Table Of ContentMonographien aus dem Gesamtgebiete der Psychiatrie
Psychiatry Series
Bandt
fIerausgegeben von
H. Hippius, Miinchen. W.Janzarik, Heidelberg
M. Miiller, Riifenacht/Bern
Klaus Hartmann
Theoretische und empirische
Beitrage zur
Verwahrlosungsforschung
2., neubearbeitete und erweiterte Auflage
Mit 16 Abbildungen und 34 Tabellen
Springer-Verlag Berlin· Heidelberg. New York 1977
Professor Dr. med. KLAUS HARTMANN
Ordentlicher Professor fur Psychiatrie an der Abteilung fur Heilpadagogik
der Padagogischen Hochschule Rheinland in Koln
ISBN-13:978-3-642-81 058-9 e-ISBN-13:978-3-642-81057-2
DOl: 10.1007/978-3-642-81057-2
Library of Congress Cataloging in Publication Data. Hartmann, Klaus, 1925 (Jan. 23)- Theoretische und
empirische Beitrage zur Verwahrlosungsforschung. (Monographien aus dem Gesamtgebiete der Psychiatrie ; Bd. 1)
Summary also in English. Bibliography: p. Includes index. 1. Juvenile delinquency-Germany, West. I. Title.
II. Series HV9158.H33 1976 364.36'0943 76-41833
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is> by Springer-Verlag Berlin' Heidelberg 1970 und 1977
Softcover reprint of the hardcover 2ru:I edition 1977
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Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten waren und daher von jedermann benutzt werden darften.
Herrn Professor Sheldon Glueck und Frau Dr. Eleanor Glueck
in Erinnerung an das Colloquium
im Hans-Zulliger-Haus in Berlin am 25. Juni 1968
Vorwort zur zweiten Auflage
Die zweite Auflage bedarf einiger Vorbemerkungen.
Zur Sache laBt sich in einem Satz berichten: Die Publikationsflut zum Forschungs
bereich der Monographie ist seit ihrer ersten Auflage weiterhin gestiegen, Erganzungen
bzw. Erweiterungen wurden notwendig, das gilt hauptsachlich fur die Soziologie der
Verwahrlosung (Abschnitt 3.2), die Therapie der Verwahrlosung (Abschnitt 7) und
die weltanschaulichen Auseinandersetzungen in der Verwahrlosungsforschung (Ab
schnitt 8).
Zur Institution, aus der die Arbeit hervorging, sind mehrere Satze hinzuzufugen.
Das "Hans-Zulliger-Haus", so ist vorab nachzutragen, existiert nicht mehr, jedenfalls
nicht in seiner ursprunglichen Bestimmung als Institution fur die stationare Begutach
tung sogenannter erziehungsschwieriger Jungen. Die Aufgabe der Einrichtung im
Marz 1974 reflektiert die Schwierigkeiten der Jugendhilfe heute. Die deutsche
Jugendbewegung der sechziger und siebziger Jahre hatte mehrere Stichtage. Mit der
Kontroverse urn den Publizisten ERICH KUBY an der Freien Universitat Berlin im Mai
1965 laBt sich der Beginn der "Hochschulkampagne", mit der Agitation im Erzie
hungsheim Staffelberg bei Biedenkopf an der Lahn im Juni 1969 der Beginn der
"Heimkampagne" markieren. Diese "Heimkampagne" war "eine Folge der allgemei
nen antiautoritaren Bewegung", wie ihre Apologeten GOTHE und KIPPE mit Recht
feststellten. Sie richtete sich auch gegen das "Hans-Zulliger-Haus": Die hier vertre
tenen Explikations- und Therapiemodelle fiir abweichendes Verhalten widersprachen
den antiautoritaren Explikations- und Therapievorstellungen. Letztlich und wesent
lich ging es in der antiautoritaren Bewegung jedoch urn Machtablosung, nicht urn
Liquidation von Autoritat, sondern urn Obernahme von Autoritat, wie beispielsweise
die Entwicklung yom "Sozialistischen Deutschen Studentenverband" (SDS) gezeigt
hat, der als eine antiautoritare Bewegung begann und groBenteils in autoritare marxi
stische Gruppierungen iiberging. Zwar war die "Heimkampagne" die Kampagne einer
Minderheit. Aber sie bewegte die padagogische Szene in dem MaBe, in dem sich der
"Rausch des Veranderns" (FROMME) auch auf das politische Management der "Offent
lichen Erziehung" ubertrug.
Mit der Auflosung der Institution erfolgte die Auflosung des Mitarbeiterteams.
Doch setzten sie ihre Forschungsarbeit fort. Ich danke insbesondere Frau BALLA, Herrn
ADAM, EBERHARD, NEUMANN und SCHULTZ fur weiteres wissenschaftliches "feed
back" sowie den Herausgebern und dem Verlag fiir die Redaktion der neuen Auflage.
Koln, im Dezember 1976 KLAUS HARTMANN
Vorwort zur ersten Auflage
Zwei Bemerkungen seien dieser Arbeit vorausgeschidtt.
Die erste Vorbemerkung ist eine ErHiuterung: Es soil gesagt werden, welchen Tei
len der Monographie das besondere Interesse des Autors gilt. Wie ihr Titel zum Aus
drudt bringt, enthalt die Arbeit theoretische und empirische Kapitel. Die empirischen
Beitrage sind das Kapitel nMethodologie", das sich mit der Erhebung, Messung und
Voraussage der Verwahrlosung befaBt, sowie das Kapitel »Untersuchungsergebnisse",
welches uber eine Untersuchung von 1000 verwahrlosten mannlichen Minderjahrigen
berichtet. Von diesen beiden empirischen Beitragen ist dem Autor besonders an dem
methodischen Teil gelegen, zumal die Untersuchungsresultate nur fur eine bestimmte
Population gelten, aber die Untersuchungsmethoden auch bei anderen Populationen
angewandt werden konnen. Ais theoretische Beitrage verstehen sich die Kapitel
nPhanomenologie", nKtiologie" und nTerminologie". Bei diesen drei Kapiteln liegt
dem Autor besonders an dem terminologischen Exkurs, da in der Fachliteratur in
bezug auf die Verwahrlosung erhebliche Zuordnungsschwierigkeiten bestehen - unter
anderem vermutlich auch deshalb, wei I sich keine Wissenschaft mit diesem Forschungs
bereich so recht identifizieren will: Die korperlich begriindbaren Geistes- und Gemiits
leiden sind bisher die einzigen von der Psychiatrie als Krankheiten akzeptierten
Seelenstorungen; der neurotischen Affektionen hat sich die Psychoanalyse angenom
men; die Verwahrlosungsentwidtlungen werden von der Psychiatrie im allgemeinen
nicht als Krankheiten und von der Psychoanalyse in der Regel nicht als Neurosen
anerkannt. Eben darum erschien es dem Autor wichtig, dariiber zu diskutieren, wie
das Verhaltnis der Verwahrlosung zur Krankheit, zur Neurose, zur Psychopathic
und anderen psychopathologischen Kategorien eigentlich beschaffen ist (obwohl ihm
gerade geraten wurde, diesen kontroversen Teil der Arbeit auszulassen und separatim
in einer Fachzeitschrift zu publizieren).
Die zweite Vorbemerkung sei ein Wort des Dankes. Die Arbeit entstand im
»Hans-Zulliger-Haus" (vormals »Griines Haus"), einer Institution der Berliner Lan
desjugendbehorde fiir die station are psychiatrische und psychologische Begutachtung
sogenannter erziehungsschwieriger Jungen. Der Dank des Autors gilt zunachst der
Landesjugendbehorde Berlin, vor allem Herrn Senator KORBER, Herrn Senatsdirektor
MULLER, Herrn Senatsrat ZIMMERMANN und Herrn Leitenden Sozialdirektor Dr. Hop
MANN, die die Forschungsarbeit des Hans-Zulliger-Hauses forderten und unterstiitzten.
Das Hans-Zulliger-Haus ist seit seiner Einrichtung 1960 mit Forschungsarbeiten befaBt.
Ein besonders in ten siver Arbeitsabschnitt ist jedoch den Forschungsmitteln zu ver
danken, die dem Hans-Zulliger-Haus 1966 und 1967 zur Verfiigung gestellt wur
den. Sein hauptsachlicher Publikationsertrag sind neben der vorliegenden Monogra
phie die Arbeiten von Herrn Dipl.-Psych. EBERHARD »Merkmalssyndrome der Ver
wahrlosung" und »Dimensionierung der Verwahrlosung", die in der »Praxis der
x
Vorwort zur ersten Auflage
Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie" erschienen sind. Diesem hervorragenden
wissenschaftlichen Mitarbeiter hat die Forschungsarbeit des Hans-Zulliger-Hauses
insgesamt wesentliche Beitrage zu verdanken. Der Dank des Autors gilt sod ann auch
allen anderen Mitarbeitern des Hans-Zulliger-Hauses: den Arzten, Psychologen,
Fursorgern, Erziehern und Lehrern, die sich an der Erhebung der Befunde beteiligten
sowie den Studenten, die als wissenschaftliche Hilfskr~ifte oder Praktikanten an den
statistischen Arbeiten partizipierten. Ein besonderer Dank gebuhrt daruber hinaus
Herrn ADAM fur die Dokumentation der Daten, Frau FISCHER fur die Betreuung des
Manuskripts, den Herausgebern fur die wissenschaftliche Beratung und dem Verlag
fur die Drucklegung der Arbeit.
Die Diskussion uber Verwahrlosungsprobleme ist heute besonders aktuell. Die
vorliegende Arbeit mochte zur Diskussion beitragen, wobei sie sich - ihrem Unter
suchungskollektiv entsprechend - vor all em auf die mannliche Jugendverwahrlosung
bezieht. Diese Diskussion wird sich erfahrungsgemaB auch mit weltanschaulichen
Auseinandersetzungen verknupfen. Mit Recht schrieb SUTTINGER im Handworterbuch
der Kriminologie: "Die Jugendkriminalitat ist ein wissenschaftlich erfaBbares Pha
nomen, dessen Untersuchung und Bewertung dadurch erschwert wird, daB es zugleich
bevorzugtes Objekt weltanschaulicher, generations- bzw. epochaltypischer und recht
lich-padagogischer Urteile und Vorurteile ist."
Berlin-Tegel, im April 1970 KLAUS HARTMANN
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Phanomenologie 2
2.1 Die juristische Definition 2
2.2 Die etymologische Definition 3
2.3 Psychopathologische Definitionsversuche 4
2.4 Ein phanomenologischer Definitionsversuch 4
2.5 Ein Beitrag von SHELDON und ELEANOR GLUECK 6
3. ittiologie . 13
3.1 Psychologische Theorien . 13
3.2 Soziologische Theorien 16
3.3 Biologische Theorien 22
3.4 Kommentar 28
4. Terminologie 33
4.1 Verwahrlosung, Dissozialitat, Kriminalitat, Abnormitat 34
4.2 Verwahrlosung und Krankheit 36
4.3 Verwahrlosung und "Krankheitseinheit" 38
4.4 Verwahrlosung und Psychopathie 44
4.5 Verwahrlosung und Neurose . 48
4.6 "Verwahrlosungserscheinungen" und "Verwahrlosungsstruktur" 50
5. Methodologie 51
5.1 Dokumentation der Verwahrlosung . 52
5.2 Quantifikation der Verwahrlosung . 62
5.3 Pradiktion der Verwahrlosung 68
5.4 Eine Faktorenanalyse von Labilitatskriterien . 82
6. Untersuchungsergebnisse 84
6.1 Ober die Untersuchungsmethode . 84
6.2 Ober Vergleichsbefunde. . 85
6.3 Ober andere Gruppenuntersuchungen 85
6.4 Familiare Merkmale . 88
6.5 Korperliche Merkmale . 97
XII Inhaltsverzeidtnis
6.6 Intellektuelle Merkmale 101
6.7 Schulische Merkmale 103
6.8 Kriminelle Merkmale . 104
6.9 Psychologische Merkmale 110
7. Versuch einer Pathographie der Verwahrlosung . 128
8. Exkurs: Konzeptionelle Kontroversen 149
9. Zusammenfassung . 158
10. Summary 159
Literatur. . 160
Sachverzeichnis . 171
Abbildungsverzeichnis 178
Tabellenverzeichnis 179
1. Einleitung
Der Anteil bundesdeutscher Minderjahriger, der jugendamtliche MafJnahmen in
Form der "Offentlichen Erziehung", d. h. der "Erziehungsbeistandschaft", "Freiwilli
gen Erziehungshilfe" und "Fiirsorgeerziehung", in Anspruch nimmt, betrug 1963 etwa
0,40/0 und 1973 etwa 0,20/0 (nach Erhebungen vom Statistischen Bundesamt iiber
Offentliche JugendhiIfe). Der Anteil bundesdeutscher Minderjahriger, der sonder
schulischer MafJnahmen in Form der Beschulung durch Sondereinrichtungen fiir Ver
haltensgestorte bedarf, wurde 1973 mit 1-2% angegeben (nach einem Gutachten von
SANDER). Das sind bemerkenswerte Zahlen: Ein Prozentsatz von 0,40/0 entspricht dem
Bevolkerungsanteil an Epileptikern (SELBACH, FRIEDEL), ein Prozentsatz von 1-2010
dem Bevolkerungsanteil an Schizophrenen (BLEULER, BENEDETTI).
Es fragt sich, was hinter diesen Zahlen steht. Die zitierten jugendamtlichen und
sonderschulischen MaBnahmen sind zumeist Reaktionen auf einen Notstand, der mit
dem Begriff Verwahrlosung" umschrieben wird. Wahrend seine genaue Definition, wie
»
sich zeigen wird, Schwierigkeiten bereitet, ist seine ungefahre Bedeutung gelaufig: Ver
wahrlosung meint viele und verschiedene Weisen des Ungeniigens und Versagens,
vor aHem ein soziales Ungeniigen und Versagen, d. h. bei Kindern und Jugend
lichen - jedenfaHs zum Teil - den weiten Bereich der Verhaltensstorungen von
den "Erziehungsschwierigkeiten" bis zur "Jugendkriminalitat". Es handelt sich also
urn ein psychopathologisches Phanomen und offenbar urn ein relativ haufiges psycho
pathologisches Phanomen. Urn so mehr muB es iiberraschen, daB die Verwahrlosung
in der Psychopathologie nicht jene Beachtung gefunden hat, die ihre erhebliche Ver
breitung und Sozialgefahrlichkeit beanspruchen.
In psydtiatrisdten Lehrbiidtern, jedenfalls in deutsdtspradtigen psydtiatrisdten Lehr
biidtern, wird die Verwahrlosung haufig kaum erwahnt. Das gilt selbst fiir die .Allgemeine
Psydtopathologie" von JASPERS. Das Kapitel iiber asoziales und antisoziales Verhalten ist
vergleidtsweise kurz und iiberwiegend historisdt gehalten, von Verwahrlosung ist l,ediglidt in
einer FuBnote die Rede. In anderen Darstellungen wird die Verwahrlosung nur beilaufig be
sdtrieben, explizite oder implizite unter bestimmten psydtopathologisdten Syndromen oder
Typen abgehandelt, obwohl die Verwahrlosung ein eigenes psydtopathologisdtes Syndrom und
der Verwahrloste einen eigenen psydtopathologisdten Typus abgeben. Das trifft beispielsweise
audt auf das psydtiatrisdte Lehrbudt von WEITBRECHT zu, das die Psydtopathentypologie
von KURT SCHNEIDER iibernimmt. Hier wird der Verwahrloste teils den Willenssdtwadten,
teils den Gemiidosen und Geltungssiidttigen zugeordnet, als ob er nidtt einen eigenen Typus
konstituierte, weldter Willenssdtwadte, Gemiidosigkeit und Geltungssudtt unter Umstlinden
vereinigt.
Diese relative Vernadtllissigung der Verwahrlosung in der psydtiatrisdten Lehre hat
vermudidt viele Griinde. Einerseits ist zu bedenken, daB sidt die psydtiatrisdte Lehre histo
risdt zunadtst vorzugsweise mit den hirnorganisdten und prozeBpsydtotisdten Erkrankun
gen befaBte. Andererseits ist zu beriic:ksidttigen, daB viele psydtiatrisdte Sdtulen audt nur
diejenigen psydtologisdten Aberrationen als Krankheiten akzeptieren, bei denen eine
somatisdte Genese nadtgewiesen war oder hypostasiert wurde. AuBerdem mag die relative