Table Of ContentThomas Bienengraber
Yom Egozentrismus zum Universalismus
SO Z IALWI SS E N SC H AFT
Thomas Bienengrăber
Vom Egozentrismus
zum Universalismus
Entwicklungsbedingungen
moralischer Urteilskompetenz
Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Klaus 8eck
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
Oie Oeutsche Bibliothek - CIP·Emheiluulnahme
6ienengriber, Thomu:
Vom Egozenlrismus zum Universa!ismus : Entwicklungs
bedingungen moraliseher Urteilskompetenz I Thomas
Bienengriiber. Mit einem Geleitw. von Klaus Beek.
- 1. Aull.. - Wiesbaden: Dt. Univ.-Verl., 2002
(OUV: Sozialwissensehaftl
Zugl.: Mainz, Univ., Oi5S., 2001
ISBN 978-3-8244-4484-7 ISBN 978-3-322-97676-5 (eBook)
DOI 10..10071978-3-322-97676-5
1. AuHage Apri! 2002
Alle Reeht~ vorbehalten
~ Springer Fachmedien Wiesbaden, 2002
Ursprlinglich erschienen bei Deuischer Universitats-Verlag GmbH, Wiesbaden, 2002
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Geleitwort
Es ist nicht abwegig, das Verhaltnis von philosophischer Ethik und empirischer Sozialwis
senschaft mit jener Unvertraglichkeitsvorstellung zu vergleichen, die das Mittelalter mit den
"Elementen" Feuer und Wasser verband: Wo die Flamme scharfsinniger Ausleuchtung des
metaphysischen Sollensraumes emporlodert, war kein Platz ftir erdverbundene Strome der
Erkundung des moralischen Seins. Wer die alten und neuen "Klassiker" der Ethik studiert.
wird sich daher nach wie vor nicht selten die Augen rei ben, wenn es gilt, den yom Lichte ei
nes scharfsinnigen Gedankenfeuerwerks geblendeten Blick auf die Dtisternis der Realitat
menschlichen Handelns zu wenden. So verwundert es auch nicht, wenn selbst die ganz Gro
Ben unter den Ethikern mit diesem Perspektivenwechsel - soweit sie ihn tiberhaupt unternah
men - offenbar ihre Probleme hatten. Kants eigene Beispiele zur praktischen Anwendung
seines Kategorischen Imperativs jedenfalls scheinen durchweg fehlerhaft zu sein.
Es war Lawrence Kohlberg, der - freilich auf einer komfortablen Grundlage, die Piaget ge
legt hatte - mit seinem Stufenkonzept der personalen moralischen Entwicklung eine systema
tische Verbindung zwischen reflektierender Moralphilosophie und empirischer Moralpsycho
Iogie herstellte. Damit brachte er die zuvor voneinander geschiedenen "Elemente" zusammen
und zeigte, daIl be ide eine produktive, allerdings immer auch heikle Verbindung miteinander
einzugehen vermogen - urn im Bilde zu bleiben: daIl einerseits das philosophische Feuer nicht
durch Ktibel empirischer Informationen zu loschen ist und andererseits der DatenfluB nicht in
der Glut des ethischen Funkens verdampfen muB. Die Konfrontation der beiden Welten ent
wickelte sich vielmehr zu einem durchaus fruchtbaren Dialog tiber die Moglichkeitsbedin
gungen der Erftillung ethischer Standards durch reale Menschen aus Fleisch und Blut, die
offenbar mit den reinen Vernunftwesen ethischer Modelle nicht allzuviel gemein haben.
Es entspricht durchaus einer sinnvollen Strategie, wenn in diesem Dialog zunachst nur eine
Existenz- und nicht zugleich auch eine Kausalhypothese auf den Prtifstand gelegt wurde. Im
merhin war die Frage, ob man Moralitat in einem philosophischen Sinne empirisch dingfest
zu machen und etwas tiber ihre empirische Verteilung zu sagen imstande ware, bislang noch
nicht beantwortet gewesen. Nachdem jedoch das Wissen darilber Kontur gewonnen hatte, lieB
sich das Problem nicht langer umgehen, daIl die soziale Beeinflussung der Ontogenese indivi
dueller Moralitat noch ganzlich unverstanden war.
Wolfgang Lempert hat zu deren Konzeptualisierung einen systematisch angelegten und
verhaltnismiiIlig differenzierten Ansatz entwickelt, der mit dem Piaget-Kohlbergschen Theo
riegebaude kompatibel ist. rhn mit breiter empirischer Evidenz auszufilllen ist beim gegen
wartigen Stand der Dinge gewissermaIlen der nachste Schritt in der Erforschung der morali
schen Dimension men schlicher Existenz.
Der vorliegende Band geht auf diesem Wege ein gutes StUck voran. Er begibt sich in einen
Bereich hinein, der von der empirischen Moralforschung weltweit immer noch eher gemieden
VI Geleitwort
wird, der zugleich jedoch von erheblicher gesellschaftlicher Relevanz und moralpraktischer
Brisanz ist, namlich die Welt beruflichen Handelns. Urn hier Licht ins Dunkel zu bringen,
bereinigt und scharft er das vorliegende Theoriematerial, rekonstruiert es mit Blick auf die
Domane Wirtschaft und spitzt es dort in einer Weise zu, die es erlaubt, riskante Hypothesen
einer empirischen Priifung zu unterziehen. Mit dieser Vorgehensweise liefert uns der Autor
nicht nur ein Lehrstiick, urn nicht zu sagen: einen Prototypen flir die Vorgehensweise, mit der
das weite Feld der "sozialen Erzeugung" moralischer Reflexionsstandards im allgemeinen,
das der Berufsmoral im besonderen zu erschlieBen ist. Er berichtet auch iiber Forschungsre
sultate im Bereich der beruflichen Erstsozialisation, die selbst flir "Eingeweihte" iiberra
schend und fUr die betriebliche Praxis, insbesondere flir die Gestalter von Untemehmenskul
turen, von erheblichem Interesse sein diirften.
Klaus Beck
Vorwort
Die vorliegende Arbeit befaBt sich mit einem Sachverhalt, der sich trotz Dekaden von For
schung noch immer als recht mysterios darstellt, niimlich mit der Frage, wodurch wir zu dem
werden, was wir sind - hier im Hinblick auf unser ethisches Denken. Bezogen auf die Fiihig
keit, Gegebenheiten aus dem taglichen Leben daraufhin zu beurteilen, ob sie denn geboten,
verboten, legitim oder illegitim sind, ob man solche Handlungen auch selbst durchfiihren oder
sie eher unterlassen warde, ob man sie befurworten oder verurteilen sollte, also bezogen auf
die Fiihigkeit, "moralische Urteile" zu fallen, schien die Antwort auf die Frage nach den ent
wicklungsrelevanten Faktoren seit den Arbeiten von Wolfgang Lempert allerdings nicht mehr
vollig unbeantwortet zu sein. Seine Konzeption der Entwicklungsbedingungen moralischer
Urteilskompetenz, basierend auf dem kognitionszentrierten entwicklungspsychologischen
Ansatz von Lawrence Kohlberg, schien es moglich zu machen, aus dem Vorliegen ganz be
stimmter Gegebenheiten innerhalb eines sozialen Umfeldes auf die moralkognitive Urteilsfa
higkeit der darin interagierenden Individuen schlieBen zu konnen und umgekehrt - mit den
daraus ggf. ableitbaren padagogischen Implikationen bspw. fur Schulen und Ausbildungsbe
iriebe.
Allerdings ist Lempert se1bst der Oberzeugung, daB mit seinen Arbeiten erst ein Anfang
gemacht ist. Es ist ihm gelungen, einige relevante Entwicklungsbedingungen zu identifizieren,
die Fragen der Abhangigkeiten und des Zusammenwirkens zwischen diesen Bedingungen
sind jedoch noch ganz ungeklart. Die vorliegende Arbeit stellt einen Versuch dar, an dieser
Stelle anzukntipfen, indem sie re1evante Konzepte und Probleme analysiert und auf Basis der
Analyseergebnisse ein prazisiertes und differenziertes Aussagesystem erstellt.
DaB dieser Versuch untemommen und schlieBlich auch zu einem Ende gefuhrt werden
konnte (wobei es sich bei diesem "Ende" immer nur urn ein vorlaufiges handeln kann, be
trachtet man die stattliche Anzahl an offenen Fragen, die noch immer einer Beantwortung
bedtirfen) verdanke ich der urnfangreichen Untersttitzung einer Vielzahl von Personen. Allen
voran ware me in Doktorvater, Prof. Dr. Klaus Beck, zu nennen, dem es in einer bewundems
werten Weise gelungen ist, mir sowohl aile benotigte Freiheit zu gewahren als mir auch im
mer genau dann mit fruchtbaren Ratschlagen und Diskussionsbeitragen zur Seite zu stehen,
wenn ich der Vielfalt der herangezogenen Konzepte die Orientierung zu verlieren drohte. Von
ihm habe ich -auch tiber das wissenschaftliche Arbeiten hinaus -sehr vie I gelemt.
Des weiteren gilt mein Dank Prof. Dr. Wolfgang Lempert, ohne den diese Arbeit in mehr
facher Hinsicht nie entstanden ware. Er hat nicht nur im V orfeld bei einigen Gesprachen dazu
beigetragen, daB das Promotionsvorhaben konzeptionell in eine interessante und fruchtbare
Richtung gelenkt wurde, sondem er hat mich besonders in der Endphase der Arbeit an seinem
schier unerschiipflichen Wissen und seiner Erfahrung teilhaben lassen und mit groBer Genau
igkeit, Hingabe und Liebe zum Detail fur die Erkenntnis gesorgt, daB sich manche Dinge auch
VIII Vorwort
aus einem anderen Blickwinkel betrachten lassen (was bei mir zwar zu gelegentlicher Verun
sicherung gefiihrt hat, die ich aber in Anbetracht des dadurch induzierten Erkenntnisfort
sehritts stets geme in Kauf nahrn). Ieh fiirehte jedoeh, daB ieh nieht allen seinen Einwiinden in
gebiihrendem MaBe Rechnung tragen konnte.
SehlieBlich ist mit Prof. Dr. Kurt R. Miiller ein Forscher zu nennen, der mir durch seine
Veranstaltungen den Zugang zur Wissenschaft iiberhaupt erst eriiffnet hat und ohne des sen
EinfluB ich wahrscheinlich nie auf den Gedanken gekommen ware, mieh intensiver mit dem
Thema der Moralentwieklung zu befassen.
Ebenfalls herzlieh danken moehte ich den Professoren Dr. Klaus Breuer und Dr. Volker
Hentschel, die zusammen mit meinem Doktorvater dafiir zu sorgen gewuBt haben, daB mein
Rigorosum weniger den Charakter einer Priifung als den eines sehr interessanten wissen
schaftlichen F achgesprachs getragen hat.
Ganz besonderer Dank gilt meiner Familie, ohne deren Riickhalt die Arbeit nicht zustande
gekommen ware. Besonders meine Frau Beatrice hat nahezu Ubermenschliehes geleistet, in
dem sie es mir ermoglieht hat, in meiner weit entfemten "Eremitage" riieksichtslos zu arbei
ten, wiihrend sie zu Hause die Betreuung unserer beider Kinder alleine iibemahm. Urn so
wertvoller waren dann die Tage, die ich mit allen dreien zusammen verbringen konnte - gera
de wei! ieh in dieser Zeit nieht an meine Arbeit denken konnte.
Weiterer Dank gebiihrt meinen Eltem, die in dieser Zeit, die aueh ihre Probleme mit sieh
gebraeht hat, hinter mir gestanden und mir manche Unaufmerksamkeit im Umgang mit ihnen
naehgesehen haben.
Und letztlieh gebiibrt meinen Mainzer Kolleginnen und Kollegen Dank, die sowohl in
zahlreichen Gesprachen nie mit ihrer Meinung hinter dem Berg gehalten haben als aueh in
Phasen, in denen ich mieh starker urn meine Dissertation als urn unsere gemeinsam zu lei
stende Arbeit gekiimmert habe, dies toleriert und mich weiter unterstiitzt haben. Ich werde
mieh stets geme an die gemeinsame Zeit erinnem.
Thomas Bienengraber
Inhaltsverzeichnis
Geleitwort ............................................................................................................................. v
Vorwort ............................................................................................................................ VII
InhaItsverzeichnis .............................................................................................................. IX
Abbildungsverzeichnis ..................................................................................................... XV
Tabellenverzeichnis ....................................................................................................... XVII
1. Problemstellung ........................................................................................................... 1
2. Die Stufentheorie von Lawrence Kohlberg - Beschreibung und Analyse ........... 13
2.1. Vorgehensweise ................................................................................................... 13
2.2. Entwicklung ......................................................................................................... 14
2.3. Moralisches Denken """"""""""""".""""""""."".""""""."""""" .. """ ... """. 17
2.4. Rollenilbemahrne ................................................................................................. 24
2.5. Moralische Atmosphare ....................................................................................... 29
2.6. Kognitiver Konflikt ............................................................................................. 35
2.7. Gerechte Gemeinschaft """"" ... """" ... ""."""""""".".""""."""."""""".""."" 39
2.8. Niveaus und Stufen moralischer UrteilsHihigkeit.. .............................................. 43
2.8.1. Die Urteilsniveaus im Uberblick.. ............................................................... 43
2.8.2. Das prakonventionelle Niveau .................................................................... 45
2.8.3. Das konventionelle Niveau .......................................................................... 48
2.8.4. Das postkonventionelle Niveau ................................................................... 50
2.9. Kennzeichen eines Stufenmodells ....................................................................... 53
3. Die Konzeption der Entwicklungsbedingungen moralischen Denkens
nach Wolfgang Lempert -Beschreibung und Analyse ......................................... 57
3.1. Grundlagen: Moralische Urteilskompetenz im Kontext der Arbeitswelt.. .......... 57
3.2. Sozialisation ........................................................................................................ 59
3.3. Moralisches Denken ............................................................................................ 65
3.4. Ebenen und Stufen moralischer Entwicklung ..................................................... 71
3.4.1. . Die Ebenen moralischer Urteilskompetenz ................................................. 71
3.4.2. Die Stufen moralischer Urteilskompetenz ................................................... 73
3.5. Die soziobiographischen Bedingungen ............................................................... 74
3.5.1. Vorbemerkungen """""""""""'"'''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''''' 74
3.5.2. Soziale Konflikte ......................................................................................... 75