Table Of ContentRené Majer
Scham, Schuld und Anerkennung
Ideen & Argumente
Herausgegeben von
Wilfried Hinsch und Lutz Wingert
René Majer
Scham, Schuld und
Anerkennung
Zur Fragwürdigkeit moralischer Gefühle
DE GRUYTER
GedrucktmitUnterstützungderGeschwisterBoehringerIngelheimStiftungfürGeisteswissen-
schafteninMainz.
ISBN:978-3-11-029786-7
e-ISBN:978-3-11-029795-9
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DruckundBindung:Hubert&Co.GmbH&Co.KG,Göttingen
♾GedrucktaufsäurefreiemPapier
PrintedinGermany
www.degruyter.com
Danksagung
EinenTextzulesenistdasgrößteKompliment,dasmanihmmachenkann.Dieser
wäre nicht entstanden, hätte ich nicht von Beginn an auf eine Riege von auf-
merksamen,kompetentenundhilfsbereitenLesernzählenkönnen.
Zu nennenwäre an erster Stelle mein Doktorvater an der Freien Universität
Berlin, Peter Bieri, der mir empfohlen hat, diese Arbeit zu schreiben, und ihr
Werden über die Jahre aufmerksam begleitet hat. Er hat jedes Kapitel in jeder
seinerzahlreichenÜberarbeitungengelesenundausführlichkommentiert.Hätte
am Ende nicht mein Bewusstsein, diesem Mann schon zu viel von seiner Zeit
genommen zuhaben,michausmeiner Tüfteleigerissen,wäredieseArbeitviel-
leicht nie fertig geworden. Ich danke ihm von Herzen für seine durchdachten
Kommentare,seinenLangmutundseineFreundlichkeit.
Hilge Landweer, die mit der Materie besonders gut vertraut ist, hat sich
spontan bereit erklärt, die Dissertation als Zweitgutachterin zu betreuen. Ihre
TextesindselberGegenstanddiesesBuches,undsokonnteichgleichdoppeltvon
ihrlernen.
Über die Jahre habe ich verschiedene Versionen einzelner Kapitel in den
KolloquienvonPeterBieriundThomasSchmidtvorgestelltundhabesehrvonden
Fragenprofitiert,mitdenenichdortkonfrontiertwurde.MitRalphAmman,Jürgen
Müller, Achim Spelten und Eva Weber-Guskar (in alphabetischer Reihenfolge)
konnteichindenletztensechsMonatenvorderAbgabenocheinmaljedesein-
zelneKapiteldieserArbeitdurchsprechen.Ihrunnachgiebigesunddabeiimmer
freundschaftliches Fragen hat sich in jedem Kapitel ausgewirkt und mir an
manchenStellenerstaufdieSprüngegeholfen.DasssieindieserZeitmeineTexte
unserergemeinsamenLektürevonMontaignesEssaisvorgezogenhaben,istfast
schon beschämend, auch wenn Montaigne, der den Ruhm so gering und die
Freundschaftsohochschätzte,sicherVerständnisgehabthätte.
MankannübereineArbeitnochsolangenachdenken,amEndetauchtdoch
eine Frage von gänzlich unerwarteter Seite auf. So war es auch bei der in jeder
Hinsicht unterhaltsamen Verteidigung. Neben meinen Gutachtern waren es
Thomas Schmidt, Stefan Gosepath und Thorsten Streubel, die durch ihre sorg-
fältigeVorbereitungkeineLangeweileaufkommenließen.
WirklichfertigisteineDissertationerstmitderDrucklegung.Davorhatteich
nochdieGelegenheit,einigeUnklarheitenzukorrigieren,wobeimirauchdasvom
VerlagzurVerfügunggestellteGutachtengeholfenhat,dassichvorallemaufdie
methodologischenÜberlegungenimSchlusswortausgewirkthat.
DieArbeithätteichnieschreibenkönnen,wäresienichtgroßzügiggefördert
worden.BeiderStudienstiftungdesDeutschenVolkes,diediesePromotioninden
ersten drei Jahren finanziert hat,wartet man bereits auf ein Belegexemplar. Ich
VI Danksagung
möchteauchmeinenElterndanken,diemichdieganzeZeitüberohneWennund
Aberundimmerliebevollunterstützthaben.
AmwichtigstenwarfürmichdieUnterstützungvonNadineFleischhut,diees
über den gesamten Zeitraum nicht nur mitdem Text, sondern auch mit seinem
Autor zu tun hatte. Meine Faszination für Scham- und Schuldgefühle ist schon
etwasälter.InderArbeitgehtesaberaußerdemumAnerkennung,unddieserTeil
verdanktihrmehr,alsdasbeieinemwissenschaftlichenTextgewöhnlichderFall
ist.
Zu den Lesern, die die Entstehung begleiten, gesellen sich jene, bei denen
diese in überschaubarer AuflageverbreiteteFlaschenpost ankommt. Ichbinge-
spanntaufdieReaktionen.WerFragenoderAnmerkungenhat,kanndiesegerne
an die E-Mail-Adresse [email protected] schicken. Vielen Dank im
Voraus.
Inhalt
Danksagung V
Einleitung 1
Was ist ein Kompliment? 15
. Komplimente machen 16
. Sich für Komplimente bedanken 22
. Der Wert von Wertschätzung 24
. Die Gegenseitigkeit von Wertschätzung 27
Anerkennung 29
. Spielarten der Anerkennung 33
. Anerkennung und ihr Gegenstand 36
Streben nach Anerkennung 44
. Anerkennung als Nebenprodukt? 44
. Anerkennen als Handeln für andere 48
. Kritik und Anerkennung 50
Selbstachtung 52
. Wie schätze ich mich selbst? 52
. Formen der Selbstachtung 53
. Selbstachtung und Selbstverständnis 55
. Der hypothetische Andere 56
. Äußere Bedingungen der Selbstachtung 57
. Demütigung und Selbstachtung 61
Scham 66
. Eine erste Charakterisierung 66
. Scham angesichts eines Makels oder eines Versagens 68
. Scham als Augenblicksgefühl 77
. Die Fragwürdigkeit von Schamgefühlen 87
Schuld 91
. Scham und Schuld: Einige Unterschiede 92
. Schuldgefühle und abstrakte Moral 98
VIII Inhalt
Scham versus Schuld 105
. Einige Rehabilitationsversuche von Schamgefühlen 105
. Das Unbehagen am Schuldgefühl 111
. Scham- und Schuldgefühle 115
Schluss 116
Bibliographie 120
Namenregister 123
Sachregister 124
Einleitung
WasmachtScham-undSchuldgefühleaus?Woraufwürdenwir,woraufmüssten
wirverzichten,wenn uns dieDisposition zu diesen Gefühlen abhandenkäme –
oderwennwirunsentschließenwürden,siealsirrationaleImpulsezubehandeln,
dieeszuüberwindenodereinzuhegen,aberkeineswegszukultivierengilt?
Das Leben wäre zunächst einfacher. Man wäre zwei Gefühle los, die durch
einen bisweilen selbstquälerischen und merkwürdig unproduktiven Charakter
auffallen.Daskönntemansichersparenundmüsstedazuaufvielesanderegar
nicht verzichten. Denn die moralische Praxis setzt in weiten Bereichen keines
dieser Gefühle voraus.Verantwortlich handeln, Rechenschaft über sein eigenes
Verhalten ablegen und ein Verständnis von Rechten und Pflichten haben – das
allesgehtnotfallsauchohnediesebeidenGefühle.
Man könnte sogar einen bedeutenden Teil unseres Repertoires zwischen-
menschlicherGefühlebehalten,insbesonderedenangenehmen:DerFähigkeitzur
Anteilnahme,zuWohlwollen,zurFürsorgewürdemansichnichtautomatischmit
entledigen.Unserezwischenmenschliche PraxisistohneScham- undSchuldge-
fühle inweiten Strecken zumindest denkbar. Das hängt auch damit zusammen,
dassandieseGefühleimmerseltenerappelliertwird.Esistunpopulärgeworden,
anderenabsichtlicheinschlechtesGewissenzumachenodersiezubeschämen.
UnddochsindbeideGefühlenachwievortiefinunserezwischenmenschliche
Praxiseingegraben.EineWelt,inderesdieseGefühlenichtgäbe,würdenwirnicht
wiedererkennen.Wirkönntensienichtalsdieunserebegreifen.
DasliegtnichtnurandermotivierendenKraftdieserGefühle,diehintervielen
Versuchen derBesserungund Wiedergutmachungsteht.Mit ihnen istvor allem
einbesonderesMerkmalunsererzwischenmenschlichenPraxissoengverknüpft,
dass man beide Gefühle nicht aufgeben könnte, ohne auch dieses Merkmal zu
verabschieden: Menschenwollenvon anderen Menschen geschätzt werden. Sie
möchtengeschätztwerdenfürdas,wassiesind,fürdas,wassieleisten,undfür
das,wassietun.Undwennsieschon danachstreben,etwasgutoderrichtigzu
machen,wennsienachPerfektionstreben,VerantwortungübernehmenundRe-
chenschaftablegen,solltedasbesserauchgewürdigtwerden,insbesonderevon
bestimmten Personen.Wonach sie dabei streben, ist Anerkennung. Und Aner-
kennung oder, um genau zu sein, Anerkennungskonflikte sind das Thema von
Scham-undSchuldgefühlen.
NunistWertschätzungeindehnbarerBegriffundderBegriffderAnerkennung
darüberhinaushistorischaufgeladen.InScham-undSchuldgefühlengehtesaber
um eine ganz bestimmte Form der Wertschätzung, die sich durch unseren ge-
samtenAlltagzieht.DieBezeichnungAnerkennungist,wiesichnochzeigenwird,
dabei nicht willkürlich gewählt. Dennoch beginnt die Argumentation nicht mit
2 Einleitung
einem Rückgriff auf einen bereits ausgearbeiteten Anerkennungsbegriff. Sie be-
ginntmitderAnalyseeinzelnerGestenderWertschätzung:demKompliment,das
einePersoneineranderenmacht,unddemeinfachenAusdruckderDankbarkeit
desjenigen,derdieseGesteerwidert.
Ausgehend von der Frage, was sich in einem Kompliment und der korre-
spondierenden Erwiderung ausdrückt, lässt sich ein Anerkennungsbegriff re-
konstruieren,der fest in unserermoralischen Praxisverwurzelt ist. Das Streben
nach dieser bestimmten Form der Anerkennung ist für uns in jeder Hinsicht
zentral. Es motiviert einen großen Teil unseres Handelns.Und es ist eben auch
grundlegendfürunserpraktischesSelbstverständnis:WennwirkeinenWertauf
die Anerkennung anderer legen würden, hätten wir auch keine Disposition zu
Scham- oderSchuldgefühlen.
Anerkennung
Die wichtigsten Merkmale dieses Anerkennungsbegriffs seien hier kurz zusam-
mengefasst.JemandenfürseineZuverlässigkeitoderseineFähigkeitenanerken-
nen heißt nicht nur, seine Meinung auszudrücken, dass er richtig handelt oder
etwas gut macht, sondern dies auch zu würdigen. Man muss bereit sein, das
VerhaltenoderdieQualitätenderPersonzuhonorieren,anstattesauszunützen.
AnerkennungsetztalsodieBereitschaftvoraus,demAnderenzugewähren,was
ihmaufgrundseinerHandlungen,LeistungenoderFähigkeitenzusteht.
Siebedeutetferner–unddarüberhinausgehend–dassmandiePersonfür
ihre Handlungen und ihre Leistungen schätzt. Das charakterisierende Merkmal
dieser Wertschätzungist Wohlwollen. MangewährtdemAnderennichtnur,was
ihmzusteht,sonderntutdiesgerne.AnerkennungistunvereinbarmitWiderwille,
NeidoderMissgunst.
DiesewohlwollendeWürdigungvonHandlungen,LeistungenoderQualitäten
des Anderen ist dabei niemals eine einseitige Deklaration. Wer Anerkennung
ausdrückt,gehtdavonaus,dasssiewillkommenistunddeswegenerwidertwird.
BeidemBeispiel,vondemdieAnalyseausgeht,demKompliment,zeigtsichdas
besondersdeutlich.WereinKomplimentmachtunddasaufrichtigmeint,unter-
stellt,dassesdemAnderenzumindestnichtunwillkommenist.Ergehtdavonaus,
dassseinGegenüberdiesesKomplimentwürdigtundihnfürdiesesKompliment
schätzt.UndgenaudasdrücktamEndeeinschlichtesWortderDankbarkeitaus.
EsistnichtsanderesalseineanerkennendeReaktionaufdieGestedesKompli-
ments.
Esistbezeichnend,dassdieErwiderungeinesKomplimentssichoftaufdie
anerkennende Geste als solche bezieht. Die unterstellte Gegenseitigkeit besteht
hiernichtdarin,dassbeideeinanderfürgenaudasselbeanerkennen.Esgehteher
darum,dassbeideningleichemMaßeanderAnerkennungdesAnderenliegt.Und