Table Of ContentHANDBUCH DER
GEISTESKRANKHEITEN
BEARBEITET VON
K. BERINGER . K. BIRNBAUM . A. BOSTROEM . E. BRAUN . A. v. BRAUNMüHL
O. BUMKE . H. BüRGER· H. CREUTZFELDT . J. L. ENTRES • G. EWALD
E. GAMPER . I!'. GEORGIo• H. GRUHLE . E. GRÜNTHAL· J. HALLERVORDEN
A. HAUPTMANN A. HOMBURGER . F. JAHNEL . W. JAHRREISS • A. JAKOB
°
H.JOSEPHY·V.KAFKA.E.KAHN·F.KEHRER·B.KIHN·H.KORBSCH·E.KRETSCH
MER· E.KüPPERS· JoLANGE ·W.MAYER-GROSS· F.MEGGENDORFER· K.NEU
BURGER o' P. NITSCHE . B. PFEIFER· F. PLAUT . M. ROSENFELD . W. RUNGE
H.SCHARFETTER·K.SCHNEIDER.F.SCHOB·W.SCHOLZ·J.H.SCHULTZ·H.SPATZ
W.SPIELMEYER·J.STEIN. G.STEINER· F.STERN· G.STERTZ· W.STROHMAYER
R.THIELE . W. VORKASTNER· W.WEIMANN . A.WETZEL. K.WILMANNS . O.WUTH
HERAUSGEGEBEN VON
OSWALD BUMKE
MüNCHEN
FÜNFTER BAND
SPEZIELLER TEIL I
SPRINGER-VERLAG BERLIN HEIDELBERG GMBH 1928
SPEZIELLER TEIL
ERSTER TEIL
DIE PSYCHOPATHISCHEN ANLAGEN
REAKTIONEN UND ENTWICKLUNGEN
BEARBEITET VON
K. BIRNBAUM-BERLIN . E. BRAUN-KIEL
E. KAHN-MÜNCHEN· J. H. SCHULTZ-BERLIN
G. STERTZ-KIEL
MIT 10 ABBILDUNGEN
SPRINGER-VERLAG BERLIN HEIDELBERG GMBH 1928
ISBN 978-3-540-01062-3 ISBN 978-3-642-51083-0 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-642-51083-0
ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER üBERSETZUNG
IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN.
COPYRIGHT 1928 BY SPRINGER'VERLAG BERLIN HEIDELBERG
URSPRUNGLICH ERSCHIENEN BEI JULIUS SPRINGER IN BERLIN 1928
SOFTCOVER REPRINT OF THE HARDCOVER 1ST EDITION 1928
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Der Aufbau der Psychose. Von Professor Dr. KARL BIRNBAUM, Berlin 1
1. Der Aufbau als allgemein klinisches Phänomen . . . . . 1
2. Die Determinanten des klinischen Aufbaus . . . . . . . 3
3. Pathogenetik und Pathoplastik im Rahmen der Psychose 9
4. Persönlichkeit und Psychose. . . . . . . . . . . . . . 13
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Die neurasthenische Reaktion. Von Professor Dr. G. STERTZ, Kiel 19
Symptomatologie 24
Prognose ........ . 27
Literatur ........ . 27
Die konstitutionelle Nervosität. Von Professor Dr. J. H. SCHULTZ, Berlin 28
I. Umschreibung als Diathese. 28
II. Historische Entwicklung. . . . . . . 28
III. Einteilungsversuche . . . . . . . . . 30
IV. Prinzipielle Einteilungsmöglichkeiten . 31
1. Körperliche Konstitutionsmerkmale . 31
2. Experimentellpsychologische Unterschiede . 33
3. Praktisch-klinische Gruppenbildungen 35
V. Klinische Erscheinungen. . . . 37
A. Neuropathische Eigenheiten 37
1. Tiefste Schicht. . 37
2. Mittlere Schichten . . . . . 43
3. Höchste Schicht . . . . . . 60
B. Psychopathische Eigenheiten 67
1. Tiefste Schicht. . .. 67
2. Zweite Schicht . 80
3. Dritte Schicht . 85
4. Höchste Schicht 91
VI. Verlauf. . . . . . 94
VII. Ätiologie . . . . . 101
VIII. Differentialdiagnose 102
IX. Behandlungsprinzip 103
Literatur. . . . . . . ... . ... 103
A. Monographien S. 103. - B. Einzelarbeiten S. 104.
Psychogene Reaktionen. Von Privatdozent Dr. E. BRAUN, Kiel. (Mit 10 Ab
bildungen) . . . . . . . . . . . 112
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
Allgemeiner Teil.
I. Abgrenzung und Begriffsbestimmung . . . . 114
II. Aufbau und Einteilung . . . . . . . . . . 120
Spezieller Teil.
I. Persönlichkeitsreaktionen . . . . . . . . . 153
1. Depressive Reaktionsformen ..... . 153
2. Explosive Reaktionsformen . . . . . . . 159
3. Anfälle, Dämmerzustände, Stuporen und Fugues . 165
4. Die körperlichen Symptome. . . . . . . . . . . 175
VI Inhaltsverzeichnis.
Seite
11. Milieureaktionen ............ . 183
1. Schreck, Angst, Erwartung. . . . . . . . 183
2. Hypochondrie, Epithymie und Simulation. 191
3. Isolierung und Induktion . . . . . 209
Literatur ............. . 217
Die psychopathischen Persönlichkeiten. Von Professor Dr. EUGEN KAHN,
München ....................... . 227
I. Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
11. ~euristisches klinisch-deskriptives System der Psychopathien . 235
III. Uber den Aufbau der Persönlichkeit. . . . . . . . . . . . . 242
IV. Über Aufbau und Begriff der psychopathischen Persönlichkeit. .. . 254
V. Die psychopathischen Persönlichkeiten von der Triebseite her betrachtet 262
Allgemeine Vorbemerkungen . . 262
1. Impulsive Psychopathen. . . . . . . . . 268
2. Triebschwache Psychopathen. . . . . . . 275
3. Sexualpsychopathen . . . . . . . . . . . 277
a) V,ber die geschlechtliche Entwicklung 277
b) Uber Masturbation und Masturbanten . 283
c) N arzisten • . . 288
d) Transvestiten . 289
e) Homosexuelle . 289
f) Metatropismus. 299
g) Bisexualität . . 299
h) Pädophilie 300
i) Psychosexueller Infantilismus 301
k) Gerontophilie . 301
1) Zoophilie . . . . . . . . . 302
m) Fetischismus ....... . 302
n) Exhibitionismus . . . . . . 305
0) Algolagnie (Sadismus und Masochismus) 306
VI. Die psychopathischen Persönlichkeiten von der Temperamentsseite her be-
trachtet ................... . 311
Psychopathische Temperamentstypen (Dysthymiker) 311
Vorbemerkungen. . . . . . . . . 311
1. Hyperthymiker ....... . 314
a) Lebhafte (Tachythymiker) 314
b) Erregbare .. 317
c) Explosible ..... 319
d) Reizbare . . . . . . 320
Streitsüchtige . . . . 321
e) Heitere (Euphorische) 321
2. Hypothymiker . . 322
A. Athymiker ..... . 323
f) Phlegmatiker . . . . 323
g) Stumpfe ..... . 325
h) i) Gemütsarme und Gemütlose 326
B. Dy~phoriker . . . , . . . . . . . . 328
k) Angstliehe (Timide und Phobiker) . 328
I) Mißmutige ....... . 333
m) Traurige (Depressive) 334
3. Poikilothymiker. . . . . . . . . 336
n) Autochthon Stimmungslabile 338
0) Reaktiv Stimmungslabile . . 341
Anhang: Vom Temperament der Sensitiven 345
Bemerkungen zur Frage der klinischen Zugehörigkeit der Dysthymiker. 347
Über die Beziehung zwischen Trieb und Temperament . . . . . . . . 349
VII. Die psychopathischen Persönlichkeiten von der Charakterseite her betrachtet. 351
Psychopathische Charaktertypen (Dystone Psychopathen) 351
Vorbemerkungen . . . . . 351
1. Ich-überwertende Typen. 355
a) Aktive Autisten .. 357
b) Egozentriker. . . . 358
Inhaltsverzeichnis. VII
Seite
2. Ich-unterwertende Typen 362
c) Passive Autisten . 362
d) Ich-Sucher ..... 363
3. Ambitendente Typen . . . 365
e) Sthenisch-ambitendente Typen . 368
.. f) Asthenisch-ambitendente Typen. 369
Uberkompensation ........ . 370
Bemerkungen zur Kausalität der psychopathischen Charaktertypen . . . . 372
VIII. Über kausale und finale Zusammenhänge im körperlich-seelischen Aufbau der
psychopathischen Persönlichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376
Typenbildung und Strukturanalyse - Körperliche Grundlagen - Körperbau
und Körperbautypen - Körperbau und psychopathische Typen - Körper
bau und Charakter.
IX. Komplexe Psychopathentypen. (Bilder psychopathischer Persönlichkeiten) . 386
Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 386
1 Über psychopathische Haltlosigkeit. (Passiv asoziales Verhalten bei
Psychopathen) .......... . 387
2. Zum Problem der schizoiden Typen 393
3. Die kalten Autisten . . . . . . . . 403
a) Triebschwache, passive kalte Autisten 404
b) Triebkräftige, aktive kalte Autisten 407
4. pie anankastischen Psychopathen . 410
5. Über die sensitiven Psychopathen 419
6. Die hysterischen Persönlichkeiten . 422
7. Hypochondrische Psychopathen 438
8. Die streitsüchtigen Psychopathen 442
9. Die verschrobenen Psychopathen 448
a) Aktive Verschrobene . 451
b) Passive Verschrobene. 453
10. Asthenische Psychopathen 460
X. Über psychopathische Verläufe 466
Vorbemerkungen . . . . . . . . . . 466
a) Über evolutive Anachronismen. 467
b) Psychopathische Verlaufsformen 469
c) Psychopathenschicksale . . . . . 472
Literatur .............. . 478
Die Behandlung der abnormen nervösen Reaktionen und der Psycho
pathien. (Unter Ausschluß der Vergiftungen und soziologischer
Fragen.) Von Professor Dr. J. H. SCHULTZ, Berlin . 487
1. Hereditäre Prophylaxe . . . 488
II. Das therapeutische Problem . 491
A. Somato-Therapie 492
Konstitutionsregulierung . 493
Reaktionsausgleich 503
Persönliche Prophylaxe. Psychische Hygiene 511
B. Psychotherapie ... . . . . . . . . 517
Verstärkte Normalreaktionen . . . . 519
Spezifisch neurotische Reaktionen .. 553
Literatur. . . . . . 560
Namenverzeichnis 565
Sachverzeichnis. . 573
Der Aufbau der Psychose.
Von
KARL BIRNBAUM
Berlin.
1. Der Aufbau als allgemein-klinisches Phänomen.
Der "Aufbau der Psychose" (BIRNBAUM) schließt sich nicht nur zufällig un
mittelbar an den allgemein-psychopathologischen Teil dieses Handbuchs an und
tritt damit zugleich an die Spitze des speziellen klinischen Teils. Er gehört
vielmehr aus inneren Gründen dahin. Die Aufbaubetrachtung vermittelt von
sich aus den Übergang vom einen zum andern, bildet das Bindeglied zwischen
beiden. Sie führt von den unselbständigen Teil- und Einzelgebilden all
gemein-psychopathologischer Natur direkt hinüber zu den komplexen selb
ständigen Bildungen der klinischen Ganzheiten und Einheiten. Der Aufbau in
diesem Sinne ist also ein psychiatrischer Zwischenbegri// oder noch bestimmter
ausgedrückt: ein allgemein-klinischer Begriff im Gegensatz zu den allgemein
psychopathologischen (Symptomen- und Syndromen-) Begriffen und den spe
ziellen klinischen (Krankheits-) Begriffen. Er bezieht sich grundsätzlich auf
(und setzt also grundsätzlich voraus) zusammengesetzte Bildungen, wie sie die
klinische Empirie ihm darbietet, und er kommt daher auch erst in Frage, wenn
man über jene einfachen allgemeinen psychopathologischen Gegebenheiten hin
aus zu höheren (klinischen) Gebilden vordringt. Welcher Art Gebilde es sind
oder es sein müssen, auf die sich der Aufbau bezieht, ist an sich von vornherein
nicht festgelegt oder festzulegen, hängt vielmehr davon ab, was die Klinik bei
ihrer Betrachtung als solche zusammengesetzten höheren Bildungen heraushebt,
und worauf sie bei ihrer Verarbeitung und Bewertung besonderes Gewicht legt. Für
die klinisch-nosologische Einstellung, wie sie sich historisch herausgebildet hat,
auch gegenwärtig allgemein als ausschlaggebend anerkannt wird und noch als
wegweisend für die Zukunft gilt, stellen im wesentlichen die Krankheits/armen
jene zusammengesetzten Ganzheiten und Einheiten dar, um deren Aufbau sich
die Klinik zu bemühen hat. Es liegt aber an sich kein Grund vor, etwa die Auf
baubetrachtung fallen zu lassen, wenn die weitere klinische Entwicklung zu
anderen - insbesondere zu weniger fest geschlossenen und umschriebenen - kli
nischen Einheiten etwa in Form von klinischen Reaktionsformen oder selbst
zu weniger umfassenden, nach Art der Zustands-Verlaufsverkuppelungen u. dgl.
führen sollte, wobei an ihr dann freilich entsprechende Modifikationen der Ge
sichtspunkte vorgenommen werden müßten.
An dieser Stelle haben wir es jedenfalls nur mit den Krankheitsformen als
den klinisch anerkanntesten und wissenschaftlich wie praktisch bedeutsamsten,
hoch zusammengesetzten psychiatrischen Einheitsgebilden und damit lediglich
mit dem Aufbau der Psychosen zu tun. In den Psychosen sehen wir - um den
grundsätzlichen Standpunkt vorweg sicherzustellen - nun nicht etwa für
Handbuch der Geisteskrankheiten. v. 1
2 KARL BmNBAuM: Der Aufbau der Psychose.
praktische Zwecke zurechtgelegte Schablonen oder für wissenschaftliche er
dachte Konstruktionen nach Art bloßer heuristischer Fiktionen, sondern viel
mehr reale Gegebenheiten naturwissenschaftlich-empirischer Art, und zwar ver
stehen wir unter ihnen gewisse nach Art und Folge regelmäßig wiederkehrende
und daher auf innere Zusammenhänge und Zusammengehörigkeiten hinweisende
geschlossene Reihen klinischer Erscheinungen, die durch ihre regelmäßige Zuord
nung zu gewissen (mehr oder weniger sicher nachweisbaren) besonderen Agentien
sich auch als einheitlich verursacht darstellen. Dabei verkennen wir durchaus
nicht die Bedeutung der schon seit langem (HOCHE) und besonders dringlich
in letzter Zeit (BUMKE) gegen diese anerkannten Kernphänomene aller Klinik
erhobenen grundsätzlichen und erfahrungsmäßigen Einwände: so vor allem das
vielfache Versagen dieser nosologischen Einheiten bei der klinischen Verwertung
und systematischen Durchführung, weiter die vielfache Unspezifität der kon
stitutiven Krankheitselemente, die heterogene Zusammensetzung der einzelnen
Krankheitseinheiten (aus exogenen und endogenen Bestandteilen), die schein
bare Unspezifität selbst der ausschlaggebenden ätiologischen Faktoren und
schließlich die wesentliche Beteiligung von außerhalb des Krankheitsprozesses
liegenden, in der Person des Befallenen .selbst vorgebildet bereitstehenden Bil
dungen am Krankheitskomplex. Alle diese (und auch andere hier zu über
gehende) Einwände genügen uns aber nicht, wie wir ausführlich in der "Re
vision der psychiatrischen Krankheitsaufstellungen" auseinandergesetzt und be
gründet haben, um einfach diese Krankheitsformen als echte naturgesetzlich
festgelegte komplexe klinische Einheiten aufzugeben, wenn wir auch zugestehen,
daß sie noch wesentlicher Modifikationen bedürfen und daß vor allem ihre bis
herigen zahlreichen konkreten Sonderbestimmungsstücke und ihre fest um
rissenen starren Formen einer allgemeineren Formulierung und einer weiteren
Fassung werden weichen müssen.
Indem wir nun die Psychose grundsätzlich als eine hoch zusammengesetzte
klinische Einheit anerkennen, erkennen wir ihr ebenso grundsätzlich eine be
stimmte Art der Zusammensetzung, ein bestimmtes Gefüge, eine Struktur, einen
inneren Aufbau zu, und damit erhalten wir, ohne den weiteren Ableitungen
vorzugreifen, mit dem Aufbauphänomen ein allgemeines - ja das allgemeine
klinische Grundphänomen und mit ihm zugleich den klinischen Grundbegriff, der
die verschiedenen, die Störung konstituierenden Elemente nach inneren Zuord
nungen, gesetzmäßigem Zusammenhang und klinischen Beziehungen zusammen
faßt und im Rahmen der Psychose festlegt. Wir· erkennen damit zugleich an,
daß dieses Aufbauphänomen für die ganze Nosologie in gleicher Weise Geltung
hat und daß es unbeschadet aller sonstigen Differenzen auf alle klinischen Ob
jekte: Krankheitseinzelfälleso gut wie -spielarten und -typen Anwendung findet.
Wir ergänzen noch: Die Psychose, wie sie sich im Aufbau darbietet, stellt
anerkanntermaßen keine starre unbewegliche Zuständlichkeit, keine statische
Gegebenheit dar. Sie kennzeichnet sich vielmehr ihrem Wesen nach als ein
lebendiges Geschehen, ein dynamischer Vorgang, ein Komplex von (gestörten)
Funktionsabläufen, der durch das Spiel (Zusammenspiel und Gegenspiel) wirk
samer Kräfte, durch die besonderen Funktions- und Wirkungsbeziehungen
dieser Kräfte herbeigeführt, in seiner Richtung bestimmt und in Bewegung
gehalten wird. Das bedeutet aber, daß es speziell die Dynamik des Aufbaus
ist, der wir nachzugehen haben, und daß unsere Aufbaubetrachtung selbst
dynamisch gerichtet sein muß, derart, daß sie die gestörten Funktionsabläufe
und .-zusammenhänge in der Gesamtdynamik der Psychose verfolgt und zu
diesem Zwecke vor allem auch auf die für deren Erfassung wesentlichen gene
tischen Beziehungen das Hauptaugenmerk richtet.
Die Determinanten des klinischen Aufbaus. 3
Nach alledem ist die Aufbaulehre ihrer allgemeinen wissenschaftlichen Eigenart
nach als eine - vorzugsweise dynamisch-genetisch gerichtete - klinische Struktur-,
Zusammenhangs- und Beziehungslehre zu charakterisieren, die den Blick von
der bloßen äußeren Erscheinungsform der Psychose auf ihr inneres Gefüge richtet
und die Erfassung des Ganzen der Psychose aus der Zusammenordnung der
Teile wie umgekehrt den Zusammenhang der Teile vom Ganzen her zu gewinnen
sucht!. Sie erweist sich damit zugleich wissenschaftsgeschichtlich gesehen als
eine Fortentwicklung (und als nötige Ergänzung) jener klinisch-deskriptiven
Forschung, die in der Periode des empirischen Klinizismus KRAEPELINS sich als
so fruchtbar erwies, indem sie auf die Sammlung und Registrierung der Be
standteile und Bestimmungsstücke der klinischen Formen, auf ihre schreibende
Veranschaulichung sowie auf die Darstellung ihrer äußeren Bilder das Haupt
gewicht legte.
Methodologisch erfordert diese Aufbaubetrachtung entsprechend ihrer Hin
wendung auf die inneren Strukturbeziehungen und -zusammenhänge im Gefüge
der Psychose eine entsprechend von der einfachen Deskription sich entfernende
systematisch-analytische Betrachtungsweise, für die die Kennzeichnung als
klinische Strukturanalyse (BIRNBAUM) sich von selbst ergibt. Diese Struktur
analyse bietet selbst umgekehrt die unmittelbare und notwendige Grundlage
sowie die Hilfsmittel für die zugehörige synthetisch-klinische Leistung: für die
Zusammenfassung und Zusammenordnung der strukturanalytisch gewonnenen
konstituierenden Elemente der Krankheit zur Einheit der Psychose vermittels
einer klinischen Strukturformel (sei es des Krankheitsfalls, der Spielart oder
des Typs), welche die inneren Strukturverhältnisse der Psychose, die Zusammen
hangs- und Ordnungsbeziehungen in ihrem Gefüge wie ihren ganzen hierar
chischen Aufbau in einer Einheitsformulierung zur Darstellung bringt.
2. Die Determinanten des kliniscben Aufbaus.
Die Eigenart des Aufbaus der Psychose ist mit den bisherigen allgemeinen
Hinweisen auf ihren zusammengesetzten Charakter nicht erschöpft. Sie macht
weitere klinische Kennzeichnungen und Differenzierungen notwendig. Vor
allem ist eins herauszuheben: Die Psychose wird in ihrem Aufbau keinesfalls
durch die bloße Zusammen- und NebeneinandersteIlung, die einfache Anhäufung
ihrer klinischen Elemente, durch die unterschiedslose Herausholung ihrer Deter
minanten hinreichend erfaßt. So würde sie bestenfalls einem undifferenzierten
Konditionalismus der psychiatrischen Krankheitsbetrachtung erscheinen, der von
uns als strukturanalytisch durchaus unzulänglich abgelehnt werden muß. Wesent
lich für ihren Aufbau ist vielmehr eine bestimmte Ordnung dieser Bestandteile,
eine differenzierte Anordnung und Zusammenordnung der Teile im Rahmen
des Ganzen entsprechend ihrer jeweiligen klinischen Wertigkeit und nosolo
gischen Bedeutung. Diesen Unterschieden im Anteil der konstituierenden Krank
heitselemente, im hierarchischen Aufbau und der dynamischen Determination
der Psychose muß die Aufbaulehre von vornherein Rechnung tragen durch
1 Es erübrigt sich (weil für die klinische Psychiatrie, auf die es hier lediglich ankommt,
ohne jede Bedeutung) hier noch nachzuprüfen, ob diese klinische Aufbaubetrachtung eine
Struktur und Gestalt im Sinne der modernen Psychologie (WERTHEIMER, KÖHLER, KOFFKA
u. a.) voraussetzt und anerkennt und damit von der klinischen Seite her einen Anschluß
der psychiatrischen Forschung an jene psychologischen Richtungen herstellt. Daß es sich
bei dieser Auffassung der nosologischen Einheiten um analoge Gebilde wie die Strukturen
der Gestaltspsychologie handelt, kann trotz gegenteiliger Behauptung eines Kritikers, der
am Aufbau der Psychose lediglich die methodologische Seite zu sehen vermochte, kaum zweifel
haft sein.
1*