Table Of ContentJens Korfkamp, Ulrich Steuten
Was ist Heimat?
Klärung eines
umkämpften Begriffs
© Wochenschau Verlag, Frankfurt/M.
© Wochenschau Verlag, Frankfurt/M.
Jens Korfkamp, Ulrich Steuten
Was ist Heimat?
Klärung eines
umkämpften Begriffs
© Wochenschau Verlag, Frankfurt/M.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deut-
schen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Danksagung
Unser Dank für ihre wertvollen Hinweise und die intensiven Gespräche über
„Heimat“, vor allem aber auch für das akribische Lesen des Manuskripts, gilt
folgenden Personen: Heike Drewelow, Georg Hauck und Ellen Steuten. Ohne
ihre Unterstützung wäre das Buch niemals das geworden, was es ist.
© WOCHENSCHAU Verlag,
Dr. Kurt Debus GmbH
Frankfurt/M. 2022
www.wochenschau-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form
(Druck, Fotokopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Geneh-
migung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer
Systeme verarbeitet werden.
Titelgestaltung: Ohl Design
Gesamtherstellung: Wochenschau Verlag
Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier
ISBN 978-3-7344-1371-1 (Buch)
E-Book ISBN 978-3-7344-1372-8 (PDF)
DOI https://doi.org/10.46499/1913
© Wochenschau Verlag, Frankfurt/M.
Inhalt
Einleitung
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1. „Heimat“ – erste Annäherungen
. . . . . . . . . . . . . . . . 10
2. „Heimat“ ein Gang durch die Geschichte
. . . . . . . . . 15
„Heimat“ in vorindustrieller Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
Heimat als persönlicher Besitz und Recht . . . . . . . . . . 15
„Ich bin ein Gast auf Erden“:
christliche Vorstellungen von „Heimat“ . . . . . . . . . . . . 18
3. „Heimat“ – auf dem Weg in die Moderne
. . . . . . . . . 21
4. „Heimat“ im 19. Jahrhundert:
der Übergang vom Agrar- zum Industriestaat
. . . . . 25
Gesellschaft im Aufbruch: von der Zeit der politischen
Romantik bis zur deutschen Reichsgründung . . . . . . . 25
Heimatbegriff und konservative Zivilisationskritik . . . 32
Die Heimatbewegung im Deutschen Kaiserreich
1871 – 1918 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
5. Exkurs: Vaterland, Heimatliebe und Nationalstolz
42
6. „Heimat“ im Nationalsozialismus
. . . . . . . . . . . . . . . 55
Die politische und ideologische Funktionalisierung
von Heimat im Dritten Reich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
Der „große Abwehrkampf“: Heimat und Front . . . . . . 65
7. „Heimat“ nach Kriegsende: ein belasteter Begriff
. . 69
Flüchtlinge und Vertriebene: die verlorene Heimat . . . 71
© Wochenschau Verlag, Frankfurt/M.
6
8. „Heimat“ in der DDR
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
Das dualistische Heimat-Modell
der „sozialistischen Menschengemeinschaft“ . . . . . . . . 79
Desillusionierungen und die Hinwendung
zur „kleinen“ Heimat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
9. Auf der Suche nach dem Selbst:
die Renaissance des Heimatbewusstseins
in den 1970er und 1980er Jahren
. . . . . . . . . . . . . . . 87
10. Sehnsucht nach Übersichtlichkeit:
Heimat in den 1990er Jahren
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
11. Heimat(en) im 21. Jahrhundert
. . . . . . . . . . . . . . . . . 100
Heimat als (ökonomische) Erlebnisressource . . . . . . . . 103
Heimat in der Fremde – Fremde in der Heimat . . . . . 109
Heimat als politischer Kampfbegriff . . . . . . . . . . . . . . 121
12. Heimat – ein toxischer Begriff für den
„Giftschrank der Geschichte“?
. . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
Ein Plädoyer für den Giftschrank . . . . . . . . . . . . . . . . 135
Einspruch: für einen reflektierten Umgang
mit „Heimat“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
Anmerkungen
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
Literatur
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
© Wochenschau Verlag, Frankfurt/M.
7
Einleitung1
Der Heimatbegriff zeichnet sich nicht durch seine Präzision
aus. Auf Grund seines häufigen Gebrauchs in der Alltagsspra-
che sowie seiner Verwendung in zahlreichen wissenschaftlichen
Veröffentlichungen, die unter dem Oberbegriff „Heimat“ ver-
öffentlicht worden sind, wurde er im Laufe der Zeit immer
vielschichtiger und gewann so an Unschärfe und Mehrdeutig-
keit. Insbesondere die seit einigen Jahren erlebte Renaissance
in gesellschaftlichen Debatten, Wissenschaft, Medien, Lite-
ratur, Film, Kunst und bei der Vermarktung regionaler Pro-
dukte offenbart, wie relativ und komplex das Wort „Heimat“
im 21. Jahrhundert verwendet wird. Sie zeigt, dass der Begriff
nicht allgemeingültig zu definieren ist und öffentlich kontrovers
diskutiert wird, beispielsweise in der ZEIT-Serie „Heimat“ (vgl.
Costadura u. a. 2019: 12). Prominente Beispiele hierfür sind die
Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zum
2
Tag der deutschen Einheit 2017, der Gastbeitrag von Sigmar
Gabriel im Spiegel („Sehnsucht nach Heimat“; 51/2017) sowie
die Erweiterung der Zuständigkeiten des Bundesinnenministe-
riums nach der Bundestagswahl im Jahr 2017 um das Ressort
„Heimat“. Auch die Gesellschaftswissenschaften haben den
lange Zeit als rückwärtsgewandt und spießig eingestuften Be-
griff, der bislang kein herausgehobenes Thema war und selten
exklusive Aufmerksamkeit erfuhr, (wieder) entdeckt. Mittler-
weile ist rund um das Phänomen „Heimat“ ein interdiszipli-
näres Forschungsfeld entstanden, an dem sich diverse geistes-,
kultur- und sozialwissenschaftliche Disziplinen beteiligen.
In unserer Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff
werden die Geschichte, die Phänomenologie und die Wirk-
mächtigkeit der gesellschaftlichen Konstruktion von „Heimat“
sowie die Abhängigkeit des Heimatbegriffs von sozialen und
politischen Rahmenbedingungen und Konflikten verdeutlicht.
Um etwaige Missverständnisse so früh wie möglich zu vermei-
© Wochenschau Verlag, Frankfurt/M.
8
den, nehmen wir vorweg, was nicht Gegenstand unserer Aus-
führungen sein wird: Es geht nicht um die Frage, ob „Heimat“
eine ausschließlich deutsche Wortschöpfung ist, die andere
Sprachen nicht besitzen. Ebenso soll an dieser Stelle auf eine
Definition von „Heimat“ verzichtet werden. Ein großer Teil un-
serer Darlegungen hat die Problematisierung dieses Begriffes
zum Inhalt, alles Weitere darüber hinaus wäre nur ein unnötiger
Beitrag zum historischen „Definitionsfriedhof“ von „Heimat“.
Zentrale Leitfragen der Untersuchung sind: Woher kommt das
Wort? Was bedeutet „Heimat“? Was verbinden Menschen mit
dem Begriff Heimat? Ist es der Ort, an dem sie geboren sind,
ist es der Platz, an dem sie leben, an dem sie arbeiten? Oder ist
Heimat nur ein Gefühl, das auch als Ausgrenzung gegenüber
„den Anderen“ dient? Ist „Heimat“ doch mehr als eine subjek-
tive Konstruktion? Wie, von wem, mit welcher Absicht und in
welchen Kontexten wird das Wort verwendet? Welche Gründe
hat das (erneute) Ringen um „Heimat“ in Politik, Gesellschaft
und Wirtschaft? Ist „Heimat“ wegen seiner zum Teil problema-
tischen Geschichte ein belasteter Begriff, der unter Quarantäne
gestellt oder in gesellschaftliche Nischen verwiesen sollte?
Die Absicht unserer Ausführungen ist es, aufzuzeigen, dass
„Heimat“ – systematisch betrachtet – auf individuelle und/oder
kollektive Subjekte bezogen sein kann. Wir wollen des Weiteren
zeigen, dass „Heimat“ eine gesellschaftliche Kategorie darstellt,
für die nicht nur die Unmittelbarkeit persönlicher (Alltags-)
Erfahrungen uneingeschränkt konstitutiv ist. Deshalb werden
bei unserer Betrachtung der Wandlungen des Heimat begriffs
die vielfältigen und mitunter schillernden Facetten des Hei-
matbegriffs in verschiedenen historischen Kontexten nachge-
zeichnet. Im Mittelpunkt steht dabei die Geschichte von „Hei-
mat“ als etwas Kollektives, das sozial hergestellt und historisch
kontingent ist und weit über den individuellen Tellerrand und
das traute Heim hinausreicht. „Heimat“ ist eine Form einer
vorgestellten Gemeinschaft. Als solche kann sie von ihrer ter-
ritorialen Dimension her auch die überschaubaren kleineren
© Wochenschau Verlag, Frankfurt/M.
9
lokalen Einheiten (face-to-face-communities) überschreiten
und dient der Bestimmung des Eigenen, die zugleich ein Akt
des „Sich-Unterscheidens“ ist. Das Phänomen der vorgestell-
ten Gemeinschaft (imagined community) hat der amerikanische
Poli tik wissenschaftler Benedict Anderson einmal folgender-
maßen für das Konzept der Nation formuliert: „Sie ist eine vor-
gestellte politische Gemeinschaft – vorgestellt als begrenzt und
souverän. Vorgestellt ist sie deswegen, weil die Mitglieder selbst
der kleinsten Nation die meisten anderen niemals kennen, ih-
nen begegnen oder auch nur von ihnen hören werden, aber im
Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert“
(vgl. Anderson 1988: 15, Herv.i.O.). Die Anzahl der Mitglieder
ist unüberschaubar geworden, aber dennoch fühlt man sich in
ihr daheim, sieht sich als Teil von etwas Größerem.
Auch in Zukunft wird der politisch und gesellschaftlich
umkämpfte Heimatbegriff historischen Veränderungen unter-
worfen sein. Dementsprechend ist es für das Verständnis von
gesellschaftspolitischen Debatten, in denen der Heimatbegriff
eingesetzt wird, unerlässlich, aus historisch-analytischer Pers-
pektive über seinen Ursprung, seine Verwendungsgeschichte,
seine Bedeutungen und seine Instrumentalisierbarkeit in ver-
schiedenen Kontexten aufzuklären. Eine Grundlage für einen
reflektierten, kritischen Umgang mit „Heimat“ zu schaffen, ist
das wesentliche Anliegen, das uns geleitet hat, das vorliegende
Buch zu schreiben.
Moers, im Mai 2021 Jens Korfkamp & Ulrich Steuten
© Wochenschau Verlag, Frankfurt/M.
10
1. „Heimat“ – erste Annäherungen
Zu Beginn der Aufarbeitung der geschichtlichen Entwicklung
des Heimatbegriffs soll auf die Herkunft und die ursprüngliche
Bedeutung des Wortes eingegangen werden, um so die Grund-
lage für den sich wandelnden bzw. sich entwickelnden Bedeu-
tungsgehalt zu legen.
Die Herkunft des Wortes Heimat ist eindeutig zu bestim-
men, seine ursprüngliche Bedeutung dagegen bereitet schon
mehr Probleme. So informiert der Duden, dass das auf den deut-
schen Sprachraum beschränkte Wort Heimat eine Erweiterung
des Begriffs Heim ist, dessen Ursprung auf die indogermani-
sche Wurzel *kei -„liegen“ zurückgeht. Die Substantivbildung
bedeutete demnach ursprünglich „Ort, wo man sich niederläßt,
Lager“ (Duden Bd. 7 21989: 276). Bei Kluge im Etymologischen
Wörterbuch der deutschen Sprache heißt es zum Begriff „Heimat“,
„die Bedeutung ist ungefähr ‚Stammsitz‘“ (Kluge 221989: 301).
Auch das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm bleibt bei
der Bedeutungsbestimmung des Begriffs eher ungenau. Im-
merhin werden vier Bedeutungen ausgewiesen: „1) heimat, das
land oder auch nur der landstrich, in den man geboren ist oder
bleibenden aufenthalt hat: […] 2) heimat, der geburtsort oder
ständige wohnort: […] 3) selbst das elterliche haus und besitzt-
hum heiszt so, in Baiern. […] 4) heimat in freierer anwendung.
a) dem christen ist der himmel die heimat, im gegensatz zur
erde, auf der er als gast oder fremdling weilt: […] b) dichte-
risch: […] c) redensarten, in Baiern heiszt ein zweckloses, un-
gegründetes geschwätz ein schmaz, der keine heimat hat. […]“
(Grimm, J./Grimm, W. 1877: Sp. 864 ff.).
Die Gebrüder Grimm erweitern die bisher im Vordergrund
stehenden territorialen und gemeinschaftlichen Bedeutungs-
komponenten noch um Heimat (i. S. eines ständigen Wohn-
orts) als Gegenbegriff zu „Fremde“, um Heimat als „Besitz“ (das
elterliche Haus) und um Heimat im Sinne einer stark emotio-
© Wochenschau Verlag, Frankfurt/M.