Table Of ContentEva Edelmann-Ohler
Sprache des Krieges
Conditio Judaica
Studien und Quellen zur deutsch-jüdischen Literatur-
und Kulturgeschichte
Herausgegeben von
Hans Otto Horch
In Verbindung mit Alfred Bodenheimer, Mark H. Gelber
und Jakob Hessing
Band 88
Eva Edelmann-Ohler
Sprache des
Krieges
Deutungen des Ersten Weltkriegs in zionistischer
Publizistik und Literatur (1914–1918)
ISBN 978-3-11-037021-8
e-ISBN 978-3-11-036597-9
e-ISBN (EPUB) 978-3-11-039556-3
ISSN 0941-5866
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Inhalt
I Zionismus, Sprache, Krieg 1
1 Poetische Sprache – Schreiben vom ›Dort‹ 1
2 Sprache des Krieges 5
3 ›Diskurs-Poetik‹ 14
3.1 Sprache und Diskurs bei Foucault 17
3.2 Semantik und Pragmatik 21
3.3 Sprache und ›diskursive Kontoführung‹ 25
II Sprache des Zionismus und kulturelle Deutungsmuster vor dem
Ersten Weltkrieg 30
1 Religion 30
1.1 Sakrale Semantik 31
1.2 Der erste Zionistenkongress – Zwischen Religion und Tradition 38
2 Wachstum, Verwurzelung und Körperlichkeit – Sprachliche
Verhandlungen der ›Landnahme‹ 45
2.1 »der Baum lebt« – Wachstum im Judenstaat 46
2.2 »Kulturkeime« – Wachstum im Kulturzionismus 52
2.3 Körperbilder – Judentum als Organismus 57
3 Krankheit – Defekte/Pathologie/Körper 63
3.1 Kurative Therapie: Zionismus 64
3.2 Assimilationssucht 67
3.3 Zionismus und (›Rassen‹-)Anthropologie – Biopolitische
Optimierungsprozesse des ›defekten jüdischen Volkskörpers‹ 71
III Sprache der Überhöhung – Tradition und Krieg 79
1 Sakrale Sinngebung 79
1.1 Direkte Sakralisierungen 83
1.2 Indirekte Sakralisierungen 88
2 Makkabäa. Jüdisch-literarische Sammlung von Louis Lamm 95
2.1 Makkabäa im Kontext von Lamm’s Jüdischer Feldbücherei 95
2.2 »Laßt uns Makkabäer sein!« – Modernes Makkabäertum im
Ersten Weltkrieg 99
3 Adaptionen des Fremden 110
3.1 Das ›Kreuz‹ als Symbol des Krieges 110
3.2 Arnold Zweig: Die Bestie (1914) 122
3.2.1 Unter einem »Kreuz aus Zaunstangen« 122
3.2.2 Kriegerische Trauerriten zwischen Christentum und Judentum 125
3.2.3 Ahasver vs. Kain 132
VIII Inhalt
IV Patho-Logien – Vom Symptom zum ›Trauma‹ 136
1 Zur doppelten Semantik der Körper- und Krankheitsbilder 136
1.1 Semantik und Pragmatik von Verletzung, Erkrankung, Hygiene und die
Ökonomie der Invalidität 138
1.2 Regeneration(en) 146
2 Bedrohung des Körpers –
Felix Theilhaber: Schlichte Kriegserlebnisse (1916) 159
2.1 ›Demarkierungsarbeiten‹ 159
2.2 »Fahrt mit einem Schwerkranken« – Kriegsfiktion 163
3 »die Instrumententasche in der Hand« – Kafkas ›Land-Arzt‹ 168
3.1 »Schakale und Araber« – »der Körper war an mehreren Stellen weit
aufgerissen« 168
3.1.1 Szenische Differenz 168
3.1.2 Schakale, Araber, Juden und Kosaken 172
3.1.3 Reinheit, Schmutz und ›Körperhygiene‹ 176
3.1.4 Der ›Volkskörper‹ als Wunde 179
3.2 Pathologisches Erzählen – Kafkas »Landarzt« 182
3.2.1 »Hollah, Bruder, hollah, Schwester!« 183
3.2.2 Wund(re)präsentationen – Dissoziation und Trauma 188
V ›Schlacht-Feld‹ – Topologien der Transgression 195
1 Zur Logik des Ortes 195
1.1 Vom ›Sinn‹ des Todes 196
1.2 Kriegsführung als ›Kolonisationsarbeit‹ 200
2 (Kultur)Poetische Transgressionen 207
2.1 Orte der Überführung – Gräber 207
2.2 Eschatologie des Schlachtfelds 215
2.3 Mythischer Bellizismus – Abraham Schwadron: Mauschel-Predigt eines
Fanatikers (1916) 221
2.4 Kafkas »Ein Traum« – Schreiben und Krieg 229
3 Kriegsgeschehen als Bruch – ›Judenzählung‹ (1916) 235
3.1 Zur kulturpoetischen Perspektivierung der ›Judenzählung‹ 235
3.2 Arnold Zweigs »Judenzählung vor Verdun« (1916) 238
3.2.1 Inszenierung des Feindes 240
3.2.2 »Die große Verwandlung hat begonnen« –
Transgressionshoffnungen 246
Inhalt IX
VI Unsichere Territorien – Literatur im Horizont der ›Nationalen
Heimstätte‹ 255
1 ›Hier‹ und ›Dort‹ – Systemtransfer: Projektion/Transgression 255
2 Kafkas Hunde – Erzählen vom/im Hinübergehen 260
Literaturverzeichnis 266
Primärliteratur 266
Sekundärliteratur 275
Abbildungen 291
Index 292
Danksagung 294
I Zionismus, Sprache, Krieg
1 Poetische Sprache – Schreiben vom ›Dort‹
Während eines Vortrags beim Verein Admath Jeschurun im Januar 1892 spricht
Nathan Birnbaum über »Die Prinzipien des Zionismus«. Die dabei vom ›Vater‹1
des Begriffs Zionismus abgegebene Etymologie beinhaltet weit mehr als eine
bloße Bestimmung des Wortes:
Zionismus kommt vom Worte Zion. Zion, der Name eines Hügels in Jerusalem, ist schon seit
den ältesten Zeiten die poetische Bezeichnung für Jerusalem, in weiterer Ausdehnung, da
diese Stadt als der Brennpunkt des jüdischen Landes galt, die poetische Bezeichnung für
dieses selbst und für die jüdische Nation, insoferne sie in dem Boden Palästinas wurzelte
und mit ihm zu einer Einheit verwachsen war. Als die römischen Legionen diese Einheit
lösten, erhielt das Wort ›Zion‹ einen sehnsüchtigen Beigeschmack; in ihm verkörperte sich
die Hoffnung auf nationale Wiedergeburt. Weil die Tochter Zion zur Witwe Zion geworden
war, sehnte sich die Volksseele nach der Tröstung Zions. ›Zion‹ wurde das Ideal des jüdi-
schen Stammes, das denselben durch zwei Jahrtausende auf seinem Lebens- und Leidens-
wege begleitete. Dieses Ideal ist die Basis des Zionismus, der sich aber erst dann auf ihr
aufbaute, als aus der unbewußten Gemüthsregung das denkende Bewußtsein, aus leiden-
der Sehnsucht thätiger Wille, aus unfruchtbarem Ideale eine rettende Idee geworden war.2
Diese Herleitung des Begriffs Zionismus von seinem Ursprung (›Zion‹) verweist
schon zu Beginn des Artikels auf dessen poetische Dimension, leitet er den
Begriff doch von einer ›poetischen Bezeichnung für Jerusalem‹ ab. Zionismus
und Poesie werden so als privilegierte Partner präsentiert. Dies lässt weitere
Schlüsse für das Verhältnis von Zionismus und Poesie zu. Es handelt sich beim
Zionismus demnach in dieser Frühzeit nicht ausschließlich um ein Unterneh-
men, das sich lediglich durch die politische Komponente der ›Rückführung‹ des
jüdischen ›Volkes‹ nach Palästina auszeichnet, sondern ebenso durch die Span-
nung zwischen ›Staatsschrift‹ und ›Staatsroman‹,3 durch die Verortung zwischen
politischer Wirklichkeit und narrativer Fiktion, zwischen einem Leben im ›Hier‹
und einem Erzählen vom ›Dort‹. Dabei ist klar, dass Theodor Herzl im Judenstaat
(1896), der ›Staatsschrift‹, nicht etwa textintern eine Poetologie des Zionismus
1 Vgl. Alex Bein: Von der Zionssehnsucht zum politischen Zionismus. Die Geschichte des Wortes
und Begriffes ›Zionismus‹. In: Robert Weltsch zum 70. Geburtstag von seinen Freunden. Hg. von
Hans Tramer und Kurt Löwenstein. Tel Aviv: Bitaon 1961, S. 33–63.
2 Nathan Birnbaum: Die Prinzipien des Zionismus. In: Selbst-Emancipation, Nr. 3, 1. Februar
1892, S. 27–28; hier: S. 27.
3 Vgl. Theodor Herzl: Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage. Leipzig/
Wien: Breitenstein 1896, S. 5. Im Folgenden als JS zitiert.
2 Zionismus, Sprache, Krieg
präsentiert,4 sondern die Poetizität des Zionismus gründet sich unter anderem
darin, dass dem Denken als Alternative zur ›Staatsschrift‹ überhaupt der ›Staats-
roman‹ zur Verfügung steht.
Die Studie widmet sich dem Verhältnis von Zionismus und Poesie am Bei-
spiel des Ersten Weltkriegs und fragt, wie sich diese Relation durch den Krieg
verändert. Der Parameter, anhand dessen die Untersuchung vorgenommen wird,
ist Sprache. Die poetische5 Dimension des Zionismus lässt sich mithin anhand
der Sprache offenlegen, die in publizistischen wie literarischen Texten verwen-
det wird. Der Zionismus bedient sich einer poetischen Sprache, die implizit wie
explizit verschiedenste kulturelle Konzepte und Diskursfelder anklingen lässt,
miteinander in Verbindung bringt, verhandelt und transformiert. Die Sprache
des Zionismus eröffnet damit einen Blick auf kulturelle Deutungsprozesse, die
weit mehr sind als ästhetische Formspiele. Im Sinne des Bildes von Oberfläche
und Tiefe ist so von einer ›Tiefe der Oberfläche‹ zu sprechen, die die poetischen
Konstitutionsmodi der Sprache von der Oberfläche in die Tiefe überträgt und
gleichzeitig die kulturelle Tiefendimension an die Oberfläche bringt. Sprache
verdeutlicht in dieser Hinsicht die Zirkulationen6 von Sprache und Kultur.
4 Vgl. Philipp Theisohn: Die Urbarkeit der Zeichen. Zionismus und Literatur – eine andere Poe-
tik der Moderne. Stuttgart/Weimar: Metzler 2005, S. 95.
5 Das Adjektiv ›poetisch‹ wird in dieser Arbeit zum einen ganz allgemein im Sinne des grie-
chischen ποιητικóς/›dichterisch‹, ›wirkend‹, ›schaffend‹, ›hervorbringend‹ verwendet. Vgl.
Hermann Menge: Langenscheidts Großwörterbuch Altgriechisch. Altgriechisch-Deutsch. Berlin
u. a.: Langenscheidt 291997, S. 564. Das Begriffsfeld ›poetisch/Poetik/Poesie‹ wird nur deskriptiv
gebraucht. Vgl. Harald Fricke: Art. Poetik. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft.
Hg. von Georg Braungart und Harald Fricke. Bd. 4. Berlin: De Gruyter 2007, S. 100–105. Zum
anderen bezieht sich dieser Begriff auf die Darstellung von Möglichkeiten. Diese Verwendung
stützt sich auf die Zuschreibung an den Dichter (ὁ ποιητής) bei Aristoteles. Der Dichter soll die
Geschehnisse nicht darstellen, wie sie waren, »ἀλλ' οἷα ἂν γένοιτο καὶ τὰ δυνατὰ κατὰ τὸ εἰκὸς
ἢ τὸ ἀναγκαῖον« (sondern wie sie geschehen sein könnten und das Mögliche in Anbetracht der
Wahrscheinlichkeit oder der Notwendigkeit). Vgl. Aristotelis De arte poetica liber. Recognovit
brevique adnotatione critica instruxit Rudolfus Kassel. Oxonii: Claredon 1965 (Scriptorum clas-
sicorum bibliotheca Oxoniensis), 1451a35. In diesem Sinn wird in der Studie auch das Adjektiv
›kulturpoetisch‹ verwendet. Es betont, dass poetische Prozesse auch innerhalb von Kultur wirk-
sam sind. Vgl. dazu auch Kapitel I.3, Anm. 40. Zum poiesis-Begriff: Dietmar Till: Art. Poiesis. In:
Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hg. von Georg Braungart und Harald Fricke.
Bd. 3. Berlin: De Gruyter 2003, S. 113–115.
6 Zur Zirkulation vgl. Stephen Greenblatt: Verhandlungen mit Shakespeare. Innenansichten der
englischen Renaissance. Aus dem Amerikanischen von R. Cackett. Berlin: Wagenbach 1990, S.
7–24. Sowie: Jan Assman: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität
in frühen Hochkulturen. München: Beck 62007, S. 140. Sowie die vier Aspekte des Zirkulationsbe-
griffes bei: Andreas Kilcher und Philipp Sarasin: Editorial. In: Zirkulationen. Zürich: Diaphanes
2011 (Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte; 7), S. 7–11.