Table Of ContentJürgen Habermas
Wahrheit und
Rechtfertigung
Philosophische Aufsätze
Suhrkamp
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Jürgen Habermas
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und Rechtfertigung
Philosophische
Aufsätze
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Suhrkamp
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Erste Auflage 1999
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1999
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Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Habermas, Jürgen:
Wahrheit und Rechtfertigung:
philosophische Aufsätze / Jürgen Habermas. -
t. Aufl. - Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1999
ISBN 3-518-58273-9 |
ISBN 3-518-58272-0
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Inhalt
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Einleitung: Realismus nach der sprachpragmatischen Wende 7 u
1 Von der Hermeneutik zur formalen Pragmatik
1. Elermeneutische und analytische Philosophie. Zwei kom
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plementäre Spielarten der linguistischen Wende 65
2. Rationalität der Verständigung. Sprechakttheoretische
Erläuterungen zum Begriff der kommunikativen
Rationalität 102
11 Intersubjektivität und Objektivität
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- f 3. Von Kant zu Hegel. Zu Robert Brandoms Sprachpragmatik
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4. Wege der Detranszendentalisierung. Von Kant zu Hegel
und zurück. .....1..8..6....................................................................
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in Wahrheit in Diskurs und Lebenswelt
5. Wahrheit und Rechtfertigung. Zu Richard Rortys
pragmatischer Wende 230
j 6. Richtigkeit versus Wahrheit. Zum Sinn der Sollgeltung PK
moralischer Urteile und Normen 271
iv Grenzen der Philosophie
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7. Noch einmal: Zum Verhältnis von Theorie und Praxis . . . 3i9
Namenregister • •• • 334
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I
II
Einleitung:
Realismus nach der sprachpragmatischen Wende
Der vorliegende Band vereinigt philosophische Arbeiten, die zwi
schen 1996 und 1998 entstanden sind und einen seit »Erkenntnis
und Interesse« liegen gebliebenen Faden wieder aufnehmen. Mit
Ausnahme des letzten Textes behandeln sie Fragen der theoreti
schen Philosophie, die ich seit damals vernachlässigt habe. Gewiß,
auch die Sprachpragmatik, die ich seit Beginn der 70er Jahre entwik-
kelt habe,1 kommt nicht ohne die Grundbegriffe von Wahrheit und
Objektivität, Wirklichkeit und Referenz, Geltung und Rationalität
aus. Diese Theorie stützt sich auf ein normativ gehaltvolles Konzept
von Verständigung, operiert mit diskursiv einlösbaren Geltungsan
sprüchen und formalpragmatischen Weltunterstellungen und be
zieht das Verständnis von Sprechakten auf die Bedingungen ihrer
rationalen Akzeptabilität. Aber mit diesen Themen habe ich mich
nicht aus der Sicht der theoretischen Philosophie beschäftigt. Dabei
hat mich nämlich weder das Interesse der Metaphysik am Sein des
Seienden noch das Interesse der Epistemologie an der Erkenntnis
von Gegenständen oder Tatsachen, nicht einmal das Interesse der
Semantik an der Form von Aussagesätzen geleitet. Nicht im Zusam
menhang mit diesen traditionellen Fragen hat die linguistische
Wende für mich Bedeutung gewonnnen. Die Sprachpragmatik hat
der Durchführung einer Theorie des kommunikativen Handelns
und der Rationalität gedient. Sie war die Grundlage einer kritischen
Gesellschaftstheorie und hat der diskurstheoretischen Auffassung
von Moral, Recht und Demokratie den Weg gebahnt.
So erklärt sich eine gewisse theoriestrategische Einseitigkeit, die die
folgenden Aufsätze korrigieren sollen. Diese kreisen um zwei
Grundfragen der theoretischen Philosophie. Zum einen geht es um
die ontologische Frage des Naturalismus - wie die aus der Teilneh-
1 J. Habermas, Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen
Handelns, Frankfun a.M. 1984; ders., Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt
a.M. 1988, Teil 11,63-149; vgl. auch]. Habermas, On the Pragmatics of Communi-
cation, Cambridge, Mass. 1998 und M. Cooke, Language and Rcason, Cambridge,
Mass. 1994.
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merperspektive unhintergehbare Normativität einer sprachlich
strukturierten Lebenswelt, in der wir uns als sprach- und hand
lungsfähige Subjekte »immer schon« vorfinden, mit der Kontingenz
einer naturgeschichtlichcn Entwicklung soziokultureller Lebens
formen in Einklang gebracht werden kann. Zum anderen geht es um
die erkenntnistheoretische Frage des Realismus - wie die Annahme
einer von unseren Beschreibungen unabhängigen, für alle Beobach
ter identischen Welt mit der sprachphilosophischen Einsicht zu ver
einbaren ist, daß uns ein direkter, sprachlich unvermittelter Zugriff
auf die »nackte« Realität versagt ist. Diese Themen behandele ich
freilich aus der bisher entwickelten formalpragmatischen Perspek
tive.
I Kommunikation oder Darstellung ?
Nachdem Frege den mentalistischen Königsweg der Analyse von
Empfindungen, Vorstellungen und Urteilen durch eine semantische
Analyse sprachlicher Ausdrücke ersetzt und Wittgenstein die lin
guistische Wende zu einem Paradigmenwechsel radikalisiert hatte,2
hätten die erkenntnistheoretischen Fragen von Hume und Kant ei
nen neuen, einen pragmatischen Sinn annehmen können. Freilich
hätten sie dann im Kontext lebensweltlicher Praktiken ihren Vorrang
vor Fragen der Kommunikations- und Handlungstheorie eingebüßt.
Auch die linguistische Philosophie ist aber an die herkömmliche Rei
henfolge der Erklärung fixiert geblieben. Nach wie vor genießt die
Theorie Vorrang vor der Praxis und die Darstellung Vorrang vor der
Kommunikation; und die semantische Analyse des Handelns ist von
der vorgängigen Analyse des Erkennens abhängig.
Noch in den Spuren des Platonismus befangen, hatte die Bewußt
seinsphilosophie das Innere gegenüber dem Äußeren, das Private
gegenüber dem Öffentlichen, die Unmittelbarkeit des subjektiven
Erlebens gegenüber der diskursiven Vermittlung privilegiert. Die
Theorie der Erkenntnis hatte den Platz einer Ersten Philosophie
eingenommen, während Kommunikation und Handeln in die
2 M. Dummett, Ursprünge der analytischen Philosophie, Frankfurt a.M. 1988.
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Sphäre der Erscheinungen fielen, also einen abgeleiteten Status be
hielten. Nach dem Übergang von der Bewußtseins- zur Sprachphi
losophie lag es nahe, diese Hierarchie der Erklärungsschritte nicht
umzukehren, aber einzuebnen. Denn die Sprache dient ebenso der
Kommunikation wie der Darstellung, und die sprachliche Äuße
rung ist selbst eine Gestalt des Handelns, die der Herstellung inter
personaler Beziehungen dient.
So hat schon Charles Sanders Peirce eine semantizistische Engfiih-
rung vermieden und die zweistellige Relation zwischen Satz und
Tatsache, die die Relation zwischen Vorstellung und Gegenstand er
setzt, zu einer dreistelligen Relation erweitert. Das Zeichen, das sich
auf ein Objekt bezieht und einen Sachverhalt ausdrückt, bedarf der
Interpretation durch Sprecher und Hörer.3 Später hat die an Austin
anknüpfende Theorie der Sprechhandlungen gezeigt, wie sich in der
Normalform des Sprechaktes (>Mp<) der Welt- und Sachbezug des
propositionalen Bestandteils mit dem intersubjektiven Bezug des il-
lokutionären Bestandteils verschränkt. Indem die Sprechhandlung
eine intersubjektive Beziehung zwischen Sprecher und Hörer her
stellt, steht sie zugleich in einem objektiven Bezug zur Welt. Wenn
wir »Verständigung« als das der Sprache innewohnende Telos auf
fassen, drängt sich die Gleichursprünglichkeit von Darstellung,
Kommunikation und Handeln auf. Einer verständigt sich mit einem
anderen über etwas in der Welt. Als Darstellung und als kommuni
kativer Akt weist die sprachliche Äußerung in beide Richtungen zu
gleich: zur Welt und zum Adressaten.
Gleichwohl hat der analytische >mainstream< auch nach der linguisti
schen Wende am Primat des Aussagesatzes und seiner Darstellungs
funktion festgehalten. Die von Frege begründete Tradition der
Wahrheitssemantik, der logische Empirismus von Russell und des
Wiener Kreises, die Bedeutungstheorien von Quine bis Davidson
und von Sellars bis Brandom gehen allesamt davon aus, daß die Ana
lyse der Sprache den Aussagesatz bzw. die Behauptung als den para
digmatischen Fall behandeln muß. Wenn man von der wichtigen
Ausnahme des späten Wittgenstein und seiner unorthodoxen Schü-
3 K.-O. Apel, Die Logosauszeichnung der menschlichen Sprache, in: H.G. Boss-
hardt (Hg.), Perspektiven auf Sprache, Berlin, N. Y. 1986, 45-87.
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ler (wie Georg Henrik von Wright4) absieht, ist die analytische Philo
sophie eine Fortsetzung der Erkenntnistheorie mit anderen Mitteln
geblieben. Fragen der Kommunikations- und Handlungs-, der Mo
ral- und Rechtstheorie galten nach wie vor als Fragen zweiter Ord
nung.
Michael Dummett stellt demgegenüber explizit die Frage nach dem
Verhältnis von Darstellung und Kommunikation: »Language, it is
natural to say, has two principle functions: that of an Instrument of
communication, and that of a vehicle of thought. We are therefore
impelled to ask which of the two is primary. Is it because language
is an Instrument of communication that it can also serve as a vehicle
of thought? Or is it, conversely, because it is a vehicle of thought,
and can therefore express thoughts, that it can be used by one per-
son to communicate his thoughts to others ?«5 Für Dummett ist das
eine falsch gestellte Alternative. Einerseits darf gewiß der Zweck
der Kommunikation gegenüber der Darstellungsfunktion nicht ver
selbständigt werden, weil sonst ein intentionalistisches Zerrbild von
Kommunikation entsteht (a). Aber ebensowenig läßt sich die Dar
stellungsfunktion unabhängig vom Zweck der Kommunikation be
greifen, denn sonst geraten die epistemischen Bedingungen für das
Verständnis von Sätzen aus dem Blick (b).
(a) Ein Sprecher verbindet mit der Behauptung >Kp< nicht nur (im
Sinne von Grice und Searle) die Absicht, den Adressaten erkennen
zu lassen, daß er >p< für wahr hält und daß er ihn dies wissen lassen
möchte. Statt des eigenen Gedankens >p< möchte er ihm vielmehr die
Tatsache, >daß p<, mitteilen. Der Sprecher verfolgt das illokutionäre
Ziel, daß der Hörer nicht nur seine Meinung zur Kenntnis nehmen,
sondern zur selben Aufassung gelangen, also seine Meinung teilen
soll. Das ist aber nur auf der Grundlage der intersubjektiven Aner
kennung des für >p< erhobenen Wahrheitsanspruchs möglich. Der
Sprecher kann sein illokutionäres Ziel nur in eins mit der Erfüllung
der kognitiven Funktion der Sprechhandlung erreichen, nämlich
damit, daß der Adressat seine Behauptung als gültig akzeptiert. In-
4 G.H.v. Wright, TheTrce of Knowledgc, Leiden 1993.
5 M. Dummen, Language and Communication, in: ders., The Seas of Language,
Oxford 1993, 166-187, hier p. 166.
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