Table Of ContentHANDBUCH DER
GESAMTEN AUGENHEILKUNDE
BEGRUNDET VON A. GRAEFE UND TH. SAEMISCH
FORTGEFUHRT VON C. H}:SS
HERAUSGEGEBEN UNTER MITARBEIT VON
C. ADAM-BERLIN, TH. AXENFELD-FREIBURG I. B., K. BEHR-KIEL, BERN
HEIMER-WIENt, A. BIELSCHOWSKY-MARBURG, A. BIRCH-HIRSCHFELD
KONIGSBERG I. PR., A. BRUCKNER-BERLIN, R. CORDS-KoLN, A. ELSCHNIG
PRAG, O. EVERSBUSCH-MiiNCHENt, A. FICK-ZiiRICH, B. FLEISCHER
TiiBINGEN, E. FRANKE-HAMBURG, S. GARTEN-LEIPZIG, W. GILBERT-MUNcHEN,
ALFR. GRAEFE-HALLE t, R. GREEFF-BERLIN, A. GROENOUW-BRESLAU,
K. GRUNERT-BREMEN, O. HAAB-ZURICH. L. HEINE-KIEL, E. HERING
LEIPZIGt, E. HERTEL-LEIPZIG, C. VON HESS-MUNCHEN, E. VON HlPPEL
GOTTINGEN, J. HIRSCHBERG-BERLIN, F. B. HOFMANN-MARBURG A. L., J. VAN
DER HOEVE-LEIDEN, J. IGERSHEIMER-GOTTINGEN, E. KALLIUS-BRESLAU,
J. KOLLNER-WURZBURG, A.KRAEMER-SAN-DIEGot, E. KRUCKMANN-BERLIN,
H. KUHNT-BoNN, R. KUMMELL-HAMBURG, F. LANGENHAN-HANN.-MUNDEN,
H. LAUBER-WIEN, TH. LEBER-HEIDELBERGt, G. LENZ-BRESLAU, W. LOH
LEIN-GREIFSWALD, F. MERKEL-GOTTINGEN, J. VON MICHEL-BERLlNt, 1. W.
NORDENSON-STOCKHOLM, M. NUSSBAUM-BoNNt, E. H. OPPENHEIMER
BERLIN, A. PETERS-RoSTOCK, A. PUTTER-BoNN, M. VON ROHR-JENA,
R. SALUS-PRAG, TH. SAEMISCH-BoNN t, H. SATTLER-LEIPZIG, C. H. SATT
LER-KoNIGSBERG I. PR., G. VON SCHLEICH-TUBINGEN, H. SCHMIDT-RLMP
LER-HALLE Al/S.t, L. SCHREIBER-HEIDELBERG, OSCAR SCHULTZE-WURZ
BURG, R. SEEFELDER-INNSBRUCK, H. SNELLEN JUN.-UTRECHT, K. STAR
GARDT-BoNN, W. STOCK-JENA, A. VON SZILY SEN.-BuDAPEST, A. VON
SZILY -FREIBURG I. B., W. UHTHOFF -BRESLAU, H. VIRCHOW -BERLIN,
A. WAGENMANN -HEIDELBERG, K. WESSELY -WURZBURG, M. WOLFRUM-
LEIPZIG
VON
TH. AXEN}'ELD A. ELSCHNIG
UND
DRITTE, NEUBEARBEI'l'ETE AUFLAGE
BERLIN
VERLAG VON JULIUS SPRINGER
1921
VERLETZUNGEN DES AUGES
lIlT BERDcKSlCH~rlGUNG
DER UNFALLVERSlCHERUNG
VON
A. WAGENMANN
PROFESSOR IN HEIDELBERG
DRITTE AUFLAGE
II. BAND
MIT 79 TEXTFIGUREN UND 2 TAFELN
BERLIN
VERLAG VON JULIUS SPRINGER
1921
ISBN 978-3-642-98156-2 ISBN 978-3-642-98967-4 (eBook)
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Inhalt.
Verletzungen des Auges
mit BerUcksichtigung der Unfallversicherung.
Von A. Wagenmann in Heidelberg.
II. Band.
Mit 7U Figuren im Text und 2 Tarelll.
~ezieller Teil.
II. Verwundungen ohne Zuriickbleiben des verletzenden Fremdkorpel's.
Selt.,
Allgemeines libel' Augenwunden (§ 461) . . . . . . . . . • . • • . . .. 8!11
Vber die Heilungsvorgiinge an den Augenhiiuten nach Verwundung (§ 162) 894
Litel'atul' zu § 162 . • . . . • • . . . . . • . . • . • . . . • . . 907
Wunden der Bedeekung und Umgebung des Auges (§§ 163-165) .Y12
Wunden del' Lider (§ 163) . • . . . . . . . . . . • • . . . . . . ., 91 ~
Wunden del' Triinenorgane. Triinenableitungswege und Triinendriise (§ 164) 921
Wunden del' Bindehaut (§ 165) . . . . . . . . . . . . . . . . • . . ., 925
Literatul' zu §§ 163-,165 . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . !l28
Die nieh t p erforiel'enden V erw und ungen der A ugenkap s el (§§ 166-174) 932
Die nicht perforierenden Wunden der Hornhaut (§ 166). . . . . . . . . . 932
Die l'ezidiviel'enden Erosionen (§ 167) . . . . . . . . . . . . . . • . .. 938
Die Pl'ognose und Thel'apie der oberfliichlichen Verwundungen der Horn-
haut und del' l'ezidivierenden Erosionen (§ 168) . . . . • . . . . • . 943
Die nieht perfol'ierende Vel'wundung der Korneoskleralgrenz~ und del' Sklera
(§ 169) . . • . . . .. •..•• • . • • . . . • . . • • . . . 946
Litel'atur zu §§ 166-169 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9108
Die infektiosen Entzlindungen bei nieht perforierender Hornhautverwundung
(posttraumatisehe Hornhautentziindungen) (§§ 170--1710) • • • • • •• 9il:!
Ulcus eorneae serpens (§ 470) •.•..•.•.••.•..•.... , 953
Ulcus corneae tl'aumaticum simplex (atypische Hypopyonkeratitis) (§ 171) 974
Keratomycosis aspergillina i§ 172). . . . . • . . . . • . . . . . . " un
Keratitis disciformis (Fuchs) (§ 173) . . . . . . . . . . . . . . . . .. 979
Herpes corneae (Keratitis dendritica) nach oberfliichlicher Hornhautv~rwundung
(§ 174) ., . • • • . • . • • . . . . . . . . • . . . 982
Literatur zu §§ '170-174 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 984
Pel'fol'ierende Verwundungen des Auges (§§ 175-183) . . . . . 993
Allgemeines iiber die pel'forierendcn Verwundungen des Auges (§ 175). 993
Prognose del' perforierenden Verwundungen des Auges ohne Zuriickbleiben
des vel'letzelldell Fremdkurpers (§ 176) . . . . . , . • . . . . . . . 99li
VI lnhalt.
Seito
Die Behandlung aseptischer und inlizierter peri'ol'ierendel' Verwundungen des
Auges i§ 177). . . . . . . . . • • . . . . . . . 1000
Die perforierenden Kornealvel'wundungen (§ 178) . . . 1013
Die perforierenden Korneoskleralverwundungen (§ 179) . 1026
Die perforierenden Skleralverwundungen I§ ·1 RO). . . . 1034
Pathologische Anatomie del' pel'foriel'enden Verwundungen des Bulbus (§ 181) 1039
Literatur zu §§ 1 75-181. . . . . . . . " .•.......... 1052
Verwundung der Iris bei perfol'iel'enden Verwundungen des Auges (§ 182) 1073
Litel'atur zu § 182 . . . . . . . . . . . . . • . . • . . . . . . . • . 1076
Tl'aumatische Katarakt nach perfol'ierendel' Verwundung des Auges (§ ISH) 1077
Literatur zu § 183 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4094
Die Verwundungen del' Orbita (§§ 184-190) .........•.. 1099
Allgemeine Ubel'sicht Uber die Orbitalvel'wundungen, ihl'en Befund und ihre
Folgen (§ 184). . • . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • 1099
Die V e rletz ung del' Or bi talkno ch en d u rch V erwund un g (§§ 185-187) 11 03
Allgemeines Uber die Verwundung del' Orbitalknochen (§ 185) •.••.. 1103
Die direkte Fraktur des knochernen Ol'bitalrandes durch Verwundung (§ 186) 1105
Die isolierte direkte Fl'aktul' del' Orbitalwande durch Verwundung ,§ 187). 1107
Literatur zu §§ 1 ~4-187 . . • . . . . . . • • • , . . . • . . • . . . 1117
Lasion des Opt.ikus durch Ve1'wundung der Orbita (di1'ekte Opti-
kuslasion und Evulsio nervi optici) (§ 188). . • • . . • . 1120
Litel'atur zu § 1!18 . . • • . . . . . • • . . . . . • • . . • • . 1135
Verletzung del' Ubrigen Weichteile der Orbita IAugenmuskeln, Nerven, Ge-
fiiGe und Fettgewebe; dul'ch Verwundung del' Orbita (§ 189) . • H 41
Literatur zu § 1 ~9. • . . . • . . . . . . . . . . . 1151
Pulsierender Exophthalmus nach Stichverletzung der Ol'bita (§ 190) 1155
Literatur zu § 190 • . . . . . • • . . . . . . . . . . . • . . 1158
Die direkte Verwundung del' zentralen Optikusbahn una. del'
zentralen Bahnen der anderen mit dem Auge in Beziehung
stehenden Nerven (§191) 1159
Lite1'atur zu § 191. • . . • . • . . . . . . . . . . . . . . . . • . . 1461
III. Verwundungen mit Zuriickbleiben des verletzenden Fremdkorpers
(Fremdkorperverletzungen).
Allgemeines Uber Fremdkorpervedetzungen (§ 192) . . • . . . . . 1161
Literatur zu § 192 . . . . . . . . . • . . . . . . • . . . . 1171
Die Hilfsmittel zum Nachweis und zu1' Lokalisation von Fremd-
korpern (§§ 193 u. lUI.) ....• .......... 01172
Sideroskop, MetallopholJ, Magnet, Dnrchleuchtungslampe :§ 19a; 1172
Literatur zu § 193 .•..•.... . 1187
Untersuchung mit Rontgenstrahlen (§I 94: 1191
Litel'atm zu § 194 •.•.... ·1205
Experimentelle Untersuchungen i1be1' die chemische Wil'kung von Fl'emd-
kol'pern auf das Auge (§ 195). ........... 1215
Literatur zu § 195. • . . . . .. . • . . . . . . . . . 1222
Uber die chemische Wil'kung von Fremdkorpern auf das mensch-
liche Auge (§§196-199). . . . . . . . . • . • . . . . . . 4223
Uber die Wirkung von Fremdkorpern aus Eisen und Stahl auf das mensch-
liche Auge. Siderosis bulbi (§196). . . . . . . . • . . . . . • .. 1223
Inhall. \·11
Sf·lite
Literatur zu § 196 ...............•........ 12G~)
Uber die Wirkung von Fremdkorpern aus Kupfer und Messing auf das mensch
]jehe Auge ~~ 197). . . . . . . . . . . . . . . • • . . . . . • . . 1261
Literatur zu § 197 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1286
Uber die Wirkung einiger weiterer Fremdkorper auf das menschliche Auge
(Edelmetalle, Blei, Zink, GIas, Steine, Holzsplitter) (§ 198) . . • • . . 1294
Literatur zu § 198 ..•..... . • . . . . . . . . . . . . . . . 1301
Verletzungen des Auges durch Raupenhaare LPseudotuberkulOse Entziindung
(Wagenmann), Ophthalmia nodosa (Saemisch): (§ 199) 1303
Literatur zu § 19 U . . . . . 1331
Die Magnetoperation (§ 200) . 1333
Geschichte der Magnetoperation 1333
Zur Theorie der Augenmagnete 1340
Die Augenmagnete . . . . . . 1342
Vergleichende Untersuchungen iiber die Magnetleistungen und Versuche,
sie zu steigern . . . . . . . . : . . . . . . . . . . . . . . . . . 1361
Die Entfernung von Eisensplittern aus dem Auge durch Einfiihren der An
satzspitze eines klein en Elektromagneten in das Auge. Intraokulare
Magnetanwendung (Hirschbergsches Verfahren) .......... . 1364
Die Entfernung von Eisensplittern aus dem Augeninnern mittels des starken
Magneten. Extraokulare Anwendung des groBen Magneten (Haabsches
Verfahren) ........................... . 1372
Wahl der Methode und Indikation fijr die intraokulare und extraokulare
Magnetanwendung (Hirschbergsches und _H aabsches Verfahren) 1381
Literatur zu § 200 ....•..••..••............ 1390
Fremdkorp er in der Bedeckung und Umgebung des A uges :A ug en
lidern undTranenorganen) (§§ 201-204) 1418
Fremdkorper in den Augenlidern (§ 201) . • . 1418
Fremdkorper auf und in der Bindehaut (§ 202) 1422
Fremdkorper auf und in der Hornhaut !§ 203) 1432
Fremdkorper in der Sklera (§ 204) ..... 1450
Literatur zu §§ 201-204 .••..... 1455
Perforierende Verletzungen des Auges mit Zuriickbleiben von
Fremdkorpern im vorderen Rulbusahschnitt (vorderer Kam
mer, Iris, hinterer Kammer und Linse) (§§ 205 und 206) .. 11. . 64
Fremdkorper in der Vorderkammer, Iris und hinteren Kammer (§ 205) 1464
Literatur zu § 205 1494
Fremdkorper in der Linse (§ 206) 1511
Literatur zu § 206 . . . . . . 1523
Fr emdkorp er im hin teren Bulbus ab s chnit t (im Glaskorperraum,
im Zili-arkol'per, in der Aderhaut, in der Netzhaut, 1m
Optikus) (§ 207) ...........•......... 1528
Literatur zu § 207 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1576
Verletzungen mit Zuriickbleiben eines Fremdkorpers in der
Orbita (§ 208; .••••.••......••...... 160(1
Die Lasion der zentralen Optikusbahn und der zentralen Bahnen der anderen
mit dem Auge in Beziehung stehenden Nerven durch Verwundung mit
Zuriickbleiben eines Fremdkorpers (§ 209) 1624
Literatur zu §§ 208 und 209. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . H24
Kapitel XVII2.
Verletzungen des Auges mit Beriick
sichtigung der U nfallv ersicherung. II.
Von
A. Wagenmann,
Professor in Heidelberg.
Mit zahlreichen Figuren im Text und auf Tafeln.
II. Verwundungen obne Zuriickbleiben des verletzenden
Fremdkorpers.
Aligemeines Uber Augenwunden.
§ ~ 61. UIiter Wunden verstehen wir solche Kontinuit1i.tstrennungen
der Gewebe, bei welchen die veranlassende mechanische Gewalteinwirkung
die au.Bere Decke durchtrimnt und in wechselnder. Tiefe in die Gewebe
eindringt. Zum Gebiet der Augenheilkunde gehUren in erster Linie die
Wunden, die den Bulbus selbst, seine Bedeckung und Umgebung, die Lider,
die Bindehaut und Tr1i.nimorgane betreifen, sodann die Wunden, ~ie bis in
die Augenhuhle sich erstrecken und die Weichteile, vor aHem den Sehnerven
und die Augenmuskeln, sowie die Knochen der Augenhuhle verletzen. Durch
die in das Gebiet der Chirurgie gehurenden Sch1i.delwunden kunnen ferner
die zentralen Sehbahnen, sowie die mit dem Auge in Verbindung stehenden
Hirnnerven Schaden erleiden.
Bei Verwundungen des Augapfels ist von gro.Bter Bedeutung die
Unterscheidung in oberfl1i.chliche oder nicht perforierende Wunden und in
perforiereride Wunden des Bulbus. 1m erst en Fall hat sich die Gewalt
einwirkung noch innerhalb der 1i.uL\eren Augenkapsel - Hornhaut und
Lederhaut - erschUpft, im zweiten Fall ist die Bulbuswand ganz durch
trennt. Mit der Tatsache der Perforation der Bulbuswand ist die MugJich
keit gegeben, daB der verletzende Fremdkorper im Augeninnern zuriick
geblieben ist (FremdkOrperverIetzungJ und sodann, daB durch Infektion bei
der Verletzung oder nachtr1i.glich auf dem Wege der penetrierenden Wunde
Handbnch der Augenheilkunde. 3. Aull. Wagenmann. II. Bd. 57
892 XVII. Wagenmann, Verletzungen des Auges.
eine intraokulare infektiuse Entzundung entsteht, die, wie bereits S. 82
ausgefUhrt wurde, unabhangig von der Schwere und GruBe der ursprung
lichen Verwundung haufig das Sehvermugen vernichtet, oft die Erhaltung
des Auges auch nur der Form· nach unmuglich macht und vor aHem das
zweite Auge durch sympathische Entzundung bedroht. Die Bedeutung der
perforierenden Wunden des Bulbus besteht ferner darin, daB Teile aus dem
Augeninnern vorfallen und austreten kunnen, daB bei schwerer Verwundung,
auch bei aseptischem VerI auf, die Vernarbungsvorgiinge, z. B. durch Ab
losung der Netzhaut und der Uvea, zu dauernder Erblindung und selbst zu
Schrumpfung des Auges fiihren kunnen. Sind die Contenta bulbi bei der
Verletzung in gruBererMenge veri oren gegangen, so ist dadurch ohne weiteres
der Bestand des Auges bedroht.
Die perforierenden Verletzungen des Augapfels werden je nach der Lage
der Eingangswunde am besten in perforierende Korneal-, Korneo
skleral- und Skleralverietzungen eingeteilt.
Am Auge kommen Schnitt-, Stich-, Hieb-, RiB-, Quetsch-,
BiB-und Schufiwunden vor. Die letzteren werden in einem besonderen
Abschnitt abgehandelt. Nach der Beschaffenheit der Wunde sind zu unter
scheiden einfache oder glatte Wunden, bei denen die Gewebe ohne
Quetschung der Umgebung scharf durchtrennt sind, undkomplizierte
Wunden, RiB- und Quetschwunden, bei den en die Wundrander ge
quetscht und zerrissen sind und bei denen auf die Nachbarschaft der Wunde
und bei Bulbusverletzungen selbst auf den ganzen Bulbus gleichzeitig eine
mehr oder weniger starke Kontusion eingewirkt hat. Bei der ersten Gruppe
sind Dur die Gewebe im Bereich der Wunde durchtrennt, und es bluten
nur die direkt getroffenen GemBe, bei der zweiten Gruppe gehen die Ge
webszerreiBuDg und die Blutung uber den Bereich der Wunde am Angriffs
punkt des Fremdkurpers hinaus. In die erste Gruppe gehoren im allgemeinen
die Schnitt-, Stich- und Hiebwunden, in die zweite die RiB-, Quetsch-·,
Bifi- und SchuBwunden. Doch kann auch ein stump fer Kurper einmal
eine glatte Wunde verursachen, wiihrend umgekehrt ein schneidender
Fremdkurper Quetschung und Ri.Bwunde bewirken kann. Die Ri.B- und
\luetsch wunden stellen sich oft als direkte Rupturen durch stumpfe Gewalt
- ZerreiBung unter hohem Druck am Angriffspunkt der stumpfen Ge",alt -
dar, wie bereits § 79 S. 4,16, § 123 S. 607 und § 133 S. 655 erwiihnt
wurde. Ferner is! wichtig die Unterscheidung in frische, reine, asep
tische Wunden, die nur die Zeichen der mechanischen Gewebsdurch
trennung darbieten,· in infizierte Wunden, bei denen die Infektion mit
Mikroorganismen Entzundung veranla.Bt hat, in verunreinigte Wunden,
bei denen Verunreinigung mit Schmutz, Staub, mitgerissenen Fremdkorpern
und mit zufiilligen Einlagerungen erfolgt ist, in vergiftete WundeD, in
die ein cliemisch giftiger Korper, z. B. durch Insektenstich, eingedrungen
Allgemeines iiber Augenwunden. 893
ist, und schlieBIich in Wunden mit verbranntem oder veratztem
Wundrand, die z. B. durch scharfe gliihende metallische Fremdkorper
veranlaLlt werden. .Je nach der Richtung des verwundenden Fremdkorpers
entstehen senkrecht oder schrag die Gewebe durchtrennende Wunden, bei
tangentialer Schnittrichtung Lappenwunden oder Wunden mit Substanz
verlust.
Diagnose. Wunden sind leicht zu erkennen, nur ganz kleine Wunden
oder bereits verklebte und vernarbte Wunden konnen entgehen. Bei jeder
Wunde hat man die Lage, Form, Richtu~g, Gro£e und Tiefe genauer fest
zustellen und sich klar zu werden, . was alles mitverletzt ist. Am besten
fertigt man, zumal zu Zwecken der spateren Begutachtung, so fort liber
den Befund der Wunde eine Skizze an. Bei Wunden des AugapfeIs ist das
Wichtigste die Feststellung, ob die Wunde penetrierend ist oder nicht. Bei
penetrierenden Wunden hat man in jedem Fall auf das genaueste nachzu
forschen, ob etwa der verletzende Fremdkorper noch im Auge steckt. In
den meisten Fallen wird man nach der Anamnese, dem Aussehen der Wunde
und nach dem sonstigen Befund die Frage sicher entscheiden konnen, in
manchen Fallen aber ist die Entscheidung schwierig oder unmoglich. Man
hat in solchen zweifelhaften Fallen aIle diagnostischen HilfsmiUeI auf Vor
handensein eines Fremdkorpers heranzuziehen (Rontgendurchleuchtung, Side
roskop, diagnostische Benutzung des starken Magneten usw.).
Bei Wunden seitlich yom Bulbus hat man festzusteIIen, ob sie nur
oberfliichlich sind oder etwa bis in die Orbita reichen, da die Eroffnung
der Orbita von der weitgehendsten Bedeutung ist und perforierende Orbital- .
verletzungen lebensgefahrIich werden konnen. Man hat hier, abgese'hen von
der Untersuchung der Wunde und Feststellung ihrer Tiefe durch Sondierung,
die sonstigen Zeichen einer Orbitalverletzung, .E xophthalmus, Sehstorung,
Beweglichkeitsbeschrankung und' Folgen der Orbitalblutung zu beachten
und hat bei nachweisbarer Orbitalverletzung genau nachzuforschen, ob ein
Fremdkorper zuriickgeblieben ist. Auch hat man stets festzusteIlen, ob die
Nebenhohlen, vor all em die Schiidelhohle, mit erOffnet sind und besonders
auf Gehirnerscheinungen zu fahnden.·
In jedem Fall von Verwundung hat man sich die Frage vorzulegen,
ob Anzeichen der erfolgten Infektion bestehen, oder ob die vorliegenden
Symptome dem Grad der auf diemechanische Liision foIgenden Reaktion
entsprechen. Die. Entscheidung ist Ieicht bei eitriger oder ausgesprochen
fibrinos-plastischer, exsudativer Entzlindung, dagegen bei weniger hoch
gradig exsudativer Entzilndung schwer.
Bei Bulbuswunden hat man festzusteIIen, ob Teile aus dem Bulbus
innern eingeklemmt oder vorgefallen sind, da aIle Einlagerungen stets den
schnellen und festen Verschlu£ der iiu£eren Wunde hindern und damit die
Gefahr fUr nachtragliche Infektion erhUhen. AuRerdem hat man bei jeder
57*
894 XVII. Wagenmann, Verletzungen des Auges.
Wunde auf Verunreinigung mit fremden mitgeschleppten Substanzen, unter
denen bei Bulbuswunden die Zilien eine besonders grofle Rolle spielen, zu
achten. Dei jeder VerJetzung ist eine muglichst schonende vorlaufige Funk
tionspriifung anzustellen, da die Anderung der Funktionen wahrend der
Heilung wichtige 8chliisse gestattet und da die Funktionspriifung Aufschlufl
liber die MitverJetzung der Tiefe gibt, besonders bei Medientriibung, die die
Augenspiegeluntersuchung verhindert. Und schliefllich hat man bei der
ersten Untersuchung sofort das andere Auge einer vorJaufigen kurzen Unter
suchung zu unterziehen. Bei alteren Fallen mufl man auseinander halten,
was von den, Veranderungen im unmittelbaren Anschlufl an die Verwundung
aufgetreten und was als nachtraglicher Folgezustand der Verletzung anzu
sehen ist.
Ober die Heilungsvorglinge an den Augenhiiuten nach Verwundung.
§ 462. Die feineren Vorgiinge bei der Heilung von Hornhautwunden
sind wiederholt Gegenstand experimenteller Untersuchung besonders am Kaninchen
gewesen. Vielfach sind Verwundungen del' Hornhaut benutzt, urn allgemeinere
biologische und histologische Fragen iiber Zellteilung, Gewebsregeneration usw.
zu studieren. .
Uber die Art del' HeHung von perforiercnden Hornhautwunden haben
zuerst GUTERBOCK (1 870) und dann GUSSENBAUER (I 871) Versuche an Kaninchen
und Friischen angestellt. Weiter sind zu' nennen die Arbeiten von v. WYSS
(4876), del' zuerst die Proliferation der Epithelien betonte, von NEESE (1887),
der die Vernarbung bis zum 30. Tage verfolgte und (lie Vorgiinge in den wesent
lichsten Punkten richtig beschrieb, von RANVIER (I 896, 1 898), MONESI (1 899),
MASUGI (4901), del' nul' die fruhen Stadien bis 48 Stunden untersuchte, von
MARCHAND (1901), WEINSTEIN (1903), del' die Vernarbung bis zum 120. Tage
verfolgte, von RETTERER (I 90:~), von GERMANI (1906), HENDERSON (1907), SALZER
(1912), BONNEFON et LACOSTE (1912), LANDREAU (1912), HANKE (1915).
Die Wundheilung einfacher perforiercnder Schnittwunden der Kornea
verliiuft in folgender Weise.
Die Wunde fiingt nach w.enigen Minuten an sich zu schlieflen, nach
ca. 1/4 Stun de ist die vordere Kammer vollstiindig hergestellt. Dieser erste
primiire Verschlufl kommt im wesentlichen durch eine Verklebung mit Fibrin
zustande, da das Kammerwasser infolge des Kammerwasserabflusses fibrinhaltig'
geworden ist. Und zwar findet die erste Vereinigung an del' mittleren Partie
des Wundkanals statt. Durch die Elastizitiitsverhiiitnisse del' Kol'llea kommt es
zu einer leichten Retraktion des iiufleren und zu einer etwas stiirkeren des
inneren Wundrandes, wiihrend die mittleren Partien bei kleinen Wunden sich
beriihren, bei griifleren klaffenden relativ mehr angeniiherf bleiben. Dadurch
wird ein vorderer und hinterer Wundtrichter gebildet. Die Anniiherung del'
mittleren Partie wird dadu['ch begunstigt, dafl die Hornhautlamellen am Schnitt
rand durch Imbibition mit Kammerwasser sofort etwas aufquellen. Wenn bei
kleinen Wunden diese gequoUenen Fasel'll del' mittleren Partie direkt anein
ander gelagert sind, so kann man von einem »primiiren lamelliiren« Verschlufl.
sprechen. Der hintere Wundtr'ichter wird durch einen dicken Fibrinpfropf, aus
dem Kammerwasser stamm end, verschlossen, der aber wahrend der. niichsten