Table Of ContentUdo Thiedeke E ditor
Virtuelle Gruppen
Charakteristika und
Problemdimensionen
U do Thiedeke (Hrsg.)
Virtuelle Gruppen
Charakteristika und
Problemdimensionen
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
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ISBN 978-3-531-13372-0 ISBN 978-3-663-11761-2 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-11761-2
Inhalt
Udo Thiedeke
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1: Zwischen Netzwerk und Gemeinschaft:
Soziale und technische Charakteristika virtueller Gruppen
Udo Thiedeke
Virtuelle Gruppen: Begriff und Charakteristik . . . . . . . . . . . . . . . 23
Karin Dollhausen und }osef Wehner
Virtuelle Gruppen: gesellschafts- und medientheoretische Überlegungen zu
einem neuen Gegenstand soziologischer Forschung . . . . . . . . . . . 74
Andreas Bri/1
Paradoxe Kommunikation im Netz: Zwischen Virtueller Gemeinschaft,
Cyberspace und Virtuellen Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
Barbara Becker
"Hello, I am new here" Soziale und technische Voraussetzungen spezifischer
Kommunikationskulturen in virtuellen Netzwerken . . . . . . . . . . . . 113
Barry Weilman
Die elektronische Gruppe als soziales Netzwerk . . . . . . . . . . . . . 134
Ute Hoffmann
Neues vom Baron Muenchhausen. Die institutionelle Selbstorganisation bei
der Bildung virtueller Gruppen im Usenet ................ 168
Bettina Heintz
Gemeinschaft ohne Nähe? Virtuelle Gruppen und reale Netze ....... 188
6 Inhalt
II: Mittelbare Unmittelbarkeit:
Soziale Motivation, Stabilität und Narrnativität als
Problemdimensionen virtueller Gruppen
Robin B. Harnman
Computernetze als verbindendes Element von Gemeinschaftsnetzen.
Studie über die Wirkungen der Nutzung von Computernetzen auf bestehende
soziale Gemeinschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
Gerit Goetzenbrucker und Bernd Läger
Online Communities: Struktur sozialer Beziehungen und Spielermotivationen
am Beispiel von Multi User Dimensions . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
Elizabeth Reid-Steere
Das Selbst und das Internet:
Wandlungen der Illusion vom einen Selbst . . . . . . . . . . . . . . . . 273
Nancy K. Baym
Vom Heimatdorf zum Großstadtdschungel: Die Urbanisierung der On-Une
Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
Nicola Döring und Alexander Sehestag
Soziale Normen in virtuellen Gruppen. Eine empirische Untersuchung am
Beispiel ausgewählter Chat-Channels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
Caroline Haythornthwaite, Barry Weilman und Laura Garton
Arbeit und Gemeinschaft bei computervermittelter Kommunikation . . . 355
Michael }aeckel und Christoph Roevekamp
Wie virtuell ist Telearbeit? Zu den Konsequenzen einer elektronisch
gestützten Arbeitsform . . 393
Dank. . . . . . . . . . .422
Autoren und Autorinnen . . 423
Zusammenfassungen/ Abstracts . 428
Sachregister . . . . . . . . . . . 443
Einleitung
Udo Thiedeke
Das Soziale beginnt mit dem Anderen, der uns gegenübertritt, die Vergesellschaftung
beginnt jedoch mit der Bildung einer Gruppe.
Soziale Gruppen sind elementare Aggregate der Vergesellschaftung. Als Mitglie
der von Gruppen lernen wir die notwendigen sozialen Spielregeln. ln Gruppen
erfahren wir Unterstüi:zung, Anerkennung und Eingebundenheit, aber auch
soziale Einflussnahme, Zwang zur Anpassung und Diskriminierung.
Obwohl sich die Akzente der Gruppenbildung, infolge des Wandels gesell
schaftlicher Differenzierung, von der stratifikatorisch zur funktional differenzier
ten Gesellschaft, von familial orientierter Gruppierung auf funktions-und interes
sengeleitete Formierungsprozesse verlagert haben, bleibt die Gruppe ein eigen
ständiges Aggregat der Vergesellschaftung. Sie grenzt sich gegen ihre Umwelt
durch eigene Grenzen der Kommunikation und Handlungen ab.
Um diese Grenzen stabilisieren zu können, bedarf die soziale Gruppe der
Nähe ihrer Mitglieder zueinander. Der Vergesellschaftungsprozess in Gruppen,
der überindividuelle Sachverhalte wie eigene Kommunikationsweisen oder Nor
men hervorbringt, beruht auf der persönlichen Zuwendung der Mitglieder. Der
Bestand einer sozialen Gruppe, die sich als eigenständiges Kommunikationssy
stem selbst erhält, ist ohne die zumindest zeitweiligen persönlichen face-to-face
Begegnungen ihrer Mitglieder nicht aufrechtzuerhalten. Die Gruppe wird durch
die unmittelbaren, diffusen und zeitlich relativ konstanten, persönlichen Kon
takte der zur Gruppe gehörenden Personen konstitutiert (vgl. Neidhardt, 1979:
642). Sie ist daher ein überschaubares, 'kleines' Aggregat. Ihre Größe ist von
dieser Möglichkeit zur Unmittelbarkeit und persönlichen Kenntnis bestimmt.
Die soziale Gruppe unterscheidet sich infolgedessen von solchen sozialen
Kommunikationssystemen, die durch formale, gesatzte Regeln gebildet und sta
bilisiert werden. ln diese Organisationen sind eine wesentlich größere Anzahl an
Mitgliedern vergesellschaftet, als in sozialen Gruppen, obwohl sich ihre Mitglie
der meist nur zum Teil persönlich kennen. Die Kohäsion einer Organisation
beruht auf funktional definierten und formal ausgestalteten Positionen. Die hier
vergesellschafteten Personen tragen durch ihre Funktionserfüllung und Aner
kenntnis der formalen Regeln zum Bestand der Organisation bei, und nicht
durch die persönliche Bekanntschaft und Bindung an andere.
Eine soziale Gruppe unterscheidet sich andererseits aber auch von flüchti
gen Interaktionssystemen Sie sind durch die zufällige Anwesenheit anderer Per
sonen und durch spontane soziale Wechselwirkungen gekennzeichnet. Interak
tionssysteme bilden keine formalen, gesatzten Regularien aus, die ihren Bestand
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über längere Zeiträume absichern. Sie zerfallen demzufolge, wenn die Beteilig
ten nicht mehr anwesend sind.
Zu ihrer Gründung und Fortschreibung sind soziale Gruppen also auf enge
soziale Beziehungen persönlich bekannter Mitglieder angewiesen, die sich
zumindest zeitweilig physisch treffen.
Wechseln wir nun die Perspektive und wenden wir uns von der sozialen
Kommunikation, die in ihrem Kern immer auf face-to-face Orientierungen ver
weist, ab. Stattdessen soll unsere Aufmerksamkeit jetzt der medialen Kommuni
kation (vgl. Thiedeke, 1997: 320; 1999: 31 f.) gelten, die durch technisch vermit
telte Orientierungen der Kommunikationsteilnehmer zustande kommt. Damit
wird zugleich ein Perspektivwechsel von realweltlichen, unmittelbaren sozialen
Kontakten, zu virtuellen, mittelbaren und künstlichen Kontakten vollzogen.
Anlass für einen solchen Wechsel der Perspektive ist das seit Mitte der 90er
Jahre deutliche Wachstum eines globalen, computerbasierten Kommunikations
netzwerks. Dieses 'Netz der Netze', das sich aus unzähligen institutionellen,
öffentlichen und privat zugänglichen Computern zusammensetzt, bietet bisher
nicht vorhandene Möglichkeiten zur individuellen und zur Massenkommunika
tion durch ein einziges Medium. Der dezentrale und individuelle Zugang zu die
sem 'Internet' erlaubt es, ortsunabhängig, aus privaten oder öffentlichen Kon
texten heraus zu kommunizieren, und dabei nicht nur Informationen zu rezipie
ren, sondern selbst als Produzent von Informationen, und als Konstrukteur von
virtuellen Kommunikationssystemen aufzutreten.
Das Internet ist aber noch weit mehr. Es ist die Grundlage einer virtuellen
Vergesellschaftung, da es z.B. die Konstruktion von 'Schwatzbuden' (Chats),
Foren, aber auch von komplexen Erlebnis-und Handlungskontexten im Kommu
nikationsraum des Mediums ermöglicht, die unabhängig von der dauernden
Teilnahme einzelner existieren. Somit sind die Voraussetzungen dafür geschaf
fen, dass Kommunikationsteilnehmer in diesen Kommunikationsraum in Form
von virtuellen Charakteren eintauchen (Immersion), und dort agieren können.
Um die Qualität dieser Kommunikationsform zu verdeutlichen sei betont,
dass solche Computerbasierten Kommunikationsumgehungen die soziale Teil
habe eines virtuellen, künstlichen Charakters derjenigen realweltlichen Person
ermöglichen, die kommuniziert. Nicht ich selbst als präsentes Individuum
nehme an der Kommunikation und den Handlungen im Internet teil, sondern
ein virtueller Charakter, der von mir gestaltet wurde, und als Repräsentant mei
ner selbst agiert.
Diese virtuelle Person kann sich mit der sozialen Person, wie sie in face-to
face Kontakten auftritt, weitgehend decken und sich auf die realweltliche soziale
Identität beziehen. Eine solche Kongruenz ist in der Regel dann gegeben, wenn
wir im Internet in Arbeitszusammenhängen, festen Freundschaftsbeziehungen
Einleitung 9
oder wirtschaftlichen Kontexten kommunizieren. Hier ist die Kongruenz mit der
realen, sozialen Person, oder doch zumindest die eindeutige Rollenzuschrei
bung erwünscht. Im Rahmen der virtuellen Beziehungen erscheint hierbei eine
nicht-anonyme Person, deren realweltlicher Hintergrund auch einer face-to-face
Prüfung standhalten würde. Damit ist die Bildung von Vertrauen entlang persön
lich und sachlich eindeutig definierter Interessenlagen und Selbstentäußerungen
auch bei virtualisierten Kommunikationskontakten möglich.
Aber bei der virtuellen Teilhabe an sozialen Austauschprozessen im Internet
kann ebenso von der Möglichkeit Gebrauch gemacht werden, anonym oder
pseudonym in Bezug auf die reale soziale Position, das Alter, das Geschlecht,
oder die Biographie aufzutreten. Virtuelle Beziehungen, die auf CMC (compu
ter-mediated communication) beruhen, sind daher tendenziell instabiler, diffu
ser und indifferenter, als die gewohnten realweltlichen sozialen Beziehungen.
Virtuelle Beziehungen sind mittelbar, eine persönliche, unmittelbare Kenntnis
der Teilnehmenden ist untypisch. Die Vertrauensbildung, die auf der definitiven
Zurechnung von Normen und Sanktionen, sowie von Zuwendung und Gratifika
tionen beruht, ist von Unsicherheit begleitet.
Dennoch sind im Internet und bei anderen CMC-Kontakten enge soziale
Beziehungen zu beobachten. Manche Netzteilnehmer berichten sogar von sta
bilen Freundeskreisen, Partnerschaften oder intimen Beziehungen, die sie im
Kommunikationsraum des Internet über regionale und über Sprachgrenzen hin
weg etablieren konnten. Teilweise dienen diese virtuellen Beziehungen als Vor
stufe oder Erweiterung für realweltliche face-to-face Beziehungen, teilweise blei
ben sie auf die virtuelle Beziehungsebene beschränkt.
Angesichts dieser Phänomene stellen sich die Fragen, ob sich virtuelle Bezie
hungen beobachten lassen, die Ähnlichkeiten mit sozialen Gruppen, und ver
gleichbare Integrationsleistungen wie diese engen sozialen Kommunikationssy
steme aufweisen, und wo die Unterschiede zu unmittelbaren sozialen Gruppen
liegen? Hinter diesen Fragestellungen tritt ein weiteres Problem in Erscheinung.
Die funktional differenzierte, medial kommunizierende Gesellschaft erzeugt wie
kein anderer Gesellschaftstyp Rahmenbedingungen, die segmentäre Gruppen
bildung (Berufsgruppen, interessengeleitete Gruppen, frei gewählte soziale Ver
kehrskreise) fördert, ja geradezu erfordern. Die Integrationsleistung der Inklusion
in die Gesellschaft wird hier über die freiwillige Assoziation, und die 'Kreuzung
sozialer Kreise' (Simmel) in wechselnden Gruppierungen erbracht.
Auf den ersten Blick scheinen virtuelle Beziehungen auch dann, wenn sie als
engere gruppenförmige Aggregate auftreten, aufgrund ihrer Mittelbarkeit, des
leichten Wechsels der Mitgliedschaft, und ihrer Fluidität der Themen und Inter
essen desintegrierend zu wirken. Die Beteiligung an sozialen Ressourcen scheint
hier gegen geringe Kosten möglich, die stabilisierende Vertrauensbasis erscheint
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als nur schwach ausgeprägt. Die lnklusionsleistungen der Vergemeinschaftung in
virtuellen Gruppen ist daher über die engeren mikro- und mesosozialen Frage
stellungen hinaus von einigem Interesse.
Allerdings verläuft die Diskussion solcher Fragestellungen, vor allem mit
Bezug auf das Internet, bislang wenig systematisch. Sie ist häufig von großen
Erwartungen und Befürchtungen in Hinblick auf die Integrationsleistungen virtu
eller Beziehungsformen, und weniger von der rationalen Gewichtung der Fak
tenlage gekennzeichnet. Der Forschungszugang ist dabei durch zwei Probleme
erschwert.
Einerseits ist der Gegenstandsbereich mit soziologischen Beobachtungs
und Beschreibungsmitteln, die an der Unmittelbarkeit sozialer Beziehungen ori
entiert sind, nur schwer zu erfassen. Andererseits bereitet die Berücksichtigung
der sozio-technischen Spezifika virtueller Beziehungsformen bei der Gewich
tung technischer und sozialer Einflusskomponenten Schwierigkeiten. Es ist aber
zu beachten, dass virtuelle Beziehungen, was die Zugangsbedingungen zu
ihnen, ihre Kommunikations-, Stabilitäts- und Erinnerungspotentiale anbelangt,
von den technischen Gegebenheiten der CMC (Computer-mediated Communi
cation), und den technischen Kompetenzen der Teilnehmenden abhängen. ln
zunehmendem Maße hängt die Qualität solcher Beziehungen sogar von den
Fähigkeiten ihrer Mitglieder ab, die Kommunikation selbstständig agierender
technischer Systeme (Agenten oder Robots, kurz: Bots) von den virtuell vermit
telten sozialen Kommunikationsangeboten zu unterscheiden, oder an die
eigene Kommunikation sinnvoll anzuschließen.
Virtuelle Gruppen sind aus dem Blickwinkel gewohnter sozialer Beobach
tungsperspektiven schlecht dingfest zu machen. Sie scheinen sich der Beobach
tung und Beschreibung durch ihre Virtualität zu entziehen.
Entsprechend diffus gestaltet sich auch die begriffliche Einordnung. Hier ist
vor allem eine äußerst uneinheitliche, teilweise emphatische Verwendung des
Begriffs der Gemeinschaft festzustellen. Dieser Begriff wird häufig aus der angel
sächsischen Literatur übernommen, ohne dass die kulturellen Grundlagen des
'community' Begriffs weiter hinterfragt werden. Erschwerend kommt hinzu,
dass die geringe Systematisierung von analytischen Beobachtungsdimensionen,
und Bescheibungen unterschiedlicher virtueller Beziehungsformen, die Identifi
kation definitorischer Merkmale der virtuellen Gruppe behindert.
Der vorliegende Band will daher einen Beitrag zur Versachlichung der
Beobachtung und Bescheibung des Phänomens der virtuellen Gruppe leisten.
Dabei ist es allerdings noch nicht möglich, eine Theorie virtueller Gruppen, ihrer
Entstehung, Entwicklungsdynamik und gesellschaftlichen Bedeutung zu formu
lieren. Aufgrund der genannten Probleme der 'mittelbaren Unmittelbarkeit'
Einleitung 11
solcher Beziehungsformen, kann derzeit nur ein graduelles Raster zur Identifika
tion enger virtueller Beziehungsformen entworfen werden, das bei der Beschrei
bung virtueller Gruppen heurstischen Wert besitzt und zur Systematisierung der
Beobachtungen beitragen kann.
Hierbei zeigt sich, dass virtuelle Gruppen ihr Erscheinungsbild sehr rasch
zwischen einer organisatorisch/regulatorischen Struktur (z.B. Arbeitsgruppen,
MUD-Welten), und dem Erscheinungsbild verteilter Interaktionssysteme (virtu
elle Netzwerke) wechseln können. Im Rahmen dieser Strukturierungsmöglichkei
ten treten engere virtuelle Kommunikationssysteme auf, die durch wechselsei
tige Kenntnis der virtuellen Charaktere, durch diffuse Mitgliederbeziehungen,
eine relative zeitliche Stabilität, und eine identitätsprägende Selbstbeschreibung
gekennzeichnet sind. Die Kohäsion dieser virtuellen Gruppe ist allerdings, auf
grund der spezifischen Umweltbedingungen der CMC, beständig in Frage
gestellt.
Mit Blick auf die Umweltbeziehungen virtueller Gruppen wird zudem deut
lich, dass virtuelle Gruppen nicht als Substitut für soziale, realweltliche Gruppen
oder Beziehungsformen anzusehen sind. Sie sind mit diesen vielmehr in einem
komplexen Gefüge der Kommunikationen und Handlungen verzahnt. Mitglieder
virtueller Gruppen sind in der Regel auch Mitglieder realweltlicher face-to-face
Gruppen. Häufig dient die virtuelle Gruppe als Vorbereitung für die Bildung, die
Ergänzung, oder als erweiterter Rekrutierungsbereich von face-to-face Gruppen.
Hier ist also von einer Ergänzung realer und virtueller Beziehungsformen auszu
gehen.
Angesichts dieser vielschichtigen Problemlage nähern sich die Beiträge die
ses Bandes dem Phänomen der virtuellen Gruppen aus verschiedenen Beob
achtungsrichtungen. Im ersten Teil stehen hierbei die Identifikation charakteristi
scher Merkmale, und im zweiten Teil die Erörterung des Phänomens anhand
spezifischer Problemdimensionen im Mittelpunkt der Ausführungen.
Um die Charakteristika sinnvoll einordnen zu können, ist es zunächst wich
tig, eine Begriffsbestimmung, sowie ein analytisches Raster für die Beobachtung
der virtuellen Gruppe selbst zu entwickeln (Thiedeke). Die Situierung der virtuel
len Gruppe in einer gruppenspezifischen Umwelt, einem sozialen Kontext, ver
weist zugleich auf ihre Bestimmtheit durch gesellschaftliche Rahmenbedingun
gen. Da die Bildung virtueller Beziehungsformen unmittelbar auf sozio-techni
sche Wechselwirkungen zurückzuführen ist, muss erörtert werden, auf welche
Weise Veränderungen im System der technischen Kommunikationsmedien die
Entfaltung sozialer Kommunikations- und Vergemeinschaftungsmöglichkeiten
beeinflussen (Dollhausen, Wehner).