmt werden, sie lassen dabei aber unerwähnt, dass der
institutionelle Rahmen die Wahlmöglichkeiten beschränkt. Die Institutionen,
so North (1988: 207) weiter, sind es, die den äußeren Rahmen bilden, in dem
Menschen tätig werden und aufeinander einwirken. Dieser Rahmen nun legt
die Beziehungen der Zusammenarbeit einerseits und des Wettbewerbs ande
rerseits fest, die eine Gesellschaft und insbesondere eine Wirtschaftsordnung
charakterisieren.
Der Grad der wirtschaftlichen Freiheit ist ein bedeutender Bestandteil
dieses institutionellen Rahmens. Er reflektiert, welche Wirtschaftsordnung
3 Die genauen Fallzahlen fUr den Summenindex betragen 123 fUr 1997, 122 fUr 1995, 115 fUr
1990,111 fUr 1985, 109 für 1980, 83 fUr 1975 und 57 fUr 1970.
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Description:Das Niveau der wirtschaftlichen Freiheit in einer Volkswirtschaft gilt als bedeutende institutionelle Determinante des Wirtschaftswachstums - wie aber wirkt sich die wirtschaftliche Freiheit auf Einkommensungleichheit und physische Lebensqualität aus? Bezüglich dieser Zusammenhänge liegen weder e