Table Of ContentDie "Monographien aus dem Gesamtgebiete der Neurologic und Psychiatrie" stellen eine
Sammlung solcher Arbciten dar, die einen Einzelgegenstand dicscs Gebietes in wissenschaftlich
methodischer Weise behandeln. Jede Arbeit soli ein in sich abgeschlossenes Ganzes bilden. Diese
Vorbedingung liifit die Aufnahmc von Originalarbeiten, auch solchen grofieren Umfanges, nicht zu.
Die Sammlung mochte damit die Zeitschriften "Archiv fur Psychiatrie und Nervcnkrankheiten,
vereinigt mit Zcitschrift fur die gcsamte Neurologie und Psychiatric", und "Deutsche Zeitschrift
fur Nervenheilkunde" erganzen. Sie wird deshalb Abonnenten zu einem Vorzugspreis geliefert.
Manuskripte nehmen entgegen
aus dem Gebiete der Psychiatrie: Prof. Dr. M. MULLER,
Rufenacht (Bern),
Hinterhausstrafie 28
aus dem Gcbiete der Anatomie: Prof. Dr. H. SPATZ,
6 Frankfurt (Main)-Niederrad,
Deutschordenstrafie 46
aus dem Gebiete der Neurologie: Prof. Dr. P. VOGEL,
69 Heidelberg, Vofistrafie 2
Monographien aus dem Gesamtgebiete der Neurologie
und Psychiatrie
Heft 121
Herausgegeben von
M. Muller-RUfenacht (Bern) . H. Spatz-Frankfurt
P. Vogel-Heidelberg
RudolfWyss
Unzucht mit Kindern
Untersuchungen zur Frage der sogenannten Padophilie
Springer-Verlag Berlin· Heidelberg· New York 1967
Privatdozent Dr. med. RUDOLF Wyss, Direktor der
kantonalen Heil-und Pflegeanstalt Munsingen/Schweiz
ISBN-13: 978-3-540-03939-6 e-ISBN-13: 978-3-642-88580-8
DOl: 10.1007/978-3-642-88580-8
All. Rechte, insbesondere cia. dcr Obetsetzung in ftemde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdtiickliche Genchmigung des Vedage.
iot •• ouch nicht gestattet, di. ... Buch odet Telle datau. auf photomcchanischem Wege (Photokopi., Mikrokopie) odet auf andere
Art zu vervielfiltigen
© by Springer-Verlag Berlin • Heidelberg 1967
Library of Congtess Catslog Card Number 67-25994
Die Wiedergabe voo Gebtauchsnamen. Hande1snamen, Warenbezeichnungen u.w. in diescm Werk berechtigt ouch ohne beaondere
Kennzeichnuog nicht Zu dcr Annahme, daJl .olche Namen im Sinoe dcr Warenzeichen-und Markenschutz-Ge. .t zgebung al. frei
zu betrachten wiren und daher von jedermann benutzt w.rden diirften
Titel-Nr. 6453
Inhaltsverzeichnis
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .,. . .'. 1
Die Personlichkeit der padophilen Tater in der psychiatrischen Literatur . 4
Das Untersuchungsmaterial 9
Die Delikte . . . . . 11
Das Ziel der De1ikte 12
Frequenz und Haufigkeit der Delikte . 12
Die Opfer ..... . 12
Die Zahl der Opfer . . . . . . . 12
Das Alter der Opfer . . . . . . . 13
Altersgruppen der Opfer und Delikt 14
Altersgruppen der Opfer nach Geschlecht 14
Die Probanden 15
Die Herkunft der Probanden . 15
Stadt - Land. . . . . . 15
Die familiare Herkunft. . 15
Die Erziehungsverhaltnisse 19
Die Erziehungsresultate . . 20
Beziehungen zur Umwelt wahrend der Kindheit der Probanden . 20
Kinderneurotische Zeichen . 20
Der Schul gang . . . . . . 21
Beruf und Arbeitsverhalten 21
Die sexuelle Entwicklung 22
Eintritt der Geschlechtsreife. 22
Sexuelle Erfahrungen als Kind . 23
Onanie .......... . 23
Sexuelle Spielereien mit anderen Kindern 23
Kindliche sexuelle Erfahrungen mit Erwachsenen 24
Sexuelle Erfahrungen zwischen dem 16. und 20. Lebensjahr . 24
Die Sexualitat der Probanden im Erwachsenenalter . 24
Der Zivilstand der Probanden . 28
Das Heiratsalter . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Die Ehen der Probanden . . . . . . . . . . . . 28
Die Beziehungen der Probanden zur Umwelt zur Zeit der Begutachtung . 29
Vorstrafen und Riickfalle . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Die Vorstrafen der Probanden. . . . . . . . . . . . . 29
Die strafrechtlich erfaBten Riickfalle seit der Begutachtung . 30
Die Deliktintensitat nach der Art des padophilen Vergehens 32
Die psychiatrischen Diagnosen 32
Die Beziehungen zwischen Tater und Opfer. 34
Die Einstellung zum Delikt. . . . . . . . 35
Inhaltsverzeichnis
Das Wissen urn die Strafbarkeit. . . 35
Die affektive Reaktion auf die Tat 36
Das subjektive Erleben bei der Tat 37
Die Zurechnungsfahigkeit . . . . 39
Der Triebnotstand . . . . . . 40
Die psychiatrisch-forensisch aIs zurechnungsfahig beurteilten Probanden . 40
Gibt es psychisch »normale" oder »gesunde" Padophile? . 41
Zusammenfassung 41
Die Beziehungen zwischen Entwicklung- und Personlichkeitsmerkmalen der Probanden
und den nach Art des padophilen Delikts unterschiedenen Tatergruppen . 43
Die Merkmale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
Merkmale beziiglich der familiaren Konstellation. . . . . 43
Merkmale beziiglich der Erziehungsform und -ergebnisse. . 44
Merkmale beziiglich sexueller Erfahrungen in der Kindheit . 44
Merkmale beziiglich sexueller Erfahrungen in der Adoleszenz . 44
Merkmale beziiglich besonderer sexueller Verhaltensweisen im Erwachsenenalter . 45
Merkmale im Bereich neurotischer Storungen in der Kindheit. . . 45
Merkmale im Bereich neurotischer Storungen im Erwachsenenalter . 45
Andere Merkmale psychopathologischer Art . 45
Merkmal der abgeschlossenen Berufslehre . . . . 46
Merkmal der Vorstrafen und Riickfalle . . . . . 46
Die padophilen Tatergruppen nach Art des Deliktes . 46
Die Tafel der Korrelationskoeffizienten . . . . 47
Die Interpretation der Zusammenhange zwischen em em einzelnen Merkmal und den
verschiedenen padophilen Tatergruppen . . . 47
Familiare Konstellation und padophile Tatergruppen 47
Erziehungsform und -ergebnisse und padophile Tatergruppen 49
Sexuelle Erfahrungen in der Kindheit und padophile Tatergruppen . 50
Sexuelle Erfahrungen in der Adoleszenz und piidophile Tiitergruppen . 52
Besondere sexuelle Verhaltensweisen im Erwachsenenalter und padophile Tater-
gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
Neurotische Storungen in der Kindheit und padophile Tiitergruppen. . . . .. 54
Neurotische Storungen im Erwachsenenalter und piidophile Tatergruppen . .. 55
Andere psychopathologisch bedeutsame Merkmale und padophile Tatergruppen 55
Abgeschlossene Berufslehre und piidophile Tatergruppen. . . . . . . . . 57
Vorstrafen, Riickfiille und piidophile Tatergruppen. . . . . . . . . . . 57
Die Interpretation der Zusammenhange zwischen einer einzelnen padophilen Tater-
gruppe und den verschiedenen Entwicklungs- und Personlichkeitsmerkmalen 58
Die homosexuell-padophile Tatergruppe und ihre Merkmale. . . . . 58
Die heterosexuell-padophile Tatergruppe und ihre Merkmale. . . . . 59
Die sowohl hetero- als auch homosexuell-padophile Tatergruppe und ihre Merk-
male . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
Die Tatergruppe mit padophilen Inzestdelikten und ihre Merkmale. . 60
Die Tatergruppe mit padophilen Delikten an Kindem unter 8 Jahren und ihre
Merkmale ............................... 61
Die Tiitergruppe mit padophilen Delikten an 8-12jahrigen Kindem und ihre
Merkmale ............................... 62
Die Tatergruppe mit padophilen Delikten an Kindem von 13-14 Jahren und
ihre Merkmale ........... . . . . . . . . . . 63
Die Tatergruppe, die wegen padophiler Delikte vorbestraft ist oder riickfallig
wurde, und ihre Merkmale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
Die Altersgruppen der Probanden und die Art ihrer padophilen Delikte. . . . . 65
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung .......... . 66
Zur Frage der "padophilen Personlichkeit" . 66
Der Verfall an die Sinnlichkeit. . . . . 67
Zunehmende Frequenz, abnehmende Satisfaktion . 68
Promiskuitat und Anonymitat. . . . . . . . . 68
Ausbau von Phantasie, Praktik und Raffinement . 68
Das siichtige Erleben . . . . . . . . . 69
Die Periodizitat der dranghaften Unruhe 69
Zum Begriff der sexuellen Perversion 69
SchluBbemerkung 70
Literatur ..... 71
Einleitung
r.
"Unzucht mit Kindern - das Sexualdelikt unserer Zeit" iiberschreibt NASSE 1954
eine Abhandlung iiber Ursachen und Bekampfung dieser Erscheinung. Eine Zunahme
dieser Deliktsart und vor allem eine Steigerung der emotionalen Anteilnahme der
tHfentlichkeit scheint, namentlich seit dem Kriege, tatsachlich weltweit nachweisbar
(SCHULTZ). In der Schweiz wurden 1942 wegen Sittlichkeitsdelikten, die in der groBen
Mehrzahl unziichtige Handlungen mit Kindern sind, von 100000 strafmiindigen
Mannern 66,2 bestraft, im Jahre 1952 waren es 111,9 und 1961 gar 137,1. Vergleichs
weise sei erwahnt, daB im gleichen Jahre 1961 die Kriminalitatsziffer fiir Vermogens
delikte der mannlichen Bevolkerung 366 betrug, diejenige der Vergehen gegen den
offentlichen Verkehr 191,6, wahrend alle anderen Straftatsbestande erst in weitem
Abstande folgen. Eine Erhohung der Kriminalitatsziffer beweist allerdings noch keine
absolute Zunahme der entsprechenden Vergehen; sie konnte bedingt sein durch eine
scharfere Verfolgung von seiten der Behorden und durch eine hohere Bereitschaft der
Bevolkerung, solche Taten anzuzeigen. Beides triffi heute und hierzulande zu. Nach
LACHNER ist in Westdeutschland von 1953 bis 1960 die Zahl der wegen dieses Ver
brechens Verurteilten konstant geblieben. Trotzdem sind erfahrene Kriminologen
(SCHULTZ) der Oberzeugung, daB eine echte Vermehrung der Unzuchtsdelikte vor sich
geht; allerdings verunmoglicht die Dunkelziffer nach wie vor ganz stichhaltige Aus
sagen. Auch WYRSCH teilt diese Meinung und wundert sich, daB iiber die Personlichkeit
dieser Tater keine groBere Untersuchung bekannt sei.
Die Ursachen der wahrscheinlichen Zunahme sind kaum eindeutig zu erfassen.
SCHUL TZ zitiert eine Bemerkung LOMBROSOS, das Sittlichkeitsdelikt sei die Delinquenz des
Wohlgenahrten; er erwahnt die Schwierigkeiten, die dadurch entstanden, daB die Be
freiung der Sexualitat aus der starren Enge des viktorianischen Zeitalters zusammenfiel
mit einer Umwandlung der gesellschaftlichen Struktur, der es noch nicht gelang, die taug
lichen Grenzen verbindlich zu ziehen; er weist hin auf die allzu groBe Nachsicht unserer
Zeit gegeniiber der Sexualitat iiberhaupt, auf die iiberhandnehmende Infantilisierung
und die teilweise verantwortungslose erzieherische Nachlassigkeit der Erwachsenen
gegeniiber ihren Kindern. Auch die Beschleunigung der korperlich-sexuellen Entwick
lung diirfte eine Rolle spielen, da sie Individuen, die noch Kinder sind, zu sexuell
anziehenden und haufig auch sexuell aktiven Wesen macht. So sind nach SCHONFELDER
310f0 der Madchen und 28 Ofo der Knaben, die in Unzuchtsdelikte mit Erwachsenen
verwickelt waren, als fiir diese Ereignisse initiativ zu bezeichnen.
Der erwahnte Umbruch in den gesellschaftlichen Strukturen ist vor allem von Be
deutung, wei! die vergleichende Volkerkunde (MEAD) und die Soziologie (SCHELSKY) dar
tun, wie die Sexualitat in ihren Formen, Freiheiten und Beschrankungen und bis weit
hinein in ihre individuell charakterbildenden und die Geschlechtsrolle pragenden Aus
wirkungen durch sozio-kulturelle, hierarchische und religiose Notwendigkeiten be
stimmt ist: sie setzen die Normen und schiitzen diese durch Strafe und Tabu. Deshalb
muBte KINSEY, der eine reprasentative Bestandesaufnahme des sexuellen Verhaltens in
einer Bevolkerung durchfiihrte und keine Wertung vornahm, sondern Durchschnitt
1 Wyss, Unzucht
2 Einleitung
gleich Norm setzte, zum Schlusse kommen, alles, was in diesem Bereich psychologisch,
moralisch oder gesetzlich als abnorm gelte und verworfen werde, sei eigentlich auch
normal. In unserer Zeit, da viele autoritar ordnende, normierende und die Norm
schiitzende Kr:ifte zerfallen und der Konformismus zum Zwang, die Niitzlichkeit zum
MaBstab wird, besteht die Neigung, das, was ist, im allgemeinen Verhalten und nicht
das, was sein solI, gewissermaBen riicklaufig zur Norm zu machen. Zu dieser nach
lassenden inneren Kraft des Ordnungssystems kommt, wie BURGER-PRINZ und GIESE
dartun, daB "die Sexualitat des Menschen nur bedeutsam geringe Chancen fiir ein
Gelingen zulaBt", indem jeder Schritt im Aufbau einer "normalen", reifen, personalen
Sexualitat das Risiko des MiBlingens in sich berge, und dies u. E. wohl erst recht in
einer Welt, in welcher friiher richtungsweisende Strukturen nicht mehr tragen. GIESE
verdeutlicht dieses Risiko an den Begriffen "Geschlechtskorper", "Wirbildung" und
"Heterosexualitat". Er weist etwa auf die Problematik in der Annahme des eigenen
Korpers als des Tragers der eigenen Geschlechtsrolle in Entwicklung und Riickbildung
hin, auf die Schwierigkeiten der Wirbildung, "in der es darum geht, einander ur
spriinglich Fremdes anzuvertrauen", oder er erinnert daran, daB Heterosexualitat
"nicht einfach vorhanden, sondern erst im Verlauf von Erfahrungen besonderer Art
zu verifizieren ist".
Das Gelingen der Entwicklung der Sexualitat findet seinen hochsten menschlichen
Ausdruck in der vollendeten Geschlechtsliebe (VON GEBSATTEL), das MiBlingen kann,
muB aber nicht in vielen seiner Moglichkeiten zum "Fehlstehen in der Ordnung" oder
zum "Fehlstehen gegen die Ordnung" (GIESE), d. h. zur perversen Sexualbetatigung
fiihren. Der Perverse wird nach GIESE asozial und verstoBt zerstorend gegen das
Prinzip der Partnerschafl: und der Gemeinschafl:. WYRSCH sieht in der Erscheinung der
Perversion "eine Haltung oder Gewohnheit oder Einzelhandlung, die dem volkstiim
lich-allgemeinen Begriff des Schicklichen und Sittlichen widerspricht".
Unsere Untersuchung will sich, von dieser Umschreibung ausgehend, mit der Person
lichkeit von erwachsenen Mannern befassen, die etwas taten, was dem Sittlichen und
Schicklichen widerpricht, indem sie Unzucht mit Kindern begingen und die sich damit
auch strafbar machten. Es geht uns also vorerst nicht urn den Begriff der Perversion,
sondern urn Fragen nach biographischen Daten und nach besonderen Wesenseigentiim
lichkeiten von Menschen, die im Bereich des Geschlechtlichen in einer bestimmten Weise
gegen die Norm fehlstehen. Des weiteren solI dann untersucht werden, ob sich ein
leuchtende signifikante Beziehungen zwischen solchen Eigenheiten und dem Sexual
delikt aufweisen lassen. Wir hoffen, so zum SchiuB doch auch dem Problem naher zu
kommen, ob die Padophilie eine echte Perversion sei und ob unziichtige Handlungen
mit Kindern heute wirklich haufiger als friiher vorkamen, was beides uns fraglich
scheint. In unseren weiteren Ausfiihrungen kennzeichnet der Ausdruck "padophil" in
Ermange1ung eines andern Wortes vorerst also nur eine bestimmte Weise abwegigen
Sexual verhal tens.
II. Die Literatur, die sich mit den "sexuellen Verirrungen" befaBt, ist uniibersehbar;
es ist jedoch nie gelungen, einen korperlichen, psychischen oder erbmaBig-konstitutione1-
len Sachverhalt als die Ursache fiir eine bestimmte Perversion nachzuweisen. Ebenso
wenig wie individuelle lieBen sich Umweltfaktoren oder Kindheitskonstellationen
isolieren, aus denen "auch nur mit Wahrscheinlichkeit eine abnorme sexuelle Einstel
lung ableitbar ware" (BRAUTIGAM). Neben der Frage nach dem Ursprung der Perver
sionen steht diejenige nach ihrem Wesen und ihrem Sinngehalt. In der anthropologischen
Einleitung 3
Sicht, urn es vereinfachend zu sagen (STRAUS, VON GEBSATTEL, KUNZ), erscheinen sie
als charakteristische Abwandlungen, Verfehlungen und Zerstorungen der normgerech
ten, ganzheitlichen Gestalt der "Liebeswirklichkeit". Es wird das siichtige Moment
herausgehoben, das zu immer erneutem Vollzug der perversen Handlung zwingt
(VON GEBSATTEL); KUNZ betont, dag bei den Perversen die Ziirtlichkeit gestort ist;
BRAUTIGAM stellte in der Perversion "den Wunsch und zugleich die Unfahigkeit zur
Begegnung mit dem andern und die Not, sich der vollen Gestalt des andern in der
Nahe zu offnen und im andern aufzugehen", dar.
Eine weitere Frage geht dahin, ob eine sexuelle Perversion vereinbar sei mit einer
daneben vollig normalen Personlichkeit und einem wirklich angepagten sozialen
Verhalten. Die alten Sexologen (KRAFFT-EBING) sprechen den Perversen ein im ganzen
degeneriertes und krankes Nervensystem zu. Psychiatrisch werden die Perversionen
oft als psychopathisch aufgefagt und so mit abnormen Gesamtpersonlichkeiten ver
kniipft (KAHN). WYRSCH ordnet die Perversionen bei den abnormen seelischen Reak
tionen und Entwicklungen ein, halt aber anlagemiiflige Momente wie Triebschwiiche
und einen Charakter, der eine abnorme Erlebnisverarbeitung begunstigt, fiir Voraus
setzungen. Boss sieht in der Perversion den Durchbruch durch den Panzer des Starren
und Begrenzten, welcher den Weltentwurf seiner neurotisch fehlentwickelten Faile
kennzeichnete. Meistens ist also die Meinung vorherrschend, eine Perversion sei nicht
isoliert innerhalb einer gesunden Personlichkeit denkbar. Damit ist auch das Problem
beriihrt, ob eine bestimmte perverse Haltung Riickschliisse auf die anlagemagige und
die erworbene Personlichkeit des Perversen zulasse. Eindeutige Hinweise solcher Art
wurden bisher vor allem im Bereich der Padophilie nicht moglich, abgesehen von den
Fallen, in den en ein abnormes Sexualverhalten plotzlich Platz greift und vollig aus
dem Rahmen einer Lebensgeschichte und eines Personlichkeitsstils fallt. Nach der
Meinung erfahrener Forscher (BURGER-PRINZ, FISCHER) sind dann regelmagig krank
hafte Storungen des Personlichkeitsgefiiges nachweisbar. Dabei wird besonders auf
Involutionsvorgange mit Vitalitatsverlust hingewiesen, aber auch auf endogene Psycho
sen, auf hirnorganische Schadigungen und akute alkoholische Berauschtheit. In diesen
Fallen erscheint das perverse Verhalten als Symptom einer die ganze Personlichkeit
ergreifenden Erkrankung. Von dieser symptomatischen Gruppe wird unterschieden eine
sogenannte Kerngruppe, in welcher das Phanomen des perversen Verhaltens nicht aus
psychiatrisch-diagnostisch erfagbaren Storungen hergeleitet werden kann (FISCHER).
Die bisher gestreiften Gedanken zum Thema der Perversion wurden fast aile an
Vertretern typologisch eindeutig gepriigter sexueller Verirrungen gewonnen, an Homo
sexuellen, Fetischisten, Transvestiten und Sadisten. Sie werden hier angefiihrt, weil
sie zu dem Feld gehoren, in dem auch unsere Fragen stehen. Die Piidophilie allerdings
lauft in den Perversionslehren immer nur am Rande mit und erscheint auch begrifflich
nicht einheitlich festgelegt. So ist GIESE der Ansicht, der padophile Perverse sei auf
Kinder in der Prapubertat und Pubertat eingeschworen; WYRSCH meint, man soUte
nur von Phadophilie reden, wenn der Trieb sich wahllos auf Kinder beider Geschlechter
richte; PLAUT wiederum bezeichnet die homosexueUe Spielform als eigentliche Pado
philie.
Dieser Unbestimmtheit der Padophilie entspricht eine groge Spielbreite der Tiiter
personlichkeiten. Diese Spielbreite wird noch we iter, wenn der Rahmen nicht durch
die mehr oder weniger definierte Perversion, sondern durch das Strafgesetz gegeben
wird, denn dieses umschreibt kriminelle Tatbestande und sieht vorerst von festgeleg-
1 •