Table Of ContentSprachen und Dinge
Anton Leist
Sprachen und Dinge
Der Gegenstandsbereich
instrumentellen Handelns
J.
B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung
Stuttgart
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Leist, Anton:
Sprachen und Dinge: d. Gegenstandsbereich
instrumentellen Handelns / Anton Leist. -
Stuttgart: Metzler, 1979.
ISBN 978-3-476-00409-3
D 30
ISBN 978-3-476-00409-3
ISBN 978-3-476-03105-1 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-03105-1
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1979
Ursprünglich erschienen bei J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 1979
Inhalt
Einleitung ....................................................... . 1.
1. Begriffsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1. Idealismus vs. Realismus-eine sinnvolle Alternative? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
2. Zwei Positionen-ein Irrtum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
3. WarumderCommonSenseSinnhat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
4. CarnapsLösung:interneundexterneFragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
5. Einwände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
(a) Erkennen nur sprachlich? (b) Kein alternatives Begriffssystem möglich (c)
Traditionelles Gepäck (d) Glauben und Meinen - ein unheilvoller Zirkel? (e)
Cassandrarufe: Quines Warnung
II. Sprache im Funktionskreis instrumentellen Handelns. . . . . . . . . . . . . . . . . 45
1. Kommunikatives vs. instrumentelles Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 5
(a) Gegenstandsbereich (b) Dingsprache (c) Funktionskreis
2. Sprache und Naturgeschichte....................................... 55
3. SystematischePrirnitivierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
III. DingeundWahrnehmung(Li,L2).................................. 68
1. Zwei primitive Sprachen (L 1 und L 2): Eigenschaften und Unterschiede . . . . . . 6 9
2. WahrnehmungsbasisfürL1undL2 • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • 82
3. Das Bezugssystem vonL2 • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • 89
(a) Strawson und Tugendhat (b) SindL undL trennscharf? (c) Die raumzeit
2 3
lichen Gegenstände - das raumzeitliche System
4. ZurpragmatischenErklärungvonL2 •••••••••••••••••••••••••••••••• 105
(a) Wozu L zweckmäßig ist (b) Was L voraussetzt
2 2
5. AufstiegvonL1zuL2 .•.••.••.••.••••••••••••••••••••••••••••••••• 116
IV. DingeundSorten(L3) •••.....................................••.•. 124
1. AbgrenzungvonL2 undL3 • • • • • • • • • • • • • . • • • • . • • • • • • • . • • • • • • . • . . • . • . 125
2. EigenschafteneinerSortalspracheL3 ••••••••.•.••.••••.••••.•.••••••• 132
(a ) Die Verwendungsweisen sortaler Ausdrücke (b) Das Sortalsystem
3. DieldentitätmateriellerDingeinL3 •••••••••••••••••••••••••••••••••• 152
4. ZurpragmatischenErklärungvonL3 •••••••••••••••••••••••••••••••• 155
V. Kausalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
1. Von WrightsKausaltheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
2. Möglichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
3. Das Verifikationsargument . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
4. DasAsymmetrieargument . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
5. Einwände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
(a) Der Subjektivismusvorwurf (b) Der Zirkeleinwand (c) Das Abgrenzungs
problem: Kausalität/kausale Gesetze
VI. Materialien und instrumentelles Handeln (L4) • • • • . • • . • . • • • • . • • . • . • • . 204
1. Kausale Sätze und Ereignissortale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206
2. Kausale Sprache ................................................. 210
(a) Transitive Verben (b) Dispositionsprädikate
Inhalt
3. Materialien ...................................................... 218
(a) Materialien vs. Dinge (b) Materialien und Werkzeuge
VII. Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
Für Franziska Leist
Einleitung
»Die Aufgabe des Menschen besteht in erster Linie
darin, überhaupt am Leben zu bleiben.« (Gehlen
1971, 63)
Sprachen und Dinge: sind das Dinge, über die zu sprechen aussichtsreich ist?
Über Tassen, Teller und Töpfe ließe sich einiges sagen; auch über die Wörter Tas
sen, Teller und Töpfe. Läßt sich aber über Tassen, Teller und Töpfe insoweit etwas
sagen, als sie Beispiele für Dinge sind; und über Tassen, Teller und Töpfe insoweit
sie Beispiele für Dinge bezeichnende Ausdrücke sind? Mit Tassen, Tellern und
Töpfen haben wir täglich zu tun und Tassen, Teller und Töpfe benutzen wir täg
lich. Also haben wir mit Dingen täglich zu tun und Dingausdrücke benutzen wir
täglich. Aber was haben Tassen, Teller und Töpfe anderes gemeinsam als eben
Dinge zu sein; und entsprechend Tassen, Teller und Töpfe anderes als eben Ding
ausdrücke zu sein? Also läßt sich von bestimmten Dingen ausgehend nichts über
Dinge sagen; von bestimmten Dingausdrücken ausgehend nichts über Dingaus
drücke? Wie soll die Untersuchung dann anfangen?
Sprachen und Dinge: sind das Dinge, über die in Zusammenhang zu sprechen
sich lohnt? Läßt sich von Dingen ausgehend etwas über Dingausdrücke sagen?
Oder von Dingausdrücken ausgehend etwas über Dinge? Wir würden Tassen, Tel
ler und Töpfe nicht benutzen, wenn wir nicht mit Tassen, Tellern und Töpfen täg
lich umgingen. Aber könnten nicht alle Tassen, Teller und Töpfe zerbrochen sein
und wir dennoch über sie reden? Könnten wir nicht aus allen Tassen, Tellern und
Töpfen essen, ohne über sie zu reden? Die Dinge und die Dingausdrücke scheinen
einander nicht zu benötigen. Wozu dann überhaupt eine Untersuchung über bei
des zusammen: Sprachen und Dinge?
Schließlich: unterstellt, es sei möglich und nützlich über Sprachen und Dinge
zusammen nachzudenken, von welchem Interesse sollte eine solche Aufgabe sein,
welche Probleme sollten dabei aufgeworfen, welche Fragen beantwortet werden?
Sind nicht alle theoretischen wie praktischen Probleme, die uns bedrücken, solche
mit bestimmten Dingen und nicht mit Dingen schlechthin? Und besteht nicht un
ser ganzes Interesse an Sprachen darin, sie zu lernen und zu verstehen, korrekt zu
verwenden und kreativ zu gebrauchen? Hier werden keine Fragen über bestimmte
Dinge beantwortet und es werden keine bestimmten Regeln gelehrt - das merkt
man schon an diesen merkwürdigen Fragen. Wenn die Probleme aber nicht auf der
Hand liegen, die sich durch eine Untersuchung über Sprachen und Dinge schlecht
hin klären und lösen lassen, inwiefern bedrücken sie uns dann? Schaffen wir nicht
künstlich die Probleme erst, um damit zu rechtfertigen nach Antworten zu suchen,
die unseren Umgang mit bestimmten Dingen und Sprachen wiederum nicht beein
flussen?
Das sind drei Arten von Fragen, die man stellen kann, bevor man sich daran
macht, eine Untersuchung zu lesen, die über Sprachen und Dinge angekündigt ist.
Natürlich glaube ich, daß es Antworten auf sie gibt, sonst hätte ich sie nicht for
muliert, und ich will versuchen, auf eine vorläufige Art solche Antworten zu ge-
2 Einleitung
ben. Erstens, zu Dingen läßt sich mehr sagen als nur, daß sie Dinge sind. Dazu ist es
aber nötig einen Fehler zu vermeiden, den man unwillkürlich begeht: daß man
nämlich versucht, über einzelne Dinge nachzudenken. »Diese Tasse ist ein Ding
aber was ist sie dadurch, daß sie ein Ding ist?« Schwer?-Luftballons sind leicht.
Zerbrechlich?-Fußbälle sind unzerbrechlich. Näher kommt man schon mit den
Vorschlägen: ausgedehnt, dreidimensional, stabil, an irgendeinem Platz im Raum,
verschieden von einer anderen Tasse, verschieden von Tellern. Doch was sagen
uns diese Eigenschaften, die diese Tasse mit vielen anderen Dingen gemeinsam
hat? Das sehen wir eben nicht, indem wir einzelne Dinge betrachten, sollten es
auch viele einzelne Dinge sein. Vielmehr ist es das System der Dinge, auf das wir
unsere Aufmerksamkeit richten müssen. Denn nur innerhalb dieses Systems spie
len die genannten allgemeinsten Eigenschaften eine bestimmte Rolle und sind des
halb auch nur so zu verstehen. Dasselbe gilt für das System der Dingausdrücke.
Zweitens, wozu über Dinge und Dingausdrücke gemeinsam nachdenken? Sind
das nicht zwei verschiedene Untersuchungen, deren Zusammenhang nicht offen
kundig ist? Auch hier unterläuft intuitiv zunächst derselbe Fehler. Natürlich
könnten wir noch über Tassen reden, obwohl alle zerbrochen sind. Aber könnten
wir über Tassen reden, wenn es nie welche gegeben hätte? Zumindest hätte Tasse
dann einen völlig anderen Gebrauch (wie vergleichsweise Einhorn). Könnten wir
insgesamt über Dinge reden, wenn es keine Dinge gäbe? In einem vordergründigen
Sinn ist die Antwort natürlich »nein«. Könnten aber nicht alle Dinge fiktive Dinge
sein oder einige reale Dinge die Ausnahmerolle spielen, die fiktive Dinge für uns
spielen? Worüber wir dann sprächen wären nicht Dinge, sondern Ideen, Begriffe,
Geister oder ähnliche Gestalten von irrealer Existenz. Die umgekehrte Frage ist in
teressanter: könnten wir aus Tassen, Tellern und Töpfen essen, ohne nicht nur
über sie, sondern über keinerlei Dinge reden zu können? Taubstumme können
zwar das erste, aber nicht das zweite. Aber könnten alle Menschen taubstumm
sein? Benutzen wir die Sprache nur zum Spaß und könnten ebensogut ohne sie
auskommen? Ein Ziel dieser Untersuchung liegt in dem Nachweis, daß wir über
eine sehr beschränkte Umwelt nicht hinauskämen, unseren Gegenstandsbereich
nicht als gemeinsamen über die unmittelbare Wahrnehmungssituation hinaus er
weitern könnten, wenn an dieser Stelle nicht die Leistung der Dingausdrücke ein
spränge. In einem anthropologischen Sinn »gibt« es Tassen, Teller und Töpfe nur,
weil es Dingausdrücke überhaupt gibt, ohne daß es unbedingt Tasse, Teller oder
Topf geben müßte. Deshalb wäre es fruchtlos das System der Dinge, ohne zugleich
das der Dingausdrücke, untersuchen zu wollen.
Die dritte Frage ist natürlich die Gretchenfrage der Philosophie und sie scheint
für die Erkenntnistheorie noch schwerer zu beantworten zu sein als für andere
Teile der Philosophie. Eindeutig erfährt man in dieser Untersuchung nichts über
bestimmte Dinge. Hat man sie gelesen, weiß man über sie nicht besser Bescheid als
vorher und ist auch nicht in der Lage, besser mit ihnen umzugehen. Solche Zwecke
erfüllen Physikeinführungen, Kochbücher oder Reparaturanleitungen. Dennoch
gibt es Probleme, von denen sie ausgeht, wenn sie auch nicht auf der Hand liegen
und wenn ihre Lösung unser Leben auch nicht erleichtert. Diese Probleme gibt es
Einleitung 3
allerdings erst dann, wenn wir aus der alltäglich eingeübten Weise Dinge einzeln
oder in Ansammlung und nicht als System zu betrachten herausgetreten sind;
denn erst dann, wenn wir eine vage Idee von einem System von Dingen haben,
können wir fragen: warum ist diesesSystem so und so beschaffen? Warum, etwa,
sind die Dinge stabil und zerfallen nicht alle zwei Minuten in einzelne Teile?
Warum sind sie dreidimensional? Warum gibt es so vielfältige Dinge? Warum
können wir Dinge wiedererkennen? Das sind, auf den ersten Blick, alles sehr
dumme Fragen. Dumm deshalb, weil es teilweise alltägliche, teilweise naturwis
senschaftliche Erklärungen für sie gibt. Die meisten Dinge zerfallen deshalb nicht,
weil es physikalische oder chemische Kräfte gibt, die sie am Zerfallen hindern.
Und wer das weiß, dennoch aber eine solche Frage stellt, scheint noch dümmer zu
fragen. Wenn ich aber in Aussicht stelle, daß sich solchen Fragen gut begründete
Antworten gegenüberstellen lassen, die weder mit denen des Alltags noch der Na
turwissenschaften identisch sind, so kann ich vielleicht sowohl den genannten
Verdacht zerstreuen, als auch ein Interesse wecken, das mit so eigenartigen Fragen
verbunden sein kann und die es selbst erst zu verstehen gilt. Es genügt mir zu zei
gen: es gibt ein Interesse an erkenntnistheoretischen Fragen, das sich nicht an der
praktischen Nützlichkeit der Antworten orientiert, die auf sie gegeben werden
können. Echte erkenntnistheoretische Fragen lassen in einem bestimmten Sinn,
wie ein oft Empörung hervorrufendes Wort von Wittgenstein sagt, in der Welt al
les so wie es ist. Das ist zumindest eine Definition von Erkenntnistheorie, die mit
den meisten Disputen dieser Disziplin in Übereinklang steht. Zwar versucht das
marxistische Theorie-Praxis-Verständnis auch die Erkenntnistheorie noch prak
tisch zu motivieren, aber das ist eben die Theorie und nicht die Praxis der marxisti
schen Erkenntnistheorie. Damit sind wir aber schon bei dem Thema, mit dem wir
im ersten Abschnitt beginnen wollen.
Die Arbeit hat im Sommer 1976 dem FB Philosophie der Universität Frankfurt
als Dissertation unter dem Titel »Eine Untersuchung über Sprachen und Dinge«
vorgelegen. Um sie für ein weiteres Publikum diskutabel zu gestalten, blieb eine
von zwei Alternativen. Entweder das umfangreiche Programm der Arbeit, eine
sprachanalytische Rekonstruktion des Gegenstandsbereichs instrumentellen
Handelns, auf erste Schritte zu kürzen, dafür aber diese im Detail differenzierter
ausführen; oder das Programm beibehalten, wenn auch auf Kosten der Sorgfalt im
Detail. Ich habe die letztere Alternative gewählt, weil ich der Meinung bin, daß
auch Detailuntersuchungen erst innerhalb eines allgemeineren Rahmens interes
sant sind und daß es nötig ist, diesen Rahmen vorgängig zu skizzieren. Die Arbeit
als Skizze eines Programms zu bezeichnen scheint mir deshalb angebracht, weil
sich gegen einzelne ihrer Schritte Einwände vorbringen lassen, die ich nicht alle
erwogen habe und die mir sicher auch nicht alle gegenwärtig sind. Wer mit der Ar
beitsweise der analytischen Philosophie vertraut ist, wird sich dem Eindruck nicht
erwehren können, daß sich Argumente scheinbar beliebig weiter analytisch zerfa
sern lassen. Ich habe oft die Argumentation dort abbrechen müssen, wo sicher
noch Zweifel und Einwände naheliegen. Das fände ich dann nicht weiter schlimm,
wenn die das Programm fundierenden Gedanken dabei nicht erschüttert würden;