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VERLAG NEUE STRÖMUNG
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INHALTSVERZEICHNIS
ZU DIESER BROSCHÜRE ..................................................................................., . S. 5
DIE ZUKUNFT DER "SZENE" UND DIE KRISE DES KAPITALISMUS ······;············· S. 7
Unmittelbarkeits-Fetisch und linkes Bewußtsein .....................................: ............. S. 8
Faschismus und "Männerphantasien" ...................................•...................•............. S. 10
Das "Komm" als "kritisches" Integrationsmodell ................................................... S. 14
Endzeit-Stimmung ...........................•.•..........................................................•...... S. 19
Warum ist die Hausbesetzer-Bewegung gestorben? ................................................ S. 23
Funktionalistisches oder emanzipatorisches Wissen ................................................ S. 26
Theorie und Praxis ............................................................................................... S. 34
Wer fürchtet sich vor Fraktionen? ........................................................................ S. 36
Zukunftsmusik ...................................................................................................... S. 44
Postscripturn zu Wolfgang Pohrt ........................................................................... S. 51
DAS ELEND DER ELENDSVERWALTER ............................................................... S. 54
EINIGE ÜBERLEGUNGEN ZU DEN "ÜBERLEGUNGEN" DES KB oder WARUM
DER SCHWANZ DES GETRETENEN HÜNDCHENS AM LAUTESTEN HEULT ......... S. 58
WIR SEZIEREN EINEN PAPIERTIGER/ Zur Auseinandersetzung mit den
"Antiimperialisten" und den Resten der 81-er Bewegung ....................................... S. 71
ANHANG ....................................................................................................••...... S. 78
IMPRESSUM: EPITAPH FÜR DIE NEUE WEHLEIDIGKEIT ......................................................... S. So
FLUGBLATT DES KB ......................................................................................... S. 90
Verlag. Neue Strömung
Postfach 21 11, D-8520 Erlangen DIE BÄH-GENERATION SCHLÄGT ZURÜCK/ Leserbriefe aus dem "Piärrer" (Nürn-
berg) und der "Saarhexe" (Saarbrücken) ................................................................ S. 92
Druck: Rumpel-Druck, Bogenstr. 7, 8500 NUrnberg 40
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ZU DIESER BROSCHÜRE
SPALTPILZE UND PROVOKATIONEN
Eine Abrechnung mit der linken und alternativen Szene
Im Februar 1984 publizierte die Nürnberger Stadtzeitung "Plärrer" ein Pamphlet, dessen
ursprünglicher Titel "Epitaph für die neue Wehleidigkeit" in die etwas großväterliche
Form "Oh diese Jugend" verwandelt worden war und unter dieser Überschrift inzwischen
in einer ganzen Reihe weiterer Alternativ-Blätter erschienen ist. Die "Haßliebe" der
alternativen Redakteure zu diesem Text (so die Tübinger "Tüte") ist offenbar der darin
enthaltenen radikalen Kritik am Bewußtsein der oppositionellen "Szene" dieses unseres
Landes geschuldet - eine Kritik, die freilich sogleich (und wie beabsichtigt) zornige Reak
tionen nicht nur von Grün-Alternativen und anderen pazifistischen Betroff~nheits-Schätz
chen, sondern auch von einigen vermeintlich undogmatischen Bewegungs-Marxisten und
sogar von diversen Restbeständen verbissener K-Gruppen ausgelöst hat.
Als Antwort auf das durchaus erwartete Aufjaulen der Gesamt-"Szene", aber auch um
unsere Anschauungen über die Entwicklung der linken Opposition etwas detaillierter dar
zustellen, veröffentlichen wir in dieser Broschüre einige Beiträge, die im Anschluß an
das oben erwähnte überaus "zynische" und "menschenfeindliche"-Pamphlet entstanden
sind. Dies auf die Gefahr hin, daß das bekanntermaßen aktualitäts-fetischistische Kurz
zeitbewußtsein von Medien-Krüppeln einer derart langatmigen Argumentation, die an
eine zwar grundsätzliche, aber immerhin schon Monate (!) zurückliegende Auseinander
setzung anknüpft, einfach nicht mehr folgen kann.
Der ursprüngliche Provokations-Text als Stein des Anstoßes und Leserbrief-Reaktionen
der empörten "Szene" aus Nürnberg una Saarbrücken sowie ein höchst ausgewogenes Flug
blatt des KB (mit dem sich einer unserer Beiträge gesondert beschäftigt) sind im Anhang
dokumentiert.
Von einigen Karikaturen abgesehen können wir leider mit farbigen Bildern und anre
genden Illustrationen nicht dienen. Für den Leser, der darauf nicht verzichten mag, hier
'noch einige Literaturhinweise, um Entzugserscheinungen vorzubeugen: Alle meine Entchen
(Pestalozzi-Verlag), Willi Waschbär hat Geburtstag (Ravensburger), Alles über Osterhasen
(Verlag Pro Juventute), Im Kinde.rgarten (Sauerländer). Zufrieden?
Ansonsten wünschen viel Wut beim Lesen
Die Herausgeber
VERLAG NEUE STRÖMUNG
Juli 1984
-?-
DIE ZUKUNFT DER "SZENE" UND DIE KRISE DES KAPITALISMUS
Anmerkungen zu einer Kontroverse
Der Stein des Anstoßes
Einigermaßen überraschen muß es, daß die Polemik im "Piärrer" gegen das
"Szene"-Bewußtsein in der Linken, in der oppositionellen Jugend- und ehemali-
gen Hausbesetzerbewegung etc. kaum rüde Abwehr-Affekte hervorgerufen hat,
sondern eher Interesse und Unsicherheit. Entweder ist diese "Szene" schqn zu
müde, um sich noch gegen Kritik zu verteidigen, oder sie ist in Wahrheit heute
nicht mehr so umstandslos von den (hauptsächlich griin-alternativ bestimmten)
Antworten überzeugt, die in den letzten Jahren vom dominierenden Teil der Oppo
sitionsbewegung auf die ökonomische und politische Krise des Kapitalismus gege
ben wurden. Als beleidigt im altfränkischen Sinne zeigten sich öffentlich eigentlich
nur der KB und das jugendbewegte Sozialarbeiter-Team des "Komm", die gleicher
maßen auf die Kuhstallwärme diffuser "Szene"-Gemeinsamkeit und auf die anti
polemischen Wallungen des deutschen Gcfiihlsmenschentums setzten. Denn während
das Pamphlet in Frankreich als anerkannte literarische Gattung gilt, ist der pole
mische Ausdruck in Deutschland traditionell verpönt und das inhaltslose Altweiber
geplärre "Das ist ja Polemik!" wird an sich schon als Argument gehandelt. Viel
leicht liegt es daran, daß die Franzosen einmal ihren König geköpft haben, während
die nach einem Ausdruck von Friedrich Engels "ins nationale Bewußtsein gedrungene
Bedientenhaftigkeit" die Deutschen mit der Geste des dumpfen und stumpfen
Biedermannes vor Polemik zuriickschrecken läßt. Deswegen kann man hierzulande
auch gewöhnlich Polemik nicht von bloßem Geschimpfe und von leerer Pöbelei
unterscheiden. Aber wirkliche Polemik ist nichts als eine notwendig "einseitige"
Zuspitzung brennender inhaltlicher Fragen: sie kann zwar nicht umfassende Analysen
ersetzen, aber zunächst einmal den Finger auf wunde Punkte legen. Die vorliegende
Gegenpolemik, sowohl im "Piärrer" als auch .im Flugblatt des KB, wirkt vielleicht
deswegen so hölzern und einigermaßen armselig, weil sie von dieser inhaltlichen
Funktion einer Polemik kaum etwas ahnt. Stattdessen greift man reichlich zum
Mittel der persönlichen Denunziation und baut einen billigen Popanz auf, den des
angeblich verbitterten und gescheiterten Alt-SDS-Iers und Alt-ML-ers, der in seiner
Altersbosheit die wunderbare Jugend beschimpft, während man sich selber in der
Pose eines Freundes und Helfers dieser Jugend gefällt. Die polemisch zugespitzten
inhaltlichen Fragen werden nicht aufgegriffen, sondern eher abgeblockt und bloß
am Rande gestreift. Offenbar wollen sich die unverdrossenen Alt-ßewegungsbewegler
auf keinen Fall aus dem Routine-Trott aufschrecken lassen, in dem sie seit Jahren
vor sich hinstolpern wie Esel in der orientalischen Tretmühle. Besonders pikant
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erscheint in diesem Zusammenhang die mit großer Abgeklärtheits-Gebärde vor- heit in den "neuen sozialen Bewegungen" (Anti-AKW, Frieden, Jugend, Frauen,
getragene Berufung des KB auf den "langen historischen Atem". Dazu muß man Schwule, Hausbesetzer etc.) weiter, ohne je über den Horizont der Tagespolitik
wissen, daß der lange historische Atem des KB hauptsächlich darin besteht, wie hinauszuschauen. Wie alle K-Gruppen ist auch der KB, ohne daß es ihm bewußt ist,
ein Pawlowscher Hund auf die Oberflächenbewegung der Gesellschaft zu reagieren, in gewisser Weise von der verkürzten "instrumentellen Vernunft" des Spätkapitalis-
überall dort zu bellen, wo sich etwas bewegt, und seinen hauptseitig organisatori- mus geprägt; zwar lehnt er theoretische Arbeit und inhaltliche Klärung nicht direkt
sehen "Einfluß" zu Tagespreisen zu offerieren. Damit kann eine Sekte vielleicht noch ab, erkennt sie aber nur insoweit an, als sie sich unmittelbar praktisch-politisch ver
einige Jahre vor sich hinvegetieren, bloß hat dies kaum etwas mit dem langen histo- wursten läßt. Auf diese ~eise haben die K-Gruppen binnen eines Jahrzehnts eine \
rischen Atem der Revolution zu tun. Man muß dem KB vorwerfen, daß er das "K" Menge Leute orgamsatonsch verheizt, wenig zur inhaltlichen Klarheit beigetragen
in seinem Namen inhaltlich viel zu wenig ernst nimmt, und in dieser Hinsicht scheint und kaum bewußte Revolutionäre herangebildet. Sie sind theoretisch so hohl und
gesells~haft
speziell der Nürnberger KB eine einsame Spitzenstellung zu halten. schwachbrUstig wie vor zehn Jahren, ihre Einsicht in den objektiven
lichen Gesamtzusammenhang ist keinen Schritt weiter gekommen und gegenüber den
Unmittelbarkeits-Fetisch und linkes Bewußtsein modischen grün-alternativen Angriffen auf den Marxismus sind sie nicht einmal zu
richtigen Rückzugsgefechten fähig.
In anderer Form zeigt sich derselbe Unmittelbarkeits-Fetisch heute bei den Grün
Polemisch eine Verbindung herzustellen zwischen dem herrschenden "Zeitgeist"
Alternativen selbst, die am objektiven Vermittlungszusammenhang der kapitalisti
des Spätkapitalismus und dem ideologischen Zustand der linken und alternativen
schen Produktionsweise (Profitprinzip, Marktgesetze etc.) vorbei unmittelbar zu allerlei
Opposition, ist keineswegs, wie der KB meint, ein logischer Fehler, sondern ganz im
schönen und nUtzliehen Dingen wie "sinnvoller Arbeit für alle" usw. übergehen wollen
Gegenteil ein Hinweis auf die Logik der Tatsachen selbst. Eine Gesellschaft, in der
und dabei doch nur an einen so berüchtigten Gesellen wie den "gesunden Menschen
die Tauschwertbeziehung alle Lebensäußerungen durchdrungen hat, eine Gesellschaft
verstand" appellieren und den Übeln der kapitalistischen Warenproduktion bloß
des "absoluten Marktes", orientiert zunehmend ihr ganzes Denken und Handeln am
äußerlich-moralisierend gegenübertreten können. Ebenso unmittelbarkeits-fixiert
kurzfristigen Zyklus der Marktvermittlungen. Das allgemeine Knopfdrlicker- und
m Runterschlucker-Bewußtsein erkennt sich nur unter dem Gesichtspunkt der unmittel- zeigen sich die Anarchos und Gruppen wie die "Autonomen", "Anti-lmps" etc., deren
baren Verwertbarkeit wieder, was davon abweicht oder auf einen größeren Zeithori-politischer und theoretischer Horizont auch nicht weiter als ihre Nasenspitze reicht
zont bezogen ist, das ist von !ibel oder zumindest uninteressant. "Hier und heute", und die sich schon deswegen für militant halten, weil sie in ganz spontaner Verzweif-
"subito", "alles und sofort" - oder gar nichts, das ist die Parole. lung mit Lehm schmeißen und ein wenig die Wände anmalen.
Die linke Oppositionsbewegung der BRD in den letzten 15 bis 20 Jahren ist von Dieses bornierte Unmittelbarkeits-Denken hat im Laufe d~r Zeit den notwendigen
dieser verkürzten "instrumentellen Vernunft" (Horkheimer) bis hinein in ihre politi- Fraktionskampf um Weg und Ziel der Oppositionsbewegung verwässert und zu einer
sehen Äußerungen und bis hinein ins Alltagsbewußtsein keineswegs frei gewesen und allgemeinen Versumpfung des theoretischen Denkens geführt; bis hin zur offenen
ist es auch heute nicht, am allerwenigsten der KR. Freilich nimmt der allgemeine Theoriefeindlichkeit. Die großen historischen Fragen der Gesellschaft traten in den
Unmittelbarkeits-Fetisch zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Zusammen- Hintergrund und wurden als bloße Ideologie oder akademische Spielerei denunziert,
hängen heraus unterschiedliche Formen an. Die K-Sekten wollten unmittelbar die die keinen praktischen Nährwert habe. Die verschiedenen "Praxisfelder" und Einpunkt-
sogenannten Massen gewinnen und verteilten Tonnen von Flugblättern vor den Fabri-oder Teilbewegungen verselbständigten sich gegeneinander und zersplitterten in
ken, ohne sich um die objektiven Vermittlungszusammenhänge der Widersprüche im tausenderlei gschaftlhuberische Einzelinitiativen, die alle nur noch auf ii-Jr besonderes
realen Lebensprozeß der Gesellschaft zu kümmern, aus denen her~us eine gesell- "Thema" starrten und sich keine Rechenschaft mehr über den ges~llschaftlichen Ge-
schaftliche revolutionäre Bewegung nur entstehen und aus deren Erkenntnis heraus Samtzusammenhang ablegten, in dem ihre Tätigkeit objektiv steht. Aber man kann
der "subjektive Faktor" erst bewußt intervenieren kann (in etwas abgewandelter nicht über Jahre hinweg immerzu spontan sein oder die Tretmühle eines verselb
Form unternimmt heute erneut die "Marxistische Gruppe" diesen untauglichen Ver- ständigten Organisationsapparates bewegen, bis man in einer breiigen Routine er-
such). Als sie mit dieser Vergehensweise scheiterten, lösten die K-Gruppen sich stickt. Die harten gesellschaftlichen Tatsachen selbst stoßen die Opposition mit der
entweder auf und warfen gleich den ganzen Marxismus mit über Aord, oder sie Nase auf die Notwendigkeit der inhaltlichen Klärung jener "großen Fragen" des ge-
wurstelten mit der gleichen theo~etischen Kurzatmigkeit und Organisationsborniert- seilschaftliehen Gesamtzusammenhangs. Die Alternativ-Bewegung ist als Bewegung
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gescheitert, die Hausbesetzerbewegung ist sang- und klanglos zu Ende gegangen, ihres revolutionären Flügels), die nicht in der Lage war, Sexualität und Farnflic
die Friedensbewegung in ihrer bisherigen Form hat sich vor der Härte des imperia revolutionär zu thematisieren. Mit dem imperialistischen Stadium der entwickelten
listischen Machtapparats lächerlich gemacht. Die elementaren praktischen Erfah kapitalistischen Länder setzte sich, verbunden mit einer relativen Besserstellung zu
rungen dieser achtziger Jahre selbst sind es, die wieder zurückfUhren zur Frage mindest ihrer oberen Schichten, auch in der Arbeiterklasse die kleinbUrgerlich-patri
der theoretischen und politischen Klärung gesamtgesellschaftlicher Entwicklungs archalische Familienstruktur durch. Ganz ähnlich verlief die Entwicklung in der Sowjet
prozesse, die das Unmittelbarkeitsbewußtsein aus den Augen verloren hatte. union, wo mit der Herausbildung einer neuen herrschenden Klasse auch die bUrger-
liehe Familie bzw. Sexualmoral restauriert und einschneidende Maßnahmen der Oktober
Faschismus und "Männerphantasien" revolution (z.B. die Auflösung der Standesämter) wieder rUckgängig gemacht wurden.
Bis heute unterscheiden sich die offiziellen Aussagen der StaatsbUrokrati~ des Ost
Keineswegs freilich ist mit der grundsätzlichen theoretischen und praktischen Aus blocks zu Familie und Sexualität kaum von den finstersten Statements der christ-
einandersetzung auch die "Ideologie" selbst verschwunden; was der Mensch macht, lichen Kirchen. Für die Arbeiterbewegung des Westens hatte diese Verdunkelung
muß vorher durch seinen Kopf hindurch, und die Praxis der "Szene" (sowohl die poli eines wichtigen Moments des gesellschaftlichen Gesamtprozesses zur Folge, daß sie
tische Praxis im engeren Sinne als auch die Lebenspraxis) ist durchaus ideologisch den Auflösungserscheinungen der Blutsverwandtschafts-Familie im Kapitalismus ge
bestimmt, nur legt man sich über diese Ideologie immer weniger inhaltliche Rechen genüber hilflos-moralisierend, konservativ und mit eher kleinbürgerlichen Positionen
schaft ab. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich auch sofort, daß hinter den diffusen reagierte; gleichzeitig blieb die proletarische Frau durch die knechtende Unterordnung
ideologischen Syndromen tatsächlich bestimmte Theorien stehen, die als solche zwar unter die Mutter-Rolle und die Fesselung an die privatistische Sphäre des Einzelhaus
von der "Szene" im weitesten Sinne nicht selbständig verarbeitet werden, aber doch halts objektiv weitgehend vom politischen Emanzipationskampf ausgesperrt. Dieses
über Wirtshausgeschwätz, vertrödelte Nachmittage an WG-Küchentischen, durch unbegriffene Verhältnis der Geschlechter rächte sich dadurch, daß die weibliche "Hälfte
Hörensagen, gelegentliche Zeitschriftenlektüre und andere sekundäre Kanäle ins Be des Himmels" zum passiven Bleigewicht am Hals der Arbeiterbewegung wurde; bis
wußtsein tropfen. Das Wesen dieser Theorien ist der ideologische Angriff auf den in die Familien führender kommunistischer Funktionäre hinein blieben die Frauen in das
revolutionären Marxismus, verbunden mit einer zuckersüßen Rechtfertigung der zu Korsett einer familienbornierten und dem Klassenkampf gegenüber abwehrenden
nehmend versumpfenden Lebenspraxis von Leuten, die einmal einen revolutionären Haltung gezwängt. Der offen und militant patriarchalischen Ideologie des Faschismus
politischen Anspruch hatten bzw. von Jugendlichen, die diesen Anspruch nur noch als hatte daher in dieser Hinsicht die Arbeiterbewegung kaum etwas entgegenzusetzen.
verbiestertes Schreckgespenst längst versunkener Zeiten (1968 nämlich) begreifen Theweleit greift nun zwar diesen Problemkomplex auf; er untersucht die Folgen
können. des patriarchalischen Geschlechterverhältnisses in der Phase seiner bereits begonnenen
Theorien werden von Theoretikern gemacht, und eineri dieser "Szene"-ldeologen objektiven Auflösung zu Beginn des 20. Jahrhunderts anhand einer Fülle von literari
der letzten Jahre, Klaus Theweleit mit seinem zweibändigen Werk "Männerphantasien", schem Material der konterrevolutionären Freikorps in den ersten Jahren der Weimarer
hat die Sozialarbeiter-Belegschaft des "Komm" zu ihrem Guru gekürt. An Theweleit Republik (diese Freikorps sollten schon wenig später die Kerntruppe der aufsteigenden
und seiner Nürnberger Lesergemeinde läßt sich exemplarisch die Raffinesse des so faschistischen Massenbewegung bilden). Aber Theweleit verspielt die Chance, seinem
zialpädagogischen Bewußtseins aufzeigen. Um diesem Theoretiker gerecht zu werden,
Material gerecht zu werden und damit zum· Fortschritt der revolutionären Theorie
muß man allerdings zuerst ein wenig das einzige gute Haar kämmen, das an ihm zu
beizutragen. Ursache dafür ist vor allem die ideologische Basis seiner Untersuchungs
finden ist. Theweleits Faschismus-Analyse setzt durchaus an einem wichtigen Punkt
methode. Gestützt auf die französischen Theoretiker Gilles Deleuze und Felix Guattari
an, nämlich an der Rolle der bUrgerliehen Familie und der patriarchalischen Ge
setzt er als völlig unausgewiesenen Ausgangspunkt die Konstruktion eines abstrakt
schlechterverhältnisse in der Genese des Faschismus: "Besondere Bedeutung gewinnt
unhistorischen Unbewußten als menschlichen "Wesenskern"; dieses Unbewußte, das die
... eine Auseinandersetzung mit dem Ich des 'soldatischen Mannes', womit neben
richtungs- und zunächst inhaltslose Triebenergie beinhalten soll, produziere insofern
dem k'!pitalistischen Produktionsverhältnis ein bestimmtes mann/weibliches Verhältnis
den unbestimmten "Wunsch zu wünschen", von der inneren Triebenergie gespeiste
(das patriarchalische) als Produzent einer lebensvernichtenden Realität ins Zentrum
"Wünsche" als Voraussetzung jeder Objektbeziehung zur Außenwelt (z.B. den Wunsch
einer Auseinandersetzung mit dem NS treten müßte" (Komm-Zeitung, März 83). nach Berührungen, nach sCo1<uellem Kontakt, nach Dingen, die zu produzieren sind usw.).
Tatsächlich liegt hier eine Schwachstelle der gesamten alten Arbeiterbewegung (auch
Das so verstandene Unbewußte wird daher auch als "Wunschmaschine" bezeichnet. Mit
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französischen Küche kleiden. Ebenso ist die Form der sexuellen WUnsche historisch
dieser Konstruktion präsentiert Theweleit wieder einmal einen Neuaufguß der Theorie
bedingt; die Herausbildung erotischer Kultur als Teil der historischen Selbstproduktion
von einer abstrakten, unhistorischen "Natur des Menschen", die vor aller menschlichen
des Menschen und gleichzeitig die patriarchalische Repression als notwendiges Moment
Entwicklungsgeschichte und unabhängig von dieser existieren soll, ein zentraler Topos
aller bUrgerliehen Ideologie seit Rousseau. Die Theorie wird, hinter Marx zurück aller bisherigen Klassen- und Ausbeutergesellschaft sind nicht voneinander zu trenn·en.
fallend, von den FUßen wieder auf den Kopf gestellt, freilich auf einen Kopf, der sich Theweleit zerreißt die historisch-materielle Einheit des politisch-ökonomischen und
mit dem historisch reflektierten Idealismus Hegels nicht messen kann. Der aus der psychisch-sexuellen Lebensprozesses; er untersucht die psychischen Mechanismen nicht
Psychoanalyse Freuds genommene Begriff des Unbewußten erscheint, in Form der theo als Moment eines historischen Gesamtzusammenhangs, sondern stellt sie der politischen
retischen black box der "Wunschmaschine", statt der Arbeit in der materiellen Repro Ökonomie geradezu feindlich entgegen (sogar dort, wo sein eigenes Material ganz of
duktion des Lebens und der daraus folgenden historischen Entwicklung der Produktiv fensichtlich sozialökonomische Ableitungen nahelegt). Die Reduzierung d~s Gesellschaft
kräfte als die "wahre" Triebkraft der menschlichen Lebenstätigkeit; nicht der materielle lichen auf den psychesexuellen Apparat und dessen Ablösung von seinen wirklichen
Lebensprozeß der Gesellschaft ist die Grundlage der psychesexuellen Struktur, sondern historisch-ökonomischen Grundlagen führt ihn folgerichtig zum Kult eines abstrakten,
genau umgekehrt. Mehr noch: der historisch-materielle Lebensprozeß und die Entwick unhistorischen Individuums, so ziemlich die älteste und abgehangenste ideologische
lung der Produktivkräfte erscheinen sogar als bloße Abfolge immer neuer Formen der Klamotte der Bourgeoisie und des Kleinbürgertums. Anstelle einer konkreten historisch
Repression dieser "schon immer" vorhandenen "Wunschmaschine", als bloße Formen materialistischen Kritik der bürgerlichen blutsverwandtschaftlich-patriarchalischen
ihrer Einsperrung und der Abschottung des Bewußtseins von den eigenen "inneren Wün Familie und deren bewußtloser Reproduktion in der Arbeiterklasse entwickelt er so
schen". die verschwommene Perspektive einer "Triebbefreiung" dieses abstrakten Individuums
Der Trick dieser Argumentation ist ein sehr einfacher. Mit großem theoretischem ("Fiießenlassen der Wünsche").
Aufwand wird die freilich unbestreitbare Tatsache ausgewalzt, daß der Mensch über Für die Faschismusanalyse hat diese bürgerliche theoretische Grundlage Theweleits
haupt Bedürfnisse (und daraus folgend natUrlieh "Wünsche" zur Befriedigung dieser Be fatale Folgen. Die patriarchalisch geprägte psychesexuelle Struktur der Freikorps-Solda
dürfnisse) hat, das Bedürfnis nach Nahrung, Wohnung, Kleidung, Sexualität etc. Aber ten wird nicht als ein Moment des historischen Gesamtprozesses der Gesellschaft d'es
diese Tatsache als solche ist nichts als eine ungeheuer platte Trivialität und sie wird imperialistischen Kapitalismus in Deutschland herausgearbeitet, sondern offen den
dadurch nicht weniger platt, daß ich die Existenz dieser abstrakt-natUrliehen Bedürf politisch-ökonomischen Triebkräften des Faschismus entgegengestellt. So erscheint der
nisse zu einer aparten "Natur des Menschen" stilisiere, und sei es in der Form des Faschismus schließlich als bloßer Ausdruck und Abklatsch dieser psychesexuellen Mecha
theoretischen Monstrums einer unbewußten "Wunschmaschine". Was Theweleit und mit nismen, die sorgfältig von allen politisch-ökonomischen Zusammenhängen abgeschnitten
ihm alle anderen Ideologen irgendeiner "Natur des Menschen" übersehen, ist die bleiben. In einer phantastischen Konstruktion schnurrt die verheerende historische
historische Bedingtheit des konkreten Inhalts dieser menschlichen Bedürfnisse, der Niederlage der Arbeiterbewegung zum Problem einer mangelnden Auseinandersetzung
eben in letzter Instanz abhängig bleibt von der Entwicklung der Produktivkräfte und mit dem Ich des "soldatischen Mannes" und dessen patriarchalischen "Männerphanta
den daraus folgenden Produktionsverhältnissen. Es ist die bestimmte historische Form sien" zusammen. Daß der theoretische und praktische Mangel der damaligen Arbeiter
der Wünsche, auf die es ankommt; denn was ich konkret wünsche und wie ich es wün bewegung sich keineswegs nur auf das Problem des Geschlechterverhältnisses bzw.
sche ist keineswegs bloß die Funktion einer "Hemmung" (Einsperrung_e tc.) oder eines der patriarchalischen Familie beschränkte, daß sich .z.B. in der konkreten Analyse
"Fiießenlassens" der Wünsche, sondern in erster Linie eine Funktion des historischen der Klassenverhältnisse mindestens ebensolche Lücken zeigten (und zu katastrophalen
Entwicklungsstandes der jeweiligen Gesellschaft. Die Entwicklung der Produktivkräfte politisch-strategischen Fehleinschätzungen führten), bleibt bei Theweleit völlig außer
der Arbeit ist so gesehen nicht nur Mühe, Qual und Repression der WUnsche (dies Betracht und wird mehrfach sogar ausdrücklich negiert. Wenn man bedenkt, daß die
ist sie auch, insofern diese Entwicklung unvermeidlich durch die Entfaltung verschiede Hauptursache der Niederlage die politische Spaltung der Arbeiterbewegung war und
ner Stufen von Klassen- und damit Ausbeutungs-Gesellschaften hindurchgeht), sondern die Unfähigkeit der KPD, diese Spaltung auf revolutionäre Weise zu überwinden, dann
gleichzeitig die Produktion des Gegenstandes der Wünsche und die historische Heraus kann die Verabsolutierung des isolierten psychesexuellen Moments (noch dazu haupt
bildung der Genußfähigkeit selbst. Der Steinzeitmensch hat genauso das abstrakte Be sächlich an den kleinbürgerlichen Schichten festgemacht, aus denen die Freikorps
dürfnis nach Nahrung wie ein Mensch des 20. Jahrhunderts, aber er kann dieses Bedürf Leute großenteils stammten) nur als grotesk erscheinen. Diese Fehlleistung macht aber
nis beim besten Willen nicht in den "Wunsch" nach einem achtgängigen Festmahl der gerade den Erfolg Theweleits aus, hat er doch damit theoretische Nahrung für die
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unpolitischen Aussteiger-Träume des heutigen sozialpädagogischen Neo-Kleinbürger "Das Rezept, daß 1933 verhindert worden wäre, wenn man den Faschisten rechtzeitig
tums geliefert. eine aufs Maul gegeben und (sie) aus allen Einrichtungen entfernt hätte, erscheint uns
mehr als fragwürdig, weil es einen Stil der politischen Auseinandersetzung beinhaltet,
Das "Komm" als "kritisches" Integrationsmodell auf (den) sich faschistische Gruppen nur allzu bereitwillig eingelassen haben und ein
lassen" (Komm-Zeitung, März 83). Flugs haben sich hier die jugendlichen underdogs in
Daß die sozialpädagogische Besatzung des "Komm" sich zu einem Theweleit-Fanclub "den Faschismus" verwandelt, für den man dann wohl auch "Verständnis" aufbringen
entwickelt hat, ist wohl weniger auf eine Auseinandersetzung mit dem umfangreichen muß, damit er sich womöglich nicht auf Gewalt einläßt. Das ist wirklich die mit Ab
historischen Material zurückzuführen, das dieser zusammengetragen hat, sondern stand dümmste "antifaschistische" Argumentation, die ich je gehört habe, wlirdig der
vielmehr auf die ideologischen lmplikationen und Perspektiven seiner Untersuchung. sozialpädagogischen alten Weiber, die auf "Konfliktentschärfung" kond~ioniert sind.
Wenn der Faschismus bei Theweleit schließlich nicht mehr als Frage des revolutio Aber "der Faschismus" ist nicht einfach ein anderer Name für die sozialpsychologischen
nären politischen Kampfes, sondern weit eher als therapeutisches Problem erscheint, Probleme von Unterschicht-Jugendlichen, sondern der politische Ausdruck des sozial
so kommt diese Auffassung ihrer eigenen naturwüchsigen Ideologie und ihrem Berufs ökonomischen Klassenkampfes und ein historisches Indiz für dessen Unversöhnlichkeit,
bild entgegen. Dieser Zusammenhang wird zunächst dadurch verschleiert, daß die für die Unhaltbarkeit der bestehenden Gesellschaftsordnung, für die Unvermeidlichkeit
Sozialpädagogen an ein empirisches Faktum anknüpfen, nämlich das Einsteigen prole der gewaltsamen Konfrontation. Kapitalverhältnis und Marktwirtschaft sind in der
tarischer underdogs, jugendlicher Dauerarbeitsloser etc. auf faschistische Schlagworte, Weltwirtschaftskrise langfristig auf friedliche Weise weder aufrechtzuerhalten noch zu
Rituale und Symbole (Skins usw.), eine Erscheinung, die z.B. in der "offenen" Jugend beseitigen. Indem Theweleit das Wort "Kampf" fast nur in Anführungszeichen verwendet
arbeit des "Komm" zu beobachten ist (bis hin zum Prügel-Terror der Skins gegen andere und die bewaffnete Klassenauseinandersetzung faktisch auf sexualpathologisch-halluzina
Jugendliche). Mit pädagogischem Augenaufschlag wird "Verständnis" für diese Jungs torische Wahrnehmungsprozesse des abstrakten Individuums "soldatischer Mann" zurück
gefordert, "der Verzicht, die Ablehnung eines Feindbildes, rechten Jugendlichen gegen führt, legt er eine sozialpazifistische Interpretation seiner Untersuchung nahe, auf die
über, bei uns selbst. Eine sinnvolle politische Arbeit kann nicht in einer Anti-Haltung sich unsere pädagogischen Mittelklassler dankbar stürzen. Damit entpuppt sich auch
ihnen gegenüber bestehen, sondern in der Verdeutlichung dessen, was für uns die Werte der Sinn des sorgfältigen Wegpräparierens der psychosexuellen Motive von allen poli
und Ziele einer (besseren) Welt darstellen. Der beständige Kontakt und die Konfron tisch-ökonomischen Zusammenhängen als ordinärer bürgerlicher Pazifismus, als liberales
tation mit dem, was wir wollen, und nicht die Ausgrenzung, sind die einzige Möglichkeit Gefasel vom "Stil der politischen Auseinandersetzung", das die handfeste Realität des
einer wirksameren Politik gegenüber Jugendlichen, die auf rechts abfahren" (Komm ökonomischen Klassengegensatzes wegmogeln möchte. Kein Wunder, daß der "Wille zur
Zeitung, April 82). Macht" oder die Perspektive der "Machterringung" den "Komm"-Sozialarbeitern ein
Nun wird kein Revolutionär leugnen, daß es falsch wäre, die Aggressionen prole Greuel ist, setzt ihre versöhnlerische Ideologie doch die bestehende Macht des Kapitals
tarischer underdog-Jugendlicher umstandslos mit der bewußten Politik faschistischer als nicht mehr in Frage gestellte Rahmenbedingung voraus. Hinter dem therapeutischen
Organisationen gleichzusetzen und entsprechend zu bekämpfen (wo die Skins allerdings "Antifaschismus" wird eine therapeutische Einstellung zum Klassenkampf überhaupt
als ideologisch geschulte und organisierte faschistische Schlägerbanden auftreten, sind sichtbar, der auf dem Boden der bestehenden Ausbeuterordnung "behandelt" werden soll.
sie wirklich nur noch als absoluter politischer Feind zu behandeln, dessen Bewegungs Die Probleme der underdog-Jugendlichen müssen dazu herhalten, diese sozialpazifisti
ansatz vernichtet werden muß, und zwar alles andere als gewaltfrei). Aber genau diesen sche Mittelklassen-Ideologie zu verschleiern und "kritisch" zu maskieren.
Fehler, schon die ziellosen Aggressionen und rechten Schlagworte unorganisierter under Aber diese pazifistische Ideologie verharmlost nicht nur den objektiven Klassen
dog-Jugendlicher mit "Faschismus" gleichzusetzen, machen unsere Sozialpädagogen gegensatz, sie wird eben dadurch auch den Problemen der proletarischen Unterschicht
selber, freilich andersherum: sie verharmlosen den wirklichen Faschismus (und letztlich Jugendlichen nicht einmal im Ansatz gerecht. Die Aggressionen der Skins, Punks usw.
den Klassenkampf überhaupt), indem sie ihn, Theweleit folgend, auf eine psycho sind nicht Resultat einer verwickelten kleinbürgerlichen Sozialisation, sondern direkter
sexuelle und sozialtherapeutische Frage herunterbringen, Politik mit Pädagogik ver Ausdruck ihrer sozialen Klassenlage ("Unterprivilegierung", wie es in der Soziologie
wechseln und so die unvermeidliche Konfrontation der Klassen ideologisch entschärfen so schön heißt). Wenn sich diese Aggressionen als Hetze gegen Ausländer, Terror gegen
möchten. Fast unmerklich gleitet die Argumentation von dem Problem aggressiver Schwule und primitives Macho-Verhalten gegen Frauen äußern, dann nicht in erster
underdog-Jugendlicher im "Komm" zu historisch-gesellschaftlichen Fragestellungen über: Linie aus Gründen einer sexualpathologischen Wahrnehmung der Realität wie vielleicht
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bei den bürgerlichen Freikorps-Offizieren der zwanziger Jahre, sondern weil sie, längst in einen Selbstzweck verwandelt, der nicht mehr auf ein politisches Ziel
selber schwach und am unteren Ende der sozialen Stufenleiter, in diesen Menschen ausgerichtet ist, im Gegenteil: die alternativen Projekte selbst sind Ausdruck einer
gruppen den noch Schwächeren und damit das Objekt einer Aggressionsabfuhr erken Entpolitisierung, das Verhältnis von Politik und deren logistischen kulturellen Struk
nen, aus der sie ein gewisses Selbstwertgefühl ohne allzu großes Risiko ziehen können. turen ist auf den Kopf gestellt. Die Alternativen nehmen den politischen Kampf nur
Solange der "letzte Dreck" nicht das System bekämpft, das ihn zum "letzten Dreck" noch mit den Augen eines klassischen Kleinbürgers wahr, der den gesamten gesell
erst macht, wird er immer nur nach einem anderen "letzten Dreck" suchen, den er schaftlichen Prozeß ideologisch dem Gedeihen seiner kleinen Klitsche unterordnet.
noch unter sich drücken und aus dessen Verfolgung und Erniedrigung er sich ein (und Logischerweise erscheint ihnen die Politik bestenfalls noch als sekundäre Logistik
sei es noch so klägliches) Moment der eigenen Stärke suggerieren kann. Deshalb ist es ihrer kulturellen und kleinbetriebliehen Projekte statt umgekehrt; diese Projekte
auch sinnlos, diesen Leuten bloß äußerlich und bürgerlich-aufklärerisch gegenüberzu entpuppen sich so als kleinbürgerliche im unmittelbarsten Sinne. Damit aper ist die
treten, um ihnen nachzuweisen, daß die Ausländer gar nicht schuld an der Arbeitslosig Politik für diese Helden des kritischen Denkens von der Dimension des gesellschaft
keit und daß sie keine Wüstlinge und Frauenschänder sind, daß die Schwulen keine per lichen Emanzipationskampfes zusammengeschrumpft auf den Horizont kleinkarierter
versen Schweine sind usw. Dieses Aufklärerturn bildet sich ein, es ginge dabei um in Kirchturms- und Kommunalpolitik im Dunstkreis der jeweiligen Grünen und der
haltliche Argumente, während solche in Wirklichkeit völlig gleichgültig sind; es geht "linken" Sozialdemokratie, ein Rahmen, der tatsächlich ausreicht für das heroische
nicht im geringsten um Argumente, sondern allein um Vorwände, und jeder Vorwand Ringen um die Existenz alternativer Würstchenbuden.
ist willkommen, wenn der Wille zum Pogrom da ist. Die sozialpsychologische Reaktions Das "Komm" erweist sich so als "kritisches" Integrationsmodell in doppelter Hin
weise der Unterschicht-Jugendlichen bleibt völlig unvermeidlich, solange sie nur als sicht: erstens wird es zur Freizeit-"Heimat" und zum Ort sozialintegrativer Be
partikularisierte Subjekte eines unbegriffenen Zusammenhangs agieren und nicht über schäftigungstherapie für Unterschicht-Jugendliche und andere von der kapitalistischen
eine kriminelle und pogrom-trächtige Bandenbildung hinauskommen, d.h. solange sie Realität zermalmte Ausgeflippte; zweitens hat es sich zum ideologischen Pol alter
nicht die Möglichkeit haben, sich in eine politische Kampfbewegung der Arbeiterklasse nativer Entpolitisierung gemausert, mit Ausstrahlungskraft (über die Komm-Zeitung,
einzugliedern. Gerade diese Perspektive aber ist es, die von den Sozialpädagogen mit· Veranstaltungen, Seminare etc.) in die gesamte "Szene" und bis in die ehemals poli
Händen und Füßen krampfhaft abgewehrt wird. Sie können die sozialen Ursachen der tische Linke hinein. Auch für viele Gymnasiasten, Fachoberschüler, Studenten usw.
Aggressionen nicht beseitigen, aber statt diese Aggressionen dann auf das "richtige" mit sozial unklarer Zukunfts-Perspektive mußte die "Komm"-ldeologie mit ihren
Objekt (Staat und Kapital) "umzulenken", beschäftigen sie sich mit ihrer "therapeuti praktischen connections zu allerhand lokalen alternativen Projekten (Netzwerk etc.)
schen" Besänftigung, ihrem Zurückdrehen auf eine im polizeili.chen Sinne erträgliche zunächst attraktiv und verführerisch wirken. Denn natürlich knüpft das Denken der
Sparflamme. Die scheinbar so kritische, antiautoritäre Ablehnung des "Machtdenkens Alternativen am allgemeinen Unmittelbarkeits-Bewußtsein an. Nicht nur die Punks
überhaupt", des politischen Klassenkampfes usw. erweist sich in diesem Zusammenhang und die Skins, auch die "Szene" im weitesten Sinne und die sogenannte Linke reagie
plötzlich als sehr vereinbar mit dem sozialen Integrationsauftrag unserer pädagogischen ren ja unmittelbarkeitsfixiert auf die unbegriffene Oberflächenbewegung der Gesell
Mittelklassler, über den sie sich erhaben glauben. ~chaft, wenn auch vielleicht auf verschiedenen Abstraktionsebenen. Schon in der 68-er
Und worin bestehen sie nun, die "Werte und Ziele einer besseren Welt", die anstelle Bewegung mit ihrem subjektivistischen Praxis-Fetisch war der Weg von einem halb
des Klassenkampfes die proletarischen Jugendlichen beglücken und in Antifaschisten verdauten, oberflächlich angeeigneten wissenschaftlichen Sozialismus zum affektiven
verwandeln sollen? "Eine 'Minderheit' lebt 'anders'. Sie versucht produktive Kultur, "gesunden Menschenverstand" als Kapitulation vor dem Unmittelbarkeits-Oruck der
selbstverwaltete Zentren, selbstbestimmte Arbeit, kollektives Leb~n durchzusetzen ... " warenproduzierenden Gesellschaft angelegt. Die verschiedenen "Bewegungs"-Meta
(Komm-Zeitung, April 82). Mit einem Wort: "Die Mitarbeiter im Komm werben um morphosen bis zum alternativen Kleinkrämer-Bewußtsein als bisherigem Tiefpunkt
alternative Positionen. Dies ist ihr praktizierter Antifaschismus" (Komm-Zeitung, können daher auch als Stufenfolgen des Versackens im Sumpf der Unmittelbarkeit
März 83). . gelesen werden. Wenn die Skins auf eine Realität, die sie nicht begreifen und die
Soweit die relativen "Freiräume" in Jugend- und Kommunikationszentren, linke ihnen wehtut, mit der Unmittelbarkeit zielloser Aggression reagieren, dann ist der Ver
Kneipen, Kulturgruppen, Druckereien usw. als Logistik des Klassenkampfes verstanden such, die gesellschaftliche Struktur und deren unaufhaltsame Entwicklungsgesetze ohne
werden, als Momente des Aufbaus einer revolutionären politischen Kampfbewegung, politischen Klassenkampf zu "unterlaufen" und individuell (bzw. in kleinen Gruppen)
wäre nichts dagegen einzuwenden. Für die Alternativen aber haben sich diese Projekte "auszusteigen", um auf dem Boden bzw. in den "Nischen" dieses unbegriffenen Kapita-
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lismus "anders leben" und "selbstbestimmt arbeiten" zu wollen, von dieser absoluten tiven Mittelklassen des Imperialismus (Sozialarbeit, Dienstleistungen, Ausbildungsinsti
Hilflosigkeit der Skins nur der Form nach verschieden. Von der nebelhaften "Ferne" tutionen usw.), die den Kapitalismus "unterlaufen" und dem Klassenkampf ausweichen
des gesellschaftlichen Emanzipationskampfes und seiner Ziele (nebelhaft deswegetl, möchten; die connections zwischen den Sozialpädagogen des "Komm" als ideologischen
weil man sich nie ernsthaft damit auseinandergesetzt hat) zur scheinbaren "Nähe" Akkumulatoren und den zum kleinbürgerlichen Selbstzweck verkommenen Alternativ
handgreiflich-unmittelbarer Alternativ-Projekte, mit vielen Bussis, rituellen Umar Klitschen sind daher kein Zufall. Es gab einmal den Witz, daß der Sozialarbeiter dem
mungen und prothesenhaftem Gefühlskult dekoriert, diese Entwicklung des Unmittel Arbeitslosen rät, Sozialarbeiter zu werden; dieser Witz ist nun dahingehend erweitert
barkeits-Fetischs war eigentlich vorauszusehen. So braucht sich der KB z.B. kaum zu worden, daß er als alternativen Ratschlag den zur Eröffnung einer Kneipe oder eines
wundern, daß seine Organisation mit der Alternativ-Ideologie überschwemmt wurde Kleinbetriebs bereithält oder selber auf ein solches Projekt umsteigt. Aber der Witz
und er scharenweise Mitglieder an die Alternativbewegung verloren hat. Seine eigene ist wirklich bloß ein Witz; schon heute machen sich die alternativen KneiJ;>en, Drucke
Ebene des Unmittelbarkeits-Denkens als politischer Praktizismus, seine Unfähigkeit reien usw., den Gesetzen der Warenproduktion und des Marktes entsprechend (und sei
zur Heranbildung theoretisch bewußter Kommunisten, ist strukturell dem Denken, es nur der Markt der "Szene" selber), zunehmend gegenseitig Konkurrenz, die bei Zu
das ihm jetzt als alternativer Antikommunismus entgegenschlägt, durchaus ähnlich nahme der Anzahl konkurrierender Projekte und gleichzeitiger Abnahme des finanziel
und nur graduell davon unterschieden. Wenn schon handwerklerisch herumwursteln, len Konsumtions-Fonds der "Szene" schon bald mörderisch werden muß. Für die große
warum dann nicht gleich eine Schreinerei oder eine Kneipe mit irgendwie emanzipato und immer weiter anschwellende Masse der arbeits- und berufslosen Unterschicht
rischem Anspruch aufmachen, statt ewig bloß auf Sitzungen ohne inhaltliche Diskus Jugendlichen ist diese Sorte "praktizierter Antifaschismus" einer alternativen Mittel
sion herumzuhängen, Flugblätter zu verteilen, Sympis zu belabern und allmählich gar klassen-Szene nichts als blutiger Hohn; die lächerliche Annahme, diese Opfer der Kapi
nicht mehr so genau zu wissen, wozu das eigentlich alles gut sein soll? talverwertung könnten dadurch von rechtsradikalen Aggressions-Mustern abgebracht
Seinen Höhepunkt als lokales Zentrum der Alternativbewegung erlebte das "Komm" werden, spiegelt nur die Mischung aus Illusion und Zynismus im Bewußtsein der berufs
1981 mit der bundesweit berühmt gewordenen "Nürnberger Massenverhaftung", wie mäßigen Ohnmachtspropheten des imperialistischen Sozialstaats. Aber auch die im
es überhaupt einen gewissen Nimbus aus den Anfeindungen intellektuell etwas unter Rahmen des "Komm" eifrig genährten "Aussteiger"-Träume der zwischen den Klassen
belichteter Justiz- und Polizei-Häuptlinge sowie provinzieller CSU-Würdenträger herumstrolchenden Gymnasiasten, Fachoberschüler, Studenten usw. ohne jede klare
schöpft, die das sanft blökende Schaf der grün-alternativen Herzensbewegung wirklich Lebensperspektive sind in der Regel schon nach kurzer Zeit verdampft. Das vorläufige
für einen verkappten roten Wolf halten. Diese Feindbild-Konstellation schmälert aber Resultat? Die soziokulturelle Ruine des "Komm" wurde erfolgreich entpolitisiert und
nicht im geringsten die integrative Funktion des "Komm"-Modells und seiner alterna von linken Aktivitäten weitgehend "gesäubert" (0-Ton Peter Hess: "Was heißt heute
tiven Sozialpädagogen, sondern bestärkt sie sogar; die rechte Hand der Bourgeoisie schon noch links oder rechts"); das scheinbare Zentrum des Widerstands (oder das Zen
muß nicht immer wissen, was die linke Hand tut. trum des Scheinwiderstands) hat sich zum traurigen Anziehungspunkt für den mensch
Trotzdem kann man heute, 1984, die Erfolge des "Komm" und s<!iner Hüter als lichen Ausschuß der kapitalistischen Warenproduktion entwickelt, dem kein Sozialpäda
ziemlich bescheiden einschätzen. Die Alternativ-Ideologie beginnt ihre Anziehungs goge ernsthaft helfen kann, und zum mutmaßlichen Rekrutierungsfeld für den neofa
kraft rapide einzubüßen. Der Traum vom "anders leben" und "selbstbestimmt arbei schistischen Untergrund, der dümmer wäre, als anzunehmen ist, wenn er die "ver
ten" innerhalb der "Nischen" des Kapitalismus ist nur für eine winzige Minderheit ständnisvollen" und von jeglichem "Machtbewußtsein" völlig freien sozialpädagogischen
machbar, und selbst für diese nur vorübergehend oder von vornherein bloß als in Weihnachtsmänner nicht als nützliche Idioten betrachten würde.
karniertes ideologisches Luxusprodukt des Mittelklassen-Bewußtseins. Gutverdienende
Sozialpädagogen (d.h. solche, die einen Posten in der staatlichen Elendsverwaltung Endzeit-Stimmung
ergattert haben), Ärzte, Lehrer usw. sind es im wesentlichen, denen sich die Alter
nativ-Projekte als "kreative" Freizeitgestaltung oder vielleicht auch als realistische Es war einmal eine finstere Zeit, in der es noch ein Proletariat gab und einen Klas
"Aussteiger"-Perspektive darstellen, alternativ freilich höchstens zu einem der be senkampf. In dieser längst vergangeneo Epoche des Elends war der furchtbare Irrtum
liebten exclusiven Sahara-Trips oder zum Erwerb eines Bauernhauses, aber nicht zur aufgekommen, die Emanzipation der Menschheit müsse mit Hilfe einer politischen
Lohnarbeit der Massen. Das neue Kleinbürgertum der Alternativen hat keine eige- Klassenpartei errungen werden. Dieser verhängnisvolle Fehler brachte eine mißratene
ne gesellschaftliche Lebensgrundlage, es ist ein Produkt hauptsächlich der reproduk- Frankenstein-Sippe hervor, die sogenannten "Kader", die schon bald eine zutiefst re-