Table Of ContentSozialwissenschaftliche Okologie
Eine Einfiihrung
Springer-Verlag Berlin Heidelberg GmbH
A. Gunther . R. Raubl . P. Meyer
M. Stengel . K. Wustner
Sozialwissenschaftliche Okologie
Eine Einfuhrung
Mit 27 Abbildungen
und 6 Tabellen
Springer
Dr. Armin Giinther
apl. Professor Dr. Dr. Rolf Haubl
apl. Professor Dr. Peter Meyer
Professor Dr. Martin Stengel
Dipl.-oec. Kerstin Wiistner
Universităt Augsburg
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultăt
UniversitătsstraBe 16
D-86159 Augsburg
ISBN 978-3-540-64431-6 ISBN 978-3-642-58267-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-642-58267-7
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Sozialwissenschaftliche Okologie: eine Einfiihrung / von Armin Giinther ... - Berlin; Heidelberg; New
York; Barcelona; Budapest; Hongkong; London; Mailand; Paris; Santa Clara; Singapur; Tokio: Springer,
1998
(Springer-Lehrbuch)
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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1998
Urspriinglich erschienen bei Springer-Verlag Berlin Heidelberg New York 1998
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SPIN 10656201 42/2202-5 4 3 2 1 O - Gedruckt auf săurefreiem Papier
Inhaltsverzeichnis
Zur Einleitnng ................................................................................ 1
Universale soziale Institutionen
Einfiihrung in naturale Grundlagen menschlicher
Gesellschaft ..................................................................................... 5
Peter Meyer
Mit Sinn und Verstand
Einmhrung in die Umweltasthetik ............................................. 61
RolfHaubl
Vernunft, Moral und Okologie
Einfiihrung in die Risikoforschung .......................................... 135
Armin Gunther
Wissen, Wollen und Handeln
Einfiihrung in die okologische Psychologie ............................. 219
Kerstin Wustner und Martin Stengel
Literaturverzeichnis ................................................................... 281
N amensveneichnis ..................................................................... 305
Sachverzeichnis .......................................................................... 313
Zur Einleitung
Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird,
wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen,
es muB anders werden, wenn es gut sein soli."
(Georg Christoph Lichtenberg, 1796)
Bereits ein erster Blick in die Gattungsgeschichte des Menschen lehrt, daB es eine
romantische Verkliirung ware, von unseren Vorfahren zu behaupten, sie lebten in
Ubereinstimmung mit der Natur. Was solI das Uberhaupt helien? Sicherlich kann es
nieht he lien, daB es keine Umweltschliden gegeben hatte. Die Entwaldungen und
Verkarstungen der Antike sind nicht weniger anthropogenen Ursprungs als der radi
kale Landschaftsverbrauch der friihen Industrialisierung und das Loch in der Ozon
schicht, das in das nachste Jahrtausend hineinwachst. Wie alle anderen Lebewesen
so greift auch der Mensch in seine Umwelt ein und verandert sie dadurch. 1m Unter
schied zu anderen Lebewesen haben diese Eingriffe und damit auch Zerstorungs
moglichkeiten aber infolge des Siegeszuges der naturwissenschaftlich-technischen
Zivilisation ein AusmaB erreicht, das die Moglichkeiten aller anderen Lebewesen urn
ein Vielfaches Ubersteigt.
Befragt man die historische Umweltforschung (Sieferle, 1988), so sind anthro
pogene Umweltschaden eigentlich schon immer Themen gewesen, Uber die man
nachgedacht hat, wenn auch die Erklarungsmuster variieren. Zu einem prominen
ten Gegenstand der offentlichen Aufmerksarnkeit sind sie aber erst in den 70er Jah
ren unseres Jahrhunderts geworden. Seither filhren Umweltthemen die Sorgenliste
der Bevolkerung an, auch wenn ihnen derzeit die Massenarbeitslosigkeit den Rang
abzulaufen scheint.
Kaurn jemand wird bestreiten, daB sich die Menschheit in einer globalen, frei
lich weitgehend von den Wohlstandsnationen verursachten Umweltkrise befindet.
Die einzelnen Elemente dieser Krise sind bekannt. Ob und wie sie gelost werden
kann, darUber besteht allerdings Uneinigkeit. Wahrend die Verteidiger einer na
turwissenschaftlich-technisch hochgerUsteten Zivilisation an die umweltvertragli
che Supertechnologie und zudem darauf setzen, daB sich der Mensch bislang noch
an alle Lebensbedingungen angepaBt hat, suchen deren Kritiker des Menschen
Heil in einer radikalen Abkehr von der okonomischen Wachstumsideologie, die
unabUissig naturwissenschaftlich-technisches WettrUsten fordert. Der Streit tobt,
wo der Ausweg aus der Krise zu suchen ist. Inzwischen aber nehmen die umwelt
bedingten Lebens- und Uberlebensrisiken filr immer mehr Menschen zu und zwar
mit einer Geschwindigkeit, die zu demoralisieren droht.
Resignation angesichts erlebter Ohnmacht bis hin zu einer selbstdestruktiven
zynischen Einverstandniserklarung mit dem Genozid sind dann auch nicht selten
zu beobachten. So1che Reaktionen belegen, daB die Umweltkrise ein Problem ist,
2 Zur Einleitung
das starkste Affekte auslOst und zugleich psychosoziale Abwehrrnechanismen her
vorruft. Kaum eine gesellschaftspolitische Debatte wird vergleichbar emotional und
emotionalisiert gefUhrt. Und wer Beitrage zu dieser Debatte leisten mochte, hat da
mit zu rechnen, daB ihm eine deutlich erkennbare Parteinahme -Freund oder Feind -
abverlangt wird.
Dies gilt auch fUr wissenschaftliche Beitrage, fUr sie vielleicht sogar besonders,
da man den Wissenschaften, allen voran den Naturwissenschaften, die Wissen fUr
die Erfindung neuer Technologien bereitstellen, sowie der Okonomie, die diese Tech
nologien profitrnaximierend verwertet, einen Gro13teil Schuld fUr die Umweltkrise
zuschreibt. Fiir das genuin wissenschaftliche Programm, gesellschaftsrelevante Pro
blemstellungen und ProblemlOsungen zu versachlichen, bestehen damit keine giinsti
gen Voraussetzungen. Indessen hat Skepsis gegeniiber einer ethisch entfesselten Wis
senschaft ihre Berechtigung, gleichzeitig mu13 man sich aber die Frage steUen, was
den Platz wissenschaftlichen Wissens einnehmen soli, wenn dieses seine Glaubwiir
digkeit verlieren soUte. Esoterik ist keine Alternative, auch wenn sie der Sehnsucht
nach Errnutigung entspricht. Unter allen begrenzten Moglichkeiten, Einflu13 auf die
Zukunft der Erde zu nehmen, bleibt die Wissenschaft die beste. Sie bleibt es vor al
lem dann, wenn sie im Bewu13tsein dieser Grenzen -Grenzen der Machbarkeit sowie
selbst gesetzten Grenzen durch den Verzicht auf Machbarkeit -verfahrt.
Komplementar dam bedarf es allerdings einer Offentlichkeit, die Wissenschaft
und Wissenschaftlerlnnen nicht unter einen unerfUlIbaren Erwartungsdruck setzt. Es
racht sich, wenn die Gesellschaftsmitglieder ihre eigene Verantwortung fUr die Ge
staltung eines lebenswerten Lebens offen oder insgeheim an ein System wissen
schaftlicher Experten delegieren. Was in einer Gesellschaft als lebenswertes Leben
gelten solI, das zu entscheiden, iiberfordert jede Wissenschaft. Stattdessen ist jeder
"citoyen" gefordert, diese Frage eigenverantwortlich politisch kHiren zu helfen.
In den Zustandigkeitsbereich welcher Wissenschaft fallt nun die Bearbeitung
der Umweltkrise? Die Okologie, die sich als Antwort auf diese Krise entwickelt
hat, ist eine naturwissenschaftliche Disziplin. Nun kann man aber zu Recht behaup
ten, da13 es falsch ware, die Krise selbst als ein Naturereignis zu beurteilen. Denn
sie resultiert aus sozialen Strukturen und dem, was diese Strukturen an kollektiver
und individueller Bewu13tseinsentwicklung hervorbringen - einschliel3lich dem,
was sie unbewu13t zu haIten notigen. Dies aber sind Fragen, die gema13 wissen
schaftlicher Arbeitsteilung in die Zustandigkeit der Sozialwissenschaften - vor al
lem der Soziologie und der Psychologie -gehoren.
Tatsachlich tun sich beide akademischen Disziplinen bis heute aber schwer, die
okologische Herausforderung anzunehmen. Dies liegt primar daran, da13 es bereits an
brauchbaren grundlagentheoretischen soziologischen und psychologischen Konzep
ten fehlt, die verschiedenen Facetten der Umweltkrise angemessen zu thematisieren.
Solche Konzepte sind aber dringend erforderlich, urn die Einseitigkeiten einer rein
naturwissenschaftlichen Okologie zu iiberwinden. Folglich solI diese in ihrer Rele
vanz nicht abgewertet, sondern lediglich erganzt werden.
Die bislang einflu13reichste sozialwissenschaftliche Erganzung ist die UmweltOko
nomie (Stengel, Wiistner, 1997). Dies kann nicht verwundem, da doch der Schulter
schlu13 zwischen naturwissenschaftlich-technischen und okonomischen Interessen
Zur Einleitung 3
weit in die Vergangenheit zuruckreicht. Und so gilt es, auch die Einseitigkeiten eines
auf Okonomie reduzierten Beitrages der Sozialwissenschaften zu einem Dialog mit
der Okologie zu erweitem.
Eine Korrektur von Einseitigkeiten aller Art dient dem Ziel, eine okologische
Grundlagenwissenschaft auf den Weg zu bringen, die verschiedene Fachdiszipli
nen integriert. DaB eine solche Grundlagenwissenschaft universitlir verankert sein
muB, steht fur uns auBer Frage:
"Die uns bedriingenden Fragen des Lebens sind nieht naeh dem Schema der
Faehbereiehs- oder Fakultatskompetenzen praformiert. Das Leben kiimmert
sieh nieht urn akademisehe Zustiindigkeiten. Wo sonst aber soli ein Ort sein,
an dem diese Fragen -in gehoriger Distanz zur unmittelbaren politisehen, so
zialen und okonomisehen Praxis - kritiseh durehdaeht und bewuBt gemacht
werden, wenn nieht in einer Universitat oder einer Akademie der Wissen
sehaften?" (Fetseher, 1976, S. 9).
Wir geben in diesem Buch verschiedenen sozialwissenschaftlichen Perspektiven
Raum, die in den Umweltkontroversen sonst eher zu kurz kommen. Es sind dies die
evolutionstheoretische, die wahmehmungs- und bewuBtseinspsychologische sowie
die handlungstheoretische Perspektive. 1m einzelnen werden sich die vier Buchka
pitel mit folgenden Themen befassen:
den evolutionaren Bedingungen der Mensch-Umwelt-Interaktion, wobei es vor
allem urn die natilrlichen Grenzen geht, die festlegen, welchen Spielraum der
Mensch flir die Gestaltung dieser Interaktion hat;
den kulturellen (asthetischen) Wahmehmungsmustem, die sich in diesem Spiel
raum historisch entwickeln und mit dariiber entscheiden, was als Probleme und
Problemlosungen liberhaupt bewuBt wird und was nicht;
dem spezifischen, auftechnologische Risiken bezogenen Wahmehmungsmuster
und seiner Funktion flir die (moralische) Dramatisierung und Entdramatisierung
Offentlicher Kontroversen urn Ursachen, Folgen und Bewaltigung der Umwelt
krise;
den Bedingungen umweltbezogenen Handelns, vor aHem der Umsetzung von
UmweltbewuBtsein in konkreten Handlungssituationen mit ihren einzelnen psy
chosozialen Barrieren.
Die Kapitel verstehen sich als Beitrage zu einem okologischen Streitgesprach, in
dem divergierende Interessen aufeinandertreffen. Diesen Streit gilt es konstruktiv
zu flihren, was voraussetzt, daB zunachst einmal die Streitpunkte geklart werden.
Und da wir einen wissenschaftlichen Streit flihren wollen, ist es angezeigt, die je
weiligen Perspektiven durch Einflihrung theoretisch begrundeter Konzepte liber
haupt erst einzurichten.
Zusammengenommen ergeben die einzelnen Kapitel ein Lehrbuch, das sich an
Leser und Leserinnen wendet, die liber keine spezifischen Fachkenntnisse verfli
gen, aber in der Reduzierung der Okologiedebatte auf ein naturwissenschaftlich-
4 Zur Einleitung
technisches Problem eine folgenschwere Verengung der Perspektive sehen. Das
Buch ist aus der Lehre in den Studienglingen "Umweltokonomie" und "Okonomi
sche Psychologie" an der Universitat Augsburg heraus entstanden und greift nieht
zuletzt Fragestellungen auf, die sich aus Diskussionen der Lehrenden und Studie
renden ergeben haben. Wir wOrden uns freuen, wenn es den Weg zu moglichst
vielen Leserinnen und Lesem aus moglichst vielen verschiedenen gesellschaftli
chen Bereichen tande, die sich fUr Umweltfragen interessieren.
FUr uns zwar llingst selbstverstlindlich, aber doch immer wieder erw~ens
wert: Das Layout des Buches stammt von Dipl.oec. Regina Dietmair, die unsere
Typoskripte mit professioneller Routine in eine vorzeigbare Form gebracht hat.
Augsburg, im Frtihjahr 1998 Armin GUnther,
Rolf Haubl,
Peter Meyer,
Martin Stengel,
Kerstin WUstner
U niversale soziale Institutionen
Einf"dhrung in naturale Grundlagen menschlicher Gesellschaft
Peter Meyer
Inhalt
N aturtheoretische Pramissen Zur Rolle menschlicher
traditioneller Institutionenkonzepte .. 8 Affektivitlit ...................................... 41
Eine Sonderstellung in der N atur? ...... 10 Biologisches Interesse und
Voraussetzungen eines modernen Verhaltensorientierung ....................... 45
Institutionenkonzepts ........................... 12 Physiologische Grundlagen der
Anthropologische Voraussetzungen Affektivitlit .......................................... 48
universaler Institutionen ...................... 17
Universale soziale Institutionen ...... 49
Probleme evolutionistischer
Wandlungen sozialer Institutionen ....... 55
Erkllirung ........................................ 23
SchluB .............................................. 58
Elemente von Verhalten: Zeit,
Energie und Information ...................... 26
Aspekte der Evolutionstheorie ........ 31
Zur Entstehung okonomischer
Losungen in der Evolution ................. 35
Probleme der Ubertragbarkeit
auf die Verhaltensebene ...................... 38