Table Of ContentAxel Schlote
Widerspriiche sozialer Zeit
Axel Schlote
Widerspriiche
sozialer Zeit
Zeitorganisation im Alltag
zwischen Herrschaft und Freiheit
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
1996
Für Carlos
ISBN 978-3-663-11846-6 ISBN 978-3-663-11845-9 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-11845-9
Zugleich Dissertation am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück
© 1996 Springer Fachmedien Wiesbaden
Ursprünglich erschienen bei Leske+Budrich, Opladen 1996
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Titelabbildung „Chronos beschneidet Amors Flügel", Stich 1567, aus: Erwin Panofsky,
Studien zur Ikonologie. Humanistische Themen in der Kunst der Renaissance, Köln 1980.
Inhalt
I. Einleitung .................................................................................................. 11
1. Begriindung und ErHiuterung des Themas .................................... 12
2. Leitende Fragestellung .................................................................. 13
3. Theoretischer Ansatz und methodische Durchfiihrung ................. 16
II. Grundannahmen ..................................................................................... 19
1. Zeit als soziale Kategorie .............................................................. 19
1.1 Verschiedene Zeitdimensionen ..................................................... 19
1.2 Entwicklung der Zeitmessung ....................................................... 22
1.3 Begriindung des Konzepts sozialer Zeit in der Sozioiogie ............ 26
1.4 Merkmale sozialer Zeit ................................................................. 31
2. Problemfokus Alltag und Lebensfiihrung ...................................... 33
2.1 Gesellschaftlich-historische und biographische Zeit.. ................... 33
2.2 Alltagszeit und Lebensfiihrung ...................................................... 35
3. Erwerbsarbeit als zentrales Strukturmerkmal von Alltagszeit.. ..... 38 y
3.1 Geschichte der Arbeitszeit ............................................................ 38 '
3.2 Die Debatte urn die Arbeitsgesellschaft ....................................... .45
3.3 ZentraliUit der Erwerbsarbeit. ................... ,.,.,., ............................. .48
4. Emanzipation als individuelle Chance und Anforderung ............. .49
III.Zeitstrukturen, Zeiterfahrung. Kritische Diskussion
theoretischer Konzepte .......................................................................... 53
1. Okonomie und Zeit ....................................................................... 53
1.1 Zeit in der okonomischen Theorie. Neoklassik,
mikrookonomische Theorie der Zeit als Gut
und Zeitbudget-Forschung ............................................................ 53
1.2 Die "Okonomie der Zeit". Zeit in der Marxschen
Kapitalismus-Analyse ................................................................... 61
2. Theorien sozialer Zeit ................................................................... 74
2.1 BewuJ3tsein von Zeit. Die theoretischen Modelle von
Bergson, Husserl und SchiitzJLuckmann ....................................... 77
2.2 Menschliche Handlung und Intersubjektivitat. Die
Philosophie der Gegenwart von Mead .......................................... 89
2.3 Komplexitat und Differenzierung: System-Zeiten. Zeit in
der Systemtheorie bei Luhmann u.a .............................................. 96
2.4 Zeit als gesellschaftspolitischer Ordnungsfaktor. Die Zeit-
Philosophie von Liibbe ................................................................ 110
2.5 Raum, Zeit und Routinen. Zeit in Giddens Theorie der
Strukturierung ............................................................................. 116
2.6 Zivilisation, das Symbol Zeit und ihre Zwange. Die
wissenssoziologische Zeit-Theorie von Elias .............................. 124
2.7 Individuen zwischen AnschluBzwang und Eigenzeit. Das
theoretische Zeit-Konzept von Nowotny ..................................... 132
2.8 Kapitalistische Produktion, enteignete Zeit. Kritische Zeit-
Modelle ....................................................................................... 13 7
3. Die soziale Zeit der Individuen -Thesen .................................... 150
3.1 "Okonomie der Zeit" als Idealtypus ............................................ 150
3.2 Widerspriiche der herrschenden Zeitordnung ............................. 155
3.3 Zeit-BewuBtsein und menschliche Fahigkeit zur
Selbstorganisation von Zeit ......................................................... 157
3.4 Qualitat der Quantitat -Zeit fUr Zeit ........................................... 159
3.5 Notwendige Differenzierungen von Routinen und
Flexibilitat ................................................................................... 160
3.6 Zeitorganisation im Alltag als Gegenstand einer kritischen
Zeitsoziologie .............................................................................. 162
IV.AIIUigliche Zeitorganisation. Interpretation empirischer
Befunde ................................................................................................. 165
1. Arbeit und alltagliche Zeitorganisation ....................................... 166
1.1 Starre Normalarbeitszeiten .......................................................... 168
1.2 Flexible Arbeitszeiten ................................................................. 171
1.2.1 Motive und Modelle der Arbeitszeitflexibilisierung ................... 172
1.2.2 Flexible Arbeitszeiten als heteronome Zeitvorgabe .................... 184
1.2.3 Variable Arbeitszeiten mit individuellen Optionen ..................... 196
1.3 Geschlechtsspezifische Zeitorganisation und Arbeit ................... 208
2. Arbeitslosigkeit und alltagliche Zeitorganisation ........................ 214
3. Zeitorganisation in der arbeitsfreien Zeit .................................... 220
V. Soziale Zeit und ihre Widerspriiche. Konzeption einer
kritischen Zeitsoziologie. ................................•........................•......•.•..• 229
1. Gegenemanzipation: Herrschaft durch Zeitvorgaben .................. 229
1.1 Strategien der Heteronomie und ZeitOkonomie ........................... 229
1.2 Widerspriiche der Heteronomie und Zeitt>konomie .................... 234
2. Emanzipation: Freiheit durch Zeitoptionen ................................. 240
2.1 Potentiale fUr Zeitautonomie ....................................................... 240
2.2 Widerspriiche der Zeitautonomie ................................................ 246
3. Wandel im Korsett: Zeitorganisation zwischen
Heteronomie, Autonomie und ihren Widerspriichen ................... 252
VI. Fazit .................................................................................................... 259
1. Resiimee ............................................................................................. 259
2. Ausblick ............................................................................................. 266
VII. Literatur ............................................................................................. 273
Vorwort
Ich danke Carlos for seine Geduld und Loyalittit. Er htitte einen
Ehrendoktor verdient.
Ich danke der Friedrich-Ebert-Stiftung fur mein Stipendium und die
Freiheit, nichts tun zu mussen, aber alles tun zu k6nnen.
Jch danke Arnold Schmieder und Bernd-Peter Lange, Thorsten
Lindemann und Karin Gysbers. Ihr wifJt, wofor.
Osnabruc~ Afai1996 Axel Schlote
1. Einleitung
Zeit war und ist ein faszinierendes Thema. Wells "Zeitmaschine", mit der die
Zukunft erforscht und erschrocken wieder verlassen wird, Endes "Momo", die
den Kampf gegen Zeitdiebe aufnimmt, die in eine gemutlich-ruhige Stadt
einbrechen, oder Nadolnys "Entdeckung der Langsamkeit" durch den Seefah
rer John Franklin bezeugen die Begeisterung fiir Zeit in der Literatur. Visio
nare Zeit-Reisen, der Widerstand von Menschen gegen den Zeitklau und das
Ringen mit dem Tempo der Zeit faszinieren. Es geht um Beherrschung von
Zeit und Beherrschung durch Zeit. Fast andachtig wie ein Traum wird dage
gen die Zeitlosigkeit von Avalon und dem Reich der Feen in einigen Pas sagen
von Zimmer Bradleys "Nebel von Avalon" stimmungsvoll mit Worten ge
zeichnetl. Auch in der popularen Musik blitzt das Zeitmotiv gelegentlich
durch, wenn, wie z.B. in Bots "Kosten der Lust" und Hermann van Veens
"Weg da", die Hetze im Alltag beschrieben wird.
Fur die Philo sophie Aristoteles war Zeit ein Kontinuum. In der Physik
ging Newton von einer objektiven, absoluten Zeit aus, die ohne Bezug auf
aufiere Gegenstande gleichfOrmig verflieBt (s. u.a. Hawking 1988, S. 33f.).
Zeit wurde entdeckt auf der Suche nach Unveranderlichem, Gleichbleiben
demo Flir die Physik raumte Einstein Anfang des 20. Jahrhunderts mit der
Vorstellung von einer absoluten Zeit auf. 1961 wurde experimentell be
stimmt, daB Uhren in unterschiedlicher Hohe von der Erdoberflache entfemt
und an verschiedenen Orten unterschiedliche Ganggeschwindigkeiten haben
(s. a.a.O., S. 50f., 181), wenngleich diese minimalen Differenzen in erster
Linie ihre Spannung flir die Naturwissenschaften haben.
Bei Rennfahrem und Funktionaren siegt die Faszination der Geschwin
digkeit (in Koalition mit dem Geschaft) sogar in Extremsituationen uber die
Pietat. Selbst die Tode zweier Fahrer kurz hintereinander schafften es 1994
nicht, ein Rennen abzubrechen. Beschleunigung greift in vie len gesellschaftli
chen Bereichen - und fiihrt zu skurril anmutenden Berechnungen. Die Be
schleunigung des globalen Bevolkerungswachstums wird demnach, wie kluge
Kopfe kalkuliert haben wollen, noch vor dem Jahr 2000 dazu fiihren, daB
dann aktuell mehr Menschen leben werden als jemals vorher insgesamt gelebt
haben und gestorben sind, seitdem es die menschliche Gattung gibt. Diese
"neue Mehrheit der Lebenden" (Guggenberger 1993, S. 311) laBt, so wird
befiirchtet, "die Toten verstummen" (a.a.O., S. 322). Okonomisch ist Zeit
heute ein strategischer Wettbewerbsfaktor. Stichworte sind time-to-market
Strategien, just-in-time-Zulieferbeziehungen, Verklirzung der Durchlaufzei-
Weitere belletristische Beispiele nennt GeiBler 1985, S. IOf. und an anderen Stellen seines
Buches.
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ten, VerHingerung der Betriebszeiten. Ziele sind, Zeit zu sparen, sie optimal
zu nutzen, richtiges Timing von Marktzugangen und der Produktionsorgani
sation, kurz: die Verbesserung von Wettbewerbschancen durch Kontrolle des
Faktors Zeit.
Es ist der eigene alltagliche Kampf mit den sichtbaren und unsichtbaren
Zeitdieben, der meine Fragen nach der Selbstkontrolle eigener Zeit personlich
motiviert und dringlich macht. Dabei unterscheidet sich Zeit von Geld durch
eine wesentliche Tatsache: Geld ist tibertragbar, Zeit nicht. Zeit ist an die
Person, ihren Korper fest gebunden (vgl. Nowotny 1993, S. 109). Daran an
dert auch die Fremdbestimmung von Zeit nichts - im Gegenteil. Sie wird
unmittelbar erlebt, erlitten. Die Faszination der "Entdeckung der Langsam
keit" wird konfrontiert mit dem Staunen, daB dieses "menschenwUrdige Prin
zip" (Nadolny 1992) durch die Wirklichkeit verhohnt wird.
1. Begriindung und ErHiuterung des Themas
Mit dieser Arbeit will ich beitragen zu der Suche nach einer theoretischen
Erklarung von Zeit als sozialer Kategorie. Nassehi sieht sich und die Sozio
logie - im Untertitel seiner VerOffentlichung aus dem Jahr 1993 - noch "Auf
dem Wege zu einer soziologischen Theorie der Zeit" (Nassehi 1993). Einige
der ersten Schritte auf dies em Weg machten Sorokin und Merton (Sorokin
1937). Gegenstand dieser Arbeit ist ein Teilgebiet des Zeit-Komplexes: die
Strukturierung von Zeit, das Zeiterleben und Zeitdisposition im Alltag. Ziel
meiner Untersuchung ist die theoretische Erklarung und kritische Interpretati
on der Zeitorganisation von Individuen im Alltag (in der Literatur auch als
"Zeitplane" bzw. "Timetables" und "Scheduling" bezeichnet, s. Bergmann
1983, S. 479).
Zu den strukturierenden Zeitvorgaben zahlen Vorgaben der Erwerbsar
beitszeiten und auBerbetriebliche Zeitgeber. Zeiterleben bezeichnet die sub
jektive Erfahrung von Zeit in verschiedenen Dimensionen wie Heteronomie
oder Tempo. Ais Zeitdisposition im Alltag begreife ich, im doppeJten Sinne,
die Einteilung und die Verfiigung tiber Zeit mit unterschiedlichen Vorgaben
und Optionen im taglichen Leben. Gegenstand ist hier die soziale Konstrukti
on von Zeit als Struktur- und Erfahrungselement von Individuen. Zeitstruktu
ren und -erleben betrachte ich interdependent. Den Schwerpunkt meiner
Untersuchung bildet die Alltags-Konstruktion von Zeit im Unterschied zu
biographischen und historischen Dimensionen. Dabei steht hier die Zeit der
Individuen im Mittelpunkt, nicht die von Gruppen, Organisationen oder der
Gesamtgesellschaft. Nach Pronovosts Zeitskala lieBe sich meine Perspektive
entsprechend als "micro-social time" (Pronovost 1989, S. 44) einordnen als
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