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Zur Funktionalisierung von Nahrung und Mahlzeiten
in den Isländersagas
Inauguraldissertation
zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie
an der Ludwig-Maximilians-Universität München
vorgelegt von
Eva Kraus
aus Cham in der Oberpfalz
2013
Erstgutachter: Prof. Dr. Klaus Böldl
Zweitgutachter: Prof. Dr. Annegret Heitmann, Prof. Dr. Wilhelm Heizmann
Datum der mündlichen Prüfung: 02.07.2013
Danksagung
Allen voran gebührt Prof. Klaus Böldl großer Dank für seine langjährige, interessierte und mo-
tivierende Betreuung des Projekts, auf die auch über die geographische Distanz Kiel–München
hinweg immer Verlass war. Sehr herzlich bedanke ich mich auch bei Prof. Annegret Heitmann
und Prof. Wilhelm Heizmann für das Interesse und die große fachliche und moralische Unter-
stützung, mit der sie das Projekt begleiteten. Prof. Kärin Nickelsen sei ebenfalls herzlich
gedankt für ihren Einsatz als Nebenfachprüferin.
Zum Erfolg der archäologischen und volkskundlichen Recherchen für diese Arbeit trug die
freundliche Hilfe Árni Björnssons, Gróa Finnsdóttirs und Guðrún Sveinbjarnardóttirs (Þjóð-
minjasafn Íslands) entscheidend bei, auch ihnen danke ich vielmals.
Ein besonderer Dank geht an meine Kommiliton(inn)en und Mitdoktorand(inn)en sowie an
Dr. Alessia Bauer für sehr fruchtbare Diskussionen, Ermutigung und gute Laune, sei es im
Oberseminar, bei der Arbeit in der Bibliothek oder bei den Kaffeepausen.
Sabine Thiele sah das Skript durch, verbesserte Tippfehler und sprachliche Übermütigkeiten;
Helen Obermayr las ebenfalls Korrektur – beiden vielen Dank! Der größte Dank gilt schließlich
meiner Familie, ohne deren Unterstützung diese Arbeit nicht möglich gewesen wäre.
»I conclude with a warm ›hello‹ to those friends who don’t care about the book, who won’t read
the book, and who had to put up with me while I wrote it.«
(Alan Chalmers im Vorwort zu What is this thing called Science?)
Inhaltsverzeichnis
Vorrede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
A. Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
A.1 Zu Lebensmitteln und Kochmethoden in Wikingerzeit und Mittelalter . . . . . . 6
A.1.1 Vorbemerkung: Zur Notwendigkeit einer historischen Kontextualisierung . . . . 6
A.1.2 Mögliche Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
A.1.2.1 Altisländische geschichtliche Literatur und literarische Geschichtsschreibung . . 10
A.1.2.2 Die altisländischen Gesetzessammlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
A.1.2.3 Archäologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
A.1.2.4 Geschichtswissenschaftliche und volkskundliche Literatur . . . . . . . . . . . . 14
A.1.2.5 Das einzige (mehr oder minder) isländische Kochbuch des Mittelalters . . . . . 17
A.1.3 Ein kurzer Abriss über Lebensmittel und Kochmethoden der Isländer in
Wikingerzeit und Mittelalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
A.1.3.1 Viehwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Milch und Milchprodukte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Fleisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
A.1.3.2 Wildtiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
Wildvögel und Eier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
Robben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
Wal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
Muscheln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
Fisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
A.1.3.3 Pflanzliche Nahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
Getreide und Getreidesubstitute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
Bier, Wein und Met . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Obst, Gemüse und Kräuter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
A.1.3.4 Kochmethoden und Feuermaterial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
A.1.3.5 Ort des Kochens und Essens, Tischausstattung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
A.2 Zu den Lebensmitteln und Kochmethoden der Isländersagas . . . . . . . . . . . 55
A.2.1 Viehwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
Milch und Milchprodukte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
Fleisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
A.2.2 Wildtiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Eier, Wildvögel und bejagte Landtiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Robben, Wal, Muscheln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
Fisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
A.2.3 Pflanzliche Nahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Getreide und Getreidesubstitute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Bier, Wein und Met . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
Obst, Gemüse und Kräuter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
A.2.4 Kochmethoden und Feuermaterial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
A.2.5 Ort des Kochens und Essens, Tischausstattung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
A.3 Allgemeine Überlegungen zu Nahrung und Mahlzeiten in den Isländersagas . . 78
A.3.1 Kulinarische Sparsamkeit I: Produktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
A.3.2 Kulinarische Sparsamkeit II: Konsumtion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
A.3.2.1 Befund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
A.3.2.2 Vergleich mit anderen mittelalterlichen Literaturen . . . . . . . . . . . . . . . . 82
Höfische Dichtung des deutschsprachigen Raums . . . . . . . . . . . . . . . . 82
Altenglische Dichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
A.3.3 Weiteres Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
A.3.4 Nicht jede Nahrung ist ein Symbol: Bäuerliche Lebensweise als gegebener
(Handlungs-)Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
B. Text
Strukturen und Normen der Gesellschaft, ins Essen und Trinken geschrieben 100
B.1 Sozioökonomie. ›Enteigentlichtes Essen‹ und gesellschaftliche Konstitutionen . 101
B.1.1 Nahrungsökonomie, Selbstbestimmung und Macht . . . . . . . . . . . . . . . . 101
B.1.1.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
B.1.1.2 »Fé og frelsi«. Nahrungsökonomie, Selbstbestimmung und Macht
in der Egils saga . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
Bäuerliche Expertise, Landnahme und Etablierung . . . . . . . . . . . . . . . . 104
Nahrungsressourcen und Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
Bauern und Könige: Thematik und Motivik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
Bäuerliche Produktivität vs. königlich-militärische Gewalt . . . . . . . . . . . . 112
B.1.2 Fest, Mahl, Gastfreundschaft und Status . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
B.1.2.1 Fest und Status . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
B.1.2.2 Soziale und literarische Festkonventionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
B.1.2.3 »Bell den Gast nicht an und bespucke ihn nicht am Tor«. Alltägliche
Gastfreiheit: Konventionen, Status und Charakterfragen . . . . . . . . . . . . . 127
Konventionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
Gastfreiheit und Status . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
Verluste an Käse und Ehre: Zur Brennu-Njáls saga, Kapitel 47–51 . . . . . . . . 130
»Gewaschen und satt reite der Mann zum Thing, wenn er auch nicht allzu gut
gekleidet ist«. Vermögens- und Charakterfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
»Nicht nah, sag ich, ist’s zu des Freigebigen Haus«. Geiz . . . . . . . . . . . . 139
B.1.3 Mahl und Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
B.1.3.1 »Mit halbem Brot und dem Becher zur Neige gewann ich mir einen Gefährten«.
Das Mahl als konstituierende Institution der sozialen Welt . . . . . . . . . . . . 141
Alltägliche und außeralltägliche Tischgemeinschaft, Essen und Trinken . . . . . 145
»Gut hast du mich bewirtet, und gut werde ich es lohnen«. Teilen der Nahrung,
Bündnis und Gemeinschaft in Isländersagas und Rechtstexten . . . . . . . . . . 149
B.1.3.2 Die Verbindlichkeit gemeinsamen Essens und Trinkens: Problematisierungen
und Verweigerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
B.1.3.3 Brüche. Mahl und Konflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
Problematische, unterbrochene und gescheiterte Mahlzeiten und Feste . . . . . . 169
Betrügerische Mahlzeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
Pervertierte und verkehrte Mahlzeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
Zur Festmahlmotivik der Laxdœla saga . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
B.2 Schimpf und Schande. ›Verkehrte‹ Nahrung und die Körperlichkeit des Essens
als Mittel der Aus- und Abgrenzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
B.2.1 Injurien in Wort und Tat: Deplatzierte Nahrung und Ausscheidung . . . . . . . . 189
Zu zwei Trinkszenen der Egils saga, Kapitel 44 und 71 . . . . . . . . . . . . . . 193
B.2.2 Nahrung und níð . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
B.2.3 Kulinarische Platzverweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
Befremdliche Speisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
Die problematische Liebe zum Essen und Strophe 14 der Grettis saga . . . . . . 218
B.3 Küche und Tafel, verkehrt in Kampf und Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
B.3.1 Kampf und Mahlzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
B.3.2 Kampf, Kochen und Essen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
B.3.3 Mahlzeit und Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
C. Intertext. Das tägliche Brot.
Literarkulinarische Einflüsse aus Bibel und geistlichem Schrifttum . . . 251
C.1 Religiös motivierte Nahrungsmotivik in den Vínlandsagas . . . . . . . . . . . . 254
C.1.1 Zum religiösen Diskurs in den Vínlandsagas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
C.1.2 Die Vínlandfahrten der Grœnlendinga saga . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
C.1.3 Die Vínlandfahrten der Eiríks saga rauða . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
C.2 Getreide-, Sämanns- und Ackermotive in der Brennu-Njáls saga . . . . . . . . . 273
C.2.1 Profane Getreidemotivik: Wertschätzung und Charakterzeugnis . . . . . . . . . 273
C.2.2 Drei zentrale Szenen und ihr Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
C.2.3 Die Brennu-Njáls saga, Altes und Neues Testament, Gunnarr und Hǫskuldr:
Beziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
C.2.4 Biblische Bilder. Zur Acker- und Sämannsmotivik der Brennu-Njáls saga . . . . 281
C.2.4.1 Hǫskuldr auf dem Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
Exkurs: Ein verkehrtes Abendmahl. Zu Kapitel 116 der Brennu-Njáls saga . . . 286
C.2.4.2 Gunnarr auf dem Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
C.2.4.3 Gunnarr bleibt im Land . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
Schluss. Essen, Sprechen, Erzählen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
Verwendete Ausgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
Sekundärliteratur und Übersetzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307
... their morals were not ours; nor their poets; nor their climate;
nor their vegetables even.
(Virginia Woolf, Orlando)
1
Vorrede
Als erzählende Prosatexte in der Landessprache, die sich mit dem Leben und Sterben zwar
mächtiger oder herausragender, nicht aber adliger oder heiliger Personen befassen, sind die Is-
ländersagas in der Literatur des europäischen Mittelalters eine außergewöhnliche Erscheinung.
Bemerkenswert sind sie nicht nur als ein ganz eigenes Genre, in dem sich Erzählung und Ge-
schichte zu einer Einheit verbinden, die zwar schon im isländischen Begriff saga angelegt ist, in
der Forschung aber dennoch für Kopfzerbrechen sorgen sollte. In stilistischer Hinsicht kommen
sie dem modernen Roman erstaunlich nahe: In nüchternem Duktus, mit charakteristischem un-
derstatement und manches Mal mit trockenem Humor berichten sie nicht nur vom Außerge-
wöhnlichen, von weiten Reisen, großen Kämpfen, prächtigen Festen, besonders tragischen Feh-
den oder Lieben, sondern auch vom Alltäglichen, von Hofarbeit, Handel, kleinlichen Streitig-
keiten, mehr oder weniger gelingenden Ehen – und vom Kochen, Essen und Trinken. Die Dar-
stellung des Alltags ist jedoch nicht erzählerischer Zweck, sondern nur eines der verwendeten
Mittel, um die eigentlichen Themenkomplexe der Sagas zu verhandeln. Diese Arbeit geht der in
der Forschung bisher nur gelegentlich gestreiften Frage nach, welche thematischen, strukturel-
len, motivischen und textuell verweisenden Funktionen Nahrung und Mahlzeiten in den Islän-
dersagas erfüllen.
Die Abgrenzung eines zu untersuchenden Korpus hat immer etwas Künstliches an sich und
bietet grundsätzlich Anlass zur Diskussion. Schon die Anzahl derjenigen Texte, die in der Lite-
ratur als Isländersaga bezeichnet werden, schwankt je nach In- oder Exklusion einiger an der
Grenze zu anderen Genres angesiedelter Texte. Hinzu kommen die þættir, eine Gruppe von
Texten, die sich von den Isländersagas durch ihre Kürze und entsprechend einfachere Komposi-
tion unterscheiden, deren Weltsicht und literarische Mittel jedoch nicht nur teilen, sondern oft
sogar besonders pointiert umsetzen. Engen Bezug zu den Isländersagas haben die Landnáma-
bók, der im Hochmittelalter kompilierte Bericht über die Besiedlung Islands in seinen verschie-
denen Redaktionen, die mit den Isländersagas in einem komplexen Verhältnis gegenseitiger
Entlehnungen stehen, und die unter der Bezeichnung Grágás ebenfalls in verschiedenen Redak-
tionen überlieferten Gesetze des isländischen Freistaats (s. A.1.2.2). Schließlich wären die Kö-
nigssagas zu nennen, Erzählungen über die norwegischen Könige, die mit den Isländersagas ge-
nerisch eng verwandt und in der Manuskriptüberlieferung teilweise aufs Engste verbunden sind;
und auch zur übrigen Sagaliteratur bestehen Beziehungen, die eine Abgrenzung des Untersu-
chungsbereichs teilweise schwierig machen. Da aber doch eine Grenze dessen gefunden werden
muss, was in einer einzelnen Arbeit geleistet werden kann, wurden hier nur jene 36 Texte unter-
2
sucht, die Kurt Schier unter dem Begriff der Isländersaga fasst.1 Einige Passagen aus Texten an-
derer Gattungen der Sagaliteratur werden zur Verdeutlichung einzelner Punkte herangezogen,
insbesondere jedoch die Grágás als unverzichtbare Referenz gerade in Alltagsdingen, die in den
erzählenden Texten als gesetzlich geregelt und allgemein bekannt vorausgesetzt werden.
Freilich sind die genannten 36 Sagas eigentlich nicht nur 36 Texte. Die meisten von ihnen
sind in verschiedenen Redaktionen erhalten, in mittelalterlichen Manuskripten ebenso wie in
neuzeitlichen Abschriften, die zu einem Teil auf mittlerweile verlorene mittelalterliche Vorlagen
zurückgehen. Im Grunde ist jeder einzelne dieser Belege ein Text für sich, der auch als solcher
zu analysieren wäre: ›Die‹ Saga von diesem oder jenem Isländer, wie sie heute in Ausgaben und
Übersetzungen erscheint, gab es so im Mittelalter nicht. Auch hier musste jedoch wieder eine
Grenze des Machbaren gefunden werden. In einer Überblicksarbeit wie dieser ist die am einzel-
nen Schriftträger orientierte Arbeit nicht mehr zu bewältigen. Es wurden daher die gängigen
Ausgaben verwendet und die dort angegebenen Textvarianten, wo sie im gegebenen Zusam-
menhang relevant sind, in die Analyse einbezogen. Ein Sonderfall im Bezug auf diese Herange-
hensweise ist die Fóstbrœðra saga, die in drei Hauptredaktionen erhalten ist. Die längste von
ihnen, die in die Óláfs saga hins helga der Flateyjarbók integriert ist, galt lange Zeit als eine
jüngere und mit unnötigem Beiwerk ausgebaute Fassung, die in Möðruvallabók und Hauksbók
erhaltenen kürzeren Redaktionen mit ihrem ›klassischen‹ Sagastil als älter und ursprünglicher.
Mittlerweile wird ein gerade umgekehrtes Verhältnis zwischen den Texten angenommen. Dass
hier nur die Redaktion der Flateyjarbók verwendet wurde, ist jedoch weniger dieser Neubewer-
tung geschuldet als der Tatsache, dass in den kürzeren Fassungen viele jener Passagen fehlen,
die hier von Interesse sind, und die übrigen keine im Vergleich zur Flateyjarbók neuen Aspekte
aufweisen. Dies fügt sich in den Charakter der späteren Bearbeitungen der Saga, die unter an-
derem die humoristischen Züge und ironischen Brechungen der älteren Fassung zugunsten ei-
nes mittlerweile verfestigen, nüchternen Stilideals zurücknehmen; denn viele der mit Essen be-
fassten Szenen der Fóstbrœðra saga haben komische Züge. Über diese Feststellung hinaus
bringt ein Vergleich der Texte im gegebenen Zusammenhang keine weiteren Ergebnisse, des-
halb wurde auf den durchgängigen Verweis auf die Redaktionen der Möðruvallabók und Hauks-
bók verzichtet.
Die Übersetzungen der altnordischen, skandinavischen und lateinischen Zitate sind, wo nicht
anders angegeben, die der Autorin dieser Arbeit, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass
die ein oder andere Wendung einer zuvor irgendwann einmal gelesenen Übersetzung geschuldet
1 Vgl. Schier (1970: 34–59). – Aus Gründen der Lesbarkeit wird der Begriff ›Sagas‹ in dieser Arbeit synonym für
das Korpus der Isländersagas verwendet, während die Sagaliteratur insgesamt stets als solche bezeichnet wird
und ihre anderen Genres mit ihrer jeweiligen kompletten Bezeichnung genannt werden.
3