Table Of ContentHans-Jürgen Möller,
Norbert Müller (Hrsg.)
Schizophrenie
Langzeitverlauf und Langzeittherapie
SpringerWienNewYork
Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Möller
DirektorderPsychiatrischenUniversitätsklinikderLMUMünchen
Klinikund Poliklinikfür Psychiatrieund Psychotherapie,München,Deutschland
Prof. Dipl.-Psych. Dr. med. Norbert Müller
Klinikund Poliklinikfür Psychiatrieund Psychotherapie,München, Deutschland
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ISBN 3-211-40482-1 Springer-VerlagWien NewYork
Vorwort
Mitdem ,,2. Münchener Kraepelin-Symposium" wurde die inzwischen langjährige
Tradition der in Bonn begonnenen und in München weitergeführten Kraepelin
Symposien fortgesetzt. In diesem Band sind die Beiträge zum ,,2. Münchener
Kraepelin-Symposium", das sich insbesondere mit Aspekten des Langzeitverlaufs
und der Langzeittherapie der Schizophrenie beschäftigte, zusammengefasst.
Emil Kraepelin, dervon 1904bis zuseiner Emeritierungim Jahre 1922 Direktor
der Psychiatrischen Universitätsklinik in München war, beschäftige sich bereits
intensiv mit Verlaufsaspekten der Schizophrenie, ein wesentlicher Gesichtspunkt
von Kraepelins Konzept der "Dementiapraecox" istvorallem der Langzeitverlauf,
der beidieser Patientengruppe ungünstig ist.
Eine wichtige FragestellungheutigerVerlaufsforschungist, inwieweitder Thera
pieerfolg und damit wohl auch der Langzeitverlaufdurch den Zeitpunkt der Dia
gnosestellung und des Therapiebeginns determiniert werden. Deshalb wurde ein
Schwerpunkt des ,,2. Münchener Kraepelin-Symposiums" aufdie Früherkennung
und den Einfluss der Nicht-Behandlung der Psychose auf den weiteren Verlauf
gelegt.
InderTraditionderKraepelin'schen Forschungstehenbiologisch-psychiatrische
Themen, vor allem Genetik, hirnstrukturelle Untersuchungen, Neurophysiologie
sowie der Zusammenhang der schizophrenen Erkrankung mit der Kognition und
dertherapeutischenBeeinflussbarkeitkognitiverStörungen. DieseThemenwurden
von führenden deutschsprachigen Forschern auf dem Symposium vertreten und
finden sich in diesem Bandwieder.
In Hinblick aufdie Langzeittherapie der Schizophrenie und die Rezidivprophy
laxe wurden Wege der Einbeziehung der Angehörigen und die Rolle nicht-phar
makologischer Therapieansätze wie Verhaltenstherapie, Psychoedukation und Re
habilitationsverfahren diskutiert, einen weiteren Schwerpunkt bildeten ein neuer
antientzündlicher Therapieansatz, sowie die Rolle der atypischen Antipsychotika.
Eine neue Bewertungder Depot-Applikation standdeshalb an, da dieerste Depot
FormulierungeinesAtypikums aufden Markt gebrachtwurde, wodurch sich neue
pharmakologischeMöglichkeitenfür Langzeittherapieund-prophylaxederSchizo
phrenie eröffnen.
VI Vorwort
DervorliegendeBandgibteinenbreitgefächertenÜberblicküberaktuelleFrage
stellungen zur Schizophrenie von Grundlagenforschung bis zu praktisch-thera
peutischen Gesichtspunkten. Die Herausgeber hoffen, dass der Band auf ebenso
reges Interessestößt,wiedas ,,2. MünchenerKraepelinSymposium" selbst,das mit
großem Erfolg durchgeführt wurde.
Wir danken der Firma Janssen Cilag für die großzügige Unterstützung, die das
Erscheinen des Buches erst ermöglichte, und Frau Karin Koelbert, die die Heraus
geber sowohl bei der Organisation des Symposiums als auch bei der Vorbereitung
desvorliegenden Bandes tatkräftig unterstützte.
München, im Herbst 2003 Hans-Jürgen Möller
NorbertMüller
Inhaltsverzeichnis
DiagnostikundVerlauf
"Dementiapraecox" und"Schizophrenie". Diagnosewandelam Beispiel
EmilKraepelins Königlich PsychiatrischerKlinikinMünchen .
G. Neundörfer, M. Bindig, N. Müller, H Hippius undH-/. Möller
Welchen Einflusshatdie Dauerder unbehandelten Psychose(DUP) aufden
Langzeit-OutcomederSchizophrenie? 9
R. Bott/ender,M.läger, U. Wegner, l. Wittmann, A. Strauss undH-/. Möller
15-Jahres-KatamneseschizophrenerPsychosen imVergleichzuaffektiven und
schizoaffektivenPsychosen 23
M.läger, R. Bottlender, U. Wegner, /. Wittmann, A. StraußundH-/. Möller
FrühdiagnosederSchizophrenie:Abgrenzungvon Risikofaktoren, Prodromi und
Frühsymptomen 31
/. Klosterkötter
AkuteVorübergehende PsychotischeStörungen 49
A. Marneros undF. Pillmann
BiologischeAspektedesLangzeitverlaufsderSchizophrenie
Neuentwicklungeninder ErforschungderGenetikderSchizophrenie................ 63
W. MaierundB. Hawellek
Microarray- undimmungenetischeUntersuchungen beiSchizophrenie 73
M./. Schwarz, M. Riedei, S. Dehning, S. delonge, H Krönig, A. Müller-Ahrends,
K. Neumeier, C. Sikorski,1. SpeIlmann, P. Zill, M. AckenheilundN. Müller
HirnstrukturelleVeränderungenimRahmen desLangzeitverlaufesschizophrener
Störungen 97
E. M. Meisenzahl undH-/. Möller
Neurobiologiedes LangzeitverlaufsschizophrenerPsychosen 105
P. Falkai und T. Wobrock
NeueVerfahren zurAnalysevon Hirnstruktur mittels Deformationsbasierter
Morphometrie ............................................................... 117
C. Gaser
VIII Inhaltsverzeichnis
NeurophysiologischeVerfahren zuVerlaufundTherapieprädiktionbeiSchizophrenie 127
U. Hegerl undC. Mulert
VerlaufkognitiverStörungenbeischizophrenenPatienten 139
M. Albus, W. Hubmann, P. Hinterberger-WeberundS. Hecht
LangzeittherapiederSchizophrenie
BewältigungsorientierteTherapieimstationärenBereich:
Implikationenfür dieLangzeitbehandlungderSchizophrenie 149
A. Schaub, P. Kümmler, L. GauckundS. Amann
StationäreKriseninterventionbeiSchizophrenieimAtriumhaus:
ErgebnissederBegleitforschung 167
G. Schleuning
Belastungenund BewältigungstilevonAngehörigenschizophrenerunddepressiver
Patienten.VorläufigeErgebnissederMünchenerAngehörigenverlaufsstudie 181
A.M. Möller-LeimkühlerundE. Buchner
DerBeitragderPharmakogenetikiPharmakogenomicszurTherapieResponse-
Non-ResponseinderSchizophrenie 197
M.AckenheilundK. Weber
IsteineantientzündlicheBehandlungeineneueTherapieoptionbeiSchizophrenie? 203
N. Müller, M. Riedei, C. Scheppach, M. Ulmschneider, M.Ackenheil, H.-/. Möller
undM. /. Schwarz
DieStellungderDepot-NeuroleptikaausheutigerSicht............................ 215
M. Riedel,M. Strassnig, H.-/. Möller undN. Müller
DifferentielleAnsätzezurpharmakologischenRezidivprophylaxeschizophrener
Störungen 233
W. GaebelundM. Riesbeck
DerEinsatzneuerAntipsychotikainderLangzeittherapiederSchizophrenie 247
H.-/. Möller
Stichwortverzeichnis .......................................................... 267
Korrespondenzautoren 271
"Dementia praecox" und "Schizophrenie"
Diagnosewandelam BeispielEmilKraepelins Königlich PsychiatrischerKlinik
in München
G. Neundörfer, M. Bindig,N. Müller, H. Hippius und H.-J. Möller
Einleitung
ImRahmenderPsychiatriehistorischenArbeitsgruppeunsererKlinikhabenwiruns
mitder"Dementiapraecox" und"Schizophrenie"sowiederen Diagnosewandelam
Beispiel Emil Kraepelins Königlich Psychiatrischer Klinik in München befasst.
Emil Kraepelin (Abb. 1)war nach seiner ZeitinHeidelbergvon November 1903
bis Juli 1922 Direktor an unserer Klinik. Im Rahmen seiner klinischen Forschung
beschäftigteersichschon früh mitdemVersuch einerSystematisierungpsychiatri
scher Erkrankungen. Dabei führte er erstmalig 1899 in der 6. Auflage seines Lehr
buches "Psychiatrie" eine "nosologische Dichotomie" ein, in dem er die Diagnose
"Dementia praecox" von der des "Manisch depressiven Irreseins" trennte.
Fast zeitgleich dazu, von 1898 bis 1927,war Eugen Bleuler (Abb. 2) als Direktor
der Psychiatrischen Universitätsklinik (Burghölzli) in Zürich tätig. Aufder Jahres
versammlung des Deutschen Vereins für Psychiatrie
führte er 1908 erstmalig den Begriffbzw. die Diagnose
"Schizophrenie" ein.
Möchte man nun die Symptomatik, die jeweils von
E. Kraepelin bzw. E. Bleuler im Zusammenhang mit
ihrer Diagnose "Dementia praecox" bzw. "Schizophre
nie" erwähnt wurde, gegenüberstellen, so finden sich
folgende Unterschiede, die in Tab. 1aufgezeigtwerden.
In der 6. Auflage von Emil Kraepelins Lehrbuch, die
als konzeptuell wichtigste seiner Lehrbuchauflagen be
zeichnet wird (insgesamt sind zu seiner Lebzeit acht
erschienen),zähltEmilKraepelinverschiedeneSympto
me auf(sieheTab. 1,links), wobei er keinewesentliche
Gewichtung aufdas eine oder andere Symptom legte. Abb. 1. EmilKraepelin
2 G. Neundörferetal
Eugen Bleuler hingegen teilte die Symptomatik (siehe
Tab. 1, rechts) nach Grundsymptomen und akzessori
schen Symptomen ein, wobei für ihn die Grundsympto
me die charakteristischen Symptome der Schizophrenie
darstellten.
Durchdie zunehmendeklinische Erfahrungundeinen
ausgeprägten Forschergeistveränderten sich im weiteren
Verlaufjedoch die Sichtweisen über die Diagnose "De
mentia praecox"bzw. "Schizophrenie",so dasssichauch
die dahinter liegenden Konzepte änderten bzw. weiter
entwickelten:
Abb.2. EugenBleuler (a) Die Diagnose "Dementia praecox", die Emil Krae-
pelin erstmals 1893 in der 4. Auflage seines Lehrbuches
erwähnte, beinhaltetedie Vorstellungdes ungünstigen Verlaufs und einerschlech
ten Prognose. So glaubteeraneinen eher frühen Beginn der Erkrankung und eine
affektivebzw."gemüthlicheVerblödung"alsEndzustand.Nachweiterenklinischen
Erfahrungen überdachte er seine Vorstellung und kam zu dem Schluss, dass diese
nicht mehr zu halten sei.
So ist im Jahresbericht der Klinikvon 1906/1907 zu lesen:
"... Wenn wir also auch alle die Fälle, die bisher nur als gebessert mit zu denen
rechnen, die uns als völlig ungeheilt bezeichnet wurden, so bleibt immerhin eine
erheblicheAnzahlvon Kranken bestehen, beidenen wirvor 2Jahren die Diagnose
Tabelle1
Dementiapraecox(6.Auflage) Schizophrenie (Kurzfassung)
Trugwahrnehmungen (Halluzinationen) Grundsymptome:
Aufmerksamkeitsstörungen Störungendes Denkens,derAffektivität,
Interesseverlust desAntriebs
Gedankengang: Zerfahrenheit,
Sprachverwirrtheit AkzessorischeSymptome:
Gestörte Urteilsfähigkeit Wahn, Halluzinationen,
HäufigeWahnvorstellungen katatone Erscheinungen
"gemüthlicheVerblödung"
StörunginHandeln und Benehmen
Stereotypien,Automatismen
DeutlichreduzierteArbeitsfähigkeit
Willenssperrung,Negativismus
GestörterSchlafundkörperlicheSymptome
"Dementiapraecox" und "Schizophrenie" 3
"Dementiapraecox" stelltenunddieAngehörigenaufdieGefahreinerVerblödung
aufmerksam machen mussten,diejetztaberwiederihrerArbeit nachgehen undfür
ihreUmgebungnichtsauffälligesbieten. HandeltessichbeidieserErscheinungnur
um Fehldiagnosen oderhaben wiresvielleichtmit Remissionenim Krankheitsver
laufzutunundkönnenerwarten,denKrankheitsprozessüberkurzoderlangwieder
aufflackernzusehen,oderendlichistdieDementiapraecoxüberhauptundwennin
diesem Umfang heilbar? ..."
(b) Des weiteren erweiterte Emil Kraepelin die Diagnose "Dementia praecox"
syndromal: d.h. unter dieser Diagnose verbarg sich 1896 nach heutigen Kriterien
amehesteneine Hebephrenie. 1899 fasste er unterder Diagnosehebephrene, kata
tone und paranoide Formen zusammen und 1909 zusätzlich noch die Dementia
simplex-Form.
EugenBleulerhingegenhatteschon 1902Kollegengegenübererwähnt,dasserdie
Vorstellung einer möglichen Remission und unterschiedlicher Verläufe in Er
wägung ziehe. Auch erklärte er relativ früh, dass er von der Möglichkeit ausginge,
dass manisch-depressive Symptome sich mit schizophrenen Symptomen mischen
könnten.
Ziel unserer Arbeit war es nun, zu untersuchen, wann die Diagnose "Dementia
praecox" vonder"Schizophrenie"anderPsychiatrischen KlinikinMünchenabge
löstwurdeundobdieAblösungder"Dementiapraecox"durchdie"Schizophrenie"
aus den archivierten Krankenunterlagen retrospektiv nachvollzogen werden kann.
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Abb. 3. Zwei Beispiele von Epikrisen, wobei die eine mit der Diagnose "Dementia praecox"
(links) unddieanderemitderDiagnose"Schizophrenie" (rechts) versehenist