Table Of ContentGunter Rexilius (Hrsg.)
Psychologie als Gesellschaftswissenschaft
Gunter Rexilius (Hrsg.)
Psychologie als
Gesellschaftswissenschaft
Geschichte, Theorie und Praxis kritischer Psychologie
Westdeutscher Verlag
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Psychologie aIs Gesellschaftswissenschaft:
Geschichte, Theoric u. Praxis krit. Psychologie/
GUnter Rexilius (Hrsg.). - Opladen: Wcstdt.
VerI., 1988
ISBN 978-3-531-12017-1 ISBN 978-3-322-97001-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-97001-5
NE: Rexilius, GUnter [Hrsg.]
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Inhalt
Vorwort ............................................................................ 7
I. Einfiihrung
Gunter Rexilius
Eine Standortbestimmung kritischer Psychologie ...... .................... 12
II. Entstehung und Entwicklung - exemplarisch gesehen
Peter Mattes
Das PI in Berlin - Wissenschaftskritik und Institution.
Zur Geschichte eines psychologischen Instituts .. . . . .. . . . . . . . . . ... . . . . . ... . 28
Adam Zurek / Ali Wacker
Studentenbewegung in der Provinz - AnHinge und Niedergang
der Psychologiekritik und einer kritischen Psychologie
an der Ruhr-Universitiit Bochum ..... ........... ............................. 62
Siegfried Grubitzsch
Zur Geschichte der Zeitschrift "Psychologie & Gesellschaftskritik" .. 85
III. Verbindung von Personlichem, Politischem
und Psychologischem
Alfred L. Lorenz
Berufspraxis als kritischer Psychologe - Wandel und Bestiindigkeit 116
Adam Zurek
Moglichkeiten und Grenzen kritisch-psychologischer Arbeit
in der Praxis ...................................................................... 132
Franz Dick
Fruchtbare Augenblicke. Situationen und Gedanken
einer wissenschaftlichen Laufbahn ..................................... ...... 150
Klaus-Jurgen Bruder / Almuth Bruder-Bezzel
Das Individuum im kulturellen Diskurs. Reflexionen zur Methode ... 172
Peter Groskurth
Vom Psychologiekritiker zum Psychotherapeuten - ein Werdegang 190
IV. Begegnungen mit kritischer Psychologie und die Folgen
Tamara Markert
Die Relevanz der Kritischen Psychologie fUr das studentische
Ausbildungsinteresse und fUr die Praxis - Kritische Psychologie
am Psychologischen Institut der Freien Universitiit Berlin
aus studentischer Sicht . . . . . . .. . . . .. . . . . . . . . . . .. . . .. . .. ... . . .. . . . . . . .. . .. . .. . . . .. 208
6 Inhalt
Innsbrucker Autorenkollektiv
Kritische-Psychologie-Geschichte in Innsbruck.
Bis zur Weifiwurstgrenze - TMU? ......................................... 227
Hubert Lobnig / Brigitte Schuster / Reinhilde Trinks
Kritische Psychologie in Osterreich - Am Beispiel der GeseJlschaft
kritischer Psychologen und Psychologinnen ..................... '" . . . . .... 245
V. Ergebnisse zwanzigjahriger Arbeit
Christiane Schmerl
Die Frau im Mond: weit entfernt, doch klar sichtbar.
Feministische Psychologie in der Bundesrepublik .... . .. . . . ... ... ...... . .. 256
Axel-R. Oestmann
Politische Psychologie, politische Identitat.
Zur Methode der Politischen Psychologie Peter Briickners ............. 276
Klaus Holzkamp
Die Entwicklung der Kritischen Psychologie zur Subjektwissenschaft 298
Karl Miitzler
Frei flottierende Psychoanalyse an unsicheren Orten.
Kritische Psychoanalyse in Osterreich am Beispiel der Salzburger
Werkstatt fUr Gesellschafts- und Psychoanalyse .......................... 318
Hans Wenzl
Einige Bemerkungen zur Entwicklung
der Sozialpsychiatrie in der Bundesrepublik ... ........ . . . . .. .... . . ........ 333
Wolfgang Jantzen
Kritische Psychologie in der Behindertenpadagogik .. .. . . .. .... . . . ....... 352
Giinter RexiJius
Abrifi der Ausgangspunkte, der theoretischen Grundlagen
und der Arbeitsergebnisse kritischer Psychologie ......................... 373
Nachbemerkung ........................................................... , ............ , 393
Anhang
Dokumente ............. , ........... , . '" .. . . ......... ... . . ... . . . .. .. . . . . .. .. . . . .... ... 398
Ausgewiihlte Literatur . .... . ... .. ... . . .. .. ... . .. ... . ... . .. .. . . .. . . . . . .... . . . .. ... . .. 411
Wichtige Zeitschriften und Anschriften ......................................... 421
Autorenverzeichnis ...................................................................... 422
Personenregister .......... , .............................................................. 426
Vorwort
Zwanzig Jahre danach - ein AnlaJ3 die Frage zu stellen, was aus der kriti
schen Psychologie geworden ist. Die Jahre urn 1968 haben ihre Schatten auf die
niichsten zwei Jahrzehnte geworfen, was jeder weiB, der an dem Geschehen
unmittelbar beteiligt war oder es aus sicherer - in mancher Hinsicht ein wort
lich zu nebmendes Attribut - Entfemung beobachtet und seine Auswirkungen
verfolgt hat. Diese Einschiitzung gilt auch fUr die Wissenschaft - sie hat die
theoretischen Instrumente zur Verfiigung gestellt, die notwendig waren, urn
Strukturen und Verhiiltnisse der aktuellen Wirklichkeit zu erkennen, den histo
rischen Hintergriinden ihres Entstehens nachzugehen, ihre Auswirkungen auf die
Lebenswirklichkeit jedes einzelnen Menschen zu verfolgen und Fragen an die
akademischen Umgangsformen mit diesen Verstiindnisebenen zu stellen.
Dieses Buch berichtet iiber die Griinde fUr die damalige Unzufriedenheit
vieler Psychologiestudenten mit der traditionellen - oder biirgerlichen -
Psychologie. Einige Autoren beschreiben die Etappen, die die Psychologiekritik
seither durchlaufen hat; andere informieren dariiber, wie aus ihr - aufgrund
welcher Erfahrungen, mithilfe welcher theoretischen und methodischen Hilfsmit
tel und mit welchen Zielvorstellungen eine kritische Psychologie entstanden ist.
Verschiedene Beitriige machen, resiimierend und riickblickend, vertraut mit der
Substanz kritischer Psychologie, verfolgen die verschiedenen Wege, die zu ihr
gefUhrt haben - und noch fUhren -, stellen ihre Arbeitsergebnisse in Theorie
und Praxis dar und zeichnen die Umrisse ihrer moglichen weiteren Entwick
lung; in anderen werden die gesellschaftlichen, institutionellen und inhaltlichen
Grundlagen dieser neuen Psychologie und ihr veriindertes Gegenstandsverstiind
nis skizziert; schlieBlich schildem damals Beteiligte, wie ihr auBeruniversitiirer
Kontakt mit menschlichem Leiden und das Bemiihen, seinen sozialen und
gesellschaftlichen Griinden nachzusptiren, personliches, wissenschaftliches und
politisches Werden miteinander verbunden hat.
Zur kritischen Psychologie, wie sie hier verstanden wird, gehOren die theo
retischen und praktischen Ansiitze, die als Produkt der gesellschafts- und wis
senschaftskritischen Revolte aus iihnlichen Grunden und mit vergleichbaren
Zielen entstanden sind: Kritische Psychoanalyse und feministische Psychologie,
Sozialpsychiatrie und Gemeindepsychologie, "k"ritische und "K"ritische und
Politische Psychologie. Ihre Vertreter verbindet die bewuBte Erfahrung mit
vieIniltigen Formen von Verelendung auch hierzulande und die Emuchterung
tiber das Desinteresse der Humanwissenschaften an ihren gesellschaftlichen
Ursachen; gemeinsam ist ihnen nach wie vor die Unzufriedenheit mit dem
verkiirzten Theorieverstiindnis bzw. der Theorielosigkeit der Mainstream
Psychologie und dem ibm angepaJ3ten Methodenfetischismus; sie haben neben
einander in Randgruppen- oder sozialer Feldarbeit lebensnahe Erkenntnisse
8 Vorwort
tiber den menschlichen Gegenstand von psychologischer Wissenschaft gewonnen
und sich die Grundlagen gesellschaftsanalytischer Wissenschaft als kritische
Werkzeuge flir Hand und Kopf angeeignet.
Mit diesem Buch verbindet sich die Hoffnung, die verschiedenen kritisch
psychologischen Richtungen einander niiherzubringen. Angesichts der in den
letzten Jahren zunehmenden Tendenz der kritisch-psychologischen Teildiszipli
nen, sich voneinander zu entfernen und zu isolieren, sollen die kritischen
Psychologen an ihre - nach wie vor ihnen gemeinsamen - Grundlagen erin
nert werden. Die gegenwartigen Diskussionen und Projekte im kritisch
psychologischen Umfeld lassen beflirchten, daB einerseits die gemeinsame Basis
aufgegeben wird oder an Bedeutung verliert, daB andererseits bei weiterer
Zersplitterung des akkumulierten theoretischen und methodischen Potentials im
Laufe der nachsten Jahre aile Gruppen in ihren selbstgeschaffenen Gettos ver
schwinden werden. Die vorliegende Bestandsaufnahme soli dieser Entwicklung
entgegenwirken, indem sie zur Diskussion und Kooperation auffordert und
ermuntert. Sie ist zu einer Zwischenbilanz geworden, die deutlich werden laBt,
welche Moglichkeiten in einer kritischen Psychologie angelegt sind, deren ein
zelne Bestandteile sich zu theoretischer und praktischer Synthese verbinden.
Adressaten dieses Buches sind deshalb erst einmal die Akteure der verschie
denen kritisch-psychologischen Richtungen, die zur "Grtindergeneration"
gehoren; sie sollen nicht zu nostalgischer Schwarmerei verleitet sondern zu
Fragen angeregt werden an die damaligen Vorstellungen und Ziele: Was ist aus
ihnen geworden und warum - und was konnte noch aus ihnen werden? Dann
wendet das Buch sich an die Psychologiestudenten, die Zugang zur kritischen
Psychologie gefunden haben; ihnen sollen Informationen zum historischen
Hintergrund und kompakte Darstellung kritisch-psychologischen Wissens helfen,
Zweifel und Widerspruche als Vehikel ihres Beitrags zu theoretischer und prak
tischer Weiterentwicklung kritischer Psychologie zu nutzen. Drittens sind die
Vertreter und Anhanger traditioneller Psychologie angesprochen; ihnen sollen
Wege zu kritisch-psychologischen Denk- und Handlungsmoglichkeiten erschlos
sen werden, die sie aus der Sackgasse verkurzter Theorie und beengter Metho
dik herausflihren konnten.
Neben den "fachinternen" Zielgruppen will das Buch die gesellschafts- und
sozialwissenschaftlichen Kollegen auf die Ergebnisse sozial-psychologischer
Forschung in einer Nachbarwissenschaft hinweisen, die veranderte Perspektiven
auch flir die Untersuchung des Gesellschaftlichen erschlieBen. AuBerdem sollen
Lehrern, Padagogen und Erziehern, flir die psychologisches Wissen ein Hilfs
mittel fur ihre praktische Arbeit ist, Kenntnisse nahegebracht werden, die ihnen
helfen konnen, "normale" wie "schwierige" Adressaten ihrer Tatigkeit als
Produkt von LebensverhaItnissen zu verstehen und zu behandeln. Und schlieB
lich helfen aile Beitrage dieses Bandes interessierten Nichtfachleuten, eine
psychologische Wissenschaft und Praxis kennenzulernen, die sich tiber ihren
Vorwort 9
Alltag nieht erhebt, sondern gerade ibn zum Gegenstand von Naehdenken,
Unterstiitzen und Veriindern gemaeht hat.
Dankbar fUr viele Anregungen und Hilfestellungen, die zum Gelingen beige
tragen haben, bin ieh Adam Zurek und Peter Mattes.
Giinter Rexilius
I.
Einfiihrung
Eine Standortbestimmung kritischer Psychologie
Gunter Rexilius
Der Versuch, iiber kritische Psychologie zu berichten, kann es nicht bei
einer Aufzahlung theoretischer Ansatze und einer Einfiihrung in inhaltliche
Schwerpunkte und praktische Interventionsstrategien belassen. Die Beschrei
bung der aktuellen Situation in der kritischen Psychologie verlangt den stiindi
gen Blick auf ihre Entstehung, ihre derzeitige Veriinderung und sich abzeich
nende Perspektiven. Alles scheint in Bewegung, was angesichts der fUr die Ent
wicklung einer Wissenschaft sehr kurzen Zeitspanne von zwanzig Jahren nicht
verwunderlich ist. So beginnt die Darstellung folgerichtig bei den Entstehungs
bedingungen und Voraussetzungen kritischer Psychologie und halt die Grund
lagen fest, die sie anfangs genutzt hat und die spater ihr Fundament wurden; im
AnschluB werden Konturen und Strukturen kritischer Psychologie aufgezeich
net, an denen sich ablesen Uillt, was gegenwartig ihre wesentlichen Arbeitsfelder
und Fragestellungen sind; schlieBlich werden die sich andeutenden oder m6g
lichen zukiinftigen Entwicklungslinien skizziert.
Wie ist kritische Psychologie entstanden? Sie entwickelte sich in Etappen,
die eng mit dem Aufschwung und dem Abflauen der Studentenrevolte in den
Jahren 1968 bis 1970 zusammenhingen. Die an den politischen Aktionen betei
ligten Studenten begannen Fragen zu stellen: Die Psychologie wollte Wissen
schaft yom Menschen sein - harte sie Einblick in sein fremdbestimrntes Leben,
interessierte es sie iiberhaupt? Uber welche Menschen theoretisierte sie eigent
lich? Was wu13te sie von ihnen mehr, als daB sie Versuchspersonen und Klien
ten waren? Und wer waren ihre Auftraggeber fUr psychologische Forschung
und Praxis? Die ersten psychologiekritischen Recherchen offenbarten die distan
zierte, lebensferne Gegenstandsbetrachtung der traditionellen Psychologie, ihre
methodische Orientierung am naturwissenschaftlichen Paradigma und die Kau
salverkiirzung in ihren Erklarungsmustern fUr die Entstehung von Verhalten und
fUr den Ablauf psychischer Prozesse. Der Kongre13 der Deutschen Gesellschaft
fUr Psychologie im Jahre 1968 in Tiibingen bot den studentischen Vertretern
der Psychologiekritik Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit den etablierten
Hochschullehrern (s. Dokumente). Ihre Fragen nach Ausbildungsinhalten, theo
retischer Relevanz und gesellschaftlichen Beziigen der Psychologie blieben
unbeantwortet, die psychologischen Fachvertreter h6rten gar nicht erst zu und
sahen sich in ihrer Ruhe hinter den Mauern des Hochschulgertos gest6rt - das
ist der vielleicht folgenreichste Sachverhalt der damaligen Situation an vielen
psychologischen Instituten in der BRD. Das beleidigte Schweigen und demon
strative Desinteresse professoraler Gralshiiter der behavioristischen wie der
geisteswissenschaftlichen Psychologietradition verhinderte jeden fruchtbaren