Table Of ContentStadtforschung aktuell
Band 53
Herausgegeben von:
Hellmut Wollmann
Stefan Kratke
• Stadt
• Raum
• Okonomie
Einfuhrung in aktuelle Problemfelder
der Stadtokonomie und Wirtschafts
geographie
Springer Basel AG
Der Autor:
Stefan Krätke, geb. 1952, ist Professor für Wirtschafts-und Sozialgeographie an der
Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). An seinem Lehrstuhl für Wirtschafts-und
Sozialgeographie steht die vergleichende Stadt-und Regionalforschung in europäischer
Perspektive im Mittelpunkt. Krätke hat eine Reihe von Büchern über städtische Wohnungs
politik, Bodenmarktentwicklung, wirtschafts-und sozialräumliche Entwicklung der Städte
veröffentlicht. Seine Arbeit ist auf die gesellschaftsbezogene Analyse des Strukturwandels
von Stadt und Region in der Gegenwart konzentriert, und möchte zur Integration von
Geographie, Ökonomie und Sozialwissenschaft beitragen.
Die Deutsche Bibliothek - ClP-Einheitsaufnahme
Krätke. Stefan:
Stadt -Raum -Ökonomie: Einführung in aktuelle
Problemfelder der Stadtökonomie und Wirtschaftsgeographie I
Stefan Krätke. -Basel; Boston; Berlin : Birkhäuser, 1995
(Stadtforschung aktuell; Bd. 53)
ISBN 978-3-8100-2799-3 ISBN 978-3-322-94961-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-94961-5
NE: GT
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© 1995 Springer Basel AG
Ursprünglich erschienen bei Birkhäuser Basel 1995.
Camera-ready Vorlage durch den Autor erstellt
Umschlaggestaltung: Markus Etterich, Basel
Inhalt:
Einleitung .......... . ............................................................................. 1
1. Wirtschaftsraum und Stadtentwicklung
aus geographischer und iikonomischer Perspektive ............................ .4
Basiskonzepte der Wirtschafts-und Sozialgeographie ............................. .4
StadtOkonomie: Gegenstand und Problemfelder .................................... 10
Wirtschaftlicher Strukturwandel und Stadtentwicklung .......................... 16
2. Unternehmerische Standortwahl und
regionaler Wirtschaftsraum ................................................................. 23
"Standortfaktoren" und unternehmerische Standortwahl ........................ 23
Die Stadtokonomie als Kreislaufzusammenhang .................................... 37
Das Export-Basis-Konzept ................................................................... 41
Standortmuster in wirtschaftlichen Regionalsystemen ............................ 48
3. Raumentwicklung im Zeichen neuer Technologien
und industrieller Organisations beziehungen ...................................... 55
Zur Bedeutung von Branchenstrukturen in der
stadtischen Wirtschaftsentwicklung ....................................................... 57
Das regionalokonomische Polarisations-Konzept:
Theorie der Entwicklungspole ............................................................... 60
High-Tech-Industrien als Hoffnungstrager der Stadtentwicklung ? ........ 64
Industrielle Arbeitsteilung in raumlicher Perspektive ............................ 67
Neue Produktionskonzepte und Strategien
der "internen" und "externen" Flexibilisierung ....................................... 70
Das Konzept der "regionalen Produktions-Milieus" ............................... 79
Regionale Produktionsstrukturen und Regulationssysteme .................... 84
4. Dienstleistungen und metropolitane Komplexe
strategischer Unternehmensaktivitaten ......................................... 100
Funktionale Beschaftigungsstrukturen und Stadtentwicklung .............. 101
"Global Cities": Stadte als raumiibergreifende Direktions-
zentren der Produktion und Finanzwirtschaft ...................................... 105
Kontroll-Verflechtungen und monetare Transfer-Verflechtungen
im Stadtesystem ....... . ...................................................... 112
Die Transfer-Verflechtung zwischen Stadtregionen ............................. 114
5. Polarisierung der Stadte im neuen Europa ...................................... 126
Das Konzept des "Stadtesystems" ........................................................ 126
Das Stadtesystem im ProzeB der europaischen Integration ................... 130
Strukturwandel des europaischen Stadtesystems als
ProzeB der okonomisch-funktionalen Hierarchisierung ........................ 137
Auf dem Weg zu einer qualitativ neuen Polarisierungsstruktur ? .......... 144
6. Die vielfach geteilte Stadt:
Sozialiikonomische Spaltungen im Innern der Stadte ...................... 158
Innerstadtisehe Raumstruktur aus der Sieht der
"SoziaIokologie" und Sozialraumanalyse ............................................. 158
SozialOkonomisehe Spaltungen im Innem der Stadte ............................ 163
Polarisierung stadtiseher Arbeitsmiirkte ............................................... 165
Auf dem Weg zu einer vielfaeh geteilten Stadt ..................................... 174
Neue Inseln fur funktionale Eliten: Die gentrifizierte Stadt
und die Ausdifferenzierung von Lebensweisen .................................... 176
Zur Okonomie "aufgegebener" Stadtquartiere ...................................... 182
7. Der stadtische Wohnungsmarkt ....................................................... 192
Das Marktmodell und die
Besonderheiten des W ohnungsmarktes ............................................... 194
Das "Filtering-Konzept": Siekereffekte des Wohnungsmarktes ........... 200
Das Konzept des segmentierten Wohnungsmarktes .............................. 206
8. Bodenmarkt und stadtische Raumnutzung ...................................... 211
Grundrente und Stadtentwieklung ........................................................ 211
Theorien der stadtisehen Grundrente .................................................... 213
Stadtraumliehe Verteilung von Nutzungen
unter dem Regulativ der Grundrente .................................................... 217
Stadtiseher Bodenmarkt und aktuelle Veriinderungen
des Immobiliengesehafts ..................................................................... 222
Waehsende Aneignung von Monopolrenten im Stadtesystem ............... 225
Yom Immobilienboom zur Immobilienkrise ......................................... 228
9. Stadtpolitik und regionale Entwicklungsstrategie ........................... 233
Stadtpolitik und kommunale Handlungskapazitat ................................ 233
Stadtverkehr und stiidtisehe Verkehrsinfrastruktur ............................... 241
Wirtschaftspolitische Steuerung der Stadte im Rahmen
einer "untemehmerisehen Stadtpolitik" ............................................... 246
Entwicklungsstrategien fur Stadtregionen ............................................ 249
Konzepte der "endogenen Entwieklung"
flir periphere Regionen und Stadte ....................................................... 254
Einleitung
Das Auseinanderdriften der Stiidte und Regionen in ihrer Wirtschaftskraft und
Beschiiftigtentwicklung wird seit den 70er Jahren als "Trendbruch in der Raum
entwicklung" charakterisiert. Dabei zeichnen sich neue Muster der riiumlichen
Entwickiung in verschiedenen Dimensionen ab -von der Verschiebung region.aler
Industrie- und Wachstumszentren im globalen MaBstab, tiber die Polarisierung
zwischen den stiidtischen Agglomerationen bis hin zu stark akzentuierten sozial
riiumlichen Spaltungen im Innern der Stiidte. Das spannungsreiche Nebeneinan
der von niedergehenden Industrieregionen und prosperiefenden Dienstleistungs
zentren sowie neuen industriellen Wachstumspolen, von neuen Armutsinseln in
zerfallenden Stadtteilen und glitzernder Urbanitiit in metropolitanen Stadtzentren,
erhiilt in den 90er Jahren einen deutlich erweiterten wirtschaftsriiumlichen
Bezugsrahrnen durch die europiiische Integration und die Einbeziehung ostrnit
teleuropiiischer Lander in eine "globale Marktwirtschaft" .
Zu den Herausforderungen def europiiischen Integration gehoren auch die raumli
chen Dimensionen eines wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandels, der sich
in den Regionen und Stiidten Europas in unterschiedlichen Formen vollzieht. Die
heutige Raumentwicklung ist durch ein Spannungsverhiiltnis zwischen Tenden
zen der "Globalisierung" und "Regionalisierung" gekennzeichnet. 1m Kontext def
zunehmenden Internationalisierung wirtschaftlicher und politischer Verflechtun
gen werden auch wirtschafts- und sozialraumliche DifJerenzen deutlicher wahr
genommen. 1m europiiischen Rahmen zeichnen sich heute wachsende okono
misch-soziale Strukturdifferenzen zwischen Regionen und stiidtischen Entwick
lungstypen abo Wir sind mit Prozessen einer okonomisch-funktionalen Hierarchi
sierung und qualitativ neuen Formen der grenztiberschreitenden Vernetzung des
Stadt- und Regionalystems konfrontiert, welche die raumbezogene Planung und
Politik vor neue Herausforderungen stellen. 1m Zuge der "Globalisierung" oko
nomischer Prozesse und Investitionsstrategien, technologischer Neuerungen und
wirtschaftlicher Konkurrenzbeziehungen ist zugleich das Bewufitsein daw ge
wachsen, daB die Entwicklungschancen und Lebensbedingungen in den Regionen
und Stiidten heute immer starker von Entscheidungen bestimmt werden, die an
anderen, moglicherweise sehr weit entfernten Orten geflillt werden. "Raumliches
Denken ist im Vormarsch, wenn man darunter die Analyse riiumlicher Be
ziehungsnetze und riiumlicher Strukturen auf der Erde versteht, unabhangig vom
AusmaB und von den Reichweiten dieser Strukturen bzw. Netzwerke" (Dtirr
1993, 132). Angesichts der Globalisierung okonomischef und okologischer Wir
kungszusarnmenhange ist ein isoliertes Denken in "riiumlichen Inseln" heute
immer weniger angebracht. "Vernetztes Denken ist gefragt, in jeder moglichen
Bedeutung dieses Wortes: Vernetzung der MaBstabsebenen, der gesellschaftli-
chen Subsysteme und der in ihnen handelnden Individuen, Akteure, Gruppen und
Institutionen" (Diirr 1993, 150).
Das RaumbewuBtsein wird jedoch nicht allein von der auf verschiedensten MaB
stabsebenen wirksamen "grenziiberschreitenden" Verflechtung von Wirtschafts
raumen beeinflu6t -mit der Wahrnehmung der Globalisierungstendenzen ist zu
gleich die Aufmerksamkeit fur "regionale" Aspekte der Entwicklung gewachsen:
Angesichts der zunehmenden wirtschafts-und sozialraumlichen Differenzen wird
heute den regionsspezijischen wirtschaftlichen Organisationsformen, besonderen
regionalen Produktions-"Milieus" und "endogenen Potentialen" grolle Bedeutung
zugemessen. Tendenzen der "Regionalisierung" irn Sinne der Ruckbesinnung auf
regions-eigene Qualitiiten kommen im europiiischen Kontext z.B. darin zum Aus
druck, daB Regionen und Stadte ihre jeweilige wirtschaftliche und kulturelle
Eigenart zunehmend nach au6en vermarkten. So hat sich die Aktualitat und Rele
vanz von wirtschafts-und sozialraumlichen Differenzen weiter erhtiht.
Mit der Analyse gesellschaftlicher Raumstrukturen und -entwicklungen befasst
sich eine Reihe verschiedener Wissenschaftsdisziplinen (die Regionalokonomie,
Stadtokonornie, Regional- und Stadtsoziologie, Wirtschafts- und Sozialgeogra
phie, Planungswissenschaft usw.), von denen jede wiederum eine Vielfalt an
Konzepten hervorgebracht hat. Die Darstellung (und Bewertung) solcher Kon
zepte ist im Folgenden hauptsachlich an "Problemfeldern" der Stadt- und Raum
entwicklung ausgerichtet. In diesem Buch, das auf meiner Vorlesungsreihe zum
Strukturwandel von Stadt und Region im neuen Europa basiert, werden Stadt und
Raum in einer transdisziplindren Weise behandelt. Damit wird zugleich eine Ein
fuhrung in innovative Perspektiven der stadt- und regionalokonornischen sowie
wirtschafts- und sozialgeographischen Analyse angestrebt. Dabei wird die Ent
wicklung der Stadtregionen und des Stadtesystems in den Mittelpunkt gestellt; in
Anbetracht der Vernetzung der global en, national en, regional en, stadtischen, und
lokalen MaBstabsebenen gesellschaftlicher Raumentwicklung kann "die Stadt"
jedoch nicht mehr getrennt von regionalen Entwicklungszusarnmenhangen und
ihrer Einbindung in ein groBraumig verflochtenes Stadtesystem betrachtet wer
den.
Der wirtschafts- und sozialraumliche Strukturwandel in hochentwickelten Indu
strielandern kann in der Gegenwart vor allem an den Entwicklungen des Stadte
systems und seiner vielschichtigen, teils "globalen" Verflechtungszusarnmenhan
ge festgemacht werden, insofern als stadtische Wirtschaftsregionen die Zentren
der okonornischen und gesellschaftlichen Entwicklungsdynarnik darstellen. Die
westeuropaischen Industrielander haben bereits in quantitativer Hinsicht einen
hohen Urbanisierungsgrad erreicht: 1988 lebten in den Landern der (heutigen)
Europiiischen Union im Durchschnitt 82 % der Bevolkerung in Stadten. Kenn
ziffern der "wirtschaftlichen Leistungskraft" von Raumeinheiten (der Bundesre
publik Deutschland) zeigen deutlich, "daB die Kernstadte die maBgebenden Zen-
2
tren wirtschaftlicher Produktion sind. Sie allein priigen die interregionalen Unter
schiede im wirtschaftlichen Wachstum" (Gatzweiler 1985, 233). Ais Zentren der
Produktion und Kapitalverwertung, der Wertschopfung und der Aneignung von
Werten, die in mehr oder weniger we it verstreuten Produktionsstiitten geschaffen
werden, sind Stiidte die wirtschaftlich maBgebenden Raumeinheiten, von denen
jeweils auch die regionale Entwicklung abhiingig ist. Bei der Betrachtung der
wirtschafts- und sozialriiumlichen Strukturen einer "verstiidterten Gesellschaft"
laBt sich die stadtokonomische mit der wirtschafts- und sozialgeographischen
Perspektive in bestimmter Weise verknupfen.
Auch die Stadtentwicklung ist Gegenstand multi-diszipliniirer Arbeit -mit ihr be
schiiftigt z.B. die Okonomie, Soziologie, Geographie, Politikwissenschaft, Eth
nologie, Geschichtswissenschaft, Planungswissenschaft. Da das Phiinomen 'Stadt'
von keiner Spezialdisziplin in seinem gesamten Umfang erforscht werden kann,
bietet die Stadtforschung gute Moglichkeiten fUr interdiszipliniire Bemtihungen.
Zugleich gibt es eine groBe Vielfalt an Theorien und Untersuchungsansiitzen zur
Stadt und ihrer Entwicklung, deren Grundperspektiven, jeweilige Schwerpunkt
setzung und Reichweite so weit auseinanderfallen, daB ein Oberblick nur schwer
zu gewinnen ist, und immer wieder das Fehlen einer "umfassenden" Theorie der
Stadt und ihrer Entwicklung konstatiert wird. Mit dieser Einfiihrung wird auch
nur angestrebt, wichtige Problemfelder der Stadtentwicklung sowie des wirt
schafts- und sozialriiumlichen Strukturwandels gegenwartsbezogen aus einer
gesellschaftsorientierten Perspektive darzulegen. Dabei sollen insbesondere so
zialOkonomische und wirtschaftsgeographische Zusanunenhiinge der Stadtent
wicklung deutlich gemacht werden. Die Einfiihrung in die Vielfalt der Problem
felder, Konzepte und Sichtweisen der wirtschafts- und sozial-raumlichen Ent
wicklung mochte zur gezielt vertiefenden Lekttire und weiteren Auseinander
setzung mit der riiumlichen Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft an
regen.
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