Table Of ContentRheinisch-Westfălische Akademie der Wissenschaften
Natur-, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften Vortrăge . N 210
Rheinism-Westfălisme Akademie der Wissensmaften
Prăsidium
Prăsident: Professor Dr. Karl Ziegler
Vizeprăsident und Sekretar der Klasse fiir Geisteswissensmaften:
Professor Dr. Bernhard Kotting
Sekretar der Klasse fiir Natur-, Ingenieur-und Wirtsmaftswissensmaften:
Professor Dr. Maximilian Steiner
StelIvertretender Sekretar der Klasse fiir Geisteswissensmaften:
Professor D. Karl Heinrim Rengstorf
Stellvertretender Sekretar der Klasse fiir Natur-, Ingenieur-und Wirtsmaftswissensmaften:
Professor Dr. Martin Smmeisser
Gesmăftsfiihrendes Prăsidialmitglied: Professor Leo Brandt
Kuratorium
Vorsitzender: Ministerprăsident Heinz Kiihn
Stellvertretender Vorsitzender: Minister fUr Wissensmaft und Forsmung Johannes Rau
Mitglieder: Professor Leo Brandt, Professor Dr. Bernhard Kotting, Ministerprăsident a. D.
Dr. Franz Meyers, Ludwig Rosenherg, P.rofessor Dr. Maximilian Steiner, Professor Dr.
Karl Ziegler
LEON H. DUPRIEZ
Währungsprobleme der EWG
WILHELM KRELLE
Die Ausnutzung eines gesamtwirtschaftlichen
Prognosesystems für wirtschaftliche Entscheidungen
Westdeutscher Verlag· Opladen
192. Sitzung am 4. November 1970 in Diisseldorf
ISBN 978-3-322-99066-2 ISBN 978-3-322-99065-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-99065-5
© 1971 by Westdeutscner Verlag GmbH, Opladen
Gesamtherstellung: Westdeutscner Verlag GmhH
Inhalt
Leon H. Dupriez, Löwen
Währungsprobleme der EWG 7
Summary................................................ 18
Resume .................................................. 19
Diskussionsbeiträge
Dr.-lng. Hermann Oestrieh; Professor Dr. jur. Leon H. Dupriez;
Professor Dr.-lng. August Wilhelm Quick. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 21
Wilhelm Krelle, Bonn
Die Ausnutzung eines gesamtwirtschaftlichen Prognosesystems für
wirtschaftliche Entscheidungen ............................... 31
Diskussionsbei träge
Dipl.-lng. Raimund Gilhofer; Professor Dr. rer. pol. Wilhelm Krelle;
Professor Dr. phil. Walter Weizel; Professor Dr. rer. nato Friedrich
Hirzebrucb; Professor Dr. phil. Maximilian Stein er; Dr. rer. pol. Dr.-
lug. E. h. losef Hofmann. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 55
Währungsprobleme der EWG
Von Uon H. Dupriez, Löwen
Die Zollunion wurde durch die EWG früher als vorgesehen realisiert; die
Zölle im zwischenstaatlichen Verkehr sind aufgehoben, wenn auch noch
einige schwierige Probleme bestehen bleiben. Seit einigen Jahren werden
unsere Systeme der indirekten Steuern allmählich gleichgeschaltet, wenn es
auch noch nicht zu einem einheitlichen System gekommen ist. 1974 werden
wir dann alle die Mehrwertsteuer eingeführt haben. Für Währungsfragen
jedoch trägt die EWG bisher noch keine Verantwortung. Eine Wirtschafts
union ohne Währungsunion ist aber undenkbar. Darum hat auch Herr Rey
vor seinem Rücktritt die Meinung geäußert, daß 1980 die vollständige Wäh
rungsunion erreicht sein müsse. Eine allmähliche Anpassung müssen die
EWG-Länder also durchführen. Von allein wird sich aber aus der EWG
keine Währungsunion entwickeln, denn die Verantwortung der National
banken ist groß und.es wird nicht leicht sein, nationale Währungsverant
wortung an EWG-Behörden abzugeben. Das Problem ist also psychologisch,
rechtlich und technisch schwierig. Wir wollen es hier behandeln.
Währungsvereinheitlichung ist kein neues Problem: Das 19. Jahrhundert
hat die Währungen des 18. Jahrhunderts an die größeren Wirtschaftsräume
der Staaten anpassen und zur selben Zeit den rechtlichen Status verbessern
müssen. Aber das war viel einfacher als jetzt: Die Verträge wurden über
Münzunionen abgeschlossen; Recheneinheit und Regulierung von Gold- und
Silbermünzen allein wurden abgesprochen. Es gab keine einheitliche Wäh
rungsverantwortlichkeit für den Konjunkturzustand.
Das beste Beispiel solcher Münzunionen sind die süddeutsche und die nord
deutsche Münzunion 1837-1838. Sie waren die Nachfolger der Zollunionen,
wurden aber mehr als eine technische Notwendigkeit angesehen; denn Zah
lungen zwischen Staaten waren kompliziert, jedoch frei. Die Münzunion
spielt keine große Rolle im ökonomischen Denken von Friedrich List, jedoch
später im politischen Denken von Bismarck.
Erstaunlicherweise sagen die Verträge von Rom praktisch nichts über die
Währungsvereinheitlichung; Währungspolitik ist heute noch so sehr verbun
den mit dem Hoheitsrecht der Staaten, daß die Staaten hier ihre Verantwor
tung nicht gerne abgeben. Selbst für spätere Zeitabschnitte war im EWG-
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Vertrag kein übergang zu einer Währungsreform vorgesehen. Deshalb ist
ein neuer Vertrag über die Währungsunion notwendig geworden.
Die einzige Erwähnung ist die zwanglose Auflage, daß die Notenbank
präsidenten von Zeit zu Zeit über die Währungspolitik konferieren müssen;
weiter gehen die Verträge von Rom nicht. Die Notenbanken müssen nicht
einmal mit der Kommission zusammenarbeiten; die Xußerung von Herrn
Rey ist also eine Aufforderung, die Kompetenz der EWG rechtlich und prak
tisch auszuweiten, da eine Währungsunion in den Verträgen von Rom nicht
vorgesehen ist.
Die Probleme, die wir zusammen in den nächsten zehn Jahren lösen müs
sen, sind verschiedenster Art:
Wir müssen einerseits die völlige Integration bewerkstelligen, was nur
möglich ist, wenn die EWG in vielen anderen Hoheitsbereichen ebenfalls die
Hoheitsrechte erhält, dann lösen sich die schwierigen Probleme der Paritäten
und Wechselkurse zwischen unseren Währungen von selbst. Wir müssen ande
rerseits für die übergangsperiode Lösungen finden, die Währungen einander
anzupassen, ohne sie zunächst zu vereinheitlichen. Wie kann man sie jedoch
annähern, wenn es noch in jedem Staat eine selbständige Konjunktur- und
Budgetpolitik gibt? Wie können die Währungen dann gegenüber dem EWG
Ausland als eine Einheit auftreten? Die Ereignisse seit 1968 zeigen, daß es
hier augenblicklich große Schwierigkeiten gibt.
Zunächst wollen wir das Endziel formulieren. Wie soll die Währung von
1980 aussehen?
Zum ersten sollten wir eine für alle sechs Länder gültige Recheneinheit ein
führen; denn die Gleichschaltung unseres Preissystems wird verhindert, so
lange wir große und kleine Recheneinheiten haben, deren Wechselkurse für
die öffentlichkeit kompliziert sind. Der übergang ist unbedingt nötig, wird
aber psychologisch schwer sein, da es keinen einfachen Teiler für alle fünf
Währungen gibt. Wir müssen uns an ein ganz neues Preissystem gewöhnen.
Die rasche Einführung eines neuen Währungssystems wird zunächst viele
Unbequemlichkeiten bringen; trotzdem muß sie praktisch über Nacht ge
schehen, da ein allmählicher übergang zum neuen Währungssystem unmög
lich ist.
Für die neue Recheneinheit müssen wir einen Namen finden, und darüber
wird sicher noch viel verhandelt werden müssen. Es darf kein Europadol
lar sein, denn das europäische Geld muß von der Dollarzone schnell unab
hängig werden. Es hat auch keinen Sinn, wenn die Amerikaner einen schwan
kenden oder einen "creeping" Dollar haben wollen. Wir müssen auch die
Namen unberücksichtigt lassen, die auf ein Gewicht hinweisen wie das Pfund
oder die Lire; Namen wie "Krone" oder "Dukaten" sind nichtdemokra-
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tisch genug für unsere heutige Zeit. Ein Name wie "Bancor" ist ebenfalls
nicht sehr glücklich gewählt, da die Währung eigentlich keine Goldwährung
mehr ist. Es darf auch keine Verwechslung geben mit jetzt gebräuchlichen
Währungen wie dem Franc oder der Mark.
Herr Boyer de la Giroday hat den alten Namen "Ecu" vorgeschlagen.
Das klingt aber in den germanischen Sprachen nicht gut; für den Taler gilt
das gleiche in bezug auf die romanischen Sprachen. Ich frage mich also, ob
nicht das Wort "Florin"das beste wäre, "Blume". Es wurde früher in den
germanischen Ländern und in England gebraucht und klingt in den roma
nischen Sprachen ebenfalls gut.
Ist nur noch eine einzige Währung vorhanden, so gibt es innerhalb der
EWG natürlich keine Wechselkurse mehr, selbst wenn verschiedene Noten
banken bestehen bleiben, wie es in den USA der Fall ist. Der Geldverkehr
muß völlig frei sein, und man muß z. B. in Belgien mit einer deutschen Note
zahlen können. Nur müssen die Banken die Noten, die sie einnehmen, nicht
wieder herausgeben. Selbst wenn ein Land konjunkturell einmal schwächer
wird, braucht sich das nicht im Währungssystem auszudrücken.
Um zu einer solchen Vereinheitlichung zu kommen, muß es natürlich eine
mit Hoheitsrechten ausgestattete Währungsverwaltung geben, also eine Ver
waltung, die nur gegenüber der EWG verantwortlich ist und nicht mehr
gegenüber den einzelnen Staaten. Die gesamte Wirtschaftspolitik, beson
ders auf dem Konjunkturgebiet, wird also an die EWG-Behörden übergeben;
die Handlungsfreiheit der einzelnen Staaten wird demnach eingeengt.
Das theoretisch einfachste System wäre eine gemeinsame Zentralnoten
bank für das gesamte EWG-Gebiet. Aber das wäre für einen Großraum nicht
praktisch und auch für die einzelnen Länder unangenehm, selbst wenn die
Verantwortung für die allgemeine Wirtschaftspolitik einer EWG-Behörde
übertragen würde. Wird die Verantwortung für die allgemeine Wirtschafts
politik einer gemeinsamen EWG-Behörde übertragen, gibt es dennoch Wirt
schaftsprobleme der einzelnen Länder, die eine zentrale Behörde nicht opti
mal lösen kann. Eine einzige, supranationale Zentralbank würde hier große
Fehler machen.
Die richtige Lösung wäre ein Notenbanksystem wie z. B. das in den USA,
ein föderalistisches System mit einer einzigen politischen Verwaltung, die
allgemeine Richtlinien festsetzt - also ein Federal Reserve Board; das bedeu
tet: eigene Nationalbanken für jeden Staat, die den Kreditrahmen expandie
ren und die nationale Wirtschaft überwachen und die Banknoten gemäß all
gemeingültigen Rechtsgrundlagen ausgeben.
Ein föderalistisches System wird außerdem heutzutage von den Staaten
leichter akzeptiert werden als ein zentralistisches System. Die Nationalban-
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ken der Mitgliedstaaten werden dann allerdings ihre Verantwortung für die
normale Währungsverwaltung und zum größten Teil auch für die allgemeine
Konjunkturpolitik abgeben müssen. Treten jedoch außergewöhnliche poli
tische Ereignisse ein, können sie sich wieder herauslösen und ab sofort eine
eigene Politik verfolgen. De facto geben sie die routinemäßig auszuführende
Politik auf, behalten sich aber die Verfügungsmacht über ihre Währung vor
für den Fall, daß ihr Land in eine außenpolitische Krise geraten sollte.
Eine solche Situation sollte jedoch bald weniger wahrscheinlich werden.
Viel schwieriger ist es, die Bedingungen der Anpassung zwischen 1970 und
1980 theoretisch festzulegen. Möglich sind verschiedene politische Wege, die
man zur Erreichung dieses Zieles einschlagen kann. Dabei werden die Bedin
gungen für eine Währungsunion wesentlich mitgestaltet von den äußeren
Umständen, dem komplizierten rechtlichen Status, den eine Währungsunion
haben müßte, sowie nicht zuletzt von den persönlichen Meinungen der für
diese Union verantwortlichen Politiker usw.
Die ganze Problematik wird von folgenden Auffassungen von der all
gemeinen Politik der Mitgliedstaaten überlagert:
Es wird oft gesagt, daß die EWG erst die Struktur- und Konjunktur
anpassungen und -gleichschaltungen durchführen müsse, die nötig sind, um
aus der Union einen monolithischen Block zu machen; die Währungseinheit
wäre dann eine Krönung dieser Entwicklung. Sie sollte ein Mittel sein, um
die Einheit zu bewahren, würde jedoch nicht existieren können und aus
einanderbrechen, wenn sie an eine nicht voll ausgereifte Wirtschaftsunion
gebunden wäre. Die Währungsunion könne infolgedessen nur die Folge einer
politischen Union sein, die das Wirtschaftsleben bereits in allen Mitglied
staaten gleichgeschaltet habe.
Nach einer anderen Auffassung hängt die Konjunkturpolitik stark von
der Währungspolitik ab; es erscheint also unmöglich, die Konjunkturgleich
schaltung mit diplomatischen Mitteln allein zustande zu bringen. Die EWG
Währungsbehörde müßte also schnell geschaffen werden, um die Konjunktur
politik für alle Mitgliedstaaten gemeinsam durchzuführen. Die Währungs
politik wäre also ein Mittel der notwendigen Anpassung, nicht eine bloße
Konsequenz.
über die Entscheidung, die wir zu treffen haben, dürfen wir uns keine fal
schen Vorstellungen machen. Es wäre sinnlos, mit der gemeinsamen Wäh
rungspolitik zu warten, bis die Wirtschaftsunion vollkommen ausgebaut ist.
Aber es wäre auch vermessen, die Währungseinheit ohne allmähliche Kon
junkturgleichschaltung durchzuführen. Diese hängt jedoch überwiegend von
der Währungspolitik ab.
Eine Politik der allmählichen Anpassung muß also danach streben, die
Wăhrungsprobleme der EWG 11
Anpassung in den anderen Bereichen der Wirtschaftspolitik gleichermaBen
zu fordern. Sie darf aber nicht davon ausgehen, daB die Wăhrungspolitik
auf die Anpassungen in den anderen Bereichen der Wirtschaftspolitik zu
warten habe. Im Gegenteil: Die erstere ist wahrscheinlich besser geeignet, die
Anpassung der anderen Gebiete zu fordern als umgekehrt.
Wăhrungsanpassung ist sicher nicht moglich, wenn die Staaten weiter eine
divergierende Konjunktur- und Strukturpolitik durchfiihren und die Wirt
schaft national steuern wollen. Der Zustand der derzeitig noch divergie
renden Wăhrungspolitik der Mitgliedstaaten stellt fiir die Zukunft keine
unlosbaren Probleme; wichtig ist nur, daB es gelingt, sie in eine gemeinsame
Richtung zu lenken. Es ist auch nicht notwendig, daB fiir alle Mitgliedstaaten
eine identische Wăhrungs-und Wirtschaftspolitik zur Durchfiihrung kommt;
eine vollige Gleichschaltung ist gar nicht notig, die Verfahrensweisen konnen
je nach Land variieren; so miissen z. B. Steuern ăhnlich werden, aber doch
nicht ganz dieselben sein. Man kann sagen, daB das Gedankensystem das
selbe werden muB, jedoch nicht die einzelnen Durchfiihrungsverordnungen
der Mitgliedstaaten.
Wie sehen nun die Wege zu einer allmăhlichen Anpassung aus? Ich sehe
hier zwei Moglichkeiten der EinfluBnahme:
Einerseits gibt es heute fiir die Wăhrungsbehoroen technische Probleme,
deren Losung das erste ZieI einer Politik der Wăhrungsvereinheitlichung
sein muB. Diese Probleme gibt es zunăchst auf dem Gebiet der monetăren
Politik; sie stellen eine groBe Sorge fiir die einzelstaatlichen Wăhrungsver
waltungen und die Kapitalmărkte dar. Die breite Offentlichkeit weiB wenig
davon und wird nur betroffen, wenn die Politik scheitert. Das Problem der
Wechselkurse ist hier das wichtigste Beispiel.
Andererseits ist eine EinfluBnahme moglich, indem man die Wăhrungs
einheit so sichert und so einsichtig macht, daB sich die breite Offentlichkeit
der Vereinheitlichungspolitik bewuBt wird und die Wăhrungsreform unter
stiitzt. Inder Tat ist dieses BewuBtsein der Offentlichkeit sehr wichtig, um
die Technokraten zu zwingen, weiterzuarbeiten und schnell zu einer Losung
zu kommen. Die Meinung der Offentlichkeit hat eine groBe Rolle gespielt bei
der Bildung der Montanunion und des Gemeinsamen Marktes, und auch
friiher war dies der FalI, so bei der Errichtung des Zollvereins.
Ais Beispiele fiir MaBnahmen, die der Offentlichkeit zugute kommen,
seien angefiihrt das Verschwinden von Wechselmargen, die absolute Freiheit
des Zahlungsverkehrs und die Einfiihrung einer gemeinsamen Recheneinheit
als Vorbereitung einer gemeinsamen Wăhrung.
Jetzt mochte ich einige der genannten Probleme im einzelnen besprechen.
Die erste technische MaBnahme von seiten der Notenbanken wăre ein