Table Of ContentARBEITSGEMEINSCHAFT FüR FORSCHUNG
DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN
GEISTESWISSENSCHAFTEN
Sitzung
am 21. Juli 1954
in Düsseldorf
ARBEITSGEMEINSCHAFT FüR FORSCHUNG
DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN
GEISTESWISSENSCHAFTEN
HEFT 32
ABHANDLUNG
Fritz Schalk
Somnium und verwandte Wörter
in den romanischen Sprachen
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
ISBN 978-3-663-01005-0 ISBN 978-3-663-02918-2 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-02918-2
Copyright 1955 by Springer Fachmedien Wiesbaden
Ursprünglich erschienen bei We"tdeutscber Verlag, Köln und Opladcn 1955.
Somnium und verwandte Wörter
in den romanischen Sprachen
Professor Dr. phil. Fritz Schalk, Köln
Für den Begriff Traum und seine Spielarten standen dem Lateinischen
verschiedene Ausdrücke zur Verfügung. Macrobius schon trifft im Kommen
tar zum Traum des Scipio eine Unterscheidung von fünf Arten und Namen:
Aut enim est OVEtPOC;, quod Latini somnium vocant, aut est öpup.a, quod
'uisio recte appelatur: aut est XPIlp.uncrp.6s,quod oraculum nuncupatur: aut
est €'vu:rrvtOv, quod insomnium dicitur: aut est <pa.v-rucrp.u, quod Cicero, quo
tiens opus hoc nomine fuit, visum vocavit. Somnium, visio, oraculum, in
somnium, visum bildeten also nach Macrobius eine Gruppe verwandter Be
deutungen. Die Unterscheidungen zwischen diesen Wörtern sind aber, wie
aus dem Thesaurusmaterial hervorgeht, in der lateinischen grammatischen
Theorie durchaus nicht immer auf dieselbe Art getroffen oder beachtet
worden, auch der griechische Sprachgebrauch entsprach ja keineswegs der
Einteilung von Artemidor. Charisius, Ars Gramm. (Keil GL I, 101) ver
gleicht insomnia mit fwU:rrVtU und zitiert Vergils Vers:
Sed falsa ad caelum mittant insomnia manes,
während er den Singular mit vigilia gleichsetzt: ut Pacuvius in Antiope
dixit: perdita inluvie atque insomnia, id est vigilia, und er glaubt - zu Un
recht allerdings daß Vergil insomnia auch im Plural in der Bedeutung
1, -
von vigilia verwendet. So Aen. IV, 9: Anna soror, quae me suspensam
insomnia terrent, quamvis et hic somnia intelligi possint, quibus Dido
terreri potuerit. In anderm Zusammenhang, unter der Überschrift Synonyma
Ciceronis ordine litterarum composita findet man die Reihe: Vigiliae, ex
cubiae, stationes, insomnium, inquietudo, pernoctatio. Servo Aen. V, 840
rückt somnia an soporem und sagt: Bene autem discernit ita Vergilius, ut
somnum ipsum deum dicat, somnium quod dormimus, insomnium quod
videmus in somnis ut VI 847. Die Verwendung von insomnia (fern) wird
1 R. 1Steiner, Der Traum in der Aeneis, Bern 1952, 44 Anm. bemerkt mit Redtt, daß
insomnia hier Träume, nidtt Sdtlaflosigkeit bedeute, sei dodt der Vers gebildet nach
ApolIonios: ßeü.. ij eywv, o1:ov JiE ßapEi~ i:cp6ßIjoav ÖVElpOl.
6 Fritz Schalk
nicht nur durch Donats Kommentar ad Eun. 219 (Insomnia = vigiliae.
Legitur et "adigit" ut sit "insomnia" numeri singularis), sondern auch durch
eine Stelle aus Arnob. adv. nat II, 40 bestätigt: ... exercerent avidum atque
iniustissimum faenus et miserorum ex sanguine supputandis augerent in
somniam milibus .. " Das Corp. GI. Lat. II 301,2 stellt wiederum EVU1CVtOV
zu insomnium, somnium, visio, visus und setzt II, 544,6 insomnium gleich
ÖV8tPO~ wie es auch Charisius, Ars Gramm. V, 580 (Barwick 457, 60-62)
tut. Für den Bedeutungsspielraum, den die Wörter haben, bieten die Gram
matikerzeugnisse eine erste Kennzeichnung, einen ersten Hinweis darauf,
daß man im Lateinischen, griechische Vorbilder und Theorien im Auge,
bemüht war, zwischen allen möglichen Traumarten und Traumerscheinun
gen und Traumgesichtern, Wachvisionen und solchen zwischen Schlaf und
Wachen, Träumen, die in die Zukunft weisen (Weissagungen) und fingier
ten Träumen so zu unterscheiden wie zwischen allen möglichen Wörtern.
Aber die antiken Grammatikerzeugnisse bedürfen der Ergänzung durch
die Texte. Diese bestätigen allerdings zunächst, daß die Verbindung von
somnium mit visus und visio, oder sofern er sich um Orakelträume, um
Weissagungen handelt, mit divinatio, vaticinatio, praesagium, prodigium
usw. überaus häufig ist. Von vanas species somniorum visusque nocturnos
spricht Seneca (Dial II, 11,1) und in der Vulgata (Gen. 37,5) begegnet:
Accidit quoque ut visum somnium referret fratribus suis. Bei Quintilian
werden griech. epav-racria mi t visio übersetzt und die visiones des Evepav-racrtoo
'fO~ beschrieben als Bilder, die im Halbschlaf, in gelöster und zugleich be
klemmender Stimmung uns bedrängen können: inter otia animorum et spes
inanes et velut somnia quaedam vigilantium. Das Corp. Gloss. Lat II
582,44 gibt einmal auch insom n u m in der Bedeutung von visio an.
So zog man in der Antike selbst schon den Kreis der Wörter, die
meist in Verbindung mit somnus und somnium erscheinen. Die antiken
Grammatiker erkannten manche Umrisse des Sprachgebrauchs. Man kann
jedoch heute folgende geschichtliche Bemerkungen hinzufügen: einmal, daß
insomnium nach dem griech. EvunVtOv gebildet zum ersten Mal bei Vergil
belegt ist. Die negative Bedeutung, die sich mit somnium oft assoziierte,
erzeugte, so bemerkt Meillet2, das Bedürfnis nach einem neuen Wort: "Pour
2 Esquisse d'une historie de la langue latine, Paris 19412,219 f. -Daß insomnium auch
willkommen war, um Aequivocationen zu vermeiden, die durch AbI. nach Präposition
in entstanden wären, vermutet Spitzer VR 1936, 51, der auch auf Stacey ALLG 10, 24
verweist. St. sah den Grund des Singulars in der Zweideutigkeit von in somnis, welches
sowohl von somnus wie von somnium kommen konnte. St. gab somnium den Vorzug, da
Somnium und verwandte Wörter in den romanismen Spramen 7
l'obtenir, Virgile recourt a un calque du grec EvurrVlOV = insomnium,
soit que ce calque ait ,he fait deja par quelque poete, soit qu'ill'ait realise
lui-m~me, le mot n'est pas connu avant Virgile, et il semble qu'en prose, il
ne figure pas avant Tacite3• Le mot familier somnia employe de maniere
ironique n'aurait pas evoque l'impression que cherchait le poete. lnsomnium
qui faisait penser a un mot homerique, donnait la nuance voulue." Aber auch
aus einem andern Grund boten nicht nur insomnium, sondern auch somnus
eine Parallele zu somnium. Während sopor in der Bedeutung Traum erst
spät belegt ist Forcellini zitiert nur eine Stelle aus Claudian VI cons. Hon.
4 -
praef 10 et 25) - bedeutet somnus nicht nur Gott des Schlafes - sopor bei
Vergil - sondern den Traumgott. Weil das Wort somnium als Neutrum
nicht personifiziert werden kann nimmt somnus die Bedeutung des
5,
griech. üJTvo~und ÖVElpo~an. Die Traumtore Homers sind bei Vergil somni
portae und somnus herrscht bei Ovid über die Träume. Das Bild der beiden
Tore des Traumgotts - Homers lTlJACU oVEipwv, das eine aus Horn, das andere
aus Elfenbein, das eine für die täuschenden, das andere für die wahren
Träume spielt seither in der Literatur eine wechselnde Rolle und Vergils
sunt geminae somni portae klingt immer wieder an in der Dichtung6•
"zwar die Traumbilder oder Traumerscheinungen mannigfaltig, der Schlaf (Somnus) aber
ein Singularbegriff sei". Dagegen aber spricht, worauf Löfstedt, Syntactica, Lund 19422,
55 ff in dem Kapitel "Plural statt des Singulars" verweist. Aus seinen Analysen und
Belegen ergibt sich, daß der Plural in somnis merkwürdig konstant besonders da, wo die
Bedeutung Schlaf in die Bedeutung Traum hinüberspielt. Entscheidend ist nam L., daß
somnus seinem Wesen nach zu den Begriffen gehört, die in den verschiedenen Sprachen
pluralisch ausgedrückt werden. L. verweist I. c. 32 auf tenebrae und altind tamisräh,
russ. sumerki, Dämmerung, griech. cl.v"to1.ui, l)lJoJlui ij),iolJ. Jl60U{ VUK"tE~ Mittemamt bei
Sappho, JlE"tcl. VUK"tU~ bei Pindar, dt. in Xngsten, in Nöten. "Der Plural, der in der Be
deutung des Wortes alte und feste Wurzeln hatte, ist in der wichtigsten präpositionalen
Verbindung derselben erstarrt, gerade weil in adverbialen Ausdrücken das Gefühl für
den Numerus zu schwinden pflegt" (Delbrück I 638).
3 Doch irrt hier Meillet. Cf Livius XXV, 38,5: Scipiones me ambo dies noctesque curis
insomniisque agitant, Cf auch Plinius nato hist XVIII, 118, XX, 82, XX, 186, XXVI,
94. Seneca, Ad Lucil 56,6: Nam dormientium quoque insomnia tarn turbulenta sunt dies.
Controv VII, 7 Otho Junius pater praesagiis quibusdam et insomniis fortunam praenun
tinatibus agitatum se competisse dixit.
4 Blaise, Dict. latin-fran~ais des auteurs chnhiens, Straßburg 1954 gibt keinen Beleg.
5 Cf auch Steiner I. c. 79.
6 So bei Rabelais, Le Tiers Livre XIII., Lesage, Le diable boiteux VII, oder bei Nerval,
Aurelia: "Le reve est une seconde vie. Je n'ai pu percer sans fremir ces portes d'ivoire
ou de come qui nous separent du monde invisible. Oeuvres, ed. B~guin-Richer (La Pleiade)
Paris 1952, 359. S. auch die Bemerkungen von Harry Levin, The Ivory Gate, Yale
French Studies Jg 54.
8 Fritz Schalk
Da nun der Vergilsche Somnus Schlaf und Traumgott in einer Person
sein kann, können somnus, somnium und insomnium miteinander vertauscht
werden, und daß man eine scharfe Grenze zwischen ihnen oft nicht ziehen
kann, ist auch im Hinblick auf die Tendenzen, die sich in den romanischen
Spradten entwickeln sollten, von Bedeutung. Es wird sidt ergeben, daß sie
sehr ähnliche Neigungen zeigen wie das Lateinisdte.
Denn die Wörter leben in den romanisdten Sprachen fort: ital. sogno
sonno, frz. songe-somme, port. sonho-somno, ferner insomnie und insomnio
(s. das Kapitel Causa de li insomnii de li amanti bei Mario Equicola, Libro
de natura de amore 1525), insogno und insognarsi. Nur das Spanische, in
dem somnium und somnus sueno ergeben haben, hat die daraus resultierende
Homonymie durch ein ensueno zu vermeiden versucht, doch bleibt der Zu
sammenfall von Schlaf und Traum in einem Wort für das Spanische charak
teristisch und lockt die Dichtung immer wieder zum Spiel mit der doppelten
Bedeutung. So schreibt Salinas einmal: iDormir el mundo, el sol, / las hor
migas, las horas, / todo, todo dormido, / en el sueno que duermo! / Menos
tu, tu la unica, / viva, sobrevivida / en el sueno que sueno Auch die Figura
7.
etymologica findet ihre sehr häufige Entsprechung in den romanischen Spra
chen (frz. songer un songe, span. ensonar un sueno), und natürlich bilden
alle roman. Sprachen eine Reihe von Ableitungen wie songeur, songeard,
songerie oder span. ensonado, ensonador, ensonamiento, desensonarse8,
Singulär sind hingegen die Entwicklung rever, reverie, reve im Französischen
und der Weg des Rumänischen und Sardisdten: das Rumän. kennt zwar
somn "Schlaf", aber *visare > a visa "träumen"; auf slawisdten Einfluß
geht nach Pus~ariu zurück, daß nach kroat san istror soman nicht nur Schlaf
(dakorom somn), sondern auch Traum (dakorom. vis) bedeuten. Wenn hier
visum und nicht somnium nachwirkt, so lagen die Voraussetzungen dafür
gleidtfalls in der Latinität beschlossen.
Die französischen Wörter rever, reverie, reve hingegen bieten der Er
klärung Schwierigkeiten: reve ist nicht das Stammwort, denn es ist laut
7 La voz a ti debida, Buenos Aires 1949, 41.
8 Salinas, Raz6n de amor, Buenos Aires 1952, 15: porque eI suefio solo es suefio ver
dadero / cuando en su material monal / se desensuefia y se encarna. - Auf ensofiaci6n
- das Casares, Dicc. ideol6gico de la lengua espafiola nicht verzeichnet - verweist mich
W. Beinhauer. Volkssprachlich ist / ni por ensofiaci6n / Cf auch C. Corniches, La casa de
Quir6s I, 6. Librada (Bauernmädchen zu Lucio, einem jungen Knecht): y hasta pue que
s'haiga uste dejao algun cacho e novia por el pueblo. - Lucio: Por el mi pueblo? Ni
ensofiaci6n.
8 Pusfariu, Geschichte der rumänischen Sprache (ed Kuen) Leipzig 1943, 365. M. L.
~gner, La lingua sarda Bern 1954, 94.
Somnium und verwandte Wörter in den romanischen Sprachen 9
Richelet erst seit 1680 feststellbar, während das verbum rever schon sehr
früh, seit dem 12. Jahrhundert10 belegt ist. Was heißt rever? Die bis zum
14. Jahrhundert feststellbaren Bedeutungen lassen sich gliedern in:
1. hin- und herlaufen, vagabundieren. So im Rosenroman: (737 ff)
Cuidiez que dame a cueur vaillant
Aint un gars:on fol e saillant
Qui s'en ira par nuit resver,
Ausinc con s'il deust desver,
E chantera des mie nuit,
Cui qu'il seit bel ou qu'il enuit?
oder bei Geoffroide Paris (Anfang 14. Jahrhundert) Chron. 2389:
Et le pape si ravoit lors
·i· neveu, qui toute nuit hors
Parmi la ville aloit resvant
Les bones fi1Ies decevant
2. irre reden, phantasieren z. B. Amadas et Y doine (erste Hälfte des
13. Jahrhunderts, ed. Andresen Z XIII 92)
Manais sanc et cervel Ii truble,
En poi d'ure ad curage duble.
Renablement ne lui eschape:
N'at plus fin fol desque H(alap)e
De la draite rage se desve
Gette le chef et rit et resve;
Sens ne savair n'at il mais mie
Mes la fine forsenerie ...
Ja cuit qu'il resve: c'est le malage qui l'argue schreibt Gautier de Coincy
und Chretien de Troyes, Karrenritter 6363: Meleagant, der sich an Artus
Hof mit Gauvain im Zweikampf messen will, wird von seinem Vater zu
rechtgewiesen, Meleagant antwortet:
»Est ce songes ou vos resvez,
Qui dites que je sui desvez
Por cese que je vos cant mon estre?
Auch hier bedeutet resver phantasieren, irre reden doch ist diese Be
11,
deutung nicht die primäre, sondern die erstere: resver = vagabundieren,
10 Bloch-Wartburg und Grandsaignes d'Hauterive geben 13. Jahrh. an, übersehen aber
den von G. Cohn, R2ve und gelegentlich desselben, Tobler-Abhandlungen 1895, 271
zitierten Beleg aus Chretien de Troyes.
11 Die Erklärung von Förster-Breuer, die hier schon mit Träumen übersetzen wollen,
ist nicht haltbar.
10 Fritz Smalk
die überdies durch resveor Vagabund gestützt wird. Ein ähnlicher Fall
wie dt. rasen oder lat. delirare = aus der Furche (lira) geraten.
Dies ist etymologisch insofern erwägenswert, als die ersten Erklärungs
versuche gerade von der übertragenen Bedeutung ausgegangen waren: so
Diez: rabies (cf. wall raibe = rage) berief sich auf die Nebenform raveu,
Spitzer Z 25 und VR 1936 (I) germ hreuwan = affliger, Gamillscheg
EWFS: rejragus ,Widersacher' refragare sich widersetzen, eine Etymologie,
die G. mit afrz enrievre ,unvernünftig, halsstarrig' begründet. Diesen Er
klärungsversuchen gegenüber, die lautlich Schwierigkeiten bereiten und, da
auch in den ältesten Belegen die Form mit s nachweisbar ist, das afrz. resver
als falsche Schreibung für rever ansetzen müssen, scheinen zwei neuere Deu
tungen überzeugender zu sein. Man kann allerdings schwanken, welcher
von bei den man den Vorzug geben soll.
J. Jud, Rever et desver (Romania LXII, 1936, 145 ff) - und seine Deu
tung haben Bloch-Wartburg übernommen - knüpft an die von seinen Vor
gängern nicht genügend beachtete Bedeutung vagabondare an. Eine wich
tige Feststellung, über die man sich einig ist: resver und desver gehören zur
selben Familie. Afrz desver bedeutet: 1. devenir fou 2. enrager, devenir furi
eux. Afz. resver bedeutet: 1. r&der, vagabonder, 2. delirer. Heute ist dial.
die erste Bedeutung verloren, die zweite im Schwinden, da rever durch die
Bedeutung avoir un songe wieder lebenskräftig geworden ist. Ist es mög
lich, daß der konkrete Sinn aus dem abstrakten entstanden ist, also r&der
aus delirer? Jud lenkt die Aufmerksamkeit auf eine dritte Gruppe von
Wörtern, deren Zusammenhang mit rever bisher nicht genügend beachtet
worden war: afz. enresde ,vlOlent, insense': enresdie ,opiniitrete', resdie
'deraison', - die z. T. im Mittelalter weiterleben, und setzt ein Etymon '~ex
vagari ,vagabond, vague dans ses paroIes et dans ses idees' an, gebildet wie
montivagus ,instable, nomade', portivagus ,errant dans les mers', circum
vagus, pervagus. Das Wort wäre in der Galloromania lautlich zu *esvo
geworden (schon Ende des 6. Jahrhunderts). Diese Erklärung stützt sich
auf andere lateinische Proparoxytona auf -agus, z. B. Rotomagus (Rouen),
ferner belegt im Jahre 511 in der Form Rotomao, 601 in der Form Roumo
vertragus (Windhund), belegt als welt rum und gueltrum in der Lex Salica
lit 6,2 weltre u. ä.
* Exvagari wurde im altfranz. zu esvaier, der formale Zusammenhang
von Nomen und Verbum ging also verloren. Dafür hätte man von esvo
ein neues Verb *esvare gebildet und von diesem mit Hilfe der Präfixe re
und de- die im Afrz. belegten Verben resver ,herumstreichen' und desver
Somnium und verwandte Wörter in den romanischen Sprachen 11
,rasen', toll werden. Jud glaubt an ein Verbaladjektiv "'resve ,vagabond,
errant', dessen Existenz durch das altwall. Adj. resde gesichert zu sein
smeint. Dieses wäre dann ,dem Muster der lat. Ableitungen auf -idus an
gepaßt: tiede - tepidus, rade - rapidus.
Der Aufsatz von Loriot Rederie, toponyme picard et la famille hymolo
gique de rever (Romania 69, 1946) geht von pikardischen Orts- und Gat
tungsnamen aus: Rederie (Redderie, Raiderie). Die Ortsnamen sowie alte
und neue dialektale Formen liefern das Material. Loriot greift auf eine seit
dem 17. Jahrhundert immer wieder aufgegriffene Etymologie (zuletzt von
E. Staaf) zurück: desver < * des-viare. Im Gegensatz zu E. Staaf glaubt 1.
allerdings nicht von * re-exviare ausgehen zu müssen, sondern von einem
adj.-avius ,ecarte desert' 2. qui s'ecarte (auch bildlich gesprochen). 1. bringt
audt Material aus den benachbarten germanischen Sprachen und kommt ab
schließend zu dem Vorschlag avius > a + viare = sortir de la bonne voie
und wenn etwas für seine These spricht, so einmal der Umstand, das R~derie
(Rherie) als Ortsname wirklich ein lieu ecarte ist - die betreffenden Ort
schaften liegen tatsächlich weit ab von den großen Verkehrsstraßen - und
dann 2. daß gegen die Jud'sche Erklärung sich ein Bedenken meldet: wenn
das Suffix-idu in den romanischen Sprachen lebendig geblieben ist, so ent
wickeln sich doch die Proparoxytona in der Romania verschieden. Wäh
rend das Suffix im Italienischen lebendig ist, hat das Französ. in den Pro
paroxytona die unbetonte Mittelsilbe durch Syncope unterdrückt, und
zwar schon sehr früh wie die von Jud selbst angeführten Formen aus dem
Merowingerlatein zeigen. Es erl].ebt sich also der Einwand, daß ein klas
sisches Suffix -idu bei einer so späten Ableitung schwer in Frage kommen
kann, so daß ,die an sich so schlüssige und zwingende Argumentation Juds
doch nicht ganz zu überzeugen vermag. Das semantische Problem hat Jud
a
in seinem glänzenden Aufsatz nur am Schluß noch berührt: "Il resterait
examiner l'histoire semantique de resver en rapport avec phantasiare, som
niare. En effet, comment le frans:ais modeme, ayant evince phantaisier,
a-t-il procede pour repartir la sphere de la notion ,rever' entre les deux
verbes concurrents songer et rever? Quelles ont ete les concessions imposees
au verbe ,songer' et au substantif ,songe' en faveur de son rival ,rever' et
,reve'? L'auteur ,de ces lignes revait de faire cette etude captivante sur la
posterite romane des substantifs somnium, phantasia et des verbes somniare,
phantasiare, vagari." (1. c. 157). Versuchen wir, Licht in ,den noch dunklen
Zusammenhang zu bringen, indem wir zunächst die Fortentwicklung von
somnium ins Auge fassen.