Table Of ContentHartmut Erbse
Studien zum Verständnis Herodots
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Untersuchungen zur
antiken Literatur und Geschichte
Herausgegeben von
Winfried Bühler, Peter Herrmann und Otto Zwierlein
Band 38
Walter de Gruyter · Berlin · New York
1992
Studien
zum Verständnis Herodots
von
Hartmut Erbse
Walter de Gruyter · Berlin · New York
1992
® Gedruckt auf säurefreiem Papier,
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Die Deutsche Bibliothek — CIP-Einheitsaufnahme
Erbse, Hartmut:
Studien zum Verständnis Herodots / von Hartmut Erbse. - Berlin
: de Gruyter, 1992
(Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte Bd. 38)
ISBN 3-11-013621-X
NE: GT
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DIS MANIBUS
UXORIS CARISSIMAE
SACRUM
Vorwort
Thukydides versichert im Prooimion seines Werkes (1,21,1 und 1,22,4),
daß er das rein Unterhaltungsmäßige von seiner Darstellung ferngehalten
habe. Er nennt das, was er da verschmäht, τό μυθώδες und bezieht sich
damit auf den seiner Gegenwart vertrauten Gegensatz von Mythos zu
Logos. Seine Bemerkung besagt nicht, daß er die Erforschung der älteren
Zeiten ablehnt. Aber er gibt zu verstehen, „daß den Dichtern und Prosa-
autoren, die über die ferne Vergangenheit geschrieben haben, nicht ohne
weiteres zu trauen ist, weil sie den Eigentümlichkeiten eines überlieferten
Materials, welches bereits mythisch überformt war, im Hinblick auf den
Unterhaltungswert zu sehr nachgegeben haben" (Nickau 89).
Die Bemerkungen des Thukydides sind von der gesamten antiken
Kritik und von vielen modernen Forschern — wie ich glaube, mit Recht
— vor allem auf die Novellen und Anekdoten Herodots bezogen worden.
Diesen Teilen seines Werkes verbleibt nach thukydideischer Auffassung
nur ein Unterhaltungswert, und ihr Verfasser gilt als unzuverlässiger
Plauderer, ja Schwindler (vgl. die Beiträge von Momigliano und Wardman,
auch Kapitel II 3 bei Hartog).
Herodot selbst hat niemals eine Novelle oder Anekdote als μύθος
bezeichnet (er kannte die Antithese Mythos —Logos nicht, oder er igno-
rierte sie); denn jede dieser Erzählungen gehörte für ihn zu einer Person,
die er für historisch hielt. Welche Funktion aber haben Novellen und
Anekdoten in seiner Darstellung? Gewiß sollen sie auch unterhalten, und
die meisterhafte Form, in der sie vorgetragen werden, erlaubt es nicht, an
dieser Bestimmung zu zweifeln. Aber es wäre doch enttäuschend, wenn
man in der Erheiterung oder Zerstreuung des Lesers (oder Hörers) ihre
einzige Aufgabe sehen müßte. Ein guter Teil des Werkes wäre dann für
die Wahrheit des Geschehenen bedeutungslos. Herodot würde in die Nähe
dessen geraten, was man als „Pseudo-Historie" bezeichnet hat. Diese
Zielsetzung würde sich jedoch nicht mit den sorgfältigen Erkundungen
vertragen, die er nach eigener Aussage der Erhellung der Vergangenheit
gewidmet hat. Sind diese doch an vielen Stellen seiner Darstellung nach-
weisbar und zuverlässig! Trotzdem ist man auch heute noch bereit, jene
schwer wiegenden Folgerungen in Kauf zu nehmen und den Geschichts-
schreiber nur als Geschichten-Erzähler gelten zu lassen.
Solche Vorwürfe, die sich in erster Linie an Novellen und Anekdoten
knüpfen, bedürfen der Überprüfung. Wir wollen deshalb im ersten Haupt-
VIII Vorwort
stück unserer Ausführungen derartige Erzählungen nach möglichen Bezie-
hungen zu dem von Herodot geschaffenen historischen Zusammenhang
befragen. Dabei geht es uns weniger um den Versuch, den Anteil des
Autors an der Gestaltung von Novellen und Anekdoten zu bestimmen
(nur in Ausnahmefallen kann man in dieser Hinsicht eindeutige Schlüsse
ziehen, meist muß man sich mit Vermutungen begnügen). Wichtiger ist es,
Herodots Absichten bei Übernahme oder Konzeption solcher Abschnitte
zu erkennen, die doch auf den ersten Blick nur wenig mit der Aufgabe
eines Historikers zu tun haben. In den meisten Fällen ist es erforderlich,
auch die sonstigen Äußerungen des Autors über die jeweils betrachtete
historische Persönlichkeit zu berücksichtigen, weil sich sonst ein angemes-
senes Verständnis der Novellen und Anekdoten nicht erreichen läßt.
Wenn sich aber in Novellen und Anekdoten historisch relevante Aus-
sagen finden, dann stellt sich sofort die Frage nach dem kompositorischen
Rang, den sie im Rahmen des Gesamtwerks einnehmen. Und das ist die
Frage nach dem Sinn der Digressionen überhaupt und nach der möglichen
Einheit des Werkes. Wir versuchen im zweiten Hauptstück, das von den
sogenannten Exkursen handelt, zur Lösung dieses Problems beizutragen.
Es sei jedoch schon hier betont, daß eine befriedigende begriffliche Klä-
rung nicht gelungen ist. Das hat seine guten Gründe, die sich aus der
geistigen Stellung Herodots herleiten. Wir werden ihnen, soweit das
möglich ist, nachgehen müssen.
Die vorliegenden Untersuchungen sind teilweise unter schwierigen
Umständen entstanden. Ich bin mir der Mängel, die meinen Ausführungen
anhaften, wohl bewußt, kann aber das Ganze nicht mehr von Grund aus
umgestalten, mag es andererseits auch nicht zurückhalten. So kann ich
nur hoffen, daß wenigstens einiges zur Weiterarbeit anregt.
Zitate aus dem Herodottext habe ich nur dort im griechischen Wortlaut
wiedergegeben, wo die Argumentation das nötig machte. Allerdings war
es nicht selten erforderlich. Alle Übersetzungen sind der heute maßgeben-
den Übertragung von W. Marg (Zürich 1973 — 1983) entnommen.
Den Herausgebern der „Untersuchungen zur antiken Literatur und
Geschichte" danke ich auch dieses Mal für die freundliche Aufnahme
meines Manuskripts in ihre geachtete Monographienreihe sehr herzlich.
— Die Herren E. Barkhausen, Bibliothekar des Philologischen Seminars
der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, und A. Kindl Μ. A.
haben mich bei Beschaffung der oft schwer erreichbaren Sekundärliteratur
unentwegt unterstützt. Herr Kollege A. Köhnken hat die Fahnenkorrektur
mitgelesen und mich vor manchem Irrtum bewahrt. Verlag und Druckerei,
besonders Frau G. Müller, haben, wie üblich, tadellose Arbeit geleistet.
Allen diesen Helfern gilt mein aufrichtiger Dank.
Bonn, im Juni 1992 Hartmut Erbse
Inhaltsverzeichnis
Vorwort VII
Abkürzungsverzeichnis XI
I. Hauptstück: Novellen und Anekdoten
1. Herodots Gygesnovelle 3
2. Novellen und Anekdoten über Kroisos 10
3. Novellen und Anekdoten über Kyros 31
4. Erzählungen über Kambyses 45
5. Novellen und Anekdoten über Dareios . . .' 56
6. Erzählungen über Xerxes 74
7. Erzählungen (Novellen und Anekdoten) über griechische und
makedonische Politiker 93
a) Polykrates 93
b) Alexander I. von Makedonien 99
c) Der Tyrann Hippias 104
d) Themistokles 106
8. Ironie als Kriterium beim Nachweis einer Fiktion (Das Experi-
ment des Psammetichos) 113
II. Hauptstück: Exkurse
1. Exkurse und Exkurstechnik 119
2. Das homerische Vorbild 122
3. Novellenartige und anekdotenhafte Exkurse 133
4. Bauwerke, Denkmäler und Weihgeschenke 146
5. Geographie und Ethnographie 157
Rückblick und Ausblick 181
Stich wort- und Namenverzeichnis 191
Stellenverzeichnis 194
Griechische Wörter 199