Table Of ContentJohanna Chovanec ·
Gabriele Cloeters · Onur İnal ·
Charlotte Joppien · Urszula Woźniak Hrsg.
Türkeiforschung im
deutschsprachigen
Raum
Umbrüche, Krisen und Widerstände
Türkeiforschung im deutschsprachigen
Raum
Johanna Chovanec · Gabriele Cloeters ·
Onur İnal · Charlotte Joppien ·
Urszula Woźniak
(Hrsg.)
Türkeiforschung im
deutschsprachigen
Raum
Umbrüche, Krisen und Widerstände
Hrsg.
Johanna Chovanec Gabriele Cloeters
Wien, Österreich Hamburg, Deutschland
Onur İnal Charlotte Joppien
Wien, Österreich Hamburg, Deutschland
Urszula Woźniak
Berlin, Deutschland
Die Publikation erscheint mit freundlicher Förderung der Stiftung Mercator.
ISBN 978-3-658-28781-8 ISBN 978-3-658-28782-5 (eBook)
https://doi.org/10.1007/978-3-658-28782-5
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Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser,
der vorliegende Band fasst die Erkenntnisse des fünften Workshops „Türkeifor-
schung im deutschsprachigen Raum“ zusammen, der im März 2018 in den Räu-
men des Asien-Afrika-Instituts an der Universität Hamburg stattfand. Wir haben
die Veranstaltungsreihe im Jahr 2010 mit dem Ziel initiiert, die gegenwartsbezo-
gene Türkeiforschung und insbesondere den Austausch unter Nachwuchswissen-
schaftler*innen im deutschsprachigen Raum zu fördern. Ausgangspunkt war die
Beobachtung, dass zu diesem Zeitpunkt nur wenige Universitäten und For-
schungseinrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sich mit politi-
schen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei befassten.
Die Türkei hat im Laufe der letzten Jahre in politischen und öffentlichen
Debatten deutlich an Relevanz gewonnen. Doch bleibt der Raum, den die deutsch-
sprachige Forschung und Lehre der gegenwartsbezogenen Türkeiforschung bie-
ten, der internationalen Bedeutung des Landes und der Vielfalt seiner Bezüge zu
Europa unangemessen. Es fehlen Lehrstühle, Forschungsprogramme und Studien-
gänge, um die gesellschaftliche und politische Dynamik der türkischen Gesell-
schaft umfassend zu untersuchen und zu vermitteln.
Dennoch ist der deutschsprachige Raum für die internationale Türkeifor-
schung in den letzten Jahren wichtiger geworden. Hunderte bedrohte Wissen-
schaftler*innen, die aufgrund ihrer Arbeit in der Türkei verfolgt werden, haben in
Deutschland, Österreich und der Schweiz Zuflucht gefunden. Um geflüchtete Tür-
keiforscher*innen in unsere Veranstaltung einzubinden, haben wir den Workshop
erstmals auch für englischsprachige Beiträge geöffnet.
Im Rahmen des Workshops mit dem Titel „Umbrüche. Krisen. Wider-
stände“ präsentierten Nachwuchswissenschaftler*innen ihre Forschungsprojekte
und diskutierten die Wechselwirkungen politischen und gesellschaftlichen Wan-
dels in der Türkei in vier Panels: Kultur und Gesellschaft, Migration und Flucht,
akademische Freiheit und Bildung und das Städtische. Mit diesem Band werden
die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Präsentationen und Diskussionen einer
breiteren Leserschaft zugänglich gemacht. Wie die vorangegangenen Publikatio-
nen verdeutlicht auch dieser Band durch die hohe Qualität sowie die theoretische
und methodische Vielfalt der Beiträge eindrücklich das hohe Potential der jungen
Türkeiforschung im deutschsprachigen Raum.
VI Yavuz Köse und Daniel Grütjen
Wir danken den Herausgeber*innen Johanna Chovanec, Gabriele Cloeters, Onur
İnal, Charlotte Joppien und Urszula Woźniak sowie den Autor*innen des Bandes
herzlichst für ihre Arbeit. Wir danken ferner allen Teilnehmenden und den vielen
helfenden Händen, die zum Erfolg des Workshops beigetragen haben. Besonders
hervorheben möchten wir zudem die finanzielle und ideelle Unterstützung der
Universität Hamburg und des von der Stiftung Mercator geförderten Programms
Blickwechsel, die unser Engagement für die Stärkung der gegenwartsbezogenen
Türkeiforschung ermöglichen.
Viel Spaß beim Lesen wünschen
Daniel Grütjen, Network Turkey
Yavuz Köse, Universität Wien und TEZ
Inhalt
Einführung .......................................................................................................... 1
Rural Mysticism vs Urban Modernity in the Egyptian and Turkish Novel .. 11
A Comparative Analysis of ʻAbd al-Ḥakīm Qāsim’s “The Seven Days of
Man”and Yaşar Kemal’s “Earth, Iron, Sky, Copper”
Lars Marcus Petrisson
„Stealing from the [Past]“ ................................................................................ 29
Die Aneignung der Miniatur als eine Form des Widerstandes
gegen repressive Identitätspolitiken? Eine Analyse ausgewählter Arbeiten
der Künstlerin CANAN
Eva Liedtjens
Haset, Husumet, Rezalet/Envy, Enmity, Embarrassment ............................. 53
Künstlerische Reflexionen politischer und gesellschaftlicher Vorgänge in der
zeitgenössischen Kunst der Türkei
Ayşe Zeynep Pamuk Suleri
The Author as Public Intellectual .................................................................... 77
Aesthetics, Political Responsibility and Paranoia in Orhan Pamuks
Mert Bahadır Reisoğlu
The Flamingo’s Neck: ...................................................................................... 93
Exploring Sustainable Development Realities in Turkey
Sebastian Haug
From Ideal City-Dweller to Ideal Citizen ...................................................... 117
Shifting Power Relations in the Discourse on 'Black' and 'White' Turks
Annette Steffny
AKP Voters in Germany ................................................................................. 139
Migrant Communities at the Centre of Political Disputes
and Bilateral Conflicts
Tabea Becker-Bertau
Impacts of Turkey’s Rising Authoritarianism on German-Turkish
Women’s Transnational Migration Dynamics .............................................. 159
Melanie Weißenberg
VIII Inhaltsverzeichnis
Politics of Space............................................................................................... 183
Built Form and Social Life in a Gecekondu Transformation Project in Ankara
Lennart Cornelius Hölscher
Pre-AKP Urban Rehabilitation Projects for Istanbul’s Eyüp Quarter ...... 207
Contextualising the Narrative of 1994 as Point of Rupture
Annegret Roelcke
Komplexe Relationen zu Frauenbewegungen .............................................. 231
Umbrüche und Paradigmenwechsel innerhalb der Frauen-
und Geschlechterstudien in der Türkei
Charlotte Binder und Deniz Dağ
Verzeichnis der Autor*innen .......................................................................... 257
Einführung
Die demokratische Verfasstheit der Türkei und ihrer rechtsstaatlichen Institutio-
nen muss spätestens seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 als krisenhaft be-
schrieben werden. Sowohl innerhalb der Landesgrenzen als auch in ihren Bezie-
hungen zu anderen Staaten ist die Türkei seit einigen Jahren von massiven Um-
brüchen geprägt. Neben innenpolitischen Entwicklungen, die seit der Gezi-Bewe-
gung 2013, einer Vielzahl von Wahlen und der Einführung des Präsidialsystems
im Jahr 2018 zunehmend von Autoritarismus und Polarisierung gekennzeichnet
sind, stehen auch die Außenbeziehungen der Türkei vor einer Neuordnung. Die
Beziehungen zur Europäischen Union sind auf einem Tiefpunkt angelangt, wäh-
rend die Machtverschiebungen in der Region und anhaltende Flucht- und Migra-
tionsbewegungen den gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes vor große
Herausforderungen stellen.
Umbrüche, Krisen und Widerstände bestimmen dabei nicht erst in jüngs-
ter Zeit das gesellschaftspolitische Tableau der Republik Türkei. Alleine drei Mi-
litärputsche formten die Geschichte des Landes in der zweiten Hälfte des 20. Jahr-
hunderts. Die neoliberale Agenda der 1980er Jahre öffnete die Türkei nicht nur
den globalen Märkten, sondern hatte auch weitreichende soziale und kulturelle
Folgen für die Organisation der Gesellschaft, darunter die zunehmenden identi-
tätspolitischen Fragmentierungen, welche die Türkei bis heute prägen.
In diesem nunmehr vierten Band der Reihe „Junge Perspektiven der Tür-
keiforschung“ stellen junge Wissenschaftler*innen disziplinübergreifend eine
breite Vielfalt an türkeibezogenen Forschungsprojekten vor. Der gemeinsame the-
matische Fokus ist dabei die Frage nach Umbrüchen, Krisen und Widerständen in
der jüngeren Geschichte und Gegenwart der Türkei mit Blick auf ihre Kontinuitä-
ten und Brüche sowie auf die Vorboten zukünftiger Veränderungen. Der Sammel-
band fragt danach, wie sich gesellschaftspolitischer Wandel in der Türkei mani-
festiert und wie dieser untersucht werden kann. Gleichzeitig wird ein Schlaglicht
auf Orte und Akteur*innen widerständiger Praktiken gegen die offizielle politi-
sche Agenda geworfen.
Der Sammelband geht aus dem Workshop „Türkeiforschung im deutsch-
sprachigen Raum“ hervor, der im März 2018 zum fünften Mal in Folge an der
Universität Hamburg stattgefunden hat und in dessen Rahmen Forscher*innen aus
verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen akademischen Hintergründen
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020
J. Chovanec et al. (Hrsg.), Türkeiforschung imdeutschsprachigen Raum,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-28782-5_1
2 Chovanec, Cloeters, İnal, Joppien und Woźniak
ihre Forschungsprojekte vorgestellt haben. Der Workshop bestand aus den vier
Panels „Kultur und Gesellschaft“, „Migration und Flucht“, „Das Städtische“ sowie
„Akademische Freiheit und Bildung“. Alle Beiträge des vorliegenden Bandes wur-
den in den Panels vorgetragen und diskutiert. Die thematische Gliederung des
Bandes folgt daher weitgehend den Themenschwerpunkten des Workshops.
Der erste Abschnitt des Bandes beschäftigt sich mit der Frage, wie ge-
sellschaftliche und politische Transformationen in unterschiedlichen Feldern der
Kunst- und Kulturproduktion reflektiert wurden und werden. Die Frage, inwieweit
Literatur und Kunst als Kristallisationspunkte widerständischer Praxis betrachtet
werden können, steht hier im Vordergrund. Der zweite Teil untersucht, welchen
Einfluss gesellschaftspolitische Umbrüche und Krisen auf transnationale Migrati-
onsbewegungen haben. Dabei wird auch danach gefragt, welche Wirkung politi-
scher Wandel auf die türkeistämmige Diaspora in Deutschland hat. Der dritte Teil
widmet sich der Frage, wie sich gesellschaftspolitischer Wandel in den urbanen
Raum einschreibt und Urbanisierungsprozesse prägt. Daran schließt die Frage an,
inwieweit sich die Polarisierung der urbanen Gesellschaft auch in einer räumlichen
Fragmentierung niederschlägt. Der vierte Abschnitt widmet sich schließlich den
Folgen gesellschaftspolitischen Wandels für Bildung, Wissenschaft und For-
schung. Welche Folgen hat die konservativ-autoritäre Agenda der regierenden
AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi, Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt) für die
Rahmenbedingungen und Inhalte von Wissenschaft und Lehre?
Kultur und Gesellschaft
Wesentliche Ereignisse in der Geschichte der Türkei, wie der Übergang vom Im-
perium zum Nationalstaat, brachten nicht nur signifikante Macht-verschiebungen
mit sich, sondern prägten auch das Kulturleben. Europäisierungs- und Moderni-
sierungsprozesse und die Frage nach kultureller Identität werden in Kunst und Li-
teratur verhandelt. Politische Umbrüche wie der Militärputsch von 1980 oder die
Gezi-Bewegung veränderten das gesellschaftliche Klima und spiegeln sich im
Feld der Kultur wider. Unterdessen führte die Aufnahme der Beitrittsverhandlun-
gen mit der Europäischen Union zu einer Intensivierung des kulturellen Austau-
sches zwischen EU-Mitgliedsstaaten und der Türkei. Zudem war und ist Kultur-
produktion vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Polarisierung, sowie der
Stigmatisierung von bestimmten Gruppen in der Geschichte der multiethnischen