Table Of ContentBRAUN-VETTER
SEHNENSCHEIDENERKRANKUNGEN
UND üBERBEANSPRUCHUNG
BEIHEFTE ZUM ZENTRALBLATT
FÜR ARBEITSMEDIZIN UND ARBEITSSCHUTZ
Herausgegeben von der
Deutschen Gesellschaft für Arbeitsschutz e. V., Frankfurt/Main
Heft 2
SEHNENSCHEIDENERKRANKUNGEN
UND ÜBERBEANSPRUCHUNG
I
VERLAG VON DR. DIETRICH STEINKOPFF
DARM STADT 1956
SEHNENSCHEIDENERKRANKUNGEN
UND ÜBERBEANSPRUCHUNG
Ergebnisbericht über den Auftrag des Bundesministers für Arbeit
Von
WILLY BRAUN und Dr. GüNTHER VETTER
Untersuchungsstelle des Durchgangsarztes für Berufskrankheiten Willy Braun
Ber Iin-Wilmersdorf
Mit 7 Abbildungen
e
VERLAG VON DR. DIETRICH STEINKOPFF
DARMSTADT 1956
Ergebnisbericht über den Auftrag des Bundesministers für Arbeit vom 31. Januar 1954
Tageb. Nr. Ie 2 - 41/54
Alle Redlte vorbehalten
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form
(durch Photokopie, Mikrofilm oder irgendein anderes Verfahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert werden.
Copyright 1956 by Dr. Dietrich Steinkopff, Darmstadt
ISBN-13: 978-3-7985-0120-1 e-ISBN-13: 978-3-642-88160-2
DOI: 10.1007/978-3-642-88160-2
VORWORT
Zu den sogenannten physikalischen Arbeitsschäden, die in der erweiterten
Berufskrankheitenliste durch die 5. Berufskrankheitenverordnung eine be
sondere Beachtung erfahren haben, gehören die Erkrankungen der Sehnen
scheiden sowie der Sehnen- und Muskelansätze.
Das vorliegende 2. Beiheft zum "Zentralblatt für Arbeitsmedizin und Arbeits
schutz" der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsschutz soll einen Diskussions
beitrag zur Klärung von Unsicherheiten bei der Begutachtung solcher chro
nischer, durch überbeanspruchung entstandener Erkrankungen leisten.
FrankfurtlMain, November 1956.
DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR ARBEITSSCHUTZ E. V.
Der Vorsitzende:
Dr.-Ing. E. h. Dipl.-Ing. F. Jähne
INHALT
v
Vorwort
TEIL I 1
1. Einleitung 1
2. Gang der Untersuchung 4
3. Untel'suchungsergebnisse 10
4. Einzelanalysen der verschiedenen Krankheitsbilder 17
a) Objektive Veränderungen an Sehnen und Sehnenscheiden 17
b) Epicondylitis 20
c) Periarthritis des Handgelenks, Styloiditis . 22
5. Gegenüberstellung verschiedener Berufsgl'uppen 24
TEIL II 26
1. Besprechung der Untersuchungs ergebnisse und theoretische Erläute
rungen 26
2. Zusammenfassung 39
TEIL III . 41
Nachtrag 41
TEIL IV . 45
Kasuistik 45
Literaturverzeichnis 59
Sachverzeichnis . 61
TEIL I
1. EINLEITUNG
Die Aufgabe der vorliegenden Arbeit ist es, die Symptome der "chronischen
Erkrankungen der Sehnenscheiden, Sehnen- und Muskelansätze durch Über
beanspruchung" entsprechend der Ziffer 22 der 5. Berufskrankheiten-Verord
nung") zu beschreiben, die Diagnostik der unter diese Verordnung fallenden
Erkrankungen zu ermöglichen und gegen andere Krankheitsbilder abzu
grenzen. ,:-,:-) Die Voraussetzungen für eine Entschädigung sind also geknüpft an
1. den chronischen Verlauf der Erkrankung,
2. die Lokalisation an Sehnenscheiden, Sehnen-und Muskelansätzen,
3. die berufliche Überbeanspruchung als Ursache der Erkrankung.
Bald nach Inkrafttreten der 5. BK-Va zeigte sich eine allgemeine Unsicher
heit in der Begutachtung, da keine einheitliche Definition vorstehender Be
griffe als Grundlage zur Verfügung stand.
Wie sollte die Überbeanspruchung allgemein verbindlich erläutert, was als
chronisch bezeichnet werden? Mit der Erklärung in den Merkblättern, daß
eine Erkrankung dann als chronisch anzusehen sei, wenn sie eine Arbeits
unfähigkeit von mindestens 13 Wochen bedingte, behandlungswiderständig
war oder zu Rückfällen neigte, ist lediglich eine zeitliche Abgrenzung gegeben.
Ehe wir untersuchen, welche Krankheitsbilder in diesen Rahmen der va
einfügbar sind, möchten wir kurz den Begriff der Überbeanspruchung dis
kutieren.
Die Erörterung der Schwierigkeiten mit dem Begriff der Überbelastung ge
hört streng genommen nicht zum Thema dieser Arbeit, aber sie kann nicht
unberücksichtigt bleiben, weil die Überbeanspruchung in der va als wesent
liche Ursache für die zu beurteilenden Krankheitsbilder verlangt wird.
Die wenigen, in den bisher erschienenen Kommentaren fixierten Gesichtspunkte, die
zu einer Beurteilung der Überbeanspruchung dienen sollen, sind ungenügend und
können höchstens als unverbindliche Anhaltspunkte dienen. Es werden einige Ar
beitsgänge bzw. charakteristische Bewegungen herausgegriffen, von denen man sich
vorstellt, daß sie entweder durch dauernde Wiederholung des gleichen Bewegungs
ablaufs oder durch kräftige Muskelbeanspruchung zu einer lokalen Übermüdung und
") Abkürzung BK-VO.
,:-,:-) Bei unseren chronischen Erkrankungen waren nur 4 Fälle mit Beschwerden an den
unteren Extremitäten, so daß wir auf eine zahlenmäßige Auswertung verzichten
mußten. In der Einzelanalyse waren keine verwertbaren Gesichtspunkte zu ge
winnen, die auf eine Überbeanspruchung als wesentliche Ursache schließen ließen.
Es handelte sich entweder vorwiegend um statische Beschwerden oder rheumatische
Lokalisationen am Fersenbein. Wir haben deshalb lediglich Befunde an den oberen
Extremitäten unserer Untersuchung zugrunde gelegt.
Braun-Vetter, Sehnenscheidenerkr.
2 1. Einleitung
schließlich zu hartnäckigen Beschwerden führen können. Es ist aber völlig unberück
sichtigt geblieben, daß der Begriff der überbeanspruchung oder überanstrengung
keine Norm zur Voraussetzung hat. Es kann nur von der individuellen Belastungs
fähigkeit des Einzelmenschen ausgegangen werden, weshalb auch nur grobe Anhalts
punkte für die Beurteilung gegeben werden konnten. Diese Ausgangsposition ist
jedoch von Faktoren wesentlich mitbestimmt, die einer gutachterlichen Abschätzung
größte Schwierigkeiten bereiten. Es wären nicht nur die Konstitution, der Ernährungs
zustand, evtl. durchgemachte Erkrankungen u. ä., sondern auch die gesamte persön
liche Lebenssituation einschließlich des seelischen "Betriebsklimas" zu berücksichtigen.
In den Kommentaren sind Berufsgruppen, wie Näherinnen, Montiererinnen, Musiker,
Maurer, Schmiede, Schlosser, Hausfrauen und andere aufgezählt worden. Aber mit
Recht ist dagegen der Einwand erhoben worden, daß Erkrankungen, wie sie mit der
Ziffer 22 gemeint sind, überall auftreten können, und es gelingt keineswegs immer,
einen ursächlichen Zusammenhang mit irgendwelchen Arbeitsvorgängen heraus
zukristallisieren oder wahrscheinlich zu machen.
Wir haben in zahlreichen Fällen versucht, die "Uberbeanspruchung" im Ver
laufe der Begutachtung durch entsprechende Erhebungen und Rückfragen bei
den Betrieben zu klären, um eine möglichst objektive Beurteilung akten
kundig machen zu können. Dieser Weg führte nicht zu dem gewünschten Er
folg, da in der Regel von den Betrieben geltend gemacht wurde, es habe sich
um "betriebsübliche Arbeiten" gehandelt. Es blieb also dem Ermessen des
jeweiligen Gutachters überlassen, ob er im konkreten Falle unter Berück
sichtigung aller obengenannten Gesichtspunkte eine Uberbeanspruchung an
nehmen wollte oder nicht. Keineswegs konnte er sich dabei auf den Begriff
der Betriebsüblichkeit stützen, weil hierin die individuelle Ausgangssituation
des erkrankten Menschen unberücksichtigt blieb.
Es ist bekannt, daß zu Beginn einer bisher ungewohnten oder längere Zeit
gemiedenen Tätigkeit Anpassungsschwierigkeiten an den Arbeitsvorgang zu
Entzündungen der Sehnengleitlager und ähnlichen Erkrankungen führen
können. Hierbei handelt es sich aber um akute knarrende oder exsudative
Formen einer Tendovaginitis oder Paratendinitis, die unter sachgemäßer Be
handlung rasch abklingen und bei vernünftiger Angewöhnung an die Arbeit
auch nicht wieder auftreten. Andererseits war aber die Annahme einer An
passungsschwierigkeit nahezu die einzige Möglichkeit für eine annähernd
objektive Beurteilung des ursächlichen Zusammenhangs mit der Tätigkeit.
Aus später zu erörternden Gründen nutzte diese Möglichkeit für die Be
urteilung chronischer Erkrankungen wenig, da eine ursächliche Beziehung zur
Arbeitstätigkeit lediglich bei den akuten Krankheitsbildern erkannt werden
konnte.
Bei diesen Gedanken soll nicht vergessen werden, daß besondere Arbeitsgänge, die
innerhalb einer Achtstundenschicht stereotyp wiederkehren, zu einer einseitigen
Beanspruchung bestimmter Muskelgruppen und ihrer Sehnen führen können. Aber
es war bisher nicht einwandfrei möglich, dieses Kriterium in die Beurteilung chroni
scher Formen mit genügender Sicherheit einzubauen, weil sich auch hierin die ver
schiedenen Begutachter in den Ansichten über "normale" und "übermäßige" Be
anspruchung widersprechen. Ganz allgemein ist zu sagen, daß nach allen bisherigen
Erfahrungen die überbeanspruchung nur in Kausalzusammenhang mit akuten
Sehnenscheidenentzündungen etc. zu bringen ist.
1. Einleitung 3
Bei der Bearbeitung der uns gestellten Fragen sind wir den Gesichtspunkten
gefolgt, die uns im Laufe der Zeit nach Inkrafhreten der 5. BK-VO für die
Erfassung chronischer Oberbelastungsschäden wichtig erschienen. Die Krank
heitsbilder, die als chronische Oberbeanspruchungsbeschwerden zur Begut
achtung kamen, waren nur schwer oder gar nicht in die bisherigen Auffassun
gen von chronischen Sehnenscheidenentzündungen einzuordnen. Es drängte
sich uns die Frage auf, ob es überhaupt eine chronische Erkrankung im Sinne
der Ziffer 22 als berufliche Belastungsfolge gibt.
Der einfache Kausalzusammenhang:
Besondere Beanspruchung = chronische Erkrankung des Sehnenband
apparates oder der Muskelansätze
ließ sich nach unseren Erfahrungen in keinem Falle mit typisch chronischem
Verlauf herstellen.
Wir wurden auf die Bedeutung übergeordneter pathogenetischer Prozesse mit
schick.salsmäßigem Ablauf aufmerksam und hatten den Eindruck., daß durch
Veränderungen an der Halswirbelsäule mit Folgeerscheinungen für die zu
gehörigen segmentalen Nerven überhaupt erst die Voraussetzung für einen
chronischen Verlauf der z. T. wenig prägnant umschriebenen Oberlastungs
beschwerden gegeben ist. Die vermeintlich kausale Bedeutung der beruf
lichen Betätigung der oberen Extremitäten bekam nur noch den Wert einer
Gelegenheitsursache oder des auslösenden Faktors.
Ehe wir auf die theoretischen Grundlagen des ganzen Fragenkomplexes ein
gehen, seien die Untersuchungsergebnisse mitgeteilt.
Wir haben ins g e sam t 1540 Krankengeschichten durchgearbeitet. Diese Zahl
umfaßt alle Patienten, die unter der Diagnose Sehnenscheidenentzündung
oder Oberlastungsschäden im Verlauf eines Jahres der Begutachtung zu
geführt wurden.
Entsprechend der Regelung des Durchgangsarztverfahrens für Berufskrank
heiten in Berlin wurden uns diese Fälle von den einzelnen Verwaltungsstellen
der KV AB, den Betrieben und gelegentlich auch von den behandelnden Arzten
- zunächst ohne Auswahl nach akuter oder chronischer Verlaufsform - über
WIesen.
Aus der Gesamtzahl wurden 354 Kr a n k eng e s chi c h t e n herausgezogen,
bei denen nach medizinischen Gesichtspunkten eine chronische Verlaufsform
anzunehmen war. Um eine Vergleichsmöglichkeit gegenüber den akuten
Krankheitsbildern zu haben, wurde eine etwa gleichgroße, nicht ausgewählte
Gruppe von 385 Krankengeschichten akuter Fälle aus dem letzten Vierteljahr
zusammengefaßt.
I'
2. GANG DER UNTERSUCHUNG
In der Vorgeschichte haben wir nach Infekten und rheumatischen Erkrankungen ge
fahndet und eine möglichst gen aue Schilderung der jeweiligen Arbeitsvorgänge ver
langt. Es wurde gefragt nach häufig wiederkehrenden Bewegungen, z. B. bei Mon
tiererinnen und Metallarbeiterinnen mit Angaben über Zahl der pro Schicht
montierten Arbeitsstücke und über die Menge der dabei verwendeten Schrauben etc.
Bei Bauarbeitern war zu berücksichtigen, ob sie über die Hand geschippt haben, wie
hoch der Hub war, bei Putzern, ob sie vorwiegend Deckenputz gemacht, bei Maurern
z. B., ob sie längere Zeit Stemmarbeiten und an welchem Material auszuführen
hatten. Selbstverständlich wurde vermerkt, ob überstunden geleistet oder Akkord
bzw. Fließbandarbeit verlangt wurden. Konnte man sich bei derartigen Arbeits
vorgängen noch relativ leicht eine Vorstellung über die Leistung machen, so war das
bei Näherinnen, besonders in Heimarbeit, wesentlich schwieriger. Wir haben uns
dabei so geholfen, daß wir nach Vorlage der wöchentlichen Verdienstabrechnungen
saisonbedingte Spitzenleistungen in einen zeitlichen Zusammenhang mit dem Aus
bruch der Beschwerden zu bringen suchten. Ahnlich schwierig war es, bei Steno
typistinnen zu einer einigermaßen sachgerechten Beurteilung zu kommen, da nur
selten überstunden einen gewissen Anhalt für stärkere Belastung boten. Sich nach
der Zahl der täglich geschriebenen Seiten zu richten, war zwecklos; denn gerade hier
kommen Haltungsfehler und betriebliche Schwierigkeiten besonders stark als Ur
sachenfaktoren in Frage (vgl. S. 37).
Diese Andeutungen mögen genügen, um zu zeigen, in welcher Weise versucht wurde,
aus einer genauen Arbeitsanalyse im Gespräch mit dem Erkrankten und Rückfragen
bei den Betrieben, in vielen Fällen durch Arbeitsplatzbesichtigung, eine möglichst
abgerundete Vorstellung über die tatsächliche Belastung zu gewinnen.
Die Untersuchung gliederte sich im einzelnen zunächst in eine allgemeine
internistische Untersuchung, vor allem zum Nachweis irgendwelcher akuter
oder chronischer infektiöser Prozesse (Herdinfekte). Die Beurteilung einer
chronischen Tonsillitis als Fokus stützte sich auf die typische Hofbildung der
Gaumenbögen und Rachen, Verschwartungen und Verwachsungen sowie auf
eitriges Exprimat. Zahnaufnahmen standen nur in Einzelfällen zur Ver
fügung, weshalb wir nur offensichtliche Gebißbeherdungen mit zahlreichen
devitalen Zähnen und Alveolarpyorrhoen erfaßten. Dann folgte eine Inspek
tion und Palpation der Wirbelsäule, insbesondere der Halswirbelsäule. Es
wurde zunächst die Beweglichkeit des Kopfes in allen Richtungen geprüft und
dann das paravertebrale Gewebe systematisch abgetastet. Schmerzhafte Be
wegungseinschränkung in einer oder mehreren Richtungen oder zumindest
Schmerz angabe bei forcierten oder ruckartigen Kopfbewegungen, druck
schmerzhafte Muskelverspannungen des Nackens, Druckempfindlichkeiten
und Verquellungen des oberflächlichen sowie tieferen Bindegewebes und
schließlich Druckpunkte an den Dorn- und Querfortsätzen wurden als Aus
druck einer vertebralen Funktionsstörung registriert. Soweit es möglich war,
wurden diese Befunde röntgenologisch kontrolliert. Bei der Deutung des
Röntgenbefundes haben wir in Verbindung mit einem auf dem Gebiete der
Wirbelsäulendiagnostik erfahrenen Röntgenologen auf Haltungsabweichun
gen in der frontalen und sagittalen Ebene, Rotationen einzelner Wirbel oder