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Die soziale Herstellung von Selbsthilfe
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in der Entwicklungszusammenarbeit
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Produktive Ambivalenz
Lucia Artner
Produktive Ambivalenz
Die soziale Herstellung von Selbsthilfe
in der Entwicklungszusammenarbeit
Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Stephan Wolff
Lucia Artner
Hildesheim, Deutschland
Zgl. Dissertation an der Stiftung Universität Hildesheim, 2017
ISBN 978-3-658-22903-0 ISBN 978-3-658-22904-7 (eBook)
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22904-7
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Danksagung
Mit dem Schreiben einer Doktorarbeit begibt man sich auf eine lange Reise. Diese
Reise tritt man zwar alleine an, doch begegnet man dabei vielen anderen Men-
schen. Manche dieser Reisebekanntschaften sind intensiver als andere, manche
von längerer und manche von kürzerer Dauer. Manche prägen einen stärker als
andere. Dankbar ist man jedoch für jede einzelne dieser Begegnungen.
Diese Arbeit verdankt ihre letztgültige Form vielen sehr schlauen Köpfen, die
meine (zuweilen ungewisse) Reise begleitet haben. Meine wichtigsten Reisebe-
gleiter, denen mein größter Dank gilt, waren die beiden Betreuer meiner Promo-
tion, Prof. Stephan Wolff und Prof. Wolfgang Schröer. Ihnen danke ich nicht nur
für die unzähligen konstruktiven Anregungen, sondern auch für den intellektuellen
und persönlichen Austausch.
Eine weitere sehr wichtige Begleiterin war Dr. Annett Bochmann: Meine Arbeit
verdankt ihrem kritischen Blick unglaublick viel. Danke für die schöne und inten-
sive Zeit und die immer sehr hilfreiche Kritik. Diese Reisebekanntschaft wurde
für mich zu einer besonderen Freundschaft.
Mein Dank gilt darüber Hinaus meinen geschätzten (aktuellen und ehemaligen)
Kolleginen und Kollegen am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der
Universität Hildesheim: Allen voran (meiner guten Freundin) Alice Altissimo, Dr.
Andreas Wagner, Dr. Christian Schröder für die intensiven Analysesessions, sehr
konstruktiven Tür-und-Angel-Gespräche und den mental support. Darüber hinaus
gilt mein Dank den Mitgliedern des DFG-Graduiertenkollegs „Transnationale So-
ziale Unterstützung“, insbesondere Dr. Gavaza Maluleke.
Danken möchte ich auch Dr. Franziska Dübgen der Universität Koblenz-Landau.
VI Danksagung
Nicht zuletzt gilt mein Dank meiner Familie, ohne die ich meine Reise bereits
mehrfach vorzeitig abgebrochen hätte. Meinem Mann und meinen Kindern widme
ich diese Arbeit.
Geleitwort
Es ist ein viel diskutierter Grundtatbestand sozialer Hilfe und pädagogischer In-
tervention, mit dem sich Lucia Artner hier beschäftigt: das Paradoxon der Hilfe
zur Selbsthilfe (HzSH). HzSH ist ein Evergreen in der konzeptionellen Fachwelt,
ein unzählige Konjunkturen überdauernder normativer Bezugsrahmen moderner
pädagogischen Bemühungen – sei es im schulischen, sozialpädagogischen oder,
wie hier, im inter- bzw. transnationalen Kontext. So wie gut wie jede (kritische)
Theorie hat sich in den unterschiedlichen Epochen mit diesem Konzept auseinan-
dergesetzt, es regelmäßig als falsche Rhetorik des zu Kritisierenden entlarvt, aber
dann fast im selben Atemzug im neuen Mantel organisationaler, sozialer oder ge-
sellschaftlicher Reformen wieder selbst eingesetzt. Beim Blick auf die Praxis der
HzSH erblickt man natürlich überall Abweichungen vom Ideal, um dann reflex-
haft mit einer neuen Runde normativer Forderungen zu reagieren.
Dieses alte Spiel macht die Autorin nicht mit. Sie wechselt die Perspektive und
behandelt das Problem mit der HzSH nicht als eine theoretisch-konzeptionell lös-
bare Frage, sondern als praktisches Problem der unmittelbar daran Beteiligten. Sie
sieht sich an, wie diese dieses Problem praktisch zu ‚lösen‘ versuchen, d.h., wie
sie HzSH durch ihr Reden, Handeln, Positionieren gemeinsam in ihrer Praxis so-
ziale Realität werden lassen. Aus diesem Blickwinkel fällt an dieser Praxis ein
weiteres Mal das Scheitern am hehren Ideal ins Auge. Stattdessen sieht man ein
komplexes Prozessgeschehen, in dem die beteiligten Menschen gemeinsam Lö-
sungen erarbeiten, freilich keine generellen, optimalen und allgemein gültigen,
sondern angesichts der Situation vorläufig akzeptablen. Die Beteiligten erscheinen
als kompetente Mit-Produzenten einer sozialen Praxis und nicht als einzelne Ak-
teure, die das gesetzte Ziel notorisch verfehlen oder gar schon aus strukturellen
VIII Gleitwort
Gründen verfehlen müssen. Ethnomethodologisch informiert rekonstruiert Lucia
Artner entsprechende Herstellungsprozesse und die dort eingesetzten Praktiken in
verschiedenen Settings der Entwicklungszusammenarbeit in afrikanischen Län-
dern, in denen HzSH programmatisch umgesetzt werden soll.
Die Unausweichlichkeit von Selbsthilfe, um am modernen Markt der Entwick-
lungszusammenarbeit bestehen zu können, wird zu einer organisationalen Kern-
herausforderung aller Beteiligten erklärt, die es mehr oder weniger produktiv zu
nutzen gilt und die alle Ambivalenzen pädagogischen Handelns umschließt. Von
diesem Ausgangspunkt hat Lucia Artner unterschiedliche encounters organisatio-
nalen Agierens in der Entwicklungszusammenarbeit aufgesucht und jenseits gro-
ßer Erzählungen ein differenziertes Bild der Vorder- und Hinterbühnen, des In-
Szene-Setzens und gekonnten Ausweichens in der alltäglichen Entwicklungszu-
sammenarbeit herausgearbeitet. Berücksichtigt werden verschiedene hierarchi-
sche Ebenen des organisatorischen Ensembles der Entwicklungszusammenarbeit:
von der Programmsitzung des Wohlfahrtsverbandes in der europäischen Zentrale
über die Planungsgespräche von Beratern und Projektkoordinatoren in den Haupt-
städten des Empfängerlandes bis hin zu Treffen der Projektverantwortlichen mit
den Mitgliedern der Initiativen in entlegenen Dörfern tief im Landesinneren.
Die neue Perspektive auf dortige und hiesige Hilfe-zur-Selbsthilfe-Konstellatio-
nen führt zu einer Vielzahl weiterführender Einsichten: etwa zur materialgestütz-
ten These, dass die Gestaltung von Zeitlichkeit bei solchen Treffen typischerweise
so erfolgt, dass eine Notwendigkeit weiterer HzSH signalisiert wird, d.h., dass so-
ziale Hilfen über keine eingebaute Stoppregel verfügen, was die notorischen
Schwierigkeiten Hilfeprozesse abzuschließen plausibel macht. Erhellend auch die
Rekonstruktion der sequenziellen Herstellung und Suspendierung von Gleichheit
und Differenz der Beteiligten in unterschiedlichen Zeitabschnitten der Treffen.
Gleitwort IX
Wie sich zeigt, kann man selbst schon durch die Einnahme bestimmter Sitzpositi-
onen, durch die Verteilung von Mitgliedergruppen im Raum oder durch sequenti-
elle Einnahme von Raumpositionen Sinn im Sinne von HzSH machen. Manche
der betreffenden Konstellationen sind durch eine Kombination verschiedener so-
zialer Handlungsmuster gekennzeichnet, so dass es zu einer angestimmten Kom-
bination von asymmetrischen und symmetrischen Handlungsformen kommt: Be-
ratung, Prüfung, Wissensvermittlung, Gottesdienst u.a. bilden dann ein geglieder-
tes Ganzes. Bei ihrer Suche nach Vermittlungsmechanismen und Grenzobjekten
stößt Frau Artner auf eingespielte Sprachcodes, quasi-religiöse Überzeugungen,
Modelle ‚richtigen‘ Handelns und Formen regelmäßiger Überprüfung.
Die soziale Konstruktion von Selbsthilfe und die Reproduktion ihres Paradoxes
erweist sich als ein Prozessgeschehen mit der Unlösbarkeit des Paradox‘ als struk-
turell verankerter Antriebsenergie. Eben durch ihre Unauflösbarkeit wird die Am-
bivalenz produktiv. Dadurch löst sich die scheinbar objektive und homogene so-
ziale Tatsache der HzSH auf in ein vielfältiges Prozessgeschehen mit unterschied-
lichen Handlungsforen, Praktiken und Realisierungsformen, die teilweise univer-
seller Natur sind, zu einem guten Teil aber auch vor Ort erst erfunden werden. Die
Ambivalenz ist nicht das Problem, sondern ein wesentliches Element der Lösung,
insofern sich das Problem HzSH weder moralisch noch kognitiv als erledigt still-
stellen, sondern nur immer neu traktieren lässt. HzSH muss auf den unterschiedli-
chen Ebenen stetig reproduziert und dabei jeweils den sich ändernden Bedingun-
gen angepasst werden. Ihre je unterschiedliche Realisierung ist geradezu Voraus-
setzung für ihre Anerkennung als einheitlicher sozialer Tatsache. Ihre situative
Varianz und ihre Unabgeschlossenheit sind Bedingungen der Sicherstellung von
Angemessenheit. Diese Ambivalenz im Blick zu haben und produktiv werden zu
lassen ist sicherlich eine eigene und durchaus sozial- und organisationspädagogi-
sche Kunst.
X Gleitwort
Frau Artner erweist sich als ausgezeichnete Beobachterin. Ihr Blick auf Details ist
erhellend, ihre Funde sind aufschlussreich und – nicht zuletzt durch instruktive
Fotos – gut belegt. Ihr Stil macht die Lektüre nicht nur für LeserInnen aus den mit
der Thematik befassten Disziplinen, sondern auch für die PraktikerInnen aus Ent-
wicklungszusammenarbeit und Entwicklungspolitik zu einem Vergnügen. Bei al-
ledem ist in der Darstellung immer wieder der große Respekt und die Achtung zu
erkennen, den die Autorin den unterschiedlichen Beteiligten in ihrem Untersu-
chungsfeld entgegenbringt.
Stephan Wolff