Table Of ContentARGUMENT FRAUEN-
STUDIENHEFTE GRUNDSTUDIUM
SH 44
ARGUMENT - STUDIENHEFT 44
PROJEKT FRAUENGRUNDSTUDIUM
AUTORINNEN: SÜNNE ANDRESEN (HAMBURG), URSULA BLANKENBURG(BERLIN)
ANKE BÜNZ-ELFFERDINGCBERLIN), ISABELL FLEISCHHUT(BERLIN),
FRIGGA HAUG (BERLIN U. HAMBURG), KORNELIA HAUSER(HAMBURG),
URSULA KEMPF(HAMBURG), URSULA LANG (BERLIN),CHRISTEL LOESCH
(HAMBURG), HANNELORE MAY (BERLIN), GABRIELE MI NEUR(HAMBURG),
BARBARA NEMITZ(BERLIN), ERIKA NIEHOFF(HAMBURG),RENATE PRINZ
(BERLIN), MONIKA ROHLOFF(BERLIN), SONJA SCHELPER(HAMBURG),
MARLIESE SEILER-BECK (BERLIN)
AUSSERDEM ARBEITETEN MIT: PETRA DELL 1ANNA(BERLIN), URSULA BORRMANN
(BERLIN), GERLINDE BUHL (LOLLAR), CHRISTIANE G. FABER(BERLIN),
INGE GÖRRES(MÖNCHENGLADBACH), RICHARDA KLAVER-WILRODT(HAMBURG),
BARBARA MELISCHKO(GIESSEN), FELICITAS NICK(GIESSEN),
MARTINA SCHEU(BERLIN), ULRIKE SCHMITZ(GIESSEN),
IRENE WILHELMI (BERLIN)
DM 5,00
©Argument-Verlag Berlin/West 1980. Alle Rechte - auch das der
Übersetzung - vorbehalten. Redaktion und Verlag: Altenstein-
straße 48a, 1000 Berlin 33, Tel.: 030/831 40 79. Auslieferung:
Argument-Vertrieb, Tegeler Straße 6, 1000 Berlin 65, Tel.:
030/461 90 61. ISBN 3-88619-020-X.
INHALT:
t. Wozu und warum Frauengrundstudium? ...... 2
- Was heißt F6S? . 2,
- Wie wir darauf gekommen sind £
- was wollen wir durch das FGS erreichen?. . 4x
- Wie die Wissenschaft aneignen.... .... # 5
- Inhaltliche Gliederung . 6
- Vorschläge zur Vorgehensweise ... 6
2. Was nützt die Erfahrung für die Erkenntnis? 8
- Warum wir ins FGS einen Erfahrungsteil einbringen ...... q
- Thesen zur Diskussion 9
3. Erinnerung an Muttertag < 11
- Soziale Erfahrung I .....11
4. Frauen in unserer Gesellschaft ...15
- Politische Ökonomie 15
- Ideologietheorie 18
- Kritische Psychologie .20
Begründungen und Textvorschläge
5. Familie und Politik .,.. 22
- Vor- und Nachteile der Familie für die Frauen 22
- Wozu brauchen wir im FGS das Studium von Statistiken.... #22
und Daten aus dem Familienbericht?
- Familiendebatte im Deutschen Bundestag (Erziehungsgeld},25
- Geschichte der Familie ; .41
Forschendes Lernen 42
Aneignen des Materials ..43
6. Erziehung zur Weiblichkeit .....46
7. Werkstatt schreibender Frauen - Soziale Erfahrung II 48
- wie schreibt man Geschichten? 49
- Exemplarische Bearbeitung einer Geschichte... .51
- Lernzielbestimmung .60
8. Strategien zur Frauenbefreiung .....;.... .61
- 2 -
1, Wozu und warum Frauengrundstudium (FGS)?
Was heißt FGS?
Frauengrundstudium meint nicht, daß Studentinnen Uber 4 Semester sich nur mit
Frauenproblemen beschäftigen sollen. Stattdessen ist gedacht, daß sie in 2-3
Semestern cich die Grundlagen aneignen, die notwendig sind, um ein Studium
gemäß den eigenen Interessen zu strukturieren und so fähig sind, wirksam für
die Frauenbefreiung zu arbeiten. Diese allgemein nützlichen "Werkzeuge" sol-
len in einem Seminar, das neben dem fachspezifischen Studium läuft, lernbar
sein. Diese Zweigleisigkeit erlaubt unter zeitökonomischem Gesichtspunkt,
das Grundlagenstudium in den normalen Studiengang einzubauen; sie hat zudem
den Vorteil, daß die Grundlagen sofort in anderen Seminaren angewandt und
überprüft werden können. Wie wir erreichen, daß die Grundlagen als Studien-
teil offiziell, z.B. in Form von Scheinen anerkannt werden, müssen wir uns
noch gemeinsam überlegen und ist sicher von Uni zu Uni verschieden leicht
oder schwer dürchzubringen.
Warum interessieren uns gerade Studentinnen?
Angesichts der vielen tausend Frauen,
die nicht studieren und deshalb we-
niger privilegiert sind? Die plat-
teste, aber dennoch richtige Begrün-
dung: Irgendwo müssen wir anfangen.
Alle Frauen auf einmal können wir
nicht einbeziehen, da sie unter-
schiedliche Voraussetzungen und da-
von abgeleitet auch unterschied-
liche Aktionsmöglichkeiten haben.
Wobei wir denken, daß langfristig
das FGS auch von Nicht-Studentin-
nen genutzt werden soll. Warum fan-
gen wir trotzdem gerade bei dieser
Gruppe an? Weil wir selber betrof-
fen sind, d.h. zum großen Teil sel-
ber Studentinnen sind oder auf an-
dere Weise mit der Uni verknüpft
sind. So decken sich unsere Inte-
ressen mit denen der Allgemein-
heit der Studentinnen, und außer-
dem: wir sind zwar privilegiert,
jedoch lernen wir deshalb noch lange nicht, uns durchzusetzen als Frau-
en, die etwas bewegen wollen in dieser Welt. Und da das von staatlicher
Seite niemals angeboten werden wird, müssen wir selber was tun.
Wie wir darauf gekommen sind
In allen sozialwissenschaftlichen Studiengängen - und auf diese im beson-
deren bezieht sich alles folgende, die spezifischen Bedingungen und Heran-
gehensweisen in den Naturwissenschaften müssen wir noch gemeinsam erarbei-
ten - sind fast schon 50% weibliche Studenten. Aber schon bei den Lehren-
den sieht es ganz anders aus, in Bayern z.B. sind von 150 Prof% 3 Frauen.
Was bedeutet der Mangel an lehrenden Frauen für uns? Wir haben kaum jeman-
den, der von unserem Standpunkt aus Wissenschaft und Forschung betreibt
- wobei einzuschränken ist, daß Frauen dies auch nicht automatisch wegen
ihres Frauseins tun. Männer können sich noch so viel Mühe geben - da sie
nicht erleben, was Frausein in unserer Gesellschaft bedeutet, können sie
nicht unsere Sache vertrete*!. Denn es ist nicht ihre Sache, und wer ver-
tritt schon die Interessen anderer anstatt seiner eigenen gut? Dieses äu-
ßert sich darin, daß über Frauen im Zusammenhang mit Wissenschaft weder
geredet noch geschrieben wird. Wir sind alsa bislang nicht nur nicht Sub-
jekt der Wissenschaft - wir machen sie nicht -, sondern auch nicht Objekt
- über uns wird nicht geforscht und geschrieben. Zudem meinen wir, daß ei-
ne Wissenschaft von Menschen, die Frauen ausläßt, keine Wissenschaft sein
kann.
Die naheliegende Forderung ist: Lehrstühle für Frauen. Sie kann überhaupt
nicht ausreichen, denn wir wissen, daß die Durchsetzung eines entsprechen-
den Frauenanteils Jahrzehnte dauern würde. Für uns bedeutet das, daß wir
heute die Veränderung des Studiums selber in die Hand nehmen müssen. Die
Organisierung "von unten" ist unter einem weiteren Gesichtspunkt notwendig.
Zur Zeit wird die Forderung nach Frauenseminaren bereitwillig von Uni-Sei-
te aufgegriffen. Das macht mißtrauisch. Wird nicht versucht, unter dem
Deckmäntelchen "Frauenseminar" etwas zu veranstalten, das die Frauen von
ihren Interessen ablenken soll? Wird nicht versucht, Widerstand in geneh-
me Bahnen zu lenken?
Weitere Hürden, die am Anfang eines Studiums zu überwinden sind: In den mei-
sten Fällen stehen die einzelnen Frauen isoliert vor einem Sammelsurium
von Vorlesungs- und Seminarangeboten, ohne einen Maßstab haben, was wich-
tig für sie ist. Fragen, die notwendig sind, um sich in diesem Wust zu ori-
entieren, haben wir nie zu stellen gelernt. Was ist wesentlich für mich,
raein Studium? Aus welchem Interesse heraus wird dieses Thema angeboten?
In welchem theoretischen Zusammenhang steht die/der Lehrende? Welches In-
teresse wird damit verfolgt? Wer wird zu welchen Handlungen aufgefordert?
Wem nützen die Handlungsanweisungen? Nützen sie mir? .... Dieses Fragen -
und noch viel mehr - ist notwendig, weil Wissenschaft nichts Neutrales ist.
Immer werden damit bestimmte Interessen verfolgt. Wollen wir unisere durch-
setzen, müssen wir einerseits bestehende Angebote kritisch hinterfragen,
andererseits selber einbringen, was wir wollen.
Was wollen wir durch das FGS erreichen?
Wir wollen die Misere der Wissenschaft überwinden und gleichzeitig die Frau-
enbefreiung auf wissenschaftliche Füße stellen, weil wir denken, daß gute
Kämpferinnen Wissenschaft brauchen und daß Wissenschaft, je engagierter sie
ist, notwendigerweise die Frauenbefreiung vorantreibt. Dieser Zusammenhang
ergibt sich aus unserem Verständnis von Wissenschaft. Ist sie nur graue The-
orie? Abgehoben? Eigentlich überflüssig? Zudem noch von Männern gemacht?
Diese Meinung hat ihre Berechtigung in der üblichen Art und Weise, wie Wis-
senschaft gemacht und dargestellt wird. Wir wollen sie, damit sie uns zum
Handeln befähigt. Allgemein gesagt, ist Wissenschaft ein Versuch, die Wirk-
lichkeit zu begreifen. Ohne Theorie kommen wir dabei nicht aus. Entscheidend
ist, wie sie gemacht und angewendet wird. Was Theorie zum Leben bringt, ist
ihr Ausgangspunkt bei praktischen Problemen. Immer dann, wenn ich in eine
Situation komme, die ich verändern will, aber nicht weiß wie, ist es nütz-
lich, nach den Ursachen zu suchen. Wie ist die Situation so geworden? In
welchem Zusammenhang hat sie sich gerade so entwickelt? Dabei reicht oft die
eigene Erfahrung nicht aus. Deshalb der Rückgriff auf Erfahrungen anderer
und deren Erkenntnisse, auf Theorie. Ist es eine "praktische Theorie", kann
ich aus ihrer Kombination mit meinen Erfahrungen Handlungsmöglichkeiten ab-
leiten. Jede Theorie muß sich am Maßstab "Praxis" messen lassen. Nur wenn
sie hilft, die Verhältnisse zu durchschauen und zu verändern, wenn sie ein
Ansatzpunkt ist auch zur Veränderung der Menschen, so daß sie ihre Lebens-
bedingungen selber bestimmen können, hat sie einen praktischen Sinn.Da wir
davon ausgehen, daß die Aneignung des FGS unsere Handlungsmöglichkeiten er-
weitert, ist eine Möglichkeit, das Gelernte umzusetzen und in die bestehen-
den Frauendiskussionen einzugreifen, in den Seminaren Aktionen zu bestimm-
ten Themen zu organisieren. Beispiele dafür sind: Rezensionen zu Frauenbü-
chem, Informationsstände, Wandzeitungen und Leserbriefe.
Wie die Wissenschaft aneignen?
Wir halten es nicht für sinnvoll, ein jahrelanges Bücherstudium so zu betrei
ben, daß wir das vorhandene Wissen auswendig lernen, sondern gehen davon aus
daß wirkliches Aneignen bedeutet, aus der bestehenden Forschung das Berech-
tigte und Nützliche herauszuarbeiten und dahingehend weiterzuentwickeln,
daß es uns Frauen beim Kampf gegen unsere Unterdrückung hilft. Diese Lern-
möglichkeit schaffen wir uns im FGS durch die Selbstorganisierung der Semi-
nare: Ausgehend von den bisherigen Seminarerfahrungen, den erlebten Mängeln
und Stärken, können wir Seminare so zusammenbauen, wie sie uns am meisten
nützen. Da wir Frauen das
FGS selbst durchführen,
bedeutet das, daß wir so-
wohl Lernende als auch
Lehrende sind. Einerseits
müssen wir unseren Wis-
senstand erweitern und
vertiefen: Jede weiß,
daß das Erklären für an-
dere klarere Gedanken
braucht als das Denken
nur für sich allein, und
daß Fragen und Anstöße
der anderen das bislang
Gedachte vervol1ständi-
gen. Andererseits bedeu-
tet Vermittlung Organisierung von Lernprozessen, Strukturieren von Dis-
kussionen, Gruppen zusammenhalten und vorantreiben ... alles Fähigkeiten,
die allgemein nützlich sind, und deren Können uns Frauen stärkt. Konkret
bedeutet das: Alle, die sich im FGS ein Gebiet angeeignet haben, könnten
Tutorinnen eine Gruppe bzw. ein Gebiet übernehmen und damit gewährlei-
sten, daß das FGS "weiterwächst".
Ebenso gehört dazu die eigene Forschung. Die Notwendigkeit ergibt sich aus
den oben beschriebenen Mängeln der Wissenschaft. Zu jedem Thema werden wir
an Grenzen der bisherigen Forschung stoßen, neue Fragen werden sich stel-
len, Probleme offen bleiben. Da müssen wir selber weiterforschen. Dies ge-
schieht insbesondere in den beiden Forschungsgebieten: soziale Erfahrung
und Geschichte der bürgerlichen Kleinfamilie, weil dies zwei Elemente sind,
die uns in unserer "Frauwerdung" bestimmen und uns deshalb Aufschluß geben
über uns und unsere Eingriffsmöglichkeiten. Lernende, Lehrende und Forschen-
de zugleich zu sein, ist einerseits spannend, andererseits anstrengend und
immer wieder verunsichernd, so daß es nur als kollektiver Lernprozeß zu ver-
wirklichen ist.
Inhaltliche Gliederung
Ebenso umfassend und heterogen wie unsere Praxen sind die Grundlagen, von
denen wir denken, daß sie notwendig sind, um zielgerichtet gegen unsere Un-
terdrückung kämpfen zu können. Da wir in bestimmten gesellschaftlichen Struk-
turen leben, müssen wir diese studieren, um eingreifen zu können, d.h. wir
brauchen Politische Ökonomie und Ideologietheorie. Da wir als Menschen in die
sen Verhältnissen keine einfachen Abbilder sind, brauchen wir eine Psycholo-
gie, die Frauen als tätige Subjekte begreift. Zusätzlich sollte die Haupt-
existenzweise von Frauen - die Familie - und ihre Erziehung Gegenstand un-
serer Forschung sein, sowohl in ihrer Gewordenheit als auch in ihren aktuel-
len Formen.
Vorschläge zur Vorgehensweise
Da Frauen im allgemeinen nicht lernen, ihre Interessen zu vertreten, besteht
die Gefahr, daß das FGS so vorgestellt wird, als sei es vollkommen offen in
seinen Inhalten und von den spontanen Bedürfnissen der Frauen abhängig, was
behandelt wird. Das FGS ist ein konkreter, auf die Notwendigkeiten zuge-
schnittener Vorschlag, der weiter ausprobiert, verändert und weiterentwickelt
werden soll und dessen Inhalte nicht beliebig sind, sondern die Grundlage bil
den für die wissenschaftliche Begründung der Frauenbefreiung. Zum praktischen
Oberprüfen muß das Konzept allgemein zugänglich sein, deshalb haben wir es
in schriftliche Form gebracht. Mit dieser Grundlage können sich überall
Frauön zu Vorbereitungsgruppen zusammenschließen, die verantwortlich sind
für die Organisierung der Arbeitsgruppen. Dabei kann es durchaus sein, daß
Vorschläge von uns unklar oder mißverständlich bleiben. In diesem Fall sind
jederzeit Frauen von uns ansprechbar, die Auskunft geben bzw. an die ent-
sprechende Uni gereist kommen. Kontaktadresse:
Projekt FGS
c./o. ARGUMENT-Verlag
AItensteinstr. 48 a
1000 Berlin 33
Zum Erfahrungaustausch und zur gegenseitigen Anregung können sich die schon
arbeitenden Gruppen untereinander bzw. mit neuen Gruppen z.B. zu Wochenend-
seminaren treffen. Dazu müssen alle arbeitenden Gruppen bei der. Kontaktadres-
se gesammelt sein. Zur Koordination und Information könnten wir einen 'FGS-
Rundbrief erstellen, der an alle ins FGS eingebundene Unis geschickt wird.
Dazu sollten aTle FGS-Gruppen ihren aktuellen Stand, ihre Erfolge und
Schwierigkeiten, sowie ihre Verbesserungsvorschläge an die Kontaktadresse
schicken. Perspektivisch könnte die Erstellung des Rundbriefs von Uni zu
Uni rotieren. Trotz Selbstorganisierung sollten wir an den jeweiligen Unis
prüfen, ob es fortschrittliche Dozentinnen gibt, die unsere Sache unter-
stützen und sich fürs FGS engagieren. Ebenso sollten wir Lehraufträge bean-
tragen und die Lehrbeauftragten bestimmen, so daß wir auch kurzfristig fi-
nanziell unterstützt werden.
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2. Was nützt die Erfahrung für die Erkenntnis?
Warum wir ins FGS einen Erfahrungsteil einbringen
In vergangenen Frauenseminaren, gleichgültig ob wir sie selbst organi-
sierten oder Teilnehmerinnen waren, zeigte sich folgendes: Ein Teil der
Frauen hatte den Anspruch an das Seminar, daß hier nun endlich der Ort an
der Universität sein sollte, wo sie ihre persönlichen Erfahrungen einbrin-
gen können. Der Umgang mit Theorie schien ihnen zu abgehoben, hatte nichts
mit ihnen zu tun und wurde deshalb strikt abgelehnt. Sie wollten sich wohl-
fühlen und ein persönliches Klima schaffen. Dies war ihrer Meinung nach
durch die gemeinsame Anstrengung der Aneignung von Theorie unmöglich. Der
andere Teil der Frauen wollte sich dagegen nur mit Theorie beschäftigen,
sie hielten Erfahrungen für überflüssig. Der Konflikt, unmittelbar aus per-
sönlichen Erfahrungen bzw. nur aus der Theorie lernen zu wollen, erschwerte
die Arbeitsbedingungen für alle. Außerdem interessierten sich nicht alle
Frauen für die Erfahrungen der anderen. Das Resultat: große Unzufriedenheit
bei den Teilnehmerinnen und das Zusammenschrumpfen des Seminars auf die Hälf-
te der Frauen.
Leider hatten wir ungefähr an dieser Stelle aufgehört, zu hinterfragen und
zu klären, welchen Stellenwert unsere persönlichen Erfahrungen haben, was
und in welcher Form sie zum Erkennen von Zusammenhängen beitragen und damit
Veränderungsmöglichkeiten aufzeigen können. Damit dieses Problem sich nicht
wochenlang durchs Seminar zieht, empfehlen wir, zu Beginn den Stellenwert
und Nutzen von Erfahrungen zu erarbeiten. Als Orientierungshilfe schlagen
wir das folgende Papier vor.
Warum verwenden wir einen Text zum Rollenspiel? Im Rollenspiel wird die Er-
fahrungwelt des Alltags dargestellt. Uns schienen Textauszüge aus Frigga Haugs
"Kritik des Rollenspiels" dazu geeignet, die Diskussion um Alltagserfahrun-
gen und deren Nutzen für die Erkenntnis zu führen. Sowohl das Rollenspiel als
auch das Erzählen persönlicher Erfahrungen sind Praxen, mit sozialen Erfah-
rungen umzugehen.
Zur Vermeidung von Verwirrung in der Diskussion definierten wir die Begriffe:
Erfahrung, Erkenntnis, Theorie und Praxis.
Erfahrung ist der Prozeß des Erlebens selbst.
Erkenntnis bedeutet das Begreifen des Aufbaus, der Struktur und des Gewor-
denseins.
Theorie baut auf Erfahrungen auf, sie ist jedoch nicht identisch mit Erfah-
rungen, sondern ist deren Verallgemeinerung und Verarbeitung.
Praxis ist das Handeln der Menschen.