Table Of ContentDr. Schmidt-Sudhoff
Unternehmerziele und unternehmerisches Zielsystem
Band 10 der Schriftenreihe
Betriebswirtschaftliche Beiträge
Herausgeber: Dr. Hans Münstermann
ord. Professor der Betriebswirtschaftslehre an der Universität zu Köln
Dr. Scltmidt-Sudhoff
Unternehmerziele
und unternehmerisches
Zielsystem
Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler I Wiesbaden
ISBN 978-3-663-00835-4 ISBN 978-3-663-02748-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-02748-5
Softcover reprint ofthe hardcover Ist edition 1967
Verlags.Nr. 3233
Copyright by Betriebswirtsmaftlimer Verlag Dr. Th. Gabler GmbH. Wiesbaden 1967
Vorwort
Die primären Aufgaben der angewandten Betriebswirtschaftslehre bestehen
in der Beschreibung und Erklärung vorgefundener unternehmerischer Ver
haltensweisen und in der Entwicklung von Verfahrenshilfen, die es den
Unternehmern ermöglichen sollen, ihre Ziele zu erreichen. Die Betriebswirt
schaftslehre kann indes die Unternehmer nur dann bei ihren Entscheidun
gen unterstützen, wenn ihr deren Zielsetzungen bekannt sind.
Die klassische Betriebswirtschaftslehre vereinfachte den vielschichtigen
Problemkomplex der Unternehmerziele in der Weise, daß sie von der reali
tätsfremden Prämisse ausging, der Unternehmer verfolge nur ein Ziel: die
Gewinnmaximierung. Gegen die Verwendung dieser Zielprämisse sprechen
gewichtige Gründe, die in der vorliegenden Schrift systematisch erörtert
werden. Als angewandte Wissenschaft darf die Betriebswirtschaftslehre ihre
Erkenntnisse nicht aus irrealen Annahmen über das Unternehmerverhal
ten ableiten, sondern muß darauf achten, daß die Grundannahmen ihrer
Modelle mit den tatsächlichen Sachverhalten ihres Erkenntnisobjektes Be
trieb übereinstimmen. Wie empirische Untersuchungen des Unternehmerver
haltens erkennen lassen, streben die Unternehmer keineswegs stets höchste
Gewinne an. Sie verfolgen entsprechend den divergierenden menschlichen
Motivationsstrukturen teilweise sehr heterogene Ziele, die sich zudem im
Zeit ablauf erheblich ändern können. Diesen Tatbestand muß der Wissen
schaftler beachten. Aus diesem Grunde modifiziert die Unternehmungstheo
rie vielseitig die klassische Zielprämisse. Durch Konstruktion unterschied
licher Modelle wird versucht, mehrere simultan von einem Unternehmer
verfolgte Ziele, von denen der Gewinn jeweils nur eines ist, in einem System
zu berücksichtigen.
Nach einer kritischen Darstellung dieser Zielmodelle, die zugleich einen
Überblick über den gegenwärtigen Stand der Forschung auf diesem Gebiet
der Unternehmungstheorie geben soll, werden in dem Hauptteil dieser
Schrift die Grundfragen einer neuen Konzeption der Unternehmerziele in
Gestalt des unternehmerischen Zielsystems behandelt. Dieses Modell stellt
den Versuch einer Approximation an die betriebliche Realität dar.
In dem unternehmerischen Zielsystem erscheinen die Unternehmerziele als
Elemente einer Zielmenge im Sinne der Mengenlehre. Das Zielsystem gilt
allerdings nur dann als Richtgröße für eine wirkungsvolle Unternehmungs
führung, wenn es gewissen Strukturanforderungen genügt, die in dieser
Untersuchung erstmalig zusammenhängend herausgearbeit werden. Nach
einer Erläuterung der Grundprobleme, die bei der Entwicklung kollektiver
Zielsysteme auftreten können, und einer Analyse der Bestimmungsgrößen
der Zielrealisation, widmet sich der abschließende Teil des Buches den Kon
sequenzen, zu denen die Abkehr von der Zielprämisse Gewinnmaximierung
für die betriebswirtschaftliche Theorie und Praxis führt.
Ich danke meinem verehrten Lehrer, Herrn Professor Dr. Hans Münstermann,
für die Anregung des Themas und die Hilfe bei der Anfertigung der Arbeit
herzlich.
Köln, im April 1966 ULRICH SCHMIDT-SUDHOFF
Inhaltsverzeichnis
Seite
Einführung 11
1. Problemstellung 11
11. Gang der Untersuchung 13
Erster Teil
Zielfunktion und Zielmodelle 15
1. Begriffliche Abgrenzungen 15
A. Die benutzten Definitionen 15
1. Der Begriff "Ziel" . 15
2. Der Begriff "Zweck" . . 17
3. Der Begriff "Motiv" . . 17
4. Der Begriff "Unternehmer" 18
B. Ziel system versus Zielfunktion . 19
C. Planung und Zielsetzung - eine Identität? 23
H. Die Handlung als das Grundelement einer explikativen Theorie des
Unternehmerverhaltens . . . . . . . . . . . . . 25
A. Die Determinanten des Unternehmerverhaltens 26
B. Die Phasen der Handlung 30
1. Die Motivation 30
2. Das Wollen . . . . . 31
3. Die Tat . . . . . . . 33
II1. Die Zielfunktion der traditionellen betriebswirtschaftlichen Theorie 38
A. Die idealtypische Betrachtungsweise . . . . . . 38
B. Das Gewinnmaximierungsmodell . . . . . . . . 41
C. Die Kritik an der Zielfunktion der traditionellen
betriebswirtschaftlichen Theorie . . . . . . . . . . . . . .. 43
1. Die in der Ziel aussage enthaltene grundsätzliche Problematik 43
2. Ökonomische Gründe der Kritik 47
a) Interne Gründe . . . . . . . . 47
b) Externe Gründe. . . . . . . . 48
3. Psychologische Gründe der Kritik . 49
Exkurs: Die Psychologie der Manager 52
4. Soziologische Gründe der Kritik 53
a) Das Prestigestreben . . . . . . . 54
b) Der Einfluß von Institutionen. . . 55
c) Die Unternehmung als Organisation 56
Seite
5. Beobachtungen und empirische Untersuchungen
des Unternehmerverhaltens . 58
D. Zusammenfassung 62
IV. Vorschläge in der Literatur zur Lösung des Zielproblems 64
A. Die langfristige Gewinnmaximierung. . . . . 64
B. Die Maximierung einer totalen Situation . . 65
C. Das modifizierte Gewinnmaximierungsmodell . 66
D. Die Anspruchsanpassungstheorie der Unternehmung und die
Theorie vom Anspruchsniveau ("level of aspiration"-Theorie) 66
E. Die Zieltypisierung unter dem Gesichtspunkt der Erfolgs
optimierung bei Berücksichtigung von Nebenbedingungen . 73
F. Das Nutzenmaximierungstheorem ........... . 75
1. Exkurs: Probleme des Nutzens und der Nutzenmessung 76
2. Präferenzfunktionen als unternehmerische Zielfunktionen 81
a) Die multivariable Entscheidungsfunktion Albachs 81
b) Die Nutzenfunktion Williamsons 82
c) Die Nutzenfunktion von Engels . . . . . . . . 84
d) Das Nutzenmodell Reinens .......... . 84
3. Der Aussagegehalt des Nutzenmaximierungstheorems 86
G. Zielmodelle der linearen Programmierung 89
Zweiter Teil
1. Die Grundzüge des unternehmerischen Zielsystems 93
A. Einteilungsmöglichkeiten unternehmerischer Ziele . 93
1. Sachziele und Formalziele . 93
2. Kurz- und langfristige Ziele 94
3. Echte Ziele und Quasi-Ziele 94
4. Quantitative und qualitative Ziele 95
5. Ökonomische und meta-ökonomische Ziele. 96
6. Produktions-, markt- und finanzwirtschaftliche Ziele 96
7. Interne und externe Ziele . . . . . . . . 97
8. Wirtschaftsfriedliche Ziele und Kampfziele 98
9. Legale und illegale Ziele . . . 99
10. Individual- und Gruppenziele . 99
11. Selbstgesetzte und zugewiesene Ziele 101
12. Primäre und inferiore Ziele . . . . 101
B. Das Basisziel des unternehmerischen Zielsystems 102
1. Probleme der Gewinnunter- und -obergrenze 103
2. Der Standardgewinn als "return on investment" 106
3. Das dem Basisziel adäquate preispolitische Verhalten 108
Seite
11. Die Anforderungen an ein strukturiertes unternehmerisches
Zielsystem . . . . . . . . . . . 111
A. Die formalen Anforderungen . 111
1. Zeitfestlegung 111
2. Formulierung . . . . . . 113
3. Elastizität . . . . . . . . 114
B. Die materialen Anforderungen. 117
1. Kompatibilität . 118
2. Operationalität 125
3. Quantifizierung 129
4. Rangfolge . . . 131
UI. Zur Frage der Schaffung kollektiver Zielsysteme . 133
IV. Die Determinanten der Zielrealisation . . 136
Dritter Teil
Konsequenzen der Abkehr von der Zielfunktion Gewinnmaximierung
für die betriebswirtschaftliche Theorie und Praxis . 139
I. Neue Definitionen betriebswirtschaftlicher Begriffe. 140
A. Der Begriff "Erfolg" . . . . . . . . . . . . . 140
B. Det; Begriff "Gleichgewicht der Unternehmung" 141
C. Der Begriff "optimale Betriebsgröße" 142
D. Der Opportunitätskostenbegriff . . . . . . . . 143
11. Beispiele für Modifikationen betriebswirtschaftlicher
Partialtheorien 143
A. Die Kostenwerttheorie 143
B. Die Preistheorie 144
C. Die Investitionstheorie 148
D. Die Wachstumstheorie . 149
E. Die Standortstheorie 149
IU. Konsequenzen für die betrieblichen Planungs
und Erfolgsrechnungen . . . . . . . 150
A. Betriebliche Planungsrechnungen 150
B. Betriebliche Kontrollrechnungen 151
Literaturverzeichnis 156
Einführung
I. Problemstellung
In der Diskussion über die Grundfragen der Betriebswirtschaftslehre bringen
die Wissenschaftler seit einigen Jahren der Theorie des Unternehmerverhal
tens ein erhöhtes Interesse entgegen.
Theorien werden vor allem entwickelt, um mit ihrer Hilfe reale Tatbestände
erklären zu könnenl). Aufgabe der Theorie des Unternehmerverhaltens ist
es, empirisch gehaltvolle Aussagensysteme zu gewinnen, die dazu dienen
können, das Verhalten der Unternehmer, das sich in ihren Handlungen
äußert, zu erklären und gegebenenfalls auch vorauszusagen. Als einer der
Mittelpunkte der wissenschaftlichen Erörterung des Unternehmerverhaltens
gilt die Frage nach den Zielen des Unternehmers, in denen sich die unter
nehmerische Idee als die "Keimzelle und treibende Kraft einer Unterneh
mung"2) konkretisiert3).
Moxter kennzeichnet diesen Problemkreis als einen der schwierigsten unse
rer Disziplin - "Zahl und Umfang der Untersuchungen hierzu stehen in
argem Mißverhältnis zur Bedeutung der Frage, die ... doch mindestens eines
der Fundamentalprobleme der Betriebswirtschaftslehre ist, wenn man diese
als Lehre vom unternehmerischen Verhalten interpretiert"4).
Explikation und Beurteilung des Unternehmerverhaltens erfordern außer
den Annahmen über die formalen Handlungsprinzipien stets zusätzlich
solche über die Ziele des Unternehmers5).
Der Untersuchung von unternehmerischen Zielen widmen neuerdings zahl
reiche Wissenschaftler des "Management Science" verschiedene Beiträge.
1) Vgl. Albert, Hans: Probleme der Theorieblldung. Entwicklung, Struktur und Anwendung
sozialwissenschaftlicher Theorien, in: Theorie und Realität. Ausgewählte Aufsätze zur
Wissenschaftslehre der Sozialwissenschaften, herausgegeben von Albert, Hans, Tübingen 1964,
S.47.
') Meyer, earl W.: Die typischen Organisationsbereiche der Unternehmung, in: Der Betrieb
in der Unternehmung, Festschrift für Wllhelm Rieger zu seinem 85. Geburtstag, heraus
gegeben von Fettei, Johannes und Linhardt, Hanns, Stuttgart 1963, S. 82.
') Die unternehmerische Idee ist den Zielen gedanklich vorgelagert, sie sind nicht identisch.
vgl. Schnutenhaus, otto R.: Unternehmer und Manager unter betriebswirtschaftlichem
Aspekt, in: ZeitSchrift für Betriebswirtschaft, 22. Jg., 1952, S. 561.
') Moxter, Adolf: Präferenzstruktur und Aktivitätsfunktion des Unternehmers, in: Schmalen
bachs Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, 16. Jg., 1964, S. 8.
i) Pack bezeichnet die Zusammenfassung von Ziel und Rationalprinzip (als einem formalen
Handlungsprinzip) treffend als die .. effektive Zielsetzung", in der das .. Was· und "Wie" des
angestrebten Ziels genau festgelegt sind. Pack, Ludwig: Rationalprinzip, Gewinnprinzip und
Rentabilitätsprinzip, in: Zeitschrift für BetriebSwirtschaft, 35. Jg., 1965, S. 527.