Table Of ContentSozialwissenschaftliche Konflikttheorien
Friedens- und Konfliktforschung
Band 5
Thorsten Bonacker (Hrsg.)
Sozialwissenschaftliche
Konflikttheorien
Eine Einflihrung
Leske + Budrich, Opladen 2002
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
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Der Deutschen Bibliothek erhaltlich
ISBN 978-3-8100-3002-3 ISBN 978-3-322-94989-9 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-94989-9
© 2002 Leske + Budrich, Opladen
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Satz: Leske + Budrich, Opladen
Inhaltsverzeichnis
Vorwort .................................................................................................... 7
Thorsten Bonacker
Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien - Einleitung und Uberblick 9
I K1assische Positionen
Thomas Noetzel
Die Konflikttheorie von Thomas Hobbes ............ .............. .............. ........ 33
Alex Demirovic
Die Konflikttheorie von Karl Marx ......................................................... 47
Wiebke Ernst
Die Konflikttheorie von Max Weber ...... .......... .......... ...... ....................... 65
Carsten Stark
Die Konflikttheorie von Georg Simmel .......... ...... ........ .......... ................. 83
II Konflikttheorien der Theorien internationaler Beziehungen
RalfRoloff
Die Konflikttheorie des Neorealismus .. .................. .......... .......... ........ ..... 99
Hans-Jurgen Bieling
Die Konflikttheorie der Intemationalen Politischen Okonomie .............. 121
Manuela Spindler
Die Konflikttheorie des Neoinstitutionalismus ........................................ 143
Peter 1mbusch
Die Konflikttheorie der Zivilisierungstheorie .......................................... 165
Thomas Diez
Die Konflikttheorie postmodemer Theorien intemationaler
Beziehungen ............................................................................................ 187
6 lnhalt
III Kontlikttheorien soziologischer Gesellschaftstheorien
Jam Lamia
Die Konflikttheorie als Gesellschaftstheorie ........................................... 207
Andre Brodocz
Die Konflikttheorie des zivilgesellschaftlichen Republikanismus ........... 231
Dirk Auer
Die Konflikttheorie der Hegemonietheorie ......................... .......... ....... ... 249
Thorsten Bonacker
Die Konflikttheorie der autopoietischen Systemtheorie ..... ....... ... ...... ..... 267
Maria Funder
Die Konflikttheorie feministischer Theorien .................... ............ ... .... .... 293
Thomas Kohler
Die Konflikttheorie der Anerkennungstheorie ............................. ... .... ..... 319
Frank Janning
Die Konflikttheorie der Theorie symbolischer Kampfe ........................... 335
Frank Adloff
Die Konflikttheorie der Theorie kollektiver Akteure .............................. 361
IV Kontlikttheorien sozialwissenschaftlicher Akteurstheorien
Reimund Anhut
Die Konflikttheorie der Desintegrationstheorie ....................................... 381
Andreas Zick
Die Konflikttheorie der Theorie sozialer Identitat ........................... ........ 409
Jorg Rossel
Die Konflikttheorie der Theorie der Interaktionsrituale .......................... 427
Hans-Martin Lohmann
Die Konflikttheorie der Psychoanalyse ................................................... 447
Volker Kunz
Die Konflikttheorie der Rational Choice-Theorie ................................... 461
Peter Meyer & Johan M. G. van der Dennen
Die Konflikttheorie der Soziobiologie ... ..................... ........... ...... ......... ... 485
Jeanette Schmid
Die Konflikttheorie der Aggressionstheorie ............................................ 507
Personenregister ....................................................................................... 527
Sachregister .............................................................................................. 529
Autoren ..................................................................................................... 533
V orwort der Herausgeber zur zweiten Auflage
Die Bande 1-3 der Reihe ,,Friedens- und Konfliktforschung" sind wesentli
cher Teil des grundlegenden Angebotes im Studiengang Friedens- und Kon
fliktforschung sowie der Konfliktsozioiogie an der Philipps-Universitat Mar
burg. Die zweite, vollig neu gestaltete Auflage der Einflihrung in sozialwis
senschaftliche Konflikttheorien geht einerseits auf die mehrjahrigen Erfah
rungen in der Lehre mit dem jetzt realisierten Konzept zurtick. Andererseits
waren die kritischen Rlickmeldungen von Kolleginnen und Kollegen flir die
Neubearbeitung sehr hi!freich. DafUr wie flir das Engagement der Studieren
den haben wir zu danken. Zudem wird der Studiengang seit Anbeginn konti
nuierlich evaluiert. In den Evaluationsprozess eingeschlossen sind selbstver
standlich auch die schriftlichen Materialien wie die drei Einflihrungshiinde.
Die Neubearbeitung dieser Einflihrung erscheint nicht mehr als Band 2
der Reihe, sondem als Band 5. Wir glauben, dass die Neuauflage sowohl in
haltlich als auch didaktisch eine bedeutende Verbesserung darstellt - nicht
zuletzt deshalb, wei! mit dem vorliegenden Band zum ersten Mal der Versuch
untemommen wird, sozialwissenschaftliche Konfliktforschung in der ganzen
theoretischen Breite, also unter Einbeziehung politikwissenschaftlicher, sozi
alpsychologischer und soziologischer Ansatze, zu berticksichtigen. Da die er
ste Auflage aufgrund der umfangreichen Quellendokumentation dort eine
Bedeutung fUr sich besitzt, bleibt sie auch zuklinftig verfligbar.
Bielefeld und Marburg, im Februar 2002 Peter 1mbusch & RalfZoll
Thorsten Bonacker
Sozial wissenschaftliche Konflikttheorien -
Einleitung und Uberblick
Der Konfliktbegriff gehOrt zweifelsohne zu den Grundbegriffen der Sozial
wissenschaften. Zwar teilt er mit den meisten von ihnen das Schicksal, un
eindeutig definiert zu sein, weil die Definition solcher Grundbegriffe in der
Regel davon abhangt, aus welcher theoretischen Perspektive und mit wel
chern Erkenntnisinteresse der Begriff verwendet wird. Aber dariiber hinaus
hat der Konfliktbegriff in der sozialwissenschaftlichen Diskussion immer
auch eine normative und sogar politische Konnotation gehabt (vgl. Bonackerl
Imbusch 1999). Uber lange Jahre galt er als Ausweis einer progressiven
Grundhaltung. Wer Konflikt sagte, meinte mehr Demokratie, Fortschritt oder
einfach den Willen, die wissenschaftliche Theoriebildung an politischen Zie
len zu orientieren. Der Streit zwischen einer Konflikttheorie und einer Kon
senstheorie als Grundorientierung soziologischer Theoriebildung war - darin
dem Positivismusstreit nicht unahnlich - Ausdruck einer solchen Zweiteilung
der Theorielandschaft in jene Theorien, die am gesellschaftlichen status quo
interessiert waren, und solche, die auf die Veranderung gesellschaftlicher
Verhaltnisse drangten (vgl. hierzu Bernard 1957; Collins 1985; Senghaas
1969; Balla 1989; Imbusch 1999). Dementsprechend ging es urn die Frage,
ob soziologische Theorie eher Gesellschaftstheorie oder Sozialtechnologie
(vgl. HabermaslLuhmann 1971) sein sollte. Dahrendorfs Gegeniiberstellung
von Konflikttheorie und der an Konsens und Stabilitat interessierten struktu
rell-funktionalen Systemtheorie von Parsons hat den Konfliktbegriff auf der
einen Seite zwar prominent gemacht und dafiir gesorgt, daB die Konflikthaf
tigkeit der modernen Gesellschaft nicht von vornherein als Integrationspro
blem verstanden werden muBte. Vor dem gesellschaftspolitischen Hinter
grund der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre kam diese Einsicht sicher
einer Befreiung gleich, denn nun schien Konsens nicht unbedingt die Voraus
setzung fUr gesellschaftliche Stabilitat zu sein. Auf der anderen Seite hat die
se Gegeniiberstellung aber dazu beigetragen, daB es urn den Konfliktbegriff
in der sozialwissenschaftlichen Diskussion relativ ruhig wurde. Diejenigen,
die mit der normativen Ausrichtung der Konflikttheorie Dahrendorfs sympa
thisierten oder grundsatzlich Konflikte als Motor einer notwendigen gesell-
10 Thorsten Bonacker
schaftlichen Veranderung verstanden, verwendeten ihn (beispielsweise Krys
manski 1971). Die anderen kamen zumindest im Zentrum ihrer Gesellschafts
theorien ohne ihn aus. So gab es nur weoige Versuche, den systematischen
Stellenwert des Begriffs zu rekonstruieren oder gar eine Konfliktsoziologie
als Teildisziplin zu etablieren (vgl. aber BilhI1972, 1976).
Die Renaissance des Konftiktbegriffs
Die Geschichte des Konfliktbegriffs und der Bedeutung der Konfliktfor
schung innerhalb der modernen Sozialwissenschaften ist schnell erzahlt. An
fang der 1950er Jahre beklagte Jessie Bernard die mangelnde Aufmerksam
keit der Soziologie fUr Konflikte und fragte: "Where is the Modem Sociology
of Conflict?" Knapp zwanzig Jahre spater konnte dann Dieter Senghaas
(1969) konstatieren, die Frage sei - zumindest scheinbar - ilberholt, denn nun
sei eher die Frage zu stellen, wie angesiehts des enormen Wachstums sozial
wissenschaftlicher Konfliktforschung noch die Einheitliehkeit des Kon
fliktbegriffs und einer Theorie des Konflikts gewahrleistet sein konne. Dieses
Wachstum lieB allerdings nach - nieht nur, weil zunehmend unklarer wurde,
worin eine solche integrative Perspektive der Konfliktforschung liegen konn
te, sondern auch, weil der Konfliktbegriff eine starke wissenschafts- und ge
sellschaftspolitische Bedeutung erhielt.
Seit einigen Jahren erfahrt der Konfliktbegriff nun eine beachtliche Re
naissance. Nieht nur in der Rede yom "Kampf der Kulturen" (Huntington
1998, kritisch dazu: Milller 1998 und Senghaas 1998), sondern auch in
grundlagentheoretischen Uberlegungen (vgl. Giegel 1998), zeitdiagnosti
schen Arbeiten (vgl. Beitrage in Heitmeyer 1997a, 1997b), forschungskon
zeptionellen Uberlegungen (vgl. Granzow u.a. 1993) sowie konflikttheore
tisch fundierter Sozialforschung (vgl. Rossel 1999) spielt der Konfliktbegriff
wieder eine zentrale Rolle - und zwar im gesamten Spektrum der Sozialwis
senschaften. Denn auch der politikwissenschaftliche Konfliktbegriff war lan
ge von der Polaritat grundsatzlich unterschiedlicher Theorieausrichtungen
gepragt, die entweder dem Konflikt einen zentralen Stellenwert in den inter
nationalen Beziehungen zugewiesen haben oder die sieh primar ftir die
Uberwindung der Konflikthaftigkeit dieser Beziehungen interessierten. Frei
lich galten hier im Gegensatz zur soziologischen Diskussion die umgekehrten
normativen Vorzeiehen. Heute scheinen die Moglichkeiten, Konfliktsoziolo
gie als eigenstandige Teildisziplin (vgl. Nollmann 1997) und Konfliktfor
schung als interdisziplinares Unternehmen zu institutionalisieren (vgl. Im
busch/Zoll 1999), von der Bereitschaft abzuhangen, den Konfliktbegriff nor
mativ nicht zu tiberladen.
Die Renaissance des Konfliktbegriffs hat sowohl theoretische als auch
empirische Grtinde. Empirisch lassen sieh auf internationaler oder globaler
SozialwissenschaJtliche Konflikttheorien - Einleitung und Oberblick 11
Ebene seit dem Ende des Ost-West-Kontlikts neue Kontliktkonstellationen
beobachten. Internationale Kontlikte werden nun nicht mehr nur als Kontlik
te zwischen souveranen Staaten aufgefaBt, die zudem in groBe Machtblt>cke
integriert sind. Das Ende des Ost-West-Kontlikts hat auch gezeigt, daB dieser
Kontlikt gewissermaBen eine integrierende und pazifizierende Wirkung hatte
und daB Kontlikte auf internationaler Ebene nicht notwendig dem Muster
dieses Kontlikts ahneln mUssen. 1m Gegenteil: Das Fehlen einer Integration
auf weltgesellschaftlicher Ebene und die hohe interne Pluralitat und Diversi
tat der Weltgesellschaft laBt Kontlikte eher wahrscheinlieher werden (vgl.
Stichweh 2000). Desgleichen wurde deutlich, daB der Versuch einer Kon
tliktregelung durch normative Institutionen selbst wieder zu teilweise gewalt
samen Kontlikten fuhren kann. Auch das scheint ein neues Nachdenken Uber
die Logik und den Verlauf solcher Kontlikte in Gang gebracht zu haben.
SchlieBlich stieB die Globalisierungsdiagnose nieht nur auf neue Kon
tliktkonstellationen und auf Grenzen der normativen Regelung, sondern auch
auf eine grundsatzliche Ambivalenz der Globalisierung. Einerseits entstehen
neue N ationalstaaten, was wiederum neue SezessionswUnsche provoziert.
Andererseits bedeutet Globalisierung auch eine Schwachung staatlicher Sou
veranitat zugunsten suprastaatlicher Organisationen. Aus dieser Ambivalenz
speist sich wiederum ein Kontliktpotential, das mit dem alten, auf zwischen
staatliche Kontlikte bezogenen Kontliktbegriff nicht zu fassen ist.
Jenseits dieser Entwicklungen auf internationaler Ebene lassen sich ge
sellschaftlich noch weitere Grunde fUr das Entstehen neuer Kontliktkonstel
lationen finden. Soziologisch wird hier in erster Linie auf Individualisierung
oder ,,Mobilisierung" (MUnch 1991) hingewiesen, durch die sich traditionelle
Solidaritaten abschwachen. Individualisierung fuhrt zu einem vermehrten
Entscheidungsdruck und zu einer Entscheidungsabhangigkeit der Individuen.
In dieser Situation der "Optionssteigerung" (Nassehi 1999: 29), die mit dem
Wegfall nationalstaatlicher Einhegungen von Funktionssystemen einhergeht,
tauchen Kontlikte auf, die durch eine prinzipielle Dilemmasituation gekenn
zeiehnet sind. Wenn Gesellschaft immer mehr auf kontingenten Entschei
dungen beruht, dann kann mit guten GrUnden immer auch anders entschieden
werden. Infolgedessen verlaufen Kontlikte nicht mehr zwischen groBen so
zialen Gruppen, sondern sie sind gleichsam konstitutiv fUr den lebensweltli
chen Alltag der Akteure und fi1r die nieht normativ zu bindenden Funktions
systeme. Auch das Modell einer politischen Steuerung der Gesellschaft, das
noch eng an die konsenstheoretische Orientierung der Gesellschaftstheorie
anknUpfen konnte, sieht sich von diesen Entwicklungen herausgefordert. Die
von Ulrieh Beck (1993) beobachtete ,,Politisierung der Nebenfolgen" laBt ein
kontliktfreies Entscheiden und Handeln unwahrscheinlicher werden. Irgend
jemand protestiert immer. Neben diesen Kontlikten, die aus einer Politisie
rung der Gesellschaft heraus entstehen, verlaufen andere Kontliktlinien an
anderen Grenzen. Die zunehmende Ethnisierung des Sozialen und das Ent
stehen multikultureller Gesellschaften hat dazu gefiihrt, das alte Thema von