Table Of ContentMaindok . Professionelle InterviewfUhrung in der Sozialforschung
Reihe Sozialwissenschaften
Band 21
Professionelle
Interviewfuhrung in der
Sozialforschung
Interviewtraining:
Sedarf, Stand und Perspektiven
Herlinde Maindok
2. Auflage
Centaurus Verlag & Media UG 2003
Zur Autorin: Herlinde Maindok ist Diplom-Soziologin. Sie habilitierte 1995 an er Universitat
Dortmund und ist dort gegenwartig an der Fakultat fOr Wirtschafts- und Sozialwissenschaf
ten als Akademische Ratin tatig.
Die Drucklegung erfolgte mit freundlicher Unterstotzung der deutschen Forschungsgemein
schaft.
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Maindok, Herlinde
Professionelie InterviewfOhrung in der Sozialforschung :
Interviewtraining: Bedarf, Stand und Perspektiven 1 Herlinde
Maindok. - Herbolzheim : Centaurus VerI., 2. Aufl. 2003
(Reihe Sozialwissenschaften ; Bd. 21)
ISBN 978-3-8255-0015-3 ISBN 978-3-86226-829-0 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-86226-829-0
NE: GT
ISSN 0177-2813
Aile Rechte, insbesondere das Recht der Vervielftiltigung und Verbreitung sowie der Ober
setzung, vorbehalten. Kein Tei! des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie,
Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages repro
duziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielftiltigt oder ver
breitet werden
© Centaurus Verlags-GmbH. & Co. KG, Herbolzheim 2003
Satz: Vorlage der Autorin
EINFUHRUNG: PROFESSIONELLE INTERVIEWFUHRUNG IN
DER SOZIALFORSCHUNG - INTERVIEWTRAINING: BEDARF,
STAND UND PERSPEKTIVEN 9
1. Das Interview a1s KommunikationsprozeB 10
2. Ausgangsthesen 16
3. Interviewtraining a1s ProzeB der Habitualisierung 25
4. Zie1e der Arbeit 27
5. Inhalt und Durchftihrung 29
1. INTERVIEWTRAINING ALS THEMA IN LEHRBUCHERN 32
1.1. Neuerscheinungen 33
1.2. Traditionelle Methodenlehre 36
1.3. Das Interviewtraining nach Kahn und Cannell 41
104. Zusammenfassung 46
2. DAS INTERVIEW IN DER EMPIRISCHEN SOZIALFORSCHUNG 48
2.1. Die Konfrontation von Methodo1ogie und Forschungspraxis als
thematischer Rahmen -Die soziale Dimension des Interviews 48
2.2. Interviewer: Anforderungen, Fahigkeiten und Fertigkeiten 50
2.2.1. Zur Prob1ematik von Untersuchungen zum Interviewerverhalten 50
2.2.2. Interviewer: Professionalitat und/oder Erfahrung 56
2.2.3. Befragte 62
2.204. Professionelle Orientierungsweisen und die Situationsdefinition
im Interview 69
2.2.5. Zwischenergebnis 74
2.3. Die Dramaturgie des Fragebogens und die Lehre von der Frage aIs
professioneIIe Ressourcen empirischer Sozialforschung 75
2.3.1. Techniken der Gesprachsftihrung 76
2.3.2. Die Dramaturgie des Fragebogens 81
2.3.3. Die Lehre von der Frage 88
3. QUALITATIVE SOZIALFORSCHUNG:
DAS NARRATIVE INTERVIEW 94
3.1. Der Zusammenhang von Gegenstandskonstitution und Methode aIs
thematischer Rahmen -Die kognitive Dimension des Interviews 97
3.1.1. Das Forschungsprogramm "Grundlagentheoretische
V oraussetzungen methodisch kontroIIierten Fremdverstehens" 99
3.1.2. Forma1pragmatische Interaktionsuniversalien 104
3.1.3. Methode des narrativen Interviews 108
5
3.2. Interviewer: Anforderungen, Flihigkeiten und Fertigkeiten 111
3.2.1. Das Ablaufschema des narrativen Interviews als
erzlihlgenerierende Gesprachsstrategie 111
3.2.2. Der Interviewer als Zuhorer -Vom Zuhorer zum Interviewer 114
3.2.3. Das narrative Interview als Kommunikationsarbeit 116
3.3. Kommunikative Strategien zur Steuerung von Schemata der
Sachverhaltsdarstellung als professionelle Ressourcen im
narrativen Interview 121
3.3.1. Das narrative Interview als spezifische Befragungsform:
Erzahl-und biographietheoretische Annahmen 122
3.3.2. Anwendungsformen des narrativen Interviews und andere
Formen offener Interviews 124
Exkurs: Das problemzentrierte Interview 127
3.3.3. Die Wirksarnkeit kognitiver Mechanismen im
Kommunikationsprozess 129
3.3.3.1. Zugzwange als Steuerungsmechanismen fUr den Verlauf
von Kommunikation 130
3.3.3.2. Kognitive Figuren als organisatorischer Rahmen von
Kommunikation 131
3.3.3.3. Selbstlaufigkeit versus interaktiver Hervorbringung von
kognitiven Figuren der Kommunikation 134
4. TECHNIKEN DER GESPRACHSFUHRUNG IN NACHBAR-
DlSZIPLINEN: ROGERS KLIENTENZENTRIERTES INTERVIEW 136
4.1. Die Balance zwischen Steuern und Motivieren -
Die affektive Dimension des Interviews 136
4.1.1. Zum Entwicklungsstand von Gesprachstechniken
in Nachbardisziplinen 137
4.1.2. Was klientenzentrierte Gesprachsfiihrung fiir die Interviews
in der Sozialforschung interessant macht 140
Exkurs: Die Rezeptionsgeschichte von Rogers in der deutschen
Soziologie 141
4.1.3. Das Konzept der klientenzentrierten Psychotherapie nach
Carl Rogers 143
4.1.3.1. Klientenorientierung als Alternative zu direktiven
Beratungskonstellationen 143
4.1.3.2. Ablauf und Funktion des therapeutischen Prozesses in
der klientenzentrierten Therapie 145
Exkurs: Klientenzentrierte Therapie und demokratische Kultur in
den USA 152
4.2. Interviewer: Anforderungen, Fahigkeiten und Fertigkeiten 153
4.2.1. Die Technik der klientenzentrierten GesprachsfUhrung 153
6
4.2.3. Der Stellenwert einer Gesprachstechnik in der Therapie 155
4.2.4. Offenheit und Strukturierung in der klientenzentrierten Therapie 157
4.2.5. Die Rolle des TherapeutenIBeraters 158
4.3. Nicht-direktive Techniken der Gesprachsflihrung als professionelle
Resourcen im Klienten-orientierten Interview 160
4.3.1. Modifikationen des Konzepts von Carl Rogers 160
4.3.2. Modifikationen der klientenzentrierten Psychotherapie flir
die Sozialforschung 165
4.3.3. Kommunikationsprozesse in der Psychotherapie und in der
Befragung: Differenzen und Gemeinsamkeiten 168
4.3.4. Spiegeln als eine Technik der Gesprachsflihrung im
sozialwissenschaftlichen Interview 171
5. INTERVIEWTRAINING FUR SOZIALFORSCHER:
PERSPEKTIVEN 175
5.1. Anforderungen an Interviewer 180
5.2. Lernziele und Lerninhalte flir ein Interviewtraining 183
5.3. Interviewtraining als LernprozeB 187
LITERATURVERZEICHNIS 191
7
Einfiihrung: Professionelle Interviewfiihrung in der
Sozialforschung - Interviewtraining: Bedarf, Stand
und Perspektiven
In nicht-standardisierten Befragungsverfahren muB die Erhebung von Daten kom
munikativ realisiert werden. Die Qualitat sozialwissenschaftlichen Datenmaterials
wird dadurch unmittelbar abhangig von den kommunikativen Fahigkeiten des In
terviewers oder der Interviewerin. Zumindest auf den ersten Blick ist es daher er
staunlich, daB in der einschlagigen Methodenliteratur dem Themenkomplex
"Techniken der Gesprachsflihrung" sehr wenig Aufmerksarnkeit geschenkt wird.
Die Aussparung dieser Thematik hat vermutlich damit zu tun, daB sie zwar theore
tisch auBerst voraussetzungsvoll ist, sich aber aus Grunden der Arbeitsokonomie
auf praxisorientierte und instrumentelle Fragestellungen konzentrieren muB. Diese
Konstellation bietet Gelegenheit fUr allerlei MiBverstandnisse.
Wenn im Folgenden der Interviewer als Experte fUr GesprachsfUhrung vor
gestellt wird, dann ist dies als thematische Ausgrenzung aus einem wesentlich um
fassenderen Zusammenhang zu verstehen: Dem Interview als sozialer Beziehung
und der interaktiven Erzeugung von sozialwissenschaftlichen Daten. DaB hier eine
Zuspitzung auf lediglich ein Segment dieser Problematik vorgenommen wird, er
gibt sich aus dem Ziel der vorliegenden Arbeit, Grundlagen fUr Interviewtrainings
zu schaffen, die auf spezielle Anforderungen von Sozialforschern zugeschnitten
sind. Dabei geht es hauptsachlich urn eine Konzeption praxisorientierter Lerninhal
te und deren Vermittlung. Die Diskussion wissenschaftslogischer und interaktion
stheoretischer Annahmen, die mit der Vorstellung eines Experten fUr Gesprachs
fUhrung verbunden sind, mUssen gegenUber diesem in erster Linie praxisorientier
tern Interesse der vorliegenden Arbeit nachgeordnet werden. Weiter unten in der
Einleitung wird ausfUhrlicher dargelegt, wann und unter welchen Fragestellungen
darauf eingegangen wird. In der Regel werden wissenschaftslogische und interak
tionstheoretische Fragestellungen aufgenommen, urn die Position der hier behan
delten Ansatze zu kliiren und die Brauchbarkeit und Umsetzbarkeit der von ihnen
entwickelten Methoden der InterviewfUhrung fUr ein Interviewtraining zu diskutie
ren.
Auch wenn die vorliegende Arbeit einen anderen Schwerpunkt hat, so ist es
doch unverzichtbar, zumindest einige der ihr zugrunde liegenden methodologi
schen und theoretischen Annahmen zu skizzieren. In dies em Sinne wird im nach
sten Abschnitt der Einleitung das Interview als KommunikationsprozeB thematisch
aufgenommen. Dabei geht es hauptsachlich urn den Stellenwert von Gesprach
stechnik im Verhiiltnis zu gegenstandsbezogenem Wissen und anderen Aspekten
von Kommunikationsfiihigkeit. Ein anderer Abschnitt der Einleitung befaBt sich
9
mit dem Interviewtraining als LernprozeB. Dieser Abschnitt soli skizzieren, wel
cher Lernbegriff mit Formen von Kommunikationstraining in Verbindung gebracht
werden kann.
1. Das Interview als Kommnnikationsprozefi
Wissen tiber soziale Tatbestande, so die zentrale Kritik der qualitativen an der
traditionellen Sozialforschung, kann nicht im Sinne eines MeBvorgangs ermittelt
werden. Die Sozialwissenschaften haben es tiberwiegend mit einer Art von "Daten"
zu tun, die nicht unabhangig von sinnorientierten Handlungen existieren. Der
Sinnhaftigkeit sozialer Tatbestande entsprechend, muB zu ihrer Erforschung mit
Methoden gearbeitet werden, mit deren Hilfe Prozesse der Bedeutungszuschrei
bung nachvollzogen werden k6nnen. Es muJ3 also mit Verfahren gearbeitet werden,
in deren Rahmen Prozesse des Verstehens und der Verstandigung m6glich sind,
und dies sind in erster Linie offene Befragungsverfahren I
Wird auf Grund dieser methodologischen Annahmen der ForschungsprozeB als
KommunikationsprozeB verstanden, mtissen alltagliche Kommunikation und
Kommunikation im ForschungsprozeB voneinander abgegrenzt werden. In der
qualitativen Sozialforschung gibt es dazu -wie in der empirischen Sozialforschung
insgesamt -Gegentiberstellungen von alltaglicher Kommunikation und dem beson
deren Faile der Kommunikation im Forschungsinterview2 . Diesen Ge
gentiberstellungen laJ3t sich entnehmen, daB es sich bei Alltagskommunikation urn
eine relativ amorphe Angelegenheit handelt, die von Akteuren vergleichsweise
Das Verhtiltnis von quantitativer und qualitativer Sozialforschung zueinander, die Bedeutung
standarrlisierter und offener Verfahren fiir die Sozialforschung ist in den beiden letzten Jahr
zehnten ausfiihrlich diskutiert worden. Stellvertretend vgl. z.B. Kiichler 1983.
2 Die in der entsprechenden Literatur vorliegenden Gegeniiberstellungen von Alltagskommu
nikation und strategischer Kommunikation im Interview weisen eine Reihe von Problemen
auf, denen hier allerdings nicht nachgegangen wird: 1m allgemeinen bleibt z.B. unthemati
siert, welchen Status diese Gegeniiberstellung hat. Es wird haufig nicht deutlich, ob sie des
kriptiv gemeint ist, oder als symbolischer Ausdruck zur Charakterisierung auch theoretisch
unterschiedlich zu konzipierender Typen von sozialen Situationen. Die fast durchgehend ent
haltene unausgesprochene Annahme iiber soziale Wirklichkeit bei dieser Gegeniiberstellung
besagt: Es gibt alltagliche Gesprachssituationen, in denen die Beteiligten sich immer spontan
von der Situation treiben lassen und in denen keine kalkulierte Kommunikation stattfindet.
Als Beispiel fiir diesen Typus der Kommunikation wird gerne auf die Situation von zwei
Fremden verwiesen, die auf einer Bahnfahrt miteinander ins Gesprach kommen. Dieses Kon
strukt ist m.E. in jeder Hinsicht unangemessen: Als Bild zur Beschreibung alltaglicher Erleb
nisformen entspricht es wohl eher der sozialen Wirklichkeit der fiinfziger-und sechziger Jahre
als der Gegenwart. Dariiber hinaus enthtilt jede Geprachssituation eine strategische Kompo
nente, da schlieBlich jede Situation hinsichtlich ihrer Handlungsanforderungen und -verpflich
tungen fiir die Teilnehmer definiert werden muB.
10