Table Of ContentSozialpsychologie der Organisation
Martin Elbe
Sozialpsychologie
der Organisation
Verhalten und Intervention in sozialen Systemen
Martin Elbe
ZMSBw - Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften der Bundeswehr
Potsdam
Deutschland
ISBN 978-3-662-50382-9 ISBN 978-3-662-50383-6 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-50383-6
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V
für meine Schwestern
Birgit, Karin und Irene
VII
Vorwort
Hiermit wird ein Lehrbuch zur Sozialpsychologie der Organisation erstmals in deutscher Sprache
vorgelegt – das ist umso verwunderlicher, als dass es einerseits seit den 1960er Jahren in den
USA bahnbrechende Werke hierzu gab und andererseits Organisationen nun mal zentrale Orte
sozialpsychologisch relevanten Erlebens und Verhaltens von Menschen sind. Allerdings schien
die Notwendigkeit für eigenständige Literatur zur Sozialpsychologie der Organisation eher gering,
da ja seit längerem in der Arbeits- und Organisationspsychologie zahlreiche (Lehr-)Bücher vor-
handen waren.
Diese Vorstellung hatte auch ich, als ich im Herbst 1992 eine auf zwei Semester angelegte Veran-
staltung zur ‚Sozialpsychologischen Organisationsforschung‘ bei Prof. Dr. Bernd Köhler während
meines Studiums an der Universität der Bundeswehr München besuchte und sehr gespannt war,
was denn nun die Differenz zu meinem Schwerpunktfach ‚Arbeits- und Organisationpsycholo-
gie‘ (bei Prof. Sonja Sackmann Ph.D.) sein sollte. Diese Differenz hat mich seither bewegt und
schließlich veranlasst dieses Lehrbuch vorzulegen und damit eine Lücke in der psychologischen
Organisationsliteratur zu schließen. Das Buch ergänzt die bereits vorhandenen Lehrbücher zu
den Grundlagen der Organisation (‚Die temporäre Organisation‘: Elbe und Peters 2016) und zur
Organisationsdiagnose (Elbe 2015).
Obwohl der Hauptteil der Arbeit am Text im Laufe des akademischen Jahres 2015/2016, das ich
als Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der HMKW Hochschule für Medien,
Kommunikation und Wirtschaft verbringen durfte, erbracht wurde, greife ich natürlich auch auf
frühere Arbeiten und Texte mit zurück. Es freut mich besonders, dabei auch Ergebnisse eines Ex-
periments, das im Jahr 1999 am Arbeitsbereich von Prof. Dr. Jutta Allmendinger an der Ludwig-
Maximilians-Universität München von uns durchgeführt wurde, vorstellen zu können – hierfür
und für die Unterstützung (zusammen mit Prof. Dr. Betina Hollstein) bedanke ich mich herzlich.
Besonderer Dank gebührt den KorrekturleserInnen, die den Text mit zahlreichen Verbesserungs-
vorschlägen zugänglicher und richtiger gemacht haben: Karin Elbe-Heimann, Dr. Holger Morick,
Dr. Gregor Richter, und den Kollegen, die mich darin bestärkten, das Projekt zum Abschluss zu
bringen: Prof. Dr. Sebastian Kunert, Prof. Dr. Sibylle Peters und Dr. Gerhard Westermayer. Alle
verbleibenden Mängel oder Ungereimtheiten sind meinem ‚blinden Fleck‘ oder Starrsinn zuzu-
schreiben. Wann immer im Text nur ein Geschlecht angesprochen wird, sind in der Regel alle
Geschlechter damit gemeint.
Martin Elbe,
Berlin, 2016
Literatur
Elbe M, Peters S (2016) Die Temporäre Organisation. Kooperation, Gestaltung und Beratung. Berlin
Elbe M (2015) Organisationsdiagnose: Methoden - Fallstudien - Reflexionen. Baltmannsweiler
IX
Inhaltsverzeichnis
1 Sozialpsychologische Organisationsforschung ...................................1
1.1 Ungewissheit in sozialen Systemen .....................................................2
1.2 Perspektiven der Sozialpsychologie ....................................................6
1.3 Verstehen und die Sozialpsychologie der Organisation ................................11
1.4 Grundlegende sozialpsychologische Problemstellungen ..............................15
1.4.1 Gemeinschaft und Gesellschaft .........................................................15
1.4.2 Kommunikation und Soziale Wahrnehmung .............................................18
1.4.3 Verhaltenssteuerung: Altruismus vs. Egoismus ...........................................23
1.4.4 Kultur, Einstellungen und Werte .........................................................27
1.4.5 Konformität und Herrschaft .............................................................31
1.5 Fragen ................................................................................32
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
2 Sozialisation und System. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
2.1 Organisation als soziales System und Prozess .........................................38
2.2 Sozialisation, Lernen und Rollen .......................................................41
2.3 Phasenmodell der Sozialisation .......................................................51
2.4 Berufliche Sozialisation und berufliches Lernen .......................................54
2.5 Modelle der Betrieblichen Sozialisation ...............................................57
2.6 Zur integrativen Perspektive ..........................................................61
2.7 Fragen ................................................................................62
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3 Wandel im System ..................................................................67
3.1 Anpassungsprozesse: Mensch, Ding, System ..........................................68
3.2 Wandel und Konflikte .................................................................71
3.3 Organisationskultur und Führung .....................................................73
3.4 Betriebliche Sozialisation der Organisation ............................................76
3.5 Betriebliche Sozialisation des Individuums ............................................81
3.6 Lernprozesse in der Betrieblichen Sozialisation ........................................84
3.7 Alternative Perspektiven ..............................................................87
3.8 Fragen ................................................................................88
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
4 Organisations- und Personalentwicklung ........................................93
4.1 Zum Management Betrieblicher Sozialisation .........................................94
4.2 Organisationskultur-Management ....................................................94
4.3 Gruppen und Gruppendynamik .......................................................96
4.4 Ansätze der Organisationsentwicklung ...............................................102
4.5 Kultur und Identität ..................................................................110
4.6 Differentielles Personalmanagement .................................................112
4.7 Personalentwicklung im Sozialisationsprozess .......................................118
4.8 Empirische Personalforschung .......................................................122
4.9 Beziehungsentwicklung, Beratung und Kommunikation .............................128
4.10 Übungsaufgaben .....................................................................132
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .132
X Inhaltsverzeichnis
5 Intervention durch sozialpsychologische Beratung ............................137
5.1 Beratungskontext ....................................................................138
5.2 Konvergenzhypothese ...............................................................139
5.3 Prozess und Methode ................................................................141
5.4 Action Research ......................................................................143
5.5 Rat geben: zur Beraterrolle ...........................................................144
5.6 Methodische Ansätze sozialpsychologischer Beratung ...............................146
5.6.1 Quantitative Methoden ................................................................148
5.6.2 Qualitative Methoden .................................................................149
5.7 Diagnose, Aktion, Evaluation .........................................................150
5.8 Beratung und andere helfende Beziehungen .........................................154
5.8.1 Coaching .............................................................................154
5.8.2 Mentoring ............................................................................157
5.8.3 Supervision ...........................................................................158
5.9 Widerstand im Beratungskontext ....................................................159
5.10 Kommunizieren und Darstellen ......................................................160
5.10.1 Kommunikation und Intervention ......................................................160
5.10.2 Fragetechniken .......................................................................163
5.10.3 Interviews und Fragebögen ............................................................165
5.10.4 Erzählen, Auf- und Darstellen ..........................................................167
5.11 Fragen ...............................................................................169
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .169
6 Aktuelle Anwendungsfelder ......................................................173
6.1 Beschreibung, Erklärung und Gestaltung .............................................174
6.2 Anreiz- und Führungssystem .........................................................176
6.3 Employography als neue Perspektive .................................................181
6.4 Sozialpsychologisches Innovations management ....................................183
6.5 Betriebliches Gesundheits management .............................................186
6.6 Fragen ...............................................................................188
Literaur ..............................................................................188
7 Schlussbemerkungen .............................................................191
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .192
Serviceteil ..........................................................................193
Weiterführende Literatur .............................................................194
1
1
Sozialpsychologische
Organisationsforschung
1.1 Ungewissheit in sozialen Systemen – 2
1.2 Perspektiven der Sozialpsychologie – 6
1.3 Verstehen und die Sozialpsychologie der Organisation – 11
1.4 Grundlegende sozialpsychologische Problemstellungen – 15
1.4.1 Gemeinschaft und Gesellschaft – 15
1.4.2 Kommunikation und Soziale Wahrnehmung – 18
1.4.3 Verhaltenssteuerung: Altruismus vs. Egoismus – 23
1.4.4 Kultur, Einstellungen und Werte – 27
1.4.5 Konformität und Herrschaft – 31
1.5 Fragen – 32
Literatur – 33
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
M. Elbe, Sozialpsychologie der Organisation,
DOI 10.1007/978-3-662-50383-6_1
2 Kapitel 1 · Sozialpsychologische Organisationsforschung
Zusammenfassung
1
Das erste Kapitel führt in die sozialpsychologische Organisationforschung ein. Das Phänomen
der Ungewissheit in sozialen Systemen bildet den Ausgangspunkt hierzu. Es werden die
unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Traditionen der Sozialpsychologie als Rahmen
des vorliegenden Ansatzes dargestellt und die Sozialpsychologie der Organisation als reflexiv-
verstehender Disziplin einer angewandten Sozialpsychologie verortet. Im weiteren Verlauf
des Kapitels werden die grundlegenden sozialpsychologischen Problemstellungen umrissen:
Gemeinschaft und Gesellschaft, Kommunikation und soziale Wahrnehmung, Verhaltenssteue-
rung (Altruismus vs. Egoismus), der Zusammenhang zwischen Kultur, Einstellungen und Werten
und abschließend die Bedeutung von Konformität und Herrschaft in sozialen Systemen. Hiermit
werden in Kapitel eins die Grundlagen der Sozialpsychologie der Organisation gelegt.
1.1 Ungewissheit in sozialen Systemen
Traumatisierte Organisationen? New York, 11. September 2001: Die beiden Türme des World Trade
Centers in New York werden durch einen Terroranschlag zerstört. Unter den Toten sind zahlreiche
Mitarbeiter von Firmen verschiedener Branchen. Diese Firmen müssen schlagartig damit fertig
werden nicht nur einzelne Menschen verloren zu haben, sondern ganze Abteilungen, mit all dem
dort vorhandenen Wissen, den Erfahrungen, den sozialen Beziehungen.
[…]
Paris, 7. Januar 2015: Zwei maskierte Attentäter dringen in die Redaktionsräume der Satirezeit-
schrift ‚Charlie Hebdo‘ in Paris ein, töten elf Menschen und verletzen zahlreiche weitere. Diese
Zeitschrift und die sie produzierende Organisation werden in ihrem Kern getroffen. Am 14. Januar
2015 erscheint eine Ausgabe von ‚Charlie Hebdo‘ mit dem Titel ‚Das Journal der Überlebenden‘ (im
Original: ‚Le Journal des Survivants‘).
Die beiden Beispiele haben mehrere Gemeinsamkeiten: In beiden Fällen wird von Terroranschlä-
gen berichtet. Es werden jeweils mehrere oder zahlreiche Menschen getötet. Beide Beispiele bezie-
hen sich aber auch auf spezifische soziale Kontexte, auf Unternehmen oder, allgemeiner gespro-
chen, auf Organisationen. Natürlich ist dies nur eine bestimmte Perspektive, denn die Betroffenen
(z. B. Verletzte, Zeugen, Einsatzkräfte, Attentäter, Angehörige und überlebenden Kollegen) haben
sehr unterschiedliche emotionale Beziehungen zu dem Geschehen, haben unterschiedliche Erin-
nerungen an eigenes und fremdes Verhalten und verbinden mit den kurz beschriebenen Situ-
ationen jeweils eigene Sinnkonstruktionen. Neben diese individuellen Bezüge tritt ein sozialer
Bezug, der nicht nur zu einer spezifischen Situationsdefinition führt, sondern einen konkreten
sozialen Kontext betrifft, der unsere Gesellschaft in hohem Maß prägt: Beide Beispiele themati-
sieren Organisationen als professionelle soziale Systeme und deren Umgang mit dem Geschehen.
Die beiden Beispiele sind prominent, stehen aber für eine Bedrohung, die Organisationen als
wichtige Elemente moderner Gesellschaften prinzipiell betreffen. Diese sozialen Systeme sind als
kollektive Akteure, als juristische Personen konstruiert und damit ebenso anfällig für physische
Gefährdungen wie natürliche Personen als individuelle Akteure, und sowohl die natürlichen als
auch die kollektiven Personen müssen das Erlebte verarbeiten. Allein das stellt schon eine erheb-
liche Herausforderung dar, doch ist das Erleben und Verhalten zugleich an die zeitliche Pers-
pektive jedes Erlebens und Verhaltens geknüpft: an das Vergangene, das Gegenwärtige und das
Zukünftige. Wie gehe ich mit dem in der Vergangenheit Erlebten jetzt um und welche Konsequen-
zen hat das für mich und mein Handeln in der Zukunft? In diesem Feld (Lewin 1982 – ergänzt