Table Of ContentUNENDLICHE !SPHARE
UND ALLMITTELPUNKT
'
BEITH.AGE ZUR GENEALOGIE
DER MATHEMATISCHEN MYSTIK
VON
DEUTSCHE VIERTELJAHRSSCHRIFT
F'O"R LITERATURWISSENSCHAFT
UND GEISTESGESCHICHTE
DIETRICH MAHNKE
HERAUSGEGEBEN VON
PAUL KLUCKHOHN UND ERICH ROTHACKER
•
BUCHREIHE
Im engsten Ringe
<13. BAND
Weltmeite Dinge
MAX NIEMEYER VERLAG/ HALLE/SAALE 1937
-
Vorwort
Die folgende Arbeit hat in ihrer Entstehung eine gewisse Ah.n
1X
liohkeit mit ~em eigenen Gegenstande, dem Symbol des _Strahlen
zentrums, das sich zu einer ,,unendlichen Sphare" entwickelt. Ich
hatte anfangs nicht die Absioht, dariiber ein Buch zu schreiben,
; sondern wollte nur in einem kleinen Aufsatze der Deutschen Viertel
jahrsschrift die Forschungen der franzosischen Literarhistoriker
ALLE RECHTE, iiber die Vorgeschichte des Pascalschen Satzes von der ,,Sphere
AUCH DAB DER UBERSETZUNG IN FREMDE SPRACHEN, VORBEH.µ.TEN
infinie" (s. u. S. 43/7) durch eine Parallele in der deutschen Geistes
COPYIUGHT BY MAX NIEMEYER VERLAG, HALLE (SAALE) 1937
geschichte erganzen. Meine Untersuchungen, die von Leibniz,
PRINTED IN GERMANY
unserm universalen geistigen Brennpunkte, ausgingen, nahmen nun
aber einen immer weiteren Umfang an, dehnten sich vorwarts zu
den deutsohen Romantikern, riiokwarts zu den hellenistischen Neu
platonikern, ja bis zu den griechischen Orphikem aus und fiihrten
schlie.Blich, am Leitfaden der Tradition jenes geometrischen Sym-
bols, zur Aufdeckung eines hochst bedeutsamen genealogischen Zu
sammenhanges in der Lebensgeschichte der religiosen und philo
sophischen Mystik, der sich durch zwei und ein halbes Jahrtausend,
sozusagen von den ersten Wurzeln bis zu den letzten Verastelungen
des Stammbaumes, liickenlos verfolgen lieB.
Die Forsohungsarbeit, die gar manches dunkle Gebiet durch~
queren muBte, war la.ng und miihsam, hat sich aber wegen ihrer
unerwarteten FrUchtbarkeit reich gelohnt. ,,Im engsten Ringe"
fand ich hier wieder einma.l ,,umsohlossen ... Weltweite Dinge",
- ahnlich wie Jakob Bohme und Wilhelm Raabes Hungerpastor in
der Schusterkugel ,,das Universum in all' seinen Gesta.Iten und Na
.r I.'~; turen'' widergespiegelt sahen. Ein von der bisherigen Geistes
geschichte kaum beachtetes Symbol zeigte sich als bevorzugtes
Ausdrucksmittel tiefen mystisohen Welterlebens und zugleioh, in
der Vielheit seiner historisch nachweisbaren Deutungen, als zuver
DRUCK VON A. HEINE GMBH., GRAFENHAINICHEN
lassiges Erkennungszeichen mannigfaoher vl)lkischer Eigenstro
mungen :imi.erha.lb des einen groBen Stromes der Mystik.
r
VI
Vorwort
Am wertvollsten scheint mirfiir unsere nationale Selbstbesinnung,
daB sich in der Bedeutungsgeschichte dieses Symbols ganz .klar
zeigen IaBt, welcherart die deutschen Mystiker von Eckhart
bis Bohme und Baader das auBerlich vom griechischen und
christlichen Neuplatonismus empfangene Geisteserbe innerlich
aus eigenstem Gemiitserleben umgestaltet haben. Nicht unwichtig
ist aber auch, daB die zentrale Bedeutung des ersten deutschen lnhaltsiibersicht
Renaissance-Denkers Nikolaus von Kues,.dessen Lebensroman Seite
B. v. Selchow mit Recht unter dem Titel ,,Der unendliche Kreis" Einleitung. Die ,,roystische Matheroatik." von Hardenbergs und
dargestellt hat, fiir die gesamte, philosophisch-religiose und natur der Starombaum ihrer geometrischen Syrobole . . . . • ·
wissenschaftliche Weltanschauung der N euzeit Si.ch mit Hilfe dieses I. Der geometrische Symbolismus in der deutschen
seines Lieblingssymbols und seiner ihm eigentiimlichen Auslegun Romantik .................... . 2
gen nun iiberall unzweifelhaft nachweisen laBt, nicht nur im Geistes v. Hardenb ergs ,, Sphiroidik" 2. Ihre Quelle n : Baader 5,
Fichte 7, Schelling IO. Okens pythagoreische Naturphilo
leben seiner deutschen Heimat, besonders bei Val. Weigel, Kepler
sophie 12.
und mittelbar noch Leibniz, sondem ebenso in Italien bei Ficino,
I II. Die geometrische Barock-Mystik ........ . 15
Zorzi und Bruno sowie in Frankreich bei Ch. de Bouelles, im
Romantik und Barock 15. Leibnizens ,,indivisible Mittel
Kreise um Margarete von Navarra und mittelbar noch bei Pascal,
punkte" und ihr ,,unendlicher Umfang" 16• . Quellen seiner geo
wo dieser deutsche EinfluB bisher meist nur wahrscheinlich ge metrischen Mystik: H. More 19, Pascal 24, F. M. van Helmont
macht, aber noch nicht Sieber bewiesen werden konnte. - u. a. 29. Weitere Barock-Mystiker: Scheffler 32, Bohme 34,
!ch will nicht schlieBen, ohne den im Buche genannten Kollegen, Comenius 39.
die mir iiber manche ihnen besser vertrauten Gebiete freundliche III. Die Renaissance des neuplatonischen Pythagoreis-
43
mus ........•. · · · · · · · · · · · · · · ·
Auskunft erteilt haben, noch einmal meinen besten Dank zu sagen.
Ergebnisse der westeuropaischen Pascal- u. Rabelais-For
AuBerdem mochte ich an dieser Stelle den Herausgebern und dem
schung 43. Zentrale. Bedeutung des Nikolaus v. Kues 48. -
Verleger der Deutschen Vierteljahrsschrift herzlichst dafiir danken, Bruno 48, seine transzendente Theosophie 49, immanente
da.B sie meiner Arbeit, auch als ich den zur Verfugung gestellten Metaphysik 50, Kosmologie {Unendlichkeit des Universums)
Raum so weit iiberschritt, doch nicht die Aufnahme verweigerten, 52, Monadologie {Unendlichkeit der Individuen) 56. - Ficino
59, seine antiken Quellen 60: hermetische Schriften 61, Or·
sonderii einen Platz in ihrer Buchreihe Mfneten.
pheus, Parmenides u. Platon 62, Neuplatonismus 64, Pseudo·
Marburg (Lahn), im Advent 1936. Dionysios 66, Plotinos 67; Ficinos Renaissance-Platonis
mua 70, doppelte Unendlichkeit der geistigen Spbire 71,
Gottes u. der Menschenseele 72. - Nikolaus v. Kues: Brenn
punktstellung zwischen Mittelalter u. Neuzeit 76, Doppel
seitigkeit seines mathematischen Symbolismus 78; abso
lute Unendlichkeit der Gottheit 81; konkrete Unendlichkeit
der Welt 86, Mittelpunktslosigkeit und Allbewegtheit des
Kosmos 89, neues astronoroisches Weltsystem 91, Rela.tivi
tii.tstheorie 97, Gleichwertigkeit der Weltregionen 98; indivi
duelle Unendlichkeit der Mikrokosmen 100, wachsende Un
endlichkeit der menschlichen Wirkenskreise 102, individu
elle und universelle Unendlichkeit des Gottmenschen 104. -
Nachwirkung des Kusaners a) in Ito.lien: zwischen Ficino
u. Bruno noch Zorzi I 06; b) in Frankreich : Bovillua l 08, seine
negative u. affirmative Theologie 109, seine Renaissance
Anthropologie 112; Margarete v. Navarra u. ihr Kreis 115;
VIII
Inhaltsiibersicht
Pascal 117; c) in Deutschland: Reuchlins kabbalistischer
Pythagoreismus 117; Val. Weigel 121, seine mystische Er
kenntnislehre 121, Theologie 123, u. Kosmologie 124; Kop
pernigks neupythagoreisches Weltbild 127; Kepler 129, seine
Kritik der astronomischen Unendlichkeitslehre 130, geo
metrische Mystik 133, Theo- u. Kosmosophie 135, Weltmy
sterium u. exakte HiIIUilelsdynamik 136, Keplers Quellen:
Neuplatonismus u. Pythagoreismus, .bes. in ihrer Kusanischen
Einleitung
Neugestaltung 140.
IV. Die mittelalterliche geometrische Mystik und die
Zuflu.llwege ihrer antiken Quellen . . . . . • . . 144 Kann sich Gott nicht auch in der Mathematik offenbaren wie
Der Pythagoreismus des Kusaners u. seine Quellen 144. in "jeder andern Wissenschaft ~"1) Der romantis?he Symbolist
Eckhart 145, sein Ausgang vom mittelalterlichen Sphiiren von Hardenberg zweifelt nicht daran, da nach semer ,,Wechsel
symbol 146, °(jberti·agung der Unendlichkeit von der uni
reprasentationslehre des Universums" alles Natiirliohe und
versellen Sphare auf die individuellen Spharen 149, Ein
heit, Sonderung u. Wiedervereinigung der Spharen 155. -·Ab Geistige Symbol von allem andern sein kann2); Ja .von der ~t~e
schwachung Eckharts hei Seuse u. a. 158, voiles Weiterleben matik behauptet er sogar noch weitergehend, s1e se1 selbst Religion
bei Ruysbroek 160, u. in Pseudo-Taulers ,,Gottlichen Lehren" und erhebe als Enthusiasm.us per se den Menschen zmn ,,hochsten
163.-Eckharts Verwertung des ,,Liber XXIV philosophorum" Leben", zum ,,Leben der Gotter". Aber das gilt nattirlich Iiicht v~n
169. Das Spharensymbol in der Scholastik 172; die ,,sphaera
der gewohnlichen Mathematik, die ,,in Europa zur bl~B~~ T~oh~1k
intelligibilis" bei Alain· de Lille 173, die ,.sphaera infinita"
im pseudo-hermetischen ,,Liber XXIV phil." 173, das Fort ausgeartet ist", sondern von der ,,echten Mathema~ik , . di'~ ,,1m
leben ·der beiden Spharensymbole 175. - Quellen des Pseudo Morgenlande . . . das eigentliche Element des ~giers ISt" ~d
Hermetikers: Apuleius u. Pseudo-Apuleius 178, Chalcidius u. mit ihrer geisterzeugten , ,t ranszendentalen Zerchenkunst die
Macrobius 181, Augustinus 182, Bo6thius 186; griechische tiefsten Geheimnisse der Welt und Gottheit zu beschworen ver
Patristiker in der °(jbersetzung u. Weiterbildung des Johannes
mags). Hardenberg nerint sie. auch die ,,_mystische .Mathematik::
Eriugena 188, bes. Pseudo-Dionysios 189; Proklos u. Plo
und ihre beidenHauptzweige die pythagoreISche ;,Magre der Zahlen
tinos in arabischen Ausziigen 195: der ,,Liber de causis" 195;
die sog. ,,Theologie des Aristoteles" 198, ihr nur mittelbarer und die ,,mystische Geometrie' 4).
EinfluJl auf das lat. Mittelalter durch ilbersetzte arabische Zur Entwicklungsgesohiohte dieser mathematischen Mystik
fhilosophen 205; ibn Sinii u. a. 207; hen Gebirol 209; Rang
mochte ich im folgenden eine kleine Vorarbeit liefern, indem ich
ordnung dieaer Quellen 214.
zwei ihrer bedeutsamsten geometrischen Symbole, die, me~st eng
V. Die geometrische Symholik des hellenistischen Neu
verbunden von Hardenberg und anderen deutschen Romantikern
platonismus und ihre griechischen Wurzeln . . . . 215
gem in theosophischem, aber auch in geistes- ?der naturphil?
Die hellenistische Hauptquelle der geometrischen Mystik:
Plotinos 216, seine Geistesmetaphysik u. ihre sinnlichen Sym sophischem Sinne verwandt werden, genealogIBch dur~h die
bole 215, Abstraktionsstufen seiner geometrischen Symbolik religiose und metaphysische Mystik des Barack, der. Renaissance
217, die urpaiea 11011n] u. ihre dynamische Unendlichkeit 219; und des Mittelalters bis zu ihren ersten Wurzeln m der helle-
aristotelische Gedankenelemente u. pythagol'eisch-platonische
Gesamtanschauung Plotins ·223. - Vorgii.nger seiner geo
1) Novalis, Schriften, h!'ag. von P. Kluck.hohn. Leipzig, Bibliogr.
metl'ischen Symbolik: a) unmittelbare: Platon u. die Pytha
Inst., 1928. III, S. 337.
goreer 228, b) mittelbare 230; die Seinskugel des Parmenides
2) Ebenda III, 239 (Symbolistik), 66, 85, 172/3, 180/1 u. o. (Enzy
231, u. der an'Bleaw Z:rpai(!or; des Empedokles 235; das IJ.1tllf{/O'J1
klopii.distik, Reprasentations- und Verwandtschaftsleh:re).
bei Anaximandros 238, bei Xenophanes 239, u. bei Anaxagoras
240; der gottliche Kreis im Orphischen Hymnus 243. s) III, 295/6, 160.
") II, 333; III, 18, 112, 337; 248; vgl. auch 336 u. 313 (,,Wunderb~r
keit der math. Figuren").
Buohreihe DVS. Bd. XXL Mahnke. 1
1
2 ,.Mystische Geometrie'' der deutschen Romantik Hardenb erg 3
nistischen und griechischen Philosophie zurtickverfolge. Ein solcher werden kann: sie hat eine zentrale ,,Innenseite - nach dem
Stammbaum der Symbole, die gleich den Chromosomen das Erbgut Mittelpunkt zu" und eine oberflachliche ,,Au6enseite", die nach
von einer Generation zur anderen auBerlich unverandert weiter allen verschiedenen Richtungen gekehrt ist. Hardenberg sprlcht
tragen, ist zwar ein blo.Bes Gerippe der lebendigen Geistesgeschichte, jedoch manchmal auch von zwei Spharen, z. B. der ,,Sphare
die innerlich kein Beharren kennt, sondern den altiiberkommenen des Ich" und der des Nicht~Ich, die von einer ,,Muttersphare
sinnlichen Zeichen immer neuen Sinn- und Bedeutungsgehalt ver umschlossen'' warden. Diese ,,gemeinschaftliche Sphare von
leiht; aber er kann doch ala niitzliches Schema dienen, das in dem Objekt und Subjekt", die wahre, allumfassende Wirklichkeit,
vielverschlungenen Rankenwerk der mystischen Gedankenent will Hardenberg im Unterschied von Fichte lieber ais ,, Gott im
wicklung die ersten. festen Grundlinien sichtba.r macht. rechten Sinne" bezeichnen, da ihm zweifelhaft geworden ist, ob
man ,,alles ins Ich hineinlegen" dtirfe. Man k~nnte sie auch ,,das
Absolute" oder hOchstens noch ,,das absolute Ich" nennen. Jeden
I
falls ist sie die vollkommne .,Synthesis" von ,,These und Anti
Zu der ,,mystischen Geometrie", die Hardenb erg selbst ausge
these" und die ,,absolute Sphare ohne Grenze", die alle
bildet hat, gehort vor allem seine ,,Spharoidik", d. h. die Lehre
begrenzten ,,relativen Spharen" der ,,empirischen Ichs" umfa.Bt
von der metaphysischen ,,Sphare" jedesSeienden in seiner zentrisch
wie die unendliche Kugel samtliche end.lichen Kugeln.
peripherischen Polaritat. Hardenbergs Denken geht von Fichtes
In den spateren philosophischen Fragmenten und Dichtungen
erster Wissenschaftslehre aus; er halt es aber fiir notig, die Ich
Hardenbergs tritt die Spharoidik in den Hintergrund. Nur fiir die
philosophie fiber sich selbst hinaus naoh unten und oben zu er
seit 1798 vielgepflegte ,,Enzyklopadistik" bleibt der Gedanke
weitern durch die N aturphilosophie und ·die Theosophie, also im
wichtig, da.B der ganze Kreis der Spezialwi~senschaften in der viel
Sinne Schellings und Baaders. Und eben hierbei bedient er sich
einheitlichen ,,Universal-" oder ,,Totalwissenschaft" wie in einem
.schon in seinen ersten ,,Philosophischen Studien" (1795/96) des
,,Zentrum vereinigt'' und von diesem Anfangspunkte aus · auch
Fichteschen Sinnbildes der ,,Ich-Spharen" in einer neuen, um
peripherisch wieder ,,ausgebildet" werden kann, so da.B durch
fassendei:en Bedeutung1 Jedes Ding, nicht nur das Ich, hat zwei
). die gemeinsame Wurzel eine allgemeine ,, Verwandtschaft der
Wesensseiten oder Tatigkeitsrichtungen,
Wissenschaften" entsteht und jede auf jede ringsherum ,,anwend
eine gegenstandliche und eine gegen
bar" wird 1).
satzliche oder zustandliche. Die ein-·
In der Metaphysik dagegen wird jetzt fast nur noch die zweite
heitliche ,,Sphare des Gegenstandes",
Seite des Gesamtbildes verwertet, das Mittelpunkt-statt des Kreis
d. h. der selbsttiitjgen; ,,v on inn.en aus
oder Kugelsymbols. Die ,,Ursubstanzen" heillen nun ,,allmachtige
einem Mittelpunkt heraus wirkenden
Punkte", ,,gemeinschaftliche . Zentralpunkte" oder ,,Zentral
... Substanz", und die vielfaltige ,,Sphare
monaden", die ihre Umgebung ,,systematisch um ein Zentrum
des Zustandes", d. h. der ,,fremdtatigen",
vereinigen". Ja einmal wird sogar vom ,,absoluten Gesamtplatz"
von au.Ben aufgenommenen ,,Akzidenzen" ,
geaprochen, der ,,eins in allem und alles in einem" ist, ersteres
machen zusammen die ,,gemeinschaft1iche
durch das synthetische oder zentripetale ,,Streben nach Einheit",
Sphare" der Realitat eines bestimmten
letzteres durch das analytische oder zentrifugale ,,Streben nach
Dinges aus. Es ist namlich eigentlich,
· Mannigfaltigkeit"2 Unddem menschlichen Geiste wirdals Mchste
wenn man genau im geometrischen Bilde bleiben will, nur eine ).
Aufgabe gesrellt: ,,unerschopflich", ,,aus einem unendlich tiefen
einzige Kugel- oder Kreisperipherie, die aber doppelt betrachtet
Mittelpunkt sich rings verbreitend", die gesamte Natur mit der
1) II, 103-283, J>esonders 105/8, 113, 119, 133, 161/4, 175/7, 185/6,
216, 221/2, 228, 262/3, 267/8. (Sperrungen und Figur von mir hinzu. 1) III, 76, 87, 89, 92, 180/1; vgl. II, 289.
gefiigt.) 2) II, 331, 333, 367/8, 374/5; vgl. 113.
I*
Hardenberg - Baader 5
4 Ha.rde nb erg
genossen zu vergleichen, namentlich derer, die auf die Ausbildung
magischen Kunst des Dichtens und Denkens zu vergeistigen, ja
seiner Weltanschauung von EinfluB gewesen sind, .wfo Fichte,
nicht nur durch diese poetisch-philosophische Idealisierung der
ganzen Realitiit ein ,,unendlicher Mensch", sondern durch das §.~helling und Baader. . Zeitlich ist Fichte hier VOJ.'.anzustellen, dessen
Wissenschaftslehre, wie erwahnt, zuerst Hardenbergs selbstandiges
noch gro.13ere ,,moralische Zentrierwunder" der Alliebe auch ein
philosophisches Denk.en angeregt und ihm auch zuerst das Symbol
,,Massi.as der Natur", wenn nicht gar ,,selbst Gott zu werden"1).
der endlich-unendlichen Ich-Sphare iibermittelt hat. Ich ziehe es
Die schOnste dichterische Verkliirung finden diese Gedallken im
aber vor, mit Baader zu beginnen, der Hardenberg sachlich, .als
'Ofterdingen', wo Astralis, der ,,siderischeMensch", von sich sagt2
):
mystischer Symbolist, am nachsten steht. Baader ist iibrigens fiir
,,Ich bin der Mittelpunkt, der heilge Quell, seine Person auch als friihester Anfiinger der romantischen N atur
Aus welchem jede Sehnsucht stiirmisch fliel.lt,
anschauung und Theosophie anzuerkennen, wie seine freilich nicht
Wohin sich jede Sehnsucht, mannigfa.ch
Gebroohen, wieder still zusammenzieht.'' fiir die Offentlichkeit bestimmten Tagebiicher seit ~ 786 zeigen.
Durch seine poetische und moralische Zentrierungskraft wird auch Hier nun bedient sich Baader1) schon bei der ersten Konzeption
die ganze Welt zu einer von ,,innigster Sympathie" zusammen seiner ,,semantischen" Weltanschauung und Metaphysik der All
verbundenheit einer symbolischen Darstellung, die der . letzten
gehaltenen Alleinheit verwoben:
Hardenbergschen nahe verwandt ist und sie geometrisch sogar noch
,,Der Liebe Reich ist aufgetan,
etwas genauer durchftihrt: ,,Mii.13te ich ein sinnliches Bild des
Die Fabel fii.ngt zu spinnen an
Universums geben und des
Und so da.s grol3e Weltgemiit
Oberall sioh regt und unendlich bliiht. Einklangs aller Wesen in
Alles mull ineinander greifen, ihm, so wiirde ich ... jedes
Eins durch das andre gedeihn und reifen."
Individuum in der Korper
Zur sinnlichen Veranschaulichung dieses allverflochtenen geistigen und Geisterwelt als Einen
Kosmos aber bedient sich Hardenberg des Bildes der unersch()pf~ Mittelpunkt zeichnen,der
lichen Mittelpunkte schlieBlich doch wieder in Verbindung mit von alien iibrigen Wesen
dem der unendlichen Spharen, nur jetzt in astronomischer Ein auBer ihm, von der ganzen
kleidung: Es ist wie ein wunderbares ,,Spiel der Wellen" im himm unendlichen Peripherie
lischen Athermeer, wo jeder Stern seine Strahlen in ,,immer als seinem Horizonte, soviel
wachsenden Kreisen" oder vielmehr · in konzentrisch sich ver empfiingt und aufnimmt,
gr()Jlemden Kugelschalen zum unerreichbaren Horizont hinaus aJs er vermag, und der
sendet und rings von zahllosen andern Stemen wieder ebensolche ihnen dafiir alle Radien
Strahlen zur Antwort empfangt - ein ,,ewiges tausendstimmiges zuriicksendet, die er nur
Gesprach", das allen, die es vernehmen, den ,, unendlichen Welt~ immer zuriicksenden kann.
kreis" in seiner wunderbaren Tiefe erschlieBt8). - Diese Figur versinnbildlichte den Zusammenhang der geschaffnen
Zurn vollen Verstandnis der meist nur fragmentarischen Gedanken Wesen unter sich. Nun ware noch das Band zwischen Schl}pfer
Hardenbergs ist es gut, sie mit verwandten Gedanken seiner Zeit-
1) I, 17, 28ff.; III, 32/3, 68- 73, 106/7, 110, 119, 247, 337. 1) Seele .und Welt. Franz Baaders Jugendtagebiicher 1786-1792.
Hrsg. von D. Baumgardt. Berlin, Wegweiser-Verlag, 1927. S. 39-41,
1) I, 221/3; vgl. 205ff., 235ff., 241. ,,Fabel" bedeutet die Poesie als 43/&, 59/60, 71/2, 74, 117 = Franz von Baaders Sii.mtliche Werke.
Vorbereiterin der moralischen Welterlosung.
L~pzig 1850ff. XI, S. 36/8, 40/2, 60/1, 75, 78/9, 127/8. (Sperrungen
3) I, 28-30, 33, 38 (Verbreitung der Wellen um einen Punkt im von mir.) Die Figur babe ich hinzugefiigt, unter Kombination mehrerer
Meer, Schwingungen, heilige Sprache), 196/7 {konzentrische VergroJ3e.
verschiedener Baadersche:i; Figuren, Samtl. Werke, II, 27; VII, 343; XV,
rung der gleichen Figur), 232 (unendlicher Gesichtskreis, Weltkreise);
587 /9. Sie ist konzentrisch be~iebig erweitert zu denken.
IV, 232 (moralische Astronomie, Religion des sichtba.ren Weltalls).
Be.ader - Fichte
6 Baader
der verschiedensten J ahrhunderte immer wieder zitiert worden
und SchOpfung zu bezeichnen. Zu diesem Zwecke wiirde ich fiir
alle jene einzelnen Mittelpunkte wieder Einen gemeinsam.en Mittel ist, kommt in der Tat die urspriingliche Bedeutung unsrer niystisoh~
geometrischen Sym.bole zum treffendsten Ausdruck; seine Genealogie
punkt zeichnen, und von jedem einzelnen Punkte einen Haupt
wird uns daher im folgenden ganz besonders zu beschaftigen haben.
strahl" zum Universalzentrum, der die ,,Diagonaltendenz" (die
Baader versteht ihn allerdings, wie wir sehen werden, nicht mehr in
Resultierende des Krafteparallelogra.mms) a.Iler im betreffenden
seiner vollen, auch mathematisch durchdachten Tiefe. Er will ja
Individualzentrum konvergierenden Einzelstrahlen bildet. ,,So
vor allem die Theosophie seines Meisters Jakob B<>hme, dem wissen
kame ewig alles zu Gott, was von ihm ausgegangen", a.ls dem
schaftlich exaktes Denken fremd ist, wiedererwecken und spricht
,,Einen, allgemeinsamen Mittelpunkt". In dieser Figur
daher wie dieser vom ,,centrum naturae oder Lebenszirkel"
symbolisiert zunachst jedes individuelle Strahlenzentrum die
nicht im strengen, geometrischen Sinne des Mittelpunktes,
unersattliche Aufnahmefiihigkeit eines einzelnen Weltelements,
das ,,Wn. und um Mund ist", und seine ebenso unerscht>pfliche sondem im erweiterten, organischen Sinne des ,,punctUm. saliens"
oder des ,,zeugenden Einen", das die ganze Mannigfaltigkeit der
Gebefreudigkeit; die Gesamtheit aller bedeutet also den ewigen
Lebenserscheinungen aus sich entkeimen laBt und in samtlichen
Tauschverkehr der Ein- und Ausfliisse, der die unzahligen Einzel
Gliedern a.ls ,,zentrale" Bildungskraft immer und iiberall lebendig
elemente der unendlichen Weltsphare zum harmonischen Ganzen
bleibt. In diesem Sinne darf man Gott das innere ,,Naturzentrum''
vereinigt. Mit der Hervorhebung des Universalzentrums steigt
nennen, das auch in jedem Punkte seiner auBeren Peripherie, der
Baader dann aber noch eine Stufe ht>her, von der profanen Natur
sichtbaren Welt, ,,total gegenwartig" ist. Noch passender aber
philosophie zur ,,heiligen Physik des Geistes", die in den sinnlichen
ist es, w\e Baader abschlieBend in seinen 'Vorlesungen iiber speku
Erscheinungen ,,Hieroglyphen" g<>ttlicher Geheimnisse erkennt.
Durch die zum Allmittelpunkt fiihrenden Hauptstrah.ien wird lative Dogmatik' ausfiihrt, a.ls S~bol der ,,Ubiquitat Gottes"
nicht den Kugelmittelpunkt zu wahlen, in dem die Anfange samt
besonders ·der Grundgedanke dieser ,,hOheren Physik'' sinnfallig
licher Radien einbegriffen sind, auch nicht die Oberflache, die
gemacht, daB die ganze Summe der Einzelwirkungen, die jedes
Individuum von jedem anderen erfa)u1; und zuriickgibt, im Grunde alle Kugelpunkte umfaBt, sondem vielmehr die (in Baaders un~
mathematischem Sinne) ,,eigentliche Sphare", die als ·,,wahre
aus einer einzigen universalen Quelle stammt und daB alles an
scheinend irdisch-menschliche Wirken in Wahrheit ein himmlisohes Mitte" zwischen den ,,zwei Polen des Zentrums und der Peri~
pherie" beide ,,zugleich befaBt und begreift" und sich einerseit.s
,,Sakrament", eine unmittelbare ,,Offenbarung" und ,,Tat Gottes"
zum Mittelpunkt zu ,,kontrahieren". andrerseits zu beliebigem
selber istl).
Umfang zu ,,expandieren" vermagl). -
In seinen spateren Schriften stellt Baader die zweite Seite des
Symbols, naoh deres nicht die relative Unendlichkeit der Einzel-. Bei Baader hatte Hardenberg, wenn er ihn nii.her kennengelemt
wesen, sondem die absolute Allgegenwart und Allwirksamkeit hatte2), die ,,mystische Geometrie" zwar nicht in ihrer ganzen
Gottes bedeutet, noch starker in den Vordergrund und beruft sich mathematischen Bestimmtheit, aber doch in ihrer vollen theo
dabei auf den ,,Satz der Alten: Deus est Bphaera, cujus centrum sophischen Tiefe finden konnen. Bei Fichte dagegen findet er
ubique, circumferentia nusquam"2). In diesem dunkel-tiefsinnigen sie in beiden Hinsichten schon betrachtlich abgebla.Bt, fast wie
Satze, der von unzahligen philosophischen und religiosen Mystikern
1) II. 3J/2, 38, 164/5, 427, 473, 500/1; III, 218, 257; VII, 380.;.
VIII, 64/5, 283/5; X, 274 und Mter. Vgl. die Figur hier e.uf S. 2.
1) Da8 im wa.hrsten Sinne des Wortes ,,omnia saoramentum" sei,
so.gt Baader z. B. in den Siimtl. Werken, II, 34 u. XIV, 477. De.mit 8) Harden.berg las 1798/99 Baaders Schriften 'Vom War~estoff',
'Zur Elementar·Physiologie' und '"Ober das pythagoreische Que.drat'
erneuert er den · mittele.lterlichen deutschen Symbolismus in seiner
(siehe Novalis, Sohriften, Ausg. Kluckhohn, IV, S. 241, 261, 47'9
vertieftesten Gestalt, wie er von Hugo von St. Viktor (dem geborenen
und ofter). In letzteren beiden ist vom Zentrum" und Sphll.ren
Gre.fen von Blankenburg) in seiner Summa 'De se.cre.mentis ohristie.ne.e
symbol schon die Rede, a.her nur beilaufig (Be.aders Simtliche Werke.
fidei' · schon ga.nz umfassend durohgefiihrt worden ist.
III, 218, 257).
2) XI, S. 371 (1793); VIII, S. 128, 283 (1828ff.).
8 Fichte Fichte 9
eine bloBe herkommliche Redeweise, von der weder die zugrunde Grenzsetzung je eine ,, besondre Sphare von dem ganzen Um
liegende handgreifliche Anschauung, noch die sublime, mystisch fange abschneidet". Doch iiber jede dieser begrenzten Spharen
religiose Deutung mehr recht lebendig ist. Fichte versteht nfu:nlich ueht das unendliche Streben" des Ich wieder hinaus zu ,,um-
o ,,
in seiner ersten, von Gott abstrahierenden lchphilosophie unter fassenderen Spharen", indem es die selbstbestimmte ,,Grenze ins
dem ,, unendlichen Zirkel" lediglich die quantitative Uner unendliche imme.r weiter hinaussetzt". Auf diese Weise nahert es
scht>pflichkeit des menschlichen Wissens und Konnens und sioh, wenn auch nur asymptotisch, dem ,,idealen Ich", das die er·
unter dem ,,Mittelpunkt", mit dem ,,unendlich viele unend sehnte ,,Unendlichkeit vollendet" und wieder ganz ,,ausftillt".
liche Radien" zugleich gegeben sind, das produktive Ich, So fiihrt die ,,pragmatische Geschichte des menschlichen Geistes"
aus dessen Setzungen die theoretische und praktische Wissen . schlieBlich im Kreise; und zwar wieder einem unendlichen, zum
schaftslehre · alle menschliohen Handlungen wenigstens qualitativ, absoluten Ich zuriick1
).
,,der Art na·ch vollstandig bestimmen", wenn auch nicht dem Diese Ausfiihrungen der ersten Wissenschaftslehre sind offenbar
Einzelinhalt nach erschopfend entwickeln kann 1 ). Dieser entsinn eine Sakularisation mystisch-religiosel' Lehren, insbesondere eine
lichte und zugleich entgottlichte Fichtesche Begriff des unendlichen Verm.enschlichung der Lehre von Gott als der allumfassenden,
Kreises und Mittelpunktes liegt offenbar dem erwahnten Gedanken unendlichen Sphare. So hat sie auch Hardenberg aufgefaBt uhd
der enzyklopadischen Universalwissenschaft zugrunde, den zur Grundlage seiner eigenen Anschauung von der individuellen
Hardenberg mit ausdriioklicher Bezugnahme auf die Wissenschafts Unendlichkeit gemacht. Aber er hat es fiir n6tig gehalten, daruber
lehre entworfen hat2). hinaus auch den alten, religios-universellen Sinn des Spharen
Aus dieser stammen aber auch die ersten Anregungen zu seiner symbols zu rehabilitieren2), der in der Wissenschaftslehre latent
metaphysiscihen Spharoidik, sowohl die Unterscheidung der ent geworden war. Spater hat dann Fichte selber gleichfalls den Riick
gegengesetzten (inneren und auBeren) Strebensrichtungen jeder weg von der latenten zur vollebendigen religi5sen Mystik g<:>funden
individuellen Sphare (s. die Figur auf S. 2), wie die Unterordnung und sich zu ihrem Ausdruck auch wieder der geometrischen
der endlichen, empirischen Ich-Spharen unter die unendliche, Symbole des Strahlenzentrum8, der endlichen und unendlichen
absolute Sphare. Denn schon Fichte unterscheidet eine ,,zentri~ Sphare in ihrem urspriinglichcn theosophiscben Sinne bedient. So
petale und zentrifugale Richtung der Tatigkeit" im einheitlichen unterscheidet er in der ,,Bestimmung des Menschen" (1800) die
,,Wesen des Ich", da nur duroh das Wechselspiel des ,,Heraus Sinnenwelt als individuelle ,,SJJhare meiner Pflicht" und meines
gehens aus sich selbst in die Unendlichkeit" und des ,,in sich selbst ,,wirklichen Handefus" von der geistigen Welt als universeller
Zuriickgetriebenwerdens" Leben und BewuBtsein in die tote Einheit ,,Sphare des unendlichen Willens", dessen zentrale Einheit
des ,,mathematischen, sich selbst durch sich selhAt konstituier~nden die periphere Vielheit der endlicben Wesen ,,halt und tragt"; sie
Punktes" hineinkommen kann. Und im Zusammenhang damit alle gehen von diesem unendlichen ,,Urquell" aus und empfangen
unterscheidet Fichte auch bereits die ,,allumfassende", absolute jeder seine besondere Person)ichkeit durch einen eigenen,, Strahl"
Sphare von den begrenzten, , ,ihr untergeordneten Spharen des des Allmittelpunktes, namlioh ,,die Stimme des Gewissens, die
(empirischen) Ich und Nicht-Ich". Die erstere bedeutet ihm das jedem seine besondere Pflicht auflegt", zugleich aber die universelle
,,absoluteloh" als die ,,EineSubstanz", die mit ihrer unbeschrankten Vbereinstimmung und Gemeinschaftlichkeit aller abgesonderten
Tatigkeit die ,,absolute Totalitat" oder den ,,ganzen Umkreis Individuen vermittelt, als das .,heilige Band, das Geister mit
. aller, ... d. i. einer unendlichen Realitat in sich faBt". Diese
. .
unendliche Ich-Substanz bestimmt sich dann aber notwendiger•
weise iJnmer aufs neue zum ,,akzidentellen Ich", indem sie durch 1) Grundla.ge der .ges. W. L., 1794, § 4, 5, ~. 10 =:= Samtl. Werke I,
s. 140/2, 191/5, 222, 258, 26l/2, 269- 276,' 291/2, '317 /8.
1) Begriff der Wissenschaftslehre, I 7 94, § 4, 5 = J. G. Fichtee 2) ,,Spinoza stieg bis zur Na.tur - Fichte 'bis zum Ich oder der
Sii.mtl. Werke, Berlin 1845ff., I, Aitm. zu S. 58 u. 64. Person. !ch bis zur These Gott. Gott ist die.·Sphfi.re :a.Her ;Analyse und
8) Novalis, Schriften, Ausg. Kluckhohn, III, S. 69 u. 87. Synthase •.. " Nova.lie, Schriften, Ausg. Kluckhohn, II; S. 268.
IO Fichte - Schelling Schelling 11
Geistern in Eins ve,rs~hlil)gt"1). Noch tiefer bemiiht sich Fichte in sohrankten" empirischen Ichs enthalten sind1). Spater aber iiber
seiner 'Anweisung zum seligen Leben' (1806), von der sinnlichen setzt et diese Ausdriioke a.us der lob- in die Naturphilosophie und
,,Sphii.re der riiedern Moralitat" zu den ,,iibersinnlichen Spharen" sagt nun von den ,,Natur-Monaden", daB sie sich aus einem mit
der ,,wahren Sittlichkeit'' und zuletzt der ,,wahrhaftigen Religion'' unendlioher Kraft geladenen Zentrum grenzenlos nach alien Rich
durohzudringen, womit zugleich die vielverzweigte Sinneswelt tungen entfalten und auch, wenn die Sphare ihrer Tatigkeit durch
wieder zu ihrer ,,Wurzel" oder ihrem ,,organischen Einheitspunkt" fremde Gegenaktionen eingeschrankt wird, doch immer wieder
zuriickgefiihrt wird. W ahre Sittlichkeit verlangt namlich die innere iiberdiese Grenzen hinaus ,,in's unendlichewirken"2). Insbesondere
Sammlung des Geistes aus der auBeren ,,Zerstreuung iiber das konstruiert er jetzt die Materie dynamisch aus einer ,,Repulsiv
Mannigfaltige" und seine ,,Selbstkontraktion" in den eigensten kraft, die den Raum zu erfiillen bestrebt ist", und einer ,,Attraktiv
Mittel- oder ,,Grundpunkt''. (,,Das urspriingliche Bild der geistigen kraft, die alles auf absolute Grenze (den mathematischen Punkt)
Selbstandigkeit ist", wie Fichte ausdriicklich h:inzufiigt, ,,ein zuriickzubringen strebt". ,,Jene, in ihrer Schrankenlosigkeit ge
ewig sich machender und haltender geometrischer Punkt.") Wahre dacht, ware Sphare ohne Grenze, diese, gleichfalls schrankenlos,
Religion endlich hebt auch nocb die in der Sphii.re der ,,Reflexion" ware Grenze obne Sphare"3).
wesensnotwendige Zerspaltung der Geisterwelt ,,in eine Unendlich Noch spater, bei der Eingliederung der Natur- in die Identitats
keit von Ichen" wieder auf, durch den Riickgang zur allvereinenden philosophie, bezieht sich Schelling auch einmal, wie Baader, auf
,,hohern Sphare", in der die ,,absolute Liebe" den i.iber den ,,Ausspruch des Altertums: Gott sei dasjenige Wesen, das
Vernunft und Sinnlichkeit gleichweit hinausliegenden allgegen iiberall Mittelpunkt, auoh im Umkreis ist, und daher .n irgends,
wartigen Mittelpunkt bildet. ,,Die Liebe hat in sich ewig die Umkreis". Er benutzt ihn aber in vollig verweltliohter Deutung
Realitat ganz . . . umfaBt und durchdrungen." Vor allem sind nur, um die natiirlichen Erscheinungsarten des Absoluten als
in ihr ,,Gott und der Mensch Eins, vollig verschmolzen und ver ,,Bandes vori Endlichem und Unendlichem" teils im Raume und
flossen", da ,,unsere Liebe zu Ihm, naoh der Wahrheit, seine eigne in der Zeit, teils in der Schwere und im Lichte zu veranschaulichen.
Liebe zu sich selber ist" 2). Damit ist Fichte ebenfalls zu guter Letzt Der unendliohe Raum umfaBt zwar sohon die ganze Vielheit der
aus der mensohlich-philosophischen Sphare in die gBttlich zen endliohen Dinge, aber sie liegen in ihm nur auBerlich nebeneinander,
trierte, mystisch-religiOse Sphare zuriiokgekehrt. - ohne einheitliche Konzentration; er ist sozusagen ,,iiberall bloB
Von der ersten, nichtreligiOsen Wissenschaftslehre ist, wie Umkreis, nirgends Mittelpunkt". Umgekehrt entbiilt die un
Hard.enberg, auoh Schelling ausgegangen; er hat aber an ihrer endliche Zeit zwar jenes ganze raumliobe Nebeneinander in sich
sakularisierten Mystik viel langer als jener und auoh als Fichte geeint, aber doch immer nur das des gegenwartig wirklichen Augen
se1bst festgehalten. Ja er hat diese Sak.ularisation noch erheblich blicks, wahren.d das Naoheinander der Vergangenheit oder Zukun:ft
weitergetrieben und' die Mystik nioht nur. humanisiert, sondern als bloBe Erinnerung oder Erwartung von jetzt Unwirklichem
sogai naturalisiert, wie sich an seiner neuen Deutung der alten erscheint; in der Zeit ist sozusagen ,,i.iberall Mittelpunkt; aber
geometrisch':.mystischen Symbole wieder besonders deutlich er nirgends Umkreis". Der Raum, konnte man auch sagen, gleioht
kennen lii.Bt. Zunachst iibernimmt er namlich aus Fiohtes Termino einer nur extensiv unendlichen Kugeloberflaohe, die Zeit einem ntlr
logie auch die Bezeichnung des Ich als des Mittelpunktes, mit dessen intensiv unendlichen Strahlenzentrum. Schwere und Lich't
.S etzung man ,,zugleich die ganze Sphii.re der Wahrheit beschreibt'', dagegen, die nicht bloBe Formen, sondern wirkliche Prinzipien
und spricht ferner in genau i.ibereinstimmender Weise von der
,,Einen unendlichen Sphare" des absoluten Ich, in der die 1) Vom Ich a.ls Prinz. d. Phil., 1795, § 9-15 = F. W. J. von Schel·
lings Simtl. Werke. Erste Abt. Stuttgart 1856ff. I, bes. S. 183, 1912,
samtlichen ,,endlichen Spharen" des ,,durchB Nicht-Ich be-
193, 215/6.
l) Fichtes Sii.mtl. Wel'ke, II, S. 261/3, 296- 303, 316. 1) Erster Entwurf eines Syst. d. Na.turphil., 1799; ebenda III,
s.
') Ebenda. V, S. 467/9, 473/5, 493/4, 510, 524, 530/1, 538, 540/5 15/7, 23, 41, 103.
= 'ReligionslehTe', 5. u. 7.~10. Vorlesung. 8) Ideen zu einel' Phil. d. Natur, 1797; ebenda II, S. 230/l.
Oken 13
12 Schelling - Oken
Reihe der positiven und negativen Zahlen, als auch die· un
der materiellen Natur sind, gleichen der Totalitat und doch zugleich
endliche Linie (den Doppelstrahl) der Zeit erzeugt1 3. das
Identitat der voll unendlichen Kugel. Die Schwere bewirkt die );
beides verbindende, totale Gestalten, das, ,,tatig und bleibend
,,Identitat in der Totalitat" der Natur. indem sie die raumlich
zugleich'', das unendliche Nacheinander des Urhandelns zum all
getrennten Einzelwesen durch ein inneres Band mit dem gemein
samen Schwerpunkt verkniipft, und das Licht ermtlglicht die seitig unendliohen Nebeneinander teils steigert, teils festhalt und.
indem es den Punkt sich radial ,,nach allen Richtungen" gleich
,,Totalitat in der Identitat", indem es in jedem Individuum das
ganze Universum sich widerspiegeln laBt. Beide verwandeln, so maBig ausdehnen, aber stets auch spharisch zum einheitlichen
Ganzen wieder zusammenschlieBen la.Bt, statt eines bloBen, in
oder so, das endlose Neben- und Nacheinander dei;i Raumes und
der Zeit in das wahrhafb unendliche Ineinander der raum- und sich zwiespaltigen, ,,zentroperipherischen Radius" die ganze, in
zeitlosen Ewigkeit, wo alles zugleich ,,im allgegenwartigen Zentro sich vollkommne, ,,unendliche Kugel" des Raumes oder
,,seienden Gottes" ausbildet. Einheitspunkt, Zeitstrahl und Raum
der Natur" ist1). -
sphare sind die realen Formen des ,,endlich geworQ.enen Gottes"
Diese von Schelling begonnene Vcrnatiirlichung der geome
trischen Mystik ist von seinem Freunde Oken radikal zu Ende oder des ,,Ding gewordenen Zero". Und ,,alle drei sind eins".
gefiihrt worden. Fiir den reinen ,,Augenmenschen" Oken sind das Denn wie der Punkt nur eine. ,,intensierte Sphare", so ist die
Strahlenzentrum und die von ihm ausgehende, ins Unendliche Sphare nur ein ,,ausgedebnter Punkt" oder ein. ,,dickes Nichts".
wachsende Sphare nicht bloBe sinnliche Symbole metaphysischer Und auoh der Radius ist wie die Peripherie ledig1ich ,,uberall
oder transzendent-religi<>ser Geheimnisse, sondern selbst die wahren, derselbe Punkt", nur ,,auBer dem Zentrum gesetzt". In diesem
immanenten Grundprinzipien der natiirlichen Realitat, die alle Zusammenhange beruft sich auch Oken wieder auf den alten
Wirklichkeit iiberhaupt umfaBt. Es gibt fiir ihn keine andere ,,tiefen Spruch: Mundus ( ! ) est Spha<!:l'a, oojus centrum ubi,que,
Erkenntnis ala die ,,Naturphilosophie" oder die ,,Wissenschaft circumferentia nusquam", der hiermit nun freilich, auch im Aus
von der ewigen Verwandlung Gottes in die Weit"; auch die druck, ganz und gar verweltlicht ist. Ebenso ist ja iiberhaupt der
,.Theosophie" ist nur deren erster Tell, namlich die Lehre vom ganze bisherige Gedankengang, obwohl er ,,Theosophie" iiber~
Ursprung der mathematischen ,,Form.en" des realen Alls (Totum) schrieben ist, eine vl>llige Rationalisierung der mathematischen
aus dem Absoluten oder dem ,,Zero = O">). Gott obne Welt ist Mystik in reine Mathematik, die zugleich nach altpythagoreischer
namlich das absolute ,,Nichts an sich" oder die vfillig ,,unbestimmte Weise als realgiiltige Naturphilosophie betrachtet wird. ,,Wir
Einheit" und wird zum Etwas erst durch die drei realitatbegriin sind", so schlieBt Oken selber, ,,durch die Geometric wirklich in
denden ,,Urakte": 1. das ,,usiale" (d. h. ontische) ,, Ponieren das Universum versetzt, aber nur in das formale, in dem es uns ...
seiner selbst", das die unbestimmte zur ,,bestimmten Einheit" wie ein Skelett vorgezeichnet ist, namlich als unendliche Aus
macht und den wesenhaften ,,schwebenden Punkt im All" setzt, debnung, in welcher Lini!'l und Peripherie, zentrale und peripherische
,,von dem alles ausgeht"3); 2. das ,,entelechiale Urhandeln", Aktion, Rotation etc. ist"2).
das durch fo.rtdauernde Wiederholung des entzweienden und Auch in den folgenden Abschnitten, in denen dies tote mathe
wiederausgleichenden ,,Ponierens und Negierens" der Ureinheit matische Gerippe fortschreitend zu immer vollerer kosmo-, geo
ihre ,,auf den Punkt konzentrierte ... unendliche Intensitat" nach und biologischer Lebendigkeit ausgestaltet wird, taucht der
zwei entgegengesetzten Richtungen in eine ,,unendliche Extensitat Spharengedanke noch sehr haufig, und gerade an den entschei
aus einander legt" und damit sowohl die zweifach unendliche denden Stellen, wieder auf. Denn ,,die Sphare ist die Urform, die
g5ttliche Form", und deshalb ist sowohl das ganze All, wie ,,alles,
1) Verh. d. Realen u. Idealen, 1806; ebenda II, S. 363-372, 375. was im U:n.iversum ein Totales ist, eine Kugel"3 Zunachst ist
).
2) Oken, Lehrbuch der Naturphilosophie. Jena 1809- 11. I, S. VII,
IX, § 1, 10.
3) Monas aoristos = indeterminata, Monas determinate.; ebenda 1)· Dyas aoristos, § 6, 12, 16, 42, 47, 52, 98.
§ 19, 20, 39, 46, 49, 51. 2) § 40, 48, 84, 91/8, 101/3, 108, llO, 118. 3) § 96/7.