Table Of ContentSCHADEWALDT / VON HOMERS \VELT UND WERK
WOLFGANGSCHADEWALDT
VON HOMERS WELT UND WERK
.AUFS •. fTZE UND .AUSLEGUNGEN ZUR
HOMERISCHEN FR.AGE
Mit 28 Abbildun,en
auf 12 Kunetdrucktafeln
im Anhan1
Vierte verhea■erte Auflage
K. F. KOEHLER VERLAG STUTTGART
+.
verbeNerte Auflage
K. F. Koehler V erlac, Stutqart 1965
Au.11tattunc von Alfred Finsterer. Stuttgart
Fotomechanacher N acbdruck: Greherdruck Ra,tatt
ZUR HOMERISCHEN FRAGE
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TUJV aUTWV,
- 'Du sagst ja immerfort dasselbe!'
- 'Mehr noch! E, geht auch immer um
dasselbe. 1
Platon, Gorfias
VORWORT
Die in diesem Buch vereinigten Aufsätze sind Stredten eines
Wegs, auf dem id:a selbst zur Kenntnis Homers zu gelangen
suchte.
Der Did:iter, nach verbreiteten Meinungen ein ungreifbarer
Sdiatten, wollte wieder als Mensch von Fleisch und Blut an
seinem Ort in der Geschid:ate angesiedelt sein.
Sein Gedid:at, von einer unendlich bemühten überhundert
jährigen Forschung zerschnitten und zerstückelt, verlangte
aus den besonderen Bedingungen des alten Sängerhandwerb
in seiner Ganzheit wiederhergestellt und sodann als das eigen
ständige Gewächs seines Jahrhunderts begriffen zu werden.
Denn dieses Gedicht ist Dichtung in dem hohen Sinn, daß.
eine ungeheure Wirklichkeit hier versammelt ins Wort ge-
treten ist. In seiner entschiedenen Einmaligkeit liegt das Ge
heimnis seiner immer neuen Dauer. Europa hat in ihm sein
erstes Wort gesprodien.
Wie manche Anzeichen mir nahelegten, haben den Weg, den
idt zu gehen suchte, auch andere gangbar gefunden. Ihn
ohne besondere Schwierigkeiten neu zu gehen und wohl auch
ein Stück weiter fortzusetzen, soll dem Leser nun dieses Buch
ermöglichen. In einer Zeit, in der so viele noch ungesungene
Heldenlieder sich ereignen, will es das Seine dazu hm, um
unsere Welt wieder in den Besitz eines über die Maßen kost
baren Geistesguts zu setzen, das wir ja alle haben, nur daß
wir nicht genug wissen, was wir daran haben.
Jahr
Die Aufsätze sind seit dem 1934 bei ventreuten Ge
legenheiten entstanden. Keiner erscheint hier ganz so, wie er
bisher vorJag. In den ältesten hat die Bearbeitung tief ein-
gegriffen. Drei noch ungedrudcte Stüdce sind hinzugekom
men. Sie werden, hoffe ich, dazu beitragen, daß diese Samm
lung bei aller Lockerheit doch Zusammenhang und inne
ren Fortsdiritt hat. Die Nachweise und Anmerkungen, teils
reicher, teils sparsamer am Ende des Buches beigegeben,
wollen dem Mitforscher, zugleich aber auch jedem andern
dienen, der einmal einen Blidc in die philologische Hand
werksstube tun will.
Schließlich habe ich zu bekennen, daß ich ohne die wieder
holte Anregung des Verlags wohl kaum auf den Gedanken
dieses Bums gekommen wäre. Ihm gehört mein besonderer
Dank.
w.s.
Berlin, im November 1943
Die vierte verbesserte Auflage des Buches folgt in ihrem Be
stand der dritten von 1959, die den früheren gegenüber be
reits durch die Nadterzählung der Heimkehr des Odysseus
als Ergebnis meiner Odyssee-Analyse sowie den Nachtrag über
den lsdiia-Becher erweitert war. Der Text wurde neu durch
gesehen und an nicht wenigen Stellen sachlich verbessert und
spradilich geglättet. Im Anmerkungsteil wurden die Zitate auf
inzwisdien erschienene neuere Ausgaben der angeführten
Werke umgestellt. Widttigste neuere Literatur wurde hier wie
audt in den ,Ergänzen6en Literatur-Nachweisen' nachgetra-
gen. W. S.
Tübingen, im August 1965
HOMER
UND DIE HOMERISCHE FRAGE
Als zu Ostern des Jahres1 795 Friedrich August Wolf, da
mals Professor in Halle, die 'Prolegomena' zu seiner geplan
ten Homer-Ausgabe erscheinen ließ, in denen er mit reichem
gelehrten Material den Nachweis führte, daß Homer noch
nicht den Gebrauch der Schreibkunst gekannt habe, daß die
homerischen Epen im Gedächtnis konzipiert und von Mund
zu Munde weitergegeben erst Jahrhunderte später ihre feste
Form erhalten bitten und daß mithin die Einheit und Un
teilbarkeit Homers fraglich sei - da rief diese unansehnliche,
lateinisdt gesmriebene Vorrede einen wahren Aufruhr der
Herzen und der Geister hervor. WoHs Freund Böttiger wollte
damals, wie e._,a us Weimar an Wolf schrieb, 'die Sturmglocke
anziehen' und einen 'Feuerlärm' erheben: 'Die unite et indi
visibiUte des Homers ist in Cefahrl Es brennt an allen vier
Endenl Wer Lust und Herz hat zu löschen, der hole seinen
Feuereimer!'' - Das von Wolf entfachte Großfeuer griff
schnell auf die ganze deutscne gebildete Welt über und ließ
seinen Funkenregeo auch nam Ita1ien, England, Frankreich
sprühen. Die da löschen wollten, liefen herbei; doch da an
dere wieder um so biftiger in die Flammen bliesen, ist der
Kampf der Elemente weitergegangen. Und eingeschränJct
auf die engeren Bezirke der Wissensdiaft, aber von Zeit zu
Zeit immer wieder bereit auszubrechen, frißt der Brand fort
bis auf den heutigen Tag.
Wir kennen diese nun anderthalb Jahrhunderte währende
wisseosdiaftliche Bewegung unter dem Namen der 'Homeri•
sdien Frage', der Frage nac:h dem Dichter des homerischen
Epos und der Art seiner Entstehung. Von ihrer Geschichte
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soll auf diesen Blättern die Rede sein. Nicht daß es meine
Absicht wäre, meine Leser durch all die labyrinthisch ver
schlungenen Kurvengänge zu ziehen, die die Wissensdi.aft
seitdem gegangen ist. Audi nicht nur, weil die Homerisdie
Frage heute eine eigene gesdtidttliche Würde besitzt und
al~ ein Ruhmesblatt deutscher Ceisteswissenschaf t lebendig
von der Kraft und Tiefe des wissenschaftlichen Strebens je
nes Jahrhunderts zeugt. Ich leite das Recht, vor einem wei
teren Kreise die Geschichte eines einzelnen Problems der For
sdiung darzustellen, vielmehr aus folgenden zwei Erwägun
gen her. Einmal gibt es wohl nur wenig andere Probleme im
Bereich der Geisteswissenschaften, die den inneren Zusam
menhang dieser Wissenschaften, ihre wechselseitige Befruch
tung, das Ineinandergreifen von Ideen, Methoden, Entdek
kungen so klar zu zeigen vermögen - jene große innere Ar
beitsgemeinschaft, in der auch weit voneinander Abliegendes
plötzlidt zusammenrüdct und das scheinbar Unwichtige, Ver
einzelte in ungeahnter Weise Bedeutung und Zusammenhang
gewinnt. Sodann und hauptsächlich kommt es mir auf das in
nere Leben an, das, nicht für jedes Auge sofort erreichbar,
hinter gelehrten Beweisführungen und schwierigen Hypo
thesen wie der geheime Saftgang im Geäder der fßanze
wirkt und treibt. Die Homerische ~rage, die so viel Gelehr
samkeit an sich gezogen, so viel Hypothesen erzeugt und ver
worfen hat, ~ im Grunde um ein ganz einfaches Problem:
um das Wesen des dichterischen Schöpfers und des dichteri
schen Werks. Idi muß weiter ausholen, um das zu erläutern.
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Wie alles Bedeutende in unserer voraussetzungsreichen Welt
ist auch die Lehre Wolfs im Jahre 1795 nicht wie ein Me
teor vom Himmel gefallen. Die Wurzeln dieser Lehre liegen
in der Antike selbst. Hier war in Alexandrien im dritten
und zweiten Jahrhundert vor Christus eben an dem Studium
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