Table Of ContentGyburg Radke
Tragik und Metatragik
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Untersuchungen zur
antiken Literatur und Geschichte
Herausgegeben von
Gustav-Adolf Lehmann, Heinz-Günther Nesselrath
und Otto Zwierlein
Band 66
Walter de Gruyter · Berlin · New York
2003
Tragik und Metatragik
Euripides' Bakchen
und die moderne Literaturwissenschaft
von
Gyburg Radke
Walter de Gruyter · Berlin · New York
2003
® Gedruckt auf säurefreiem Papier,
das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.
ISBN 3-11-018022-7
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Für Sebastian
Vorwort
Die Handlung der letzten Tragödie, die Euripides geschrieben hat, ist er-
schreckend grausam. Die ultima vox des Dichters verkündet nicht das Bild
einer vollkommenen Versöhnung und harmonisch-idyllischen Welt. Der
junge König von Theben, Pentheus, wird in den Bakchen in einer orgiastisch
anmutenden Szene von einer ganzen Schar von rasenden Mänaden, darun-
ter Agaue, seiner eigenen Mutter, in Stücke gerissen. Im Glauben, einen
jungen Löwen erlegt zu haben, kehrt Agaue in einem Triumphzug, das
Haupt ihres Sohnes in den Händen, in die Stadt zurück. Der Eindruck, den
diese Szenerie auf den Zuschauer macht, ist (auch heute noch) gewaltig.
Euripides zeichnet, so hat es den Anschein, ein Bild der Zerstörung, buch-
stäblich: des Fragmentarischen, der Irrationalität der Welt, der Sinnlosigkeit
menschlichen Daseins, der schuldlosen Verstrickung in Schuld, einer außer
Kontrolle geratenen, sich selbst zeugenden und fortschreibenden Dynamik
der Destruktion, der Auflösung und Neuknüpfung von rational nicht
durchschaubaren Vernetzungen und komplexen Zusammenhängen.
Man könnte sich in die Moderne, vielleicht sogar in die Postmoderne
versetzt fühlen. Das Drama aber ist antik. Beginnt die Moderne also schon
im 5. Jahrhundert vor Christus? - So hat man oft geurteilt und Euripides als
den rationalistischen oder auch: antirationalistischen Aufklärer der Antike,
als Zerstörer oder Überwinder der Klassik bezeichnet. Das Bild der Mutter,
die, ohne es zu erkennen, den abgeschlagenen Kopf ihres Sohnes vor sich
herträgt, ist zu drastisch, zu suggestiv, als daß man diese Vorstellung mit
der griechischen Antike und dem klassisch-antiken Schönheitsideal verbin-
den wollte. Aber ist die Handlung dieser Tragödie oder ihre Aussage wirk-
lich so inhuman, so existentialistisch hoffnungslos und will Anlaß bieten zu
sentimentalem Weltenschmerz? Ist sie wirklich ein Skandalon für den Un-
terricht in den humanities, für die Vermitdung eines nicht nur humanisti-
schen, sondern auch humanen Bildungsideals? — Dann aber wäre der große
Erfolg, den die Bakchen im universitären Unterricht und in der (außerwis-
senschaftlichen) Theaterpraxis bis heute (und gerade heute wieder) haben,
nicht zu erklären. Sie werden als Exempel verwendet, um etwas typisch
Griechisches aufzuzeigen — und, ich denke, das geschieht zu Recht. Denn
wie ich in diesem Buch zu zeigen versuchen möchte, sind die Bakchen als
ganzes Werk nicht ein Schaubild von Brutalität und grausamer Härte, son-
dern sie sind ein Schulbeispiel einer klassischen Mitleidtragödie. Sie erzie-
hen den Zuschauer (oder Leser) dazu, Humanität zu entwickeln, sie för-
VIII Tragik und Metatragik
dem, so könnte man heute vielleicht sagen, seine emotionale Intelligenz
und soziale Kompetenz. Es macht die besondere Qualität der literarischen
Kunst des Euripides aus, daß er den Zuschauer sich nicht selbst in das
grausame Geschehen einfühlen läßt; er bindet dessen Aufmerksamkeit
nicht an für sich stehende, dramatische visuelle Eindrücke, die ihren Wert
in sich selbst haben und die ihn in ihren Bann ziehen, sondern er benutzt
diese Medien, um den Blick des Zuschauers auf die Ursachen, die zu diesen
schrecklichen Konsequenzen führen, zu lenken. Die Folge dieser Konzen-
tration ist, daß der Zuschauer Mitleid entwickelt, daß er wünscht, das dro-
hende Unheil möge der tragische Held noch einmal von sich abwenden
können.
Mit dieser These möchte ich denjenigen Deutungen widersprechen, die
die Bakchen und Euripides mit den dunklen Seiten der Moderne, mit ihrer
Negativität und ihren Verlusten in Verbindung bringen wollen; und ich
denke, es gibt viele Gründe, die diese Auffassung stützen können. Die
These, die ich damit vertrete, ist nicht an sich antimodern, sie fällt nicht
hinter die Ergebnisse E.R. Dodds' zurück und auch nicht hinter die gegen-
wärtig vorherrschenden Interpretationen, die der 'Entdeckung der dunklen
Antike' Einseitigkeit nachweisen konnten, sondern baut auf ihnen auf. Aber
sie wirkt ungewohnt.
Daß diese These ungewohnt klingt, daß sie Unglauben erweckt und daß
der Handlungsverlauf der Bakchen irrational, destruktiv-pessimistisch er-
scheint, hängt nicht unwesentlich mit bestimmten Strömungen in der mo-
dernen Literaturwissenschaft zusammen, die die Literarizität eines Werkes
über die Analyse der Erzählstruktur und der dramatischen Performanz zu
erschließen versuchen. Sie konzentrieren sich also auf das, was man sehen
kann, und auf den Akt des Sehens selbst, — und das, was man sehen kann
und was die Inszenierung des Dramas bietet, ist tatsächlich auf beeindru-
ckende Weise grausig, zieht den Betrachter mit Macht in seinen Bann und
läßt ihn unentschieden zwischen der Erzeugung und dem Bruch der Illu-
sion, dies alles könnte wirklich sein. Diese Suggestion ist beeindruckend,
hat aber nur wenig Tröstendes an sich. Wenn man an den Bakchen diese
Seite ins Zentrum rückt, wenn man sie nur ansieht, wenn man sie nur in
ihrer optischen Präsenz auf der Bühne wahrnimmt, dann entsteht das hoff-
nungslose Bild einer unmenschlichen Welt, von bezauberndem, verwirren-
dem, Freiheit suggerierendem Schein, von einer absolut determinierten und
ernüchternd grausamen, erbarmungslosen Realität. Wenn man diese Tragö-
die dagegen nicht nur mit den Augen zu erschließen versucht und nicht nur
das Sichtbare analysiert und den Akt des Sehens und Zuschauens reflek-
tiert, sondern wenn man das, was man sieht, als Zeichen für Handlungsent-
scheidungen und Motivationen denkt, dann ist das Bild, das entsteht, ein
anderes: dann erkennt man, was im anderen Fall als undurchsichtiges Ver-
hängnis und Ausdruck einer unwirtlichen, zerstörerischen Welt erscheint,
Vorwort IX
als bestimmte Folge bestimmter Handlungsentscheidungen, bestimmter
Feliler, bestimmter Charaktertendenzen, bestimmter Neigungen und sub-
jektiver Perspektiven; kurz: man versteht das, was geschieht, und man ver-
steht, daß man mit diesem Helden mitleiden muß, daß man mit ihm mit-
bangen und hoffen kann, es gelänge ihm, der sich abzeichnenden Katastro-
phe noch zu entgehen.
Das ist die eigentümliche Humanität der Bakchen. So eindrucksvoll und
in vielerlei Hinsicht 'Augen öffnend' auch die 'visuellen' Interpretationen,
die "Lesarten mit den Augen' sind, so viel sie auch dazu beigetragen haben,
veraltete und immer noch kolportierte Vorurteile über die Naivität antiker
Literatur und über die Simplizität der Erzähl- und Inszenierungsstrategien
der klassischen griechischen Tragödie als Vorurteile zu endarven und mit
den Mitteln der Illusionskunst' zu 'entzaubern' - sie drängen sich zu sehr
und zu leicht in den Vordergrund, sie sind zu suggestiv, zu plausibel, zu
glatt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß zu den zentralen Deu-
tungskategorien die Ambivalenz und sich in Balance haltende, unvermittelt
zugleich behauptete Gegensätze und Widersprüche gehören.
Dies aber muß sich nicht widersprechen. Denn wir leben auch im nor-
malen Alltag mit einer Vielzahl ambivalenter und wechselseitig wider-
sprüchlicher Vorstellungen und geben diese selbst dann nicht (immer) auf,
wenn wir darauf aufmerksam werden.
Ich habe bei der Lektüre und Beschäftigung mit dieser und anderen eu-
ripideischen Tragödien gelernt, daß man auch der Überzeugungskraft der
eigenen Reflexionen auf die Ambivalenzen von Schein und Wirklichkeit nur
allzu leicht unterliegen, daß die strukturale Analyse des unmittelbaren visu-
ellen Eindrucks diesem nicht die Qualität des Suggestiven und Vereinnah-
menden nimmt. Nur dadurch, daß man hinter die Kulissen einer Inszenie-
rung blickt, hat man ein literarisches Werk und sein inhaltliches Kompositi-
onsprinzip noch nicht verstanden. Man lernt dadurch sicher etwas über den
Theaterbetrieb, über Rezeptionssteuerungsmechanismen, darüber, wie Wir-
kungen erzielt, verstärkt und abgeschwächt werden, aber man erfährt nichts
über das, was inszeniert wird. Diese Faktoren sind nicht hinreichend dafür,
um ein Drama kognitiv und emotional verstehen zu können. Die theater-
wissenschaftliche Analyse ist kein autarker Schlüssel zum Verständnis einer
Tragödie. Sie kann notwendige Informationen hinzubringen und den per-
formativen Faktor eines Dramas dem Leser und lesenden Wissenschaftler
in Erinnerung rufen, ihre Kompetenzen dürfen sich aber nicht verselbstän-
digen.
Vieles an den Bakeben wirkt auf den ersten Blick irrational-widersprüch-
lich oder in seiner Ambivalenz eindeutig, also evidentermaßen als etwas,
dem jede Rationalität fehlt oder das jede rationale Überlegung ad absurdum
führt; aber der zweite Gedanke kann sich von diesem unmittelbaren Ein-
druck zu emanzipieren versuchen und wird auf diese Weise andere Dirnen-
χ Tragik und Metatiagik
sionen erschließen und die eröffneten neuen Pfade, die die moderne For-
schung betreten und befestigt hat, für sich nutzbar machen. Die Häkchen
sind ein literarisches Werk, das man verstehen kann, und sie sind kein exis-
tentialistisches Werk, sondern ein Werk, das von den Bedingungen von
Humanität handelt und das Humanität verwirklicht, das Mitleid erweckt
und 'kognitiv' kultiviert.
Man muß also an diesem Stück nicht verzweifeln - und man muß auch
vor ihm weder als humanistisch geprägter klassischer Philologe noch als
moderner klassischer Philologe zurückschrecken. Die Häkchen sind im posi-
tiven Sinn modern: sie sind ein literarisch komplexes und mit Bewußtsein
durchkomponiertes Drama, das die Mittel des Theaters und der Gattung
Tragödie gekonnt für seine Ziele nutzbar macht; und die Häkchen sind im
positiven Sinn nicht-modern: in dieser Tragödie werden keine absoluten
Dichotomien und Gegensätze aufgebaut und in ihrer radikalen Gegensätz-
lichkeit mit allen Folgen präsentiert und 'ausgehalten': diese Welt ist nicht
absolut schlecht, absolut zerstörerisch, absolut unbarmherzig, absolut dem
Untergang geweiht, sie ist aber auch - natürlich - keine Idylle. Euripides
differenziert solche dichotomischen Vorstellungen. Wenn Ausdifferenzie-
rung also ein Signum der Postmoderne ist, dann trifft dieses (positiv ge-
meinte) Prädikat auch auf die Bakchen zu und macht sie für uns (noch)
interessanter.
Dafür, daß dieses Buch entstehen konnte, bin ich vielen in verschiede-
ner Weise Dank schuldig. Zuerst in fachlicher Hinsicht: an erster Stelle
möchte ich meinem akademischen Lehrer Arbogast Schmitt herzlich dan-
ken, sowohl für die Hinführung zur aristotelischen Literaturtheorie in ih-
rem qualitativen Wert und ihrer Relevanz, wie sie sich durch Einordnung
der Poetik in den Zusammenhang von aristotelischer Psychologie und Ethik
erschließen lassen, als auch für seine stete Bereitschaft zu um das richtige
Verständnis des Textes ringenden philologischen Diskussionen und zu je-
der Form des freundschaftlichen symphilosophein. Aber auch den Philologen,
die die Anwendung moderner Konzeptionen und literaturwissenschaftli-
cher Methoden praktizieren und damit den Horizont der Euripidesphilolo-
gie insgesamt und meiner Studien im besonderen erweitert haben, gilt mein
Dank für die vielfältigen Anregungen und Denkanstöße, die sie mir gege-
ben haben: Stellvertretend möchte ich dem (viel zu früh verstorbenen)
strukturalistischen Interpreten Charles Segal danken und außerdem Albert
Henrichs, der die Forschung insbesondere auf dem Gebiet der Rezep-
tionsforschung zum modernen Dionysosbild und dessen Verhältnis zum
antiken Mythos und Ritus bereichert hat und mit dem zusammenzuarbeiten
ich in naher Zukunft die Chance und Freude haben werde.
Meine Auseinandersetzung mit den modernen, vor allem strukturalisti-
schen und metatheatralischen Deutungen der Häkchen ist keine kategoriale