Table Of ContentHANDBUCH DER
MIKROSKOPISCHEN ANATOMIE
DES MENSCHEN
BEARBEITET VON
A.BENNINGHOFF . M.BIELSCHOWSKY· S. T.BOK · J.BRODERSEN· H.v. EGGELING
R. GREVING . G. HAEGGQVIST . V. v. HALLER . A. HARTMANN . R. HEISS
T. HELLMAN· G. HERTWIG . H. HOEPKE . A. JAKOB· W. KOLMER . J. LEHNER
A. MAXIMOW . G.MINGAZZINI . W. v.MOLLENDORFF . V.PATZELT . H.PETERSEN
W. PFUHL . B. ROMEIS . J. SCHAFFER· R. SCHRODER· S. SCHUMACHER· E. SEIFERT
H. SPATZ . H. STIEVE· PH. STOHR · F. K. STUDNICKA. A. v. SZILY .' E. TSCHOPP
C. VOGT . O. VOGT . F. WASSERMANN . F. WEIDENREICH . K. W. ZIMMERMANN
HERAUSGEGEBEN VON
WILHELM v. MOLLENDORFF
RIEL
FDNFTER BAND
VERDAUUNGSAPPARAT
ERSTER TElL
MUNDHOHLE . SPEICHELDRDSEN . TONSILLEN
RACHEN . SPEISEROHRE . SEROSA
BERLIN
VERLAG VON JULIUS SPRINGER
1927
VERDAUUNGSAPPARAT
ERSTER TEIL
MUNDHÖHLE· SPEICHELDRÜSEN . TONSILI~EN
RACHEN· SPEISERÖHRE· SEROSA
BEARBEITET VON
s.
T. HELLMAN-LUND . SCHUMACHER-INNSBRUCK
E. SEIFERT-WÜRZBURG . K.W. ZIMMERMANN-BERN
MIT 276 ZUM TEIL FARBIGEN
ABBILDUNGEN
BER]~IN
VERLAG VON JULIUS SPRINGER
1927
ISBN 978-3-642-51217-9 ISBN 978-3-642-51336-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-642-51336-7
ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER "UBERSETZUNG
IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN.
COPYRIGHT 1927 BY JULIUS SPRINGER IN BERLIN.
SOFrCOVER REPRINT OF THE HARDCOVER 1ST EDmON 1927
Inhaltsverzeichnis.
Seite
A. Die Mundhöhle. Von Professor Dr. S. SCHUMACHER, Innsbruck. (Mit 15 Abbildungen) 1
1. Allgemeines. . . . . . . . I
H. Entwicklungsgeschichtliches. 5
Ur. Vergleichendes 6
IV. Die Lippen . 7
V. Die Backen. . 14
VI. Der Gaumen . 23
1. Der harte Gaumen 23
2. Der weiche Gaumen und das Zäpfchen . 26
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
B. Die Zunge. Von Professor Dr. S. SCHUMACHER, Innsbruck. (Mit lOAbbildungen) 35
I. Der Muskelkörper . . . . . . 35
H. Regionäre Verschiedenheiten . 37
IH. Die Zungenpapillen . . . . 41
1. Die Papillae filiformes. . 41
2. Die Papillae fungiformes. 45
3. Die Papillae vallatae 46
4. Die Papillae foliatae . 49
IV. Blut- und Lymphgefäße . 50
V. Entwicklungsgeschichtliches. 52
VI. Vergleichendes . . . . . . 54
Literatur. . . . . . . . . . . 58
C. Die Speichehlrüsen der lUundhöhle und die Bauchspeicheldrüse.
Von Professor Dr. K. W. ZIMMERMANN, Bern. (Mit 186 Abbildungen) 61
Allgemeines. . .. ...... 61
I. Einteilung der Speicheldrüsen . 61
II. Die Form der Speicheldrüsen . 63
A. Die Hauptstücke. . . . . . 66
1. Endkomplexe gemischter Schläuche ("Halbmonde"). 68
a) Die Ersatzzellentheorie . . . . . . . . . . 69
b) Die Phasentheorie . . . . . . . . . . . . 70
c) Die M. HEIDENHAINsche Adenomerentheorie 72
2. Das Epithel der Hauptstücke. . 78
a) Die Eiweißzellen . . . . . . . . . . 78
a) Der Kern der Eiweißzellen . . . . 80
ß) Das Mikrozentrum der Eiweißzellen 85
r) Die Basallamellen . . . . . . . . 86
0) "Throphospongium" und "Binnengerüst" der Eiweißzellen . 93
a) Die Plastosome der Eiweißzellen . . . . . 95
n
Die Sekretgranula der Eiweißzellen . . . . 96
1. Die GOLDSCHMIDTsche Chromidialtheorie 98
2. GARNIERS Ergastoplasmatheorie. . . . . 98
3. Beziehung des "Binnengerüstes" zur Sekretion 99
4. Die Plastosome als Quelle der Sekretbildung in den albumi-
nösen Zellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
5. Die fertigen Zymogengranula der albuminösen Zellen. . . . 104
VI Inhaltsverzeichnis
Seite
6. Wasserabsonderung und Ortsveränderung der Sekretgranula in
den Eiweißzellen. Exkretion. . . . . . . . . . 109
1) Die Verbindung der albuminösen Zellen miteinander 111
b) Die Schleimzellen. . . . . . . . . 112
a) Besonderheiten der Schleimzellen . 112
{J) Der Kern der Schleimzellen . . . . 117
r) Die Zentrierung der Schleimzellen. U7
cJ' Besitzen die Schleimzellen Basallamellen? 118
E) Das Throphospongium oder Binnengerüst der Schleimzellen 118
,) Die Plastosome der Schleimzellen . . . . . 120
1) Sekretion und Exkretion der Schleimzellen. . 121
t) Die Verschleimungstheorie M. HEIDENHAINS. . 121
c) Fetttröpfchen in den Zellen der Speicheldrüsen 126
d) Pyknocyten . . . . . . . . . . . . . . . . 128
e) Die Basalzellen (Korbzellen, Myoepithelzellen) 130
B. Die Abflußwege der Speicheldrüsen. . . . . . . 137
1. Die Exkretwege der Hauptstücke . . . . . . . 137
2. Das Ausführungsgangsystem der Speicheldrüsen 140
a) Die Isthmen oder Halsstücke . . . . . . . 140
b) Die Streifenstücke . . . . . . . . . . . . 144
c) Die Ausführungsgänge der Mundhöhlendrüsen im engeren Sinne 148
C. Regenerationserscheinungen an den Epithelzellen der Speicheldrüsen. 153
D. Das Bindegewebe der Mundspeicheldrüsen . 157
E. Die Blutgefäße der Mundspeicheldrüsen 160
F. Der Lymphapparat der Speicheldrüsen. 161
G. Die Nerven der Mundspeicheldrüsen. 162
Spezieller Teil . . . . . . . . . . . . . . 165
I. Die Drüsen des Vorhofs der Mundhöhle. 165
A. Ohrspeicheldrüse (GIandula), Parotis . 165
1. Ohrspeicheldrüse des Erwachsenen 165
2. Die Ohrspeicheldrüse des Neugeborenen 171
B. Die Lippen- und Wangendrüsen . . . . . . 173
1. Die Lippendrüsen, GI. labiales superiores et inferiores. 173
2. Die Wangendrüsen, GI. buccales. . . . . . . . . . . 176
11. Die Drüsen der Mundhöhle im engeren Sinne . . . . . . . 177
A. Drüsen am Boden der Mundhöhle, Glandulae glossomandibulares. 177
1. Die Unterkieferdrüse, GIandula mandibularis (submaxillaris) . . 182
2. Die Unterzungendrüsen, GI. sublinguales . . . . . . . . . . . 192
3. Die zusammengesetzten Mundbodendrüsen, Glandulae glossomandibulares
compositae. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
B. Die Drüsen der Zunge, GI. linguales. . . . . . . . . 202
I. Die vorderen Zungendrüsen, GI. linguales anteriores. 202
2. Die hinteren Zungendrüsen, GI. linguales posteriores 205
a) Die albuminösen Zungendrüsen . . . . . . . 205
b) Die Schleimdrüsen des Zungengrundes . . . . . 210
C. Die unteren Gaumendrüsen, GI. palatinae inferiores. . 210
111. Die "BERMANNschen" rudimentären und atrophischen Drüsen . 213
IV. Der Speichel, Saliva. . . . . . . . . . . . . 214
V. Die Bauchspeicheldrüse, Pankreas. . . . . . . 215
VI. Diagnostik der vier wichtigsten Speicheldrüsen. 229
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
D. Der lymphatische Rachellring. (Der WALDEYERsche Schlundring. Die Tonsillen.
Der lymphoepitheliale Schlundring). Von Professor Dr. T. HELLMAN, Lund.
(Mit 21 Abbildungen). 245
I. Allgemeines 245
11. Morphologie . . 248
Inhaltsverzeichnis VII
Seite
1. Die Gaumentonsillen (Tonsillae palatinae. Die Gaumenmandeln. Die
Mandeln) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
2. Die Zungentonsille (Die Zungenmandel. Tonsilla lingualis) . . . . . . 260
3. Die Rachentonsille (Die Pharynxtonsil1e. Die Rachenmandel. LuscHKAs
Tonsille). . . . . 264
4. Die Lymphbahnen 266
IH. Embryologie . . . . 269
IV. .Altersanatomie . . . 272
V. Vergleichende .Anatomie. 275
VI. Physiologie. . . . . . . 277
Literatur . . . . . . . . . . 283
E. Der Schlundkopf. Von Professor Dr. S. SCHUMACHER, Innsbruck. (Mit 4.Abbildungen) 290
I. .Allgemeines. Einteilung. .Abgrenzung 290
11. Bau der Wandung. . . 292
IH. Drüsen und lymphoides Gewebe . . . 296
IV. Blut- und Lymphgefäße . . . . . . . 299
F. Die Speiseröhre. Von Professor Dr. S. SCHUMACHER, Innsbruck. (Mit19.Abbildungen) 301
I . .Allgemeiner Bauplan. .Abgrenzung. 301
H. Epithel . . . . . . . . 303
IH. Drüsen. . . . . . . . . . . . 308
1. Glandulae oesophagae . . . 309
2. Kardiale Oesophagusdrüsen. Magenschleimhautinseln . 316
IV. Lamina propria. Lymphoides Gewebe 320
V. Muscularis mucosae . . . . . . . 324
VI. Submucosa. Elastisches Gewebe. 326
VH. Tunica muscularis. . . 327
VIII. Tunica adventitia. . . . . . . . 331
IX. Blut- und Lymphgefäße . . . . . 331
Literatur (Schlundkopf und Speiseröhre) 332
G. Peritoneum einschließlich Netz. Von Professor Dr. E. SEIFERT, Würzburg.
(Mit 21 .Abbildungen). . . . . . . . 337
I. Peritoneum parietale et viscerale. . . . . . . . . . . . 337
11. Omentum majus. . . . . . . 340
IH. Omentum minus, Mesenterium, Mesangien und Ligamente. 349
IV. Pathologie. . . 355
Literatur ..... 358
Namenverzeichnis. 361
Sachverzeichnis .. 367
A. Die Mundhöhlei).
Von
S. SCHUl\IACHER
Innsbruck.
Mit 15 Abbildungen.
I. Allgemeines.
Die ganze Mundhöhle, und zwar sowohl das Vestibulum wie auch das eigent
liche Cavum oris, wird von einer im allgemeinen ziemlich dicken Schleim
haut ausgekleidet, die aus geschichtetem Pflasterepithel und der
bindegewe bigen Lamina propria besteht. Eine Lamina muscularis mu
cosae fehlt allenthalben, so daß eine scharfe Abgrenzung der eigentlichen Schleim
haut von dem darunter liegenden Bindegewebe, der Tela submucosa, unmöglich
wird. Letztere ist nur an jenen Stellen deutlich ausgebildet, wo die Schleimhaut
gegen die Unterlage leicht verschiebbar ist wie am Boden der Mundhöhle, an
den Wangen und am Gaumensegel. Die Schleimhaut erscheint infolge der reich
lichen Gefäßversorgung rot und zeichnet sich durch bedeutende Festigkeit aus,
ist dabei aber auch beträchtlich dehnbar.
Die Schleimhaut, welche die Mundhöhle sowie den Pharynx und Oesophagus
auskleidet, gehört zur Gruppe der kutanen Schleimhäute. Diese sind nach
ELLENBERGER (1911) ausgezeichnet durch ein aus vielschichtigem Pilasterepithel
bestehendes starkes Oberhäutchen, das stellenweise Verhornungserscheinungen
zeigen kann, weiterhin durch die derbe, feste Beschaffenheit der aus dichtver
flochtenem fibrillären Bindegewebe aufgebauten Lamina propria und durch das
Vorkommen eines Papillarkörpers an der letzteren. Im Gegensatz zu den kutanen
Schleimhäuten sind die echten Schleimhäute von einem weichen Zylinder
epithel, das Flimmerhaare tragen kann, bekleidet; ihre Lamina propria ist zart,
besitzt keine Papillen und besteht aus mehr retikulärem Bindegewebe, das viel
fach lympho-retikulären Charakter annimmt.
An die Schleimhaut, bzw. Submucosa schließt sich je nach den verschie
denen Örtlichkeiten Knochen oder quergestreifte Muskulatur an; glatte Musku
latur kommt als wandbildender Bestandteil für die Mundhöhle nicht in Betracht.
Das Epithel zeigt die typische Anordnung des geschichteten Pflaster
epithels mit seinen verschiedenen, sich allmählich gegen die Oberfläche hin mehr
und mehr abplattenden Zellformen und unterscheidet sich von der Epidermis
vor allem dadurch, daß, wenigstens beim Menschen, im allgemeinen keine Ver
hornung der oberflächlichen Zellschichten eintritt, so daß also auch die obersten
platten Zellagen kernhaltig sind. Im Bereiche der ganzen Mundhöhle erfolgt
eine sehr lebhafte Abstoßung der oberflächlichen Zellen, insbesondere
1) Abgeschlossen am 22. März 1926.
Handbuch der mikroskopischen Anatomie. V/I. la
2 S. SCHUMACHER: Die Mundhöhle.
an jenen Stellen, die mechanisch (beim Kauen und Sprechen) stark in Anspruch
genommen sind, so daß demgemäß auch für einen reichlichen Nachschub von
Zellen in den tieferen Schichten des Epithels gesorgt werden muß. Die ab
gestoßenen Zellplatten sind stets in verschieden großer Menge im Mundhöhlen
speichel zu finden (Abb. 1). Im Gegensatz zur Epidermis ist das Epithel der
Mundhöhle viel leichter für Flüssigkeiten durchgängig, was vor allem durch das
Fehlen der verhornten Schichten erklärlich erscheint.
Die Dicke des Mundhöhlenepithels schwankt entsprechend der verschiedenen
Zahl der Zellschichten, die sich'an seinem Aufbau in den verschiedenen Gegenden
beteiligen, innerhalb beträchtlicher Grenzen; im Mittel bildet es nach v. EBNER
ein 220-450!t dickes, durchscheinendes, weißliches Häutchen von bedeutender
Biegsamkeit, aber geringer Festigkeit. Am dünnsten ist das Epithel am Boden
der Mundhöhle und an den Schleimhautduplikaturen (TOLDT). Die Zellen des
Stratum cylindricum sind 13-20 ft hoch, ohne deutliche Intercellularbrücken.
Über ihnen folgen mehrere Lagen 9-11 großer, polyedrischer Flügelzellen
,lt
mit gut ausgebildeten Intercellularbrücken und unter stets zunehmender Ab
plattung gehen diese in die 45-80!t Durchmesser zeigenden oberflächlichen
Zellplättchen über. Es ist jedoch zu bemerken, daß die oberflächlichen Zellen
nicht überall den gleich hohen Grad der Abplattung erreichen, indem sie manch
mal etwas aufgetrieben, verquollen erscheinen. Die Größe der Kerne beträgt
nach KÖLLIKER in den kleinsten Zellen 4,5-6,7 ft, in den polyedrischen Zellen
9-13 ft, in den Plättchen der Oberfläche 9-11!t in der Länge, 3,3-4,5 ft in
der Breite bei starker Abplattung, während die Kerne der mittleren Schichten
sich mehr der Kugelform nähern. An fixierten und gefärbten Präparaten zeigen
die Kerne der tieferen Schichten Chromatingerüste und Nucleolen, die Kerne
der oberflächlichsten Schichten erscheinen in der Flächenansicht oft wie leere,
von einer Kernmembran umgebene Räume, in der Seitenansicht wie gleichmäßig
dunkel gefärbte Streifen (v. EBNER).
Der Zellkörper zeigt in den Zellen der tieferen Schichten undeutlich fädige
Struktur und enthält feine Körnchen und in den oberflächlichen Zellagen an
manchen Stellen (Lippe und Papillae filiformes) größere von fettartigem Glanze,
welche aus Keratohyalin bestehen und nach H. RABL (1896) und CUTORE (1916)
wahrscheinlich aus den Zellkernen hervorgehen. Namentlich die abgeplatteten,
oberflächlichen Zellen lassen eine deutliche, sich dunkler färbende Außenschicht
erkennen, die eine Zellmembran vortäuschen kann, aber nicht als solche aufgefaßt
werden darf, da sie nicht als eine Haut isolierbar ist; sie stellt vielmehr eine
dichtere Exoplasmaschicht dar, welche ohne scharfe Grenze in das wasserreichere
Endoplasma übergeht. Die Zellen der mittleren und oberflächlichen Lagen sind
sehr glykogenreich. In den Epithelzellen der Zunge wurden Centrosomen neben
den Kernen von ZIMMERMANN (1898) nachgewiesen.
Die Lamina propria der Schleimhaut trägt allenthalben zahlreiche Papillen,
die in bezug auf Form und Zahl in den einzelnen Gegenden Verschiedenheiten
zeigen. Im allgemeinen ist die Höhe der Papillen proportional der Dicke
des Epithels, so daß die höchsten Papillen an jenen Stellen sich finden, die
mit dem dicksten Epithel bekleidet sind. Sehr klein, mitunter ganz rudimentär
sind sie nach TOLDT an den Duplikaturen der Schleimhaut (Frenulum linguae,
Plicae glossoepiglotticae, Arcus palatoglossus). Diese bindegewebigen Papillen
bedingen keine entsprechenden Vorragungen an der freien Oberfläche des Epi
thels und werden, da sie nur mikroskopisch sichtbar sind, als mikroskopische
(sekundäre) Papillen bezeichnet, zum Unterschiede von den nur im Bereiche
des Zungenrückens und der Zungenspitze (beim Neugeborenen außerdem auch
an den Lippen und der Wangenschleimhaut) vorkommenden makroskopischen
Allgemeines. 3
Papillen, die nicht nur bedeutend größer sind, sondern Vorragungen der ganzen
Schleimhaut - sowohl des Bindegewebes als auch des Epithels - bilden und
daher bei Betrachtung der Schleimhautoberfläche schon mit freiem Auge als
verschieden geformte Erhebungen sichtbar sind. Die mikroskopischen Papillen
sind kegel- bis fadenförmig, meist einfach, mitunter auch zweigeteilt, besitzen
nach v. EBNER eine Länge von 220-400,u und eine Breite von 45-90 ,It (in
den Extremen 54-630 fl Länge und 22-112.'l Breite) und stehen ohne weitere
Regelmäßigkeit so dicht beisammen, daß ihre Grundflächen sich fast berühren
und selten weiter abstehen als ihre eigene Breite beträgt. Eine eigentliche
Basalmembran als Grenzschicht zwischen Epithel und Bindegewebe, wie sie
im Respirationstrakt vorkommt und namentlich in der R. respiratoria der
Nasenhöhle zu mächtiger Ausbildung gelangen kann, fehlt im Bereiche der
Mundhöhle wie an allen kutanen Schleimhäuten.
Wie in den meisten Schleimhäuten, so ist auch hier die Lamina propria
dadurch gekennzeichnet, daß die Dicke der Fibrillenbündel von der Oberfläche
gegen die Tiefe hin zunimmt, während umgekehrt der Zellreichtum abnimmt; so
daß also die oberflächlichen Schichten der Schleimhaut durch außerordentlich
feine Fibrillenbündel ausgezeichnet sind. In den Papillen ordnen sich die Fibrillen
im allgemeinen überhaupt nicht mehr zu Bündeln, sondern bilden ein dichtes
Filzwerk von einzelnen Fibrillen, deren Hauptrichtung mit der Längsachse
der Papillen zusammenfällt. An jenen Stellen der Mundhöhle, wo sich Knochen
als Unterlage findet, stehen die tiefen Schichten der Schleimhaut mit dem Periost
in direktem und festem Zusammenhang, so daß infolgedessen die Schleimhaut
unverschieblich erscheint. Überall wo die Schleimhaut eine größere Verschieb
barkeit aufweist, verdankt sie dieselbe dem Vorhandensein einer locker gefügten
Tela submncosa. In letzterer findet sich neben den Bindegewebsbündeln
stets auch Fettgewebe, das in der Lamina propria der Schleimhaut fehlt. Dort,
wo Drüsen vorkommen, liegen dieselben zum größten Teil in der Submucosa und
verleihen derselben stets einen höheren Grad von Festigkeit.
Elastische Fasern sind nach v. EBNER im allgemeinen sehr zahlreich. Im
submukösen Gewebe bilden sie netzartige Umhüllungen um Gruppen von Binde
gewebsbündeln sowie um die dort verlaufenden größeren Gefäße. Gegen die
eigentliche Schleimhaut werden sie dünner und zarter und bilden häufig eine
dichter gewebte, netz artige Lage unter dem Epithel, die auch noch in die Pa
pillen eindringt.
Von Zellen finden sich in der Schleimhaut zunächst Bindegewe bszellen
(Fi brocyten), die namentlich in den Papillen und der oberflächlichen Lage der
Schleimhaut in reichlicher Menge vorhanden sind; ferner kommen vorzugsweise
längs der Blutgefäße basophile Körnerzellen (Mastzellen) vor, während
weiße Blutkörperchen im vorderen Abschnitte der Mundhöhle fast nur in
den oberflächlichsten Schichten der Schleimhaut zu finden sind und auch hier
nur in verhältnismäßig spärlicher Menge und mehr vereinzelt. Erst gegen die
Rachenenge hin treten Lymphocyten in außerordentlich großer Menge auf und
bilden vielfach Gruppen von miteinander verschmolzenen Lymphknötchen -
die Zungenbälge und Mandeln.
Überall dort, wo das lymphoide Gewebe bis an das geschichtete Pflaster
epithel heranreicht, findet eine lebhafte Durchwanderung von weißen
BI u t zell endu rch letzteres statt. Die im Mundhöhlenspeichel neben abgestoßenen
oberflächlichen Epithelzellen stets, aber in verschiedener Menge, vorhandenen
sogenannten Speichelkörperchen (Abb. 1) müssen mindestens in der über
wiegenden Mehrzahl ehemalige (mononucleäre) Lymphocyten sein, da die lympho
retikulären Organe der Mund- und Rachenhöhle fast nur Lymphocyten enthalten
1*
4 S. SCHUMACHER: Die Mundhöhle.
und man diese auch allenthalben in das Epithel eindringen sieht. Erst im weite
ren Verlaufe der Durchwanderung ändern sie ihre Beschaffenheit, indem sie
allmählich immer mehr die Eigenschaften von polymorphkernigen Leukocyten
annehmen, so daß die Speichelkörperchen kaum von letzteren zu unterscheiden
sind. Zwängen sich die Lymphocyten durch die engen Intercellularspalten des
geschichteten Pflasterepithels, so muß ihr ursprünglich kugeliger Kern hoch
gradig deformiert und wohl auch fragmentiert werden. Besitzt der Kern eine
geringere Plastizität als das
b~ Cytoplasma, so nimmt er auch
~, .. ... .: •. ;.' :, nach beendeter Durchwande
-.. . ~.." a.. ~,::: .. rsupnrügn gnliicchhetK umgeehlfro rsme ianne, sounr
dern bleibt gelappt oder frag
_ __ ~_7 mentiert. WEIDENREICH(1908)
faßt auch die Speichelkör
perchen als echte poly
morphkernige , neu tro
phile Leukocyten auf,
die sich durch Umwand
b lung der Lymphocyten
während der Wanderung
Abb.1. Körperliche Elemente des Mundhöhlenspeichels. durch das Epithel ge bil
(i Speichelkörperchen. b abgestoßene Epithelzellen von der Fläche,
b' von der Seite gesehen. Vergr. 560fach. det haben. Nach GÖTT (1907)
besteht die Veränderung der
durchgewanderten Lymphocyten darin, daß, sobald sie mit dem Speichel in
Berührung kommen, ihr Cytoplasma aufzuquellen beginnt und sich mit kleinen
Körnern anfüllt, welche denen der neutrophilen Leukocyten zu entsprechen
scheinen und stets lebhafte Molekularbewegung zeigen. Ihr bisher einfacher
Kern zerfällt in zwei oder mehrere kugelförmige Kerne, so daß schließlich eine
Zellform entsteht, welche einem gewöhnlichen polymorphkernigen Leukocyten
sehr ähnelt.
Die Drüsen der Mundhöhle (und zwar sowohl Wand- wie Anhangsdrüsen)
gehören, mit Ausnahme der in der Ubergangszone der äußeren Haut in die
Schleimhaut noch vorkommenden Talgdrüsen, dem Typus der Speicheldrüsen
im weiteren Sinne des Wortes an. Einzellige Drüsen in Form von Becherzellen,
wie sie in großer Menge in dem mit mehrreihigem Flimmerepithel ausgekleideten
Teil des Respirationstraktes vorkommen, fehlen wie überall im Bereiche des
geschichteten Pflasterepithels so auch in der Mundhöhle vollkommen. Eine ge
wisse Gesetzmäßigkeit in der Gruppierung der verschiedenen Arten von Speichel
drüsen läßt sich insofern feststellen, als die gemischten Drüsen im Vesti
bulum oris und in der Zungenspitze vorkommen (Gland. labiales, Gland.
buccales und Gland. lingualis anterior), die serösen Drüsen in der Ge
schmacksgegend der Zunge und die reinen Schleimdrüsen im hinteren
Abschnitt der Mundhöhle (Gland. palatinae, Drüsen der Gaumenbögen) und
am Zungengrunde.
Die Blutgefäße der Mundhöhlenschleimhaut, Arterien sowohl wie Venen,
ordnen sich zu zwei räumlich getrennten, flächenartig ausgebreiteten, über
einander liegenden Netzen. Das tiefere, in der Submucosa gelegene, enthält
die reichlich untereinander anastomosierenden Verästigungen der zu- und ab
führenden Gefäße. Von ihm aus dringen zahlreiche feinere Gefäßchen in die
Lamina propria ein, aus denen sich durch reichliche, dichotomische Teilungen
und gegenseitige Anastomosen das oberflächlichere, feinere und engmaschigere