Table Of ContentBriicken von der Psychosomatik
zur Allgemeinmedizin
Reihenherausgeber:
E. Petzold, Hj. Mattern, G. Bergmann, H. A. Zappe
Wolfgang Eich (Hrsg.)
Psychosomatische
Rheumatologie
Geleitwort von A. Weintraub
Vorwort von P. Hahn
Springer-Verlag
Berlin Heidelberg New York
London Paris Tokyo
Hong Kong Barcelona
Budapest
Dr. med. Wolfgang Eich
Leiter der Rheuma-Ambulanz
Medizinische Klinik
Abteilung Innere Medizin II
Bergheimer StraBe 58
W-6900 Heidelberg, BRD
Umschlagzeichnung: F. Dicke, W-5632 Wermelskirchen, BRD
Die Deutsche Bibliothek - CIP-.Einheitsaufnahme
Psychosomatische Rheumatologie / WEich (Hrsg.).
- Berlin; Heidelberg; New York; London; Paris; Tokyo;
Hong Kong; Barcelona; Budapest: Springer, 1991
(Briicken von der Psychosomatik zur Allgemeinmedizin)
ISBN-13: 978-3-540-53915-5 e-ISBN-13: 978-3-642-76565-0
DOl: 10.1 007/978-3-642-76565-0
NE: Eich, Wolfgang [Hrsg.]; GT
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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1991
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Geleitwort
Es ist mir eine groBe Ehre und Freude, zu diesem Band iiber
psychosomatische Rheumatologie ein Geleitwort schreiben zu
konnen.
Als praktizierender Rheumatologe wurde mir im Laufe der
Jahrzehnte immer mehr bewuBt, daB die rein somatische Rheu
matologie weder der Klinik noch vor allem der Praxis gerecht
wird. Allzuoft sah ich mich hilflos vielen organischen Rheuma
patienten mit ihren psychischen und sozialen Problemen gegen
iiber, beinahe noch mehr den "funktionellen" Rheumapatien
ten mit ihren psychosomatischen Schmerzsyndromen.
Aus dieser Not und angeregt durch die Begegnung mit
Michael Balint habe ich die Gesellschaft fUr Psychosomatik in
der Rheumatologie gegriindet, die sich seit 1972 in Arbeits
tagungen und Symposien den verschiedensten Aspekten der
Psychorheumatologie gewidmet hat.
In diesen Jahren hat die ganzheitliche Betrachtungsweise
aber Fortschritte gemacht. Wahrend vor 25 Jahren der Psycho
somatiker in klinischen Schmerzkolloquien kaum ernst genom
men, beinahe belachelt wurde, so hat sich die Situation gliickli
cherweise gewandelt. Psychosomatik wird zunehmend ein wich
tiger Bestandteil der Rheumatologie, sowohl der Grundlagen
forschung wie der Behandlung.
Sinn und Zweck unserer Arbeit ist die Uberwindung des
allzu mechanistischen Modells der Medizin. Denn dieses ist
reduktionistisch, weil es das Ganze durch die Erforschung der
kleinsten Bausteine des Organismus zu erklaren versucht. Es ist
deterministisch, weil es annimmt, gleiche Ursachen hatten stets
die gleichen Folgen. Es ist unpersonlich, weil es die korperli
chen Funktionen nicht individuell und ohne Seele zu verstehen
glaubt. Und es ist ungeschichtlich, weil Erfahrungen darin
keine Rolle spielen.
Unsere Hoffnung liegt auf A.rzten, die durch ihr psychoso
matisches Verstandnis dem Patienten besser und okonomischer
VI Geleitwort
zu helfen wissen und, was ebenso wichtig ist, in ihrem Arztsein
eine tiefere Befriedigung finden.
Ich wunsche deshalb dem vorliegenden Buch eine moglichst
breite Leserschaft.
Zurich, im Februar 1991 Arnold Weintraub
Vorwort
Dieses Buch versucht, psychosomatische Ansatze mit den Er
gebnissen rheumatologischer Forschung zu verbinden. Wie
kam es dazu?
Der iiuBere AnlaB war das 5. Arbeitstreffen "Briicken von
der Psychosomatik zur Allgemeinmedizin" mit dem Leitthema
"Psychosomatische Rheumatologie", das im Mai 1990 in
Heidelberg stattfand. 1m Rahmen dieser Begegnungen mit Kol
legen aus der Allgemeinmedizin, Fachiirzten, Psychologen und
Psychotherapeuten zeigte sich immer wieder, wie eng die klini
sche Symptomatik, also Schmerz und Bewegungseinschriin
kung, mit psychosozialen Faktoren verbunden ist. Die Unsi
cherheiten iiber das Gewicht der priidisponierenden und der
krankheitsreaktiven Momente sind allerdings sehr groB. Aus
so1chen Gesprachen entstand der Wunsch nach einer iibersicht
lichen Gliederung der Beitrage und orientierenden Ergiinzun
gen.
Fiir Heidelberg ist die Rheumatologie eher randstiindig ge
wesen. Trotz eines sehr breiten theoretischen Interesses, das
z. B. Viktor von Weizsiicker als Neurologe und Herbert Pliigge
als Internist zeigten, ist es lange Zeit zu keiner praktischen
Verstiindigung mit der Rheumatologie gekommen. Aus dem
Kreis um Viktor von Weizsacker war es Wilhelm Kiitemeyer,
der iiber die psychotherapeutische Behandlung einer Patientin
mit chronischer Polyarthritis berichtete. Paul Christian und
Paul Vogel haben sich im Rahmen seiner Gestaltkreislehre
theoretisch mit den Problemen von "Wahrnehmen und Bewe
gen" beschiiftigt. Die schieBlich von Wolfgang Rapp gegriin
dete Arbeitsgruppe Rheumatologie an der Medizinischen Uni
versitatsklinik Heidelberg wurde von ihm immunologisch und
klinisch-psychosomatisch ausgerichtet. Hans-Joachim Gebest
festigte die Arbeitsgruppe klinisch und institutionell. Wolfgang
Eich als Internist und Psychotherapeut hat diese Arbeit aufge
nommen und unter psychosomatischen Gesichtspunkten wis
senschaftlich weiterentwickelt. Sein enger Kontakt mit der ent-
VIII Vorwort
sprechenden Sektion der Medizinischen Poliklinik und den ver
schiedenen Fachgesellschaften fUr Rheumatologie und Psycho
somatik sowie der Gesellschaft fUr Psychosomatik in der Rheu
matologie haben ein breites Feld psychosomatisch orientierter
Rheumatologie eroffnet. Als Ergebnis dieser Bemuhungen liegt
nun dieser erste Sammelband zur "Psychosomatischen Rheu
matologie" vor.
Das Problem der rheumatologischen Erkrankungen er
scheint mir allerdings iihnlich wie bei vie1en anderen psychoso
matischen Erkrankungen darin zu liegen, daB die akademische
Forschung und Lehre bei der Beschiiftigung mit chronischen
Krankheiten eher zuriickhaltend ist. Fur die praktische sowie
die wissenschaftliche Geltung scheint es weniger eindrucksvoll,
sich mit groBem Zeitaufwand und Geduld an die Aufkliirung
und Behandlung komplexer Fragen bei chronischen Erkran
kungen zu begeben, als eindrucksvolle und schnellwirkende Ver
fahren, wie z. B. in der Kardiologie oder der Notfallmedizin, zu
entwickeln. Auch die groBen Leistungen der Transplantations
medizin mobilisieren wesentlich mehr Aufmerksamkeit und fi
nanzielle Ressourcen als die eher zeitaufwendige Beschiiftigung
mit Leiden chronisch kranker Patienten. Nur Fritz Hartmann
hat als besonderes Thema seiner wissenschaftlichen Arbeit im
mer wieder die Bedeutung chronischer Erkrankungen in den
Vordergrund geruckt und uns daher nicht nur als Rheumatolo
gen, sondern auch als Psychosomatikern und akademischen
Forschern Impulse und Mut gegeben. So sollten wir weder
durch die Komplexitiit der sich stellenden Probleme noch durch
die Chronizitiit der Krankheitsentwicklung abgeschreckt wer
den, die Beitriige, die die psychosomatische Diagnostik und
Therapie leisten kann, deutlicher zu beschreiben und klarer zu
analysieren. Insofern ist der vorgelegte Beitrag ein weiterer
Schritt zur Vertiefung und Differenzierung der von uns ange
strebten internistischen Psychosomatik.
Heidelberg, im Februar 1991 Peter Hahn
Einfiihrende Bemerkungen
Die psychosomatische RheurnatoJogie ist eine junge medizi
nische Disziplin. Sie ist Teil der Integration der sich immer mehr
differenzierenden Psychosomatik in die moderne Rheumatolo
gie. Inhaltlich geht es dabei urn die systematische Integration
neuer Erkenntnisse aus Psychoanalyse, Gestalttherapie, Psy
chologie, Familientherapie und Anthropologie in die Rheuma
tologie. Dabei greift der vorliegende Band einen grundsiitz
lichen Aspekt der Rheumatologie auf. Es geht urn den implizit
psychosomatischen Aspekt jeder rheumatischen Erkrankung.
Schmerz uhd Bewegungseinschriinkung als die Kardinal
symptome der rheumatischen Erkrankungen stehen hierbei im
Vordergrund und werden auf ihre jeweilige subjektive Bedeu
tungsmoglichkeit hin untersucht.
Teil I (Anamnese - "Erinnern") beginnt mit einer Vorle
sung, die Viktor von Weizsiicker 1938 im Horsaal der Ludolf
Krehl-Klinik in Heidelberg gehalten hat. Trotz des historischen
Abstands ist diese Vorlesung aktuell, weil sie eines der grundle
genden Probleme nicht nur der psychosomatischen Rheumato
logie, sondern der Medizin thematisiert, niimlich die Mitarbeit
des Patienten an der Gestaltung der Krankheit. Es folgt ein
Beitrag von Fritz Hartmann, der sich in kritischer Auseinan
dersetzung mit Weizsiicker immer wieder mit der iirztlichen
Anthropologie beschiiftigt hat. Sein Beitrag tiber die Anthro
pologie des Schmerzes war der Festvortrag zu Eroffnung der
24. Tagung der Deutschen Gesellschaft fUr Rheumatologie
zusammen mit der 15. lahrestagung der Gesellschaft zum
Studium des Schmerzes fUr Deutschland, Osterreich und die
Schweiz am 25. September 1990 in Hannover. Er versucht in
diesem Vortrag Zugang zur gesamten Breite des Schmerzphii
nomens zu gewinnen - vom Schmerz als Merkmal der pathi
schen Existenz des Menschen tiber die Beschreibung der Iso
pathie als der Bedingung der Moglichkeit, Schmerz mit- und
nachzuempfinden, bis zur Analyse der Verwendung des Wortes
Schmerz als eines Sprachspiels, das den Versuch darstellt, tiber
X Einfiihrendc Bcmerkungen
eine bestimmte Empfindung Auskunft zu geben und mit einem
anderen Menschen dariiber in einen Dialog einzutreten. Dann
folgt der kulturhistorische Beitrag von August Nitschke, der
daran erinnert, da13 Bewegungseinschriinkungen und Bewe
gungsmoglichkeiten nicht nur im historischen Rahmen wahrge
nommen werden k6nnen, sondern auch ihre geographischen
Besonderheiten haben und kulturell iiberformt sind. Sein An
satz einer historischen Verhaltenswissenschaft ist gleichzeitig
h6chst originell und intellektuell anregend. Den Abschlu13 des
ersten Teils bildet ein Artikel unter Federfiihrung von Rolf
Adler, der sich schon seit langem mit den individuellen Voraus
setzungen der Schmerzempfindung beschiiftigt und in diesem
Zusammenhang versucht, Georg Engels These yom "schmerz
geneigten" Patienten wissenschaftlich zu untermauern.
In Teil II (Diagnose - "Erkennen") geht es urn das erken
nende Beschreiben von Schmerz und Bewegungseinschriinkung
und ihre Einordnung in die traditionellen Wissenssysteme der
Rheumatologie und der Physiologie, der Praxis und der Klinik.
Henning Zeidler und ich geben als EinfUhrung in die Rheu
matologie einen kurzen Aufri13 der aktuellen Bemiihungen
urn Definition, Terminologie, Klassifikation und Nosologie
rheumatischer Erkrankungen. Karl Me13linger und Robert F.
Schmidt referieren aus ihren neueren Forschungen iiber die
neurobiologischen Grundlagen der Schmerzentstehung und
-verarbeitung im Gelenk. Rieke Alten berichtet anhand von
Kasuistiken aus der praktischen Rheumatologie und gibt Hin
weise auf die Psychoneuroimmunologie. Mein anschlie13ender
Beitrag beschiiftigt sich mit den M6glichkeiten und Schwierig
keiten einer psycho soma tisch orientierten klinischen Rheuma
tologie in einer Universitiitsklinik. Er enthiilt praktische Hin
weise fUr den Behandlungsverlauf.
Teil III (Therapie - "Behandeln") ist der Therapie verpflich
tet. Hier werden unterschiedliche Behandlungskonzepte vorge
stellt, die aus verschiedenen Blickwinkeln jeweils spezifische
Aspekte der Therapie rheumatischer Erkrankungen beleuchten.
Kay Brune als Pharmakologe berichtet Grundsiitzliches iiber
den Umgang mit Antiphlogistika und teilt die Ergebnisse seiner
Studien mit. Hildegund Heinl, langjiihrige niedergelassene
Orthopiidin und Gestalttherapeutin, berichtet riickblickend
iiber ihren gro13en Erfahrungsschatz von Patienten mit psycho
somatischen Schmerzsyndromen am Bewegungsapparat. Peter
Canzler - von der Psychoanalyse herkommend - versucht, K6r
pererfahrungen als eine Conditio sine qua non in eine neue,
psychoanalytisch begriindete Therapie fUr Patienten mit chro-
Einfiihrende Bemerkungen XI
nischen Riickenschmerzen zu integrieren. Den AbschluB bildet
der Aufsatz von Rosmarie Welter-Enderlin, die von einem ganz
anderen Standpunkt aus, niimlich dem der systemischen Fami
lientherapie, den familiiiren Kontext von Patienten mit chroni
scher Polyarthritis beschreibt. Gelegenheit dazu hatte sie durch
ein Forschungsprojekt mit der rheumatologischen Universi
tiitsklinik Ziirich und dem Institut fUr Familientherapie. Ihr
Beitrag endet mit einer Reihe von Ratschliigen an den niederge
lassenen Arzt und zeigt damit auch die praktische Re1evanz
ihrer Arbeit auf.
Die einzelnen Beitriige, insbesondere die klinischen und the
rapeutischen, versuchen ihren Zugangsweg jeweils durch Kasu
istiken zu erliiutern. So finden sich in diesem Band eine Fiille
von Kasuistiken zur psychosomatischen Rheumatologie. Da
mit wird aus methodischer Sicht deutlich, daB neben der grup
penstatistischen Analyse die Einze1fallstudie ein wesentliches
Element der psychosomatischen Forschung ist.
Das Buch wendet sich an unterschiedliche Interessengrup
pen. Der Student wird wohl am ehesten durch die Kasuistiken
angesprochen sein und die Niihe zur praktischen Medizin. Der
Praktiker solI einen Uberblick iiber die wesentlichen Methoden
einer psychosomatisch orientierten Rheumatologie erhalten
und einige praktische Ratschliige mitnehmen konnen. Dem Kli
niker und dem medizinischen Psychologen kann deutlich wer
den, wie Ergebnisse der Grundlagenforschung der psychoso
matischen und psychosozialen Medizin zunehmend in der
Rheumatologie FuB fassen. Dem Wissenschaftler solI die Fiille
der Ansiitze vor Augen gefUhrt werden, die ihm als Ansporn
dazu dienen sollen, auch seine Ergebnisse in die alltiigliche
Rheumatologie zu integrieren. Denen aber, die meist am niich
sten mit den Rheumapatienten zu tun haben, den Kranken
schwestern, Krankenpflegern, den Sozialarbeitern, den Mas
seuren und Krankengymnasten, den Laienhelfern sowie den
interessierten Laien solI zu ihrer eigenen Bereicherung der weite
Bedeutungshintergrund schmerzhafter Bewegungseinschriin
kung deutlich werden. So wiinsche ich dem Buch moglichst
viele interessierte und neugierige Leser.
Heidelberg, im Februar 1991 Wolfgang Eich