Table Of ContentSonderabdruck aus "Zeitschrift für Physik", Band 116, Heft 7/8
Springer-Verlag Berlin Heidelberg GmbH
ISBN 978-3-662-28098-0 ISBN 978-3-662-29606-6 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-29606-6
Meinen lieben Eltern
in Dankbarkeit gewidmet
Es wurde die Druckabhängigkeit der Kolonnenionisation durch ot.-Strahlen
bei Einstrahlung senkrecht zum elektrischen Feld an Luft, Kohlendioxyd,
Wasserstoff, Argon und einem Luft-Kohlendioxyd-Gemisch untersucht. Zur
Messung der erzeugten Ionenmengen diente das Hoffmannsehe Vakuum
e
duantenelektrometer. - Die Meßergebnisse wurden mit der von J aff auf
gestellten Theorie der Kolonnenionisation verglichen. Die Messungen bestätigen,
daß die Theorie die Abhängigkeit der Kolonnenionisation vom Druck auch
für den Fall d!lr Einstrahlung senkrecht zum elektrischen Feld gut wiedergibt.
Größere Abweichungen treten nur bei Wasserstoff und Argon für kleine Feld
stärken auf, sie lassen sich zwanglos durch den Ionenverlust infolge Diffusion
nach den Wänden des Meßraumes erklären. - Unter Zugrundelegung der Meß
werte werden schließlich die Wiedervereinigungskoeffizienten für Luft und C 0
2
bei den verwendeten Drucken berechnet. Bei beiden Gasen wird oc mit steigendem
Druck kleiner. Da nicht alle in der Theorie vorkommenden Konstanten mit
genügender Genauigkeit bekannt sind, ist es fraglich, ob die absoluten Werte
von oc zuverlässig sind; die Abhängigkeit vom Druck jedoch dürfte wohl durch-
aus den Tatsachen entsprechen.
1. Einführung.
Nach der Jaffeschen Theorie!) ist zu erwarten, daß bei der Ionisation
durch IX-Strahlen der Gasdruck einen erheblichen Einfluß auf den Verlauf
der Sättigungscharakteristiken hat. Die bisher in dieser Richtung vor
genommenen Untersuchungen erstrecken sich nahezu alle auf den Druck
bereich unter einer Atmosphäre; doch gerade dieser Bereich ist für die
Kolonnenionisation am wenigsten charakteristisch,, da sich hier die Ko
lonnen sehr schnell verbreitern und infolgedessen ähnliche Verhältnisse
entstehen wie bei der Volumenionisation. Als einziger untersucht Jaffe2)
für Einstrahlung parallel zum Feld die Kolonnenionisation bei höheren
Drucken und findet für genügend hohe Feldstärken gute Übereinstimmung
zwischen Theorie und Experiment.
Aufgabe der vorliegenden Arbeit ist es, die Druckabhängigkeit der
Kolonnenionisation durch IX-Teilchen bei Einstrahlung senkrecht zum Feld
an verschiedenen Gasen zu untersuchen und die Ergebnisse mit der Theorie
e,
1) G. J aff Ann. d. Phys. 42, 303, 1913 u. Phys. ZS. 15, 353, 1914.
e,
1) G. J aff Phys. ZS. 30, 849, 1929.
Über die Druckabhängigkeit der Kolonnenionisation durch tX-Strahlen. 445
zu vergleichen. Insbesondere soll festgestellt werden, ob die Theorie auch
bei Edelgasen und Gasgemischen anwendbar ist; und schließlich soll
versucht werden, auf Grund der Messungen noch Aussagen über die Druck
abhängigkeit des Wiedervereinigungskoeffizienten zu machen.
2. Beschreibung der Apparatur.
Als Meßinstrument diente ein Hoffmannsches Vakuumduanten
elektrometerl), die Ladungsempfindlichkeit wurde auf 6800 E.-Q.fmm bei
fo/ie Blendeil
~ Dichtvng (flvmmi)
~Bernstein
Fig. 1. Druck- uud Ionisationskammer.
A Rotguß platten, B Stahlbolzen, C Rottgußzylinder, D Zwischenstück,
E Auffangelektrode, F Schutzring, G Spannungselektrode, H Spannnngs
znführnng, I <t-Strahlenkanone, K Pumpleitung zur Kanone, L Druck-
zuführung.
emem Skalenabstand von 2,20 m eingestellt. Die Verbindung zwischen
dem Elektrometer und der Druckkammer stellte das Zwischenstück D dar,
das während der Messungen evakuiert wurde, um das Abscheiden un
erwünschter Ladungen aus dem umgebenden Luftraum zu verhindern.
Die Druckkammer bestand aus den beiden Rotgußplatten A und dem
kurzen Rotgußzylinder C; die Platten wurden durch mehrere Stahlbolzen
an den Zylinder herangepreßt.
In dem Druckgefäß befand sich die Ionisationskammer, ein flacher
Schutzringkondensator. Die rechteckige Auffangelektrode E hatte eine
1) G. Hoffmann, Phys. ZS. 13, 480, 1029, 1912.
446 E. Helbig,
Größe von 0,4 X 3,5 cm, ihre Anschlußleitung führte durch einen Bernstein
isolator und das evakuierte Zwischenstück zum Elektrometer. Um ein
homogenes elektrisches Feld zu erzielen, war E aiiseitig von einem 2,5 cm
breiten geerdeten Schutzring F umgeben; der Luftspalt zwischen E und F
hatte eine Breite von 0,05 cm.
Um eine gut definierte Einstrahlrichtung zu erhalten, wurden die
IX-Teilchen mit einer sogenannten Strahlenkanone 1 in den Meßraum ge
schossen. Die Kanone ist in Fig. 1 im Kondensator schematisch angedeutet
und im oberen Teil des Bildes nochmals vergrößert dargestellt. Die beiden
Blenden hatten eine Öffnung von 0,4 mm Durchmesser. Unmittelbar auf
die Blende II war eine Glimmerfolie von 10 mm Luftäquivalent gekittet,
die die Kanone nach vorn druckdicht verschloß. Die Strahlenkanone
konnte durch den Pumpanschluß K unabhängig von der übrigen Apparatur
evakuiert werden.
Das Schaltschema der Apparatur stimmte im angerneinen mit der
von G. Hoffmann I) beschriebenen Anordnung überein. Die Bewegung
des Elektrometersystems wurde photographisch registriert. Die Re
gistrierungen wurden mit einem von Hoffmann konstruierten Apparat2),
der ein völlig objektives Ausmessen gewährleistet, ausgewertet.
3. Übe·r die Theorie der Kolonnenionisation und die Ermittlung
der Sättigungswerte.
Bei der Berechnung der Sättigungscharakteristiken für Einstrahlung
e
senkrecht zum elektrischen Feld ergibt sich bei J aff schließlich folgende
einfache Gleichung:
1
(1)
I= + rxNo 1r/ zn . .
l 8 n D S (z)
Hierin ist: cx der Rekombinationskoeffizient; N0 die lineare Ionisations
dichte, d. h. die Zahl der Ionen pro cm der Bahn zur Zeit t = 0; D der
mittlere Diffusionskoeffizient der beiden Ionenarten, z = b2;;~2, u die
mittlere Ionenbeweglichkeit; X die Feldstärke. i ist eine Funktion der
Feldstärke und gibt die Ionenmenge an, die der Kolonne durch das elektrische
Feld entführt wird; 1 die im Sättigungsfall abgeschiedene Ionenmenge;
S (z) eine Transzendente aus der Theorie der Zylinderfunktionen; der
Parameter b ist eine für jedes Gas charakteristische Konstante, er ist durch
1) G. Hoffmann, Ann. d. Phys. 80, 779, 1926. - 2) H. Ziegert, ZS.
f. Phys. 46, 668, 1928.
Über die Druckabhängigkeit der Kolonnenioniss,tion durch ()(-Strahlen. 447
eine einfache Beziehung mit dem mittleren Abstand der Ionen von der
Kolonnenachse verknüpft.
Der Einfluß des Gasdruckes auf den Verlauf der Stromspannungs
charakteristiken ist aus Formel (1) ohne weiteres zu ersehen, da die Druck
abhängigkeit der darin vorkommenden Konstanten bekannt ist; N ist
0
dem Drucke direkt, u, b und D aber indirekt proportional. Auch der Re
kombinationskoeffizient oc zeigt eine gewisse, allerdings nicht proportionale
Abhängigkeit vom Druck.
Da bei der Ionisation durch oc-Strahlen die Rekombination einen maß
gebenden Einfluß auf die Sättigungsverhältnisse hat, läßt sich im all
gemeinen nur mit sehr hohen Feldstärken Sättigung erreichen, eine
Schwierigkeit, die sich mit steigendem Druck noch erhöht. Bei den vor
liegenden Messungen standen aber nur Spannungen bis ungefähr 1200 Volt
zur Verfügung; zur Ermittlung der Sättigungswerte mußte deshalb em
Extrapolationsverfahren angewandt werden. Besonders geeignet ist
folgendes, von Zanstral) angegebenes Verfahren:
Schreibt man die Gleichung (1) in folgender Form:
"1[ = y1 + Tq f (x), (2)
wobei
und
f (x) = f~ ·S(z),
so erhält man eine lineare Beziehung zwischen 1/i und f (x). Trägt man
also f (x ) als Abszisse und 1/i als Ordinate auf, so müssen die erhaltenen
Punkte auf einer Geraden liegen. Da sich die Funktion f (x) für sehr hohe
Feldstärken dem Werte Null nähert, ergibt der Schnittpunkt dieser Geraden
mit der Ordinate das Reziproke des gesuchten Sättigungswertes.
Nach diesem Ve rfahren wurden für sämtliche vorliegenden Messungen
die Sättigungswerte ermittelt.
4. Meßergebnisse.
a) Messungen an Luft. Die Luft wurde durch einen Kompressor aus
der freien Atmosphäre augesaugt und in die Druckkammer gepreßt. In
der Saugleitung befand sich ein Chlorcalciumrohr von 1,5 m Länge zum
Trocknen der Luft, in der Druckleitung lag unmittelbar vor der Kammer
ein Wattefilter zum Abfangen von Staubpartikeln usw.
1) H. Zanstra, Physica 2, 817, 1935, Nr. 8.
448 E. Helbig,
Die gemessenen Stromspannungscharakteristiken zeigt Fig. 2.
Als Abszisse ist die Feldstärke in Volt fern, als Ordinate die prozentuale
Sättigung ifl aufgetragen. Wie nach der Theorie zu erwarten ist, ver
laufen. die Charakteristiken mit steigendem Druck immer flacher; die Re
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V/cm. Fig. 3. Stromdruckcharakte-
Fig. 2. Sllttigungscharakteristiken flir Luft. ristiken flir Luft von 75, 150
I: 1 Atm., II: 2 Atm., III: 3 Atm., IV: 4 Atm., und 300Volt/em.
V: 6 Atm., VI: 6 Atm.
kombination wirkt sich also infolge der mit dem Druck zunehmenden
Ionendichte immer stärker aus.
In Fig. 3 sind die zugehörigen Stromdruckcharakteristiken für Feld
stärken von 75, 150 und 300 Voltfern dargestellt. Als Abszisse ist der
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Fig. 4. Sättigungscharakteristiken für Kohlendioxyd.
I: 1 Atm., li: 2 Atm., III: 3 Atm., IV: 4 Atm.
Druck in Atm., als Ordinate die Stromstärke in willkürlichen Einheiten
aufgezeichnet.
b) Messungen an Kohlendioxyd. An Kohlendioxyd wurden Messungen
bei 1 bis 4 Atm. durchgeführt. Das Gaß wurde einer handelsüblichen Flasche
entnommen und nicht noch einmal besonders getrocknet, es passierte vor
dem Eintritt in die Kammer lediglich ein Wattefilter.
Die gemessenen Sättigungscharakteristiken sind in Fig. 4 dargestellt.
Über die Druckabängigkeit der Kolonnenionisation durch <X-Strahlen. 449
Fig. 5 zeigt die zugehörigen Stromdruckcharakteristiken für Feld
stärken von 400 und 800 Voltjcm.
Irrfolge der größeren Ionendichte macht sich bei C 0 die Wieder·
2
Vereinigung wesentlich mehr geltend als bei Luft, und der Verlauf der
Stromspannungscharakteristiken ist infolgedessen viel flacher.
c) Messungen an Wasserstoft. An Wasserstoff wurden Messungen
bei 1, 2, 4 und 8 Atm. durchgeführt. Fig. 6 zeigt die erhaltenen Strom
spannungscharakteristiken.
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Fig. 5. Stromdruckcharakte-
ristiken für Kohlendioxyd. Fig. 6. Stromspannnngscharakteristiken für
Wasserstoff. I: 2 Atm., II: 4 Atm., III: B Atm.
Die Charakteristik für 1 Atm. wurde nicht mit eingezeichnet, da sie
nur unwesentlich von jener bei 2 Atm. abweicht.
Die Kurven bei Wasserstoff unterscheiden sich sehr stark von denen
bei Luft und Kohlendioxyd; ihr Verlauf ist viel steiler, und es ist bereits
mit verhältnismäßig kleinen Feldstärken möglich, den Sättigungszustand
zu ereichen. Dieses Verhalten ist ohne weiteres verständlich; denn bei H
2
kann sich ja die Rekombination bei weitem nicht in dem Maße auswirken
wie bei den anderen erwähnten Gasen, da die Ionendichte von vornherein
schon bedeutend kleiner ist und außerdem durch die Diffusion - großer
Diffusionskoeffizient - schnell noch weiter vermindert wird. Vor allem
bei niederen Drucken ist daher der Kolonneneffekt sehr wenig ausgeprägt,
und es ist kaum ein Unterschied gegenüber der Volumenionisation fest
zustellen. Wenn man zu höheren Drucken übergeht, macht sich jedoch
der Kolonnencharakter in steigendem Maße bemerkbar.
d) Messungen an Argon. Da bei den Edelgasen die Beweglichkeit
der negativen Ionen 103- bis 104mal so groß ist wie die der Ionen in unedlen
Zeitschrift für Physik. Bd. 116. 30