Table Of ContentPeter Cornelius Mayer-Tasch (Hrsg.)
Politische Ökologie
Peter Comelius Mayer-Tasch (Hrsg.)
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Politische Okologie
Eine Einführung
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
1:11:)111._
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Gedruckt auf säurefreiem und altersbeständigem Papier.
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Politische Ökologie: Eine Einführung I Hrsg.: Peter Cornelius Mayer-Tasch -
Springer Fachmedien Wiesbaden
ISBN 978-3-8100-2276-9 ISBN 978-3-663-01126-2 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-01126-2
© 1999 Springer Fachmedien Wiesbaden
Ursprünglich erschienen bei Leske + Budrich, Opladen 1999
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Inhalt
Vorwort des Herausgebers .......... ................................................. ........... 7
Peter Comelius Mayer-Tasch
Was ist und wozu betreibt man Politische Ökologie? .............................. 9
l. Zum Begriff der Politischen Ökologie .................................... ........ 9
2. Zur Geschichte der Politischen Ökologie........................................ 16
3. Zu den Aufgaben der Politischen Ökologie..................................... 25
ArminAdam
Die philosophischen und politik-philosophischen Grundlagen
der Politischen Ökologie ....................... ........................ ............ ........... .... 35
l. Die Philosophie der Allverbundenheit ................................... ......... 37
2. Umwelt oder Mitwelt ...................................................................... 44
3. Politische Ökologie als normative SozialwissenschafL.................. 51
ArminAdam
Politische Ökologie und Politisches System......... ........ ........ .................... 59
Einleitung ...... ......... ..................... ......... .... .... ........ .................................... 59
l. Die Wahrnehmung und Thematisierung ökologischer
Problemfelder ............. ................ ... ...... .................. .... .... .................. 60
2. Das Politische System im Spannungsfeld von Ökonomie
und Ökologie .................. ............ ..... ................ ............ ............... ..... 67
3. Umweltschutz als Staatsaufgabe ..................................................... 72
Franz Kohout
Die rechtliche Dimension der Politischen Ökologie........... ...................... 81
Einleitung................................................................................................. 81
l. Das Begriffspaar Recht und Politik ....... .......... ........ ................. ....... 81
2. Das Begriffspaar Recht und Ökologie............................................. 84
3. Der bisherige Lösungsversuch:
Das Umweltrecht heutiger Prägung................................................. 89
4. Umweltrecht versus ökologisches Recht......................................... 104
Franz Kohout
Politische Ökologie und Internationale Politik......................................... 109
1. Die Politische Ökologie im internationalen Kontext....................... 109
2. Globale Zusammenhänge und globale Gefährdungen..................... 111
3. Theoriebildung und globale Umweltkrise ....................................... 120
4. Bisherige Lösungsversuche: Internationale Zusammenarbeit ......... 125
5. Global Change statt Globalisierung................................................. 134
Peter Comelius Mayer-Tasch
Die soziokulturelle und die spirituelle Dimension
der Politischen Ökologie .......................................................................... 139
1. Von der Umweltpolitik zur Politischen Ökologie ........................... 139
2. Die Politische Ökologie als sozio-kulturelle Aufgabe..................... 141
3. Die spirituelle Dimension der Politischen Ökologie ....................... 149
Sachregister .............................................................................................. 161
Personenregister ....................................................................................... 165
Die Autoren.... ..................... .................. ...... ................................. ............ 167
Vorwort
Der Holzschnitt eines anonymen Meisters aus dem 15. Jahrhundert, der das
Titelbild schmückt, setzt den Gegenstand der Politischen Ökologie in Szene:
Er zeigt den Rechtsstreit zwischen Mensch und Erde vor Jupiters Thron. Es
ist ein Prozeß, dem Vieles vorangegangen ist - Taten und Untaten, Meinun
gen und Gegenmeinungen, Wertungen und Gegenwertungen. Eingreifendes
in die Natur Eingreifendes - ist also geschehen, ehe es zu diesem (von Paulus
Niavis im ,Iudicium Iovis' 1492 literarisch inszenierten) Prozeß kam. Die
vom Menschen auf mannigfache Weise bedrängte Natur beschwert sich in
diesem Verfahren über die Zudringlichkeiten ihres Quälgeistes, während die
ser unter Berufung auf seine elementaren Bedürfnisse eine haltbare Verteidi
gungsstellung aufzubauen versucht.
Schon vergleichsweise früh ist sich der Mensch seiner eigenen Rolle in
diesem fortlaufenden Prozeß bewußt geworden. "Ungeheuer ist viel und
nichtslUngeheurer als der Mensch", heißt es in der "Anti gone" des Euripides,
und weiter: "Erde, der Götter höchsteIDie unerschöpfliche, unermüdliche,!
Bedrängt sein Pflug. Auf und ab/Ackern die Rosse ihm/Jahr um Jahr ... ". Und
früh schon haben die Klarsichtigen erkannt, daß es nicht die Nutzung
schlechthin ist, die der Natur und den sie schützenden Himmelsrnächten miß
fällt, wohl aber die übermäßige, tendenziell selbstmörderische Ausbeutung
der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen durch diesen selbst. Schon
in dem - von Hans Christoph Binswanger jüngst in seinem Buch über "Die
Glaubensgemeinschaft der Ökonomen" geistvoll kommentierten - Mythos
vom Frevel Erysichthons wird dieser Aspekt indirekt erkennbar: Es ist nicht
irgendein Wald, an den die Knechte des pelasgischen Prinzen Hand anlegen,
sondern vielmehr ein der Demeter geweihter Heiliger Hain - ein ausge
grenzter, von Rechts wegen nicht verfügbarer Bezirk. Um eine bewußte und
gewollte Grenzüberschreitung geht es also, die den Zorn der Göttin erregt
und für den Frevler die schreckliche Strafe der schließlich ihn selbst ver
schlingenden Unersättlichkeit nach sich zieht.
Um die Ermittlung der sozioökologisch tunlichen Grenzen des menschli
chen Handels und Wandels aber geht es letztlich auch der Politischen Ökolo
gie. Ihre zentrale Aufgabe ist es, unter Berücksichtigung des zivilisatorischen
Status quo und seiner mutmaßlichen Weiterentwicklung für Staat und Gesell-
8 Vorwort
schaft einen Kurs vorzuzeichnen, bei dessen Einhaltung der - bereits allent
halben erkennbar gewordene - Zorn von "Deus sive Natura" (Spinoza) be
sänftigt werden kann. Mit anderen, der Wissenschaftssprache unserer Tage
angemesseneren, Worten: Die Politische Ökologie bindet die naturwissen
schaftliche Lehre vom gemeinsamen Haushalt der Natur an die sozialwissen
schaftliche Reflexion über die sozioökonomischen, soziokulturellen und so
ziopolitischen Bedingungen einer ,nachhaltigen' Gestaltung des Lebens. U n
ter veränderten Lebensbedingungen stellt sie mithin die - schon die Anfänge
der Politikwissenschaft kennzeichnende - Frage nach dem guten Leben neu.
Die Fragwürdigkeit der Gegenwart ist der thematische Ausgangspunkt dieser
erfahrungsgesättigten "Leitwissenschaft der Spätmoderne"; das Bild eines
auf Zukunft angelegten guten Lebens ist ihr Leitbild.
Der hier vorgelegte Versuch, unsere Erfahrungen und Überlegungen zur
Diagnose und zur Therapie der sozioökologisch zusehends verelendenden
Iahrtausendwende in eine Art von Lehrbuch einzubringen, mag als Gemein
schaftsarbeit der Forschungsstelle für Politische Ökologie am Geschwister
Scholl-Institut der Universität München gelten, die in stetem Zusammenwir
ken des Herausgebers mit seinen bewährten Mitarbeitern und Mitautoren
Armin Adam und Franz Kohout entstanden ist.
München, im Frühjahr 1999 Peter Come/ius Mayer-Tasch
Was ist und wozu betreibt man Politische Ökologie?
P.c. Mayer-Tasch
1. Zum Begriff der Politischen Ökologie
Die Politische Ökologie ist das Kind der unsere Jahrtausendwende weltweit
in stetig wachsendem Maße bedrängenden Um- und Mitweltkrise. Sie ver
sucht, die unauflösliche Verbindung zwischen dem Schicksal des Menschen
als zoon politikon und dem Schicksal der ihn umringenden und durchdrin
genden Natur aufzuzeigen. Im geistes- und sozialwissenschaftlichen Ge
spräch ist die Politische Ökologie als Begriff seit Anfang der 70er-Jahre.1 Als
akademische Teildisziplin der Politikwissenschaft zu etablieren beginnt sich
die - an manchen Universitäten auf das Politikfeld "Umweltpolitik" verengte
- Politische Ökologie seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts.
Für manche Zeitzeugen freilich ist die Politische Ökologie im Hinblick
auf die aktuelle Komplexität und Ubiquität der ihr Arbeitsfeld ausmachenden
Problematik wie auch im Hinblick auf die potentielle Komplexität und Ubi
quität der von ihr erhofften Lösungsansätze weit mehr als dies. Versuche,
diesem Anspruch auch wissenschaftstheoretisch gerecht zu werden, gibt es
seit langem. In seinem Buch "Natur als Politik" aus dem Jahre 1978 schrieb
der - auch als Ökologe engagierte - Schriftsteller und Publizist earl Amery:
"Wir brauchen eine Leitwissenschaft, welche den Menschen und die
menschliche Gesellschaft fest und nachweislich in das tatsächliche Netz pla
netarischer Beziehungen einbaut ... Gibt es einen solchen wissenschaftlichen
Ansatz? Es gibt ihn. Es ist die Ökologie.
,,2
Die von Amery und Anderen als Leitwissenschaft beschworene "Ökolo
gie" dürfte allerdings kaum in der Lage sein, die in sie gesetzten Erwartungen
Vg l. schon Hans Magnus Enzensberger: Zur Kritik der Politischen Ökologie, in:
Kursbuch 33 (1973), S. Hf., sowie Charles F. DoranIManfred O. HinzlPeter C.
Mayer-Tasch: Umweltschutz - Politik des peripheren Eingriffs. Eine Einführung in
die Politische Ökologie, DarmstadtlNeuwied 1974; vgl. auch Holger Strohm: Poli
tische Ökologie. Arbeitsmaterialien und Lernmodelle für Unterricht und Aktion, Re
inbek 1979.
2 Carl Amery: Natur als Politik. Die ökologische Chance des Menschen, Reinbek 1978,
S. 36,39; ähnlich auch Herbert Gruhl (Das irdische Gleichgewicht, Düsseldorf 1982,
S. 45), der die Ökologie als "übergeordnete Disziplin" apostrophiert.
10 P. C. Mayer-Tasch
zu erfüllen. Weder von ihrem naturwissenschaftlichen Selbstverständnis noch
von ihrem gegenwärtigen Standort im Gesamtzusammenhang der Wissen
schaften her wären derartige Hoffnungen begründet.3 Auch dann nämlich,
wenn man davon ausgeht, daß die - der Sache nach von dem Naturforscher
und Weltreisenden Alexander von Humboldt4 um 1800 und dem Begriff nach
von dem Biologen Ernst von Haeckel5 im Jahre 1866 als biologische Rand
disziplin begründete - Ökologie ihre ursprünglichen Grenzen längst über
schritten hat6 und zu einer die Wechselwirkungen von Pflanze, Tier und
Mensch umfassenden Wissenschaft vom Haushalt der Natur geworden ist,
bleibt ihr Gegenstand in mehrfacher Weise begrenzt.7
Zum einen nämlich präsentiert sich die "Ökologie" als eine generalisie
rende, die Individualität von Organismen kaum berücksichtigende Disziplin.8
Zum anderen versteht sie sich nach wie vor als ein strikt naturwissenschaftli
cher, heute zumeist am Systembegriff orientierter Erkenntnisbereich. Im
Grunde bietet sie lediglich eine Synthese der überkommenen naturwissen
schaftlichen Methodik. Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen bleibt daher auch
nach wie vor die Erschließung von Spezialwissen. Daß dabei in stärkerem
Maße Wechselwirkungen ins Blickfeld gerückt werden als dies vor dem
zwangsläufigen Aufstieg der Ökologie von einer biologischen Rand- zu einer
biologischen Kerndisziplin der Fall war, ist zweifellos als ein richtiger Schritt
in die richtige Richtung zu werten. Daß die Ökologie als naturwissenschaftli
che Disziplin zu einer die Ganzheit der Lebenszusammenhänge erfassenden
Wissenschaft geworden sei, wie sie seit dem ersten Aufstand gegen den auf
klärerischen Rationalismus in der Romantik immer wieder ersehnt wurde,
3 So schon Mayer-Tasch: Aus dem Wörterbuch der Politischen Ökologie, München
1985, S. IOff., sowie ausführlich Thornas Saretzki: Politische Ökologie - Leitwissen
schaft der Postmoderne oder Bestandteil der Regierungslehre?, in: Stefan von Bande
mer/Göttrik Wewer (Hrsg.): Regierungssystem und Regierungslehre, Opladen 1989,
S. 97ff., 102ff.
4 Zu Humboldts Wissenschaftsbegriff vgl. Ludwig Trepl: Ökologie - eine grüne Leit
wissenschaft? Über Grenzen und Perspektiven einer modischen Disziplin, in: Kurs
buch 74 (1983), S. 6ff.
5 "Unter Oecologie", schrieb Haeckel, "verstehen wir die gesamte Wissenschaft von
den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt, wohin wir im weite
ren Sinne alle ,Existenzbedingungen'rechnen können" (Generelle Morphologie der
Organismen, Bd. 11: Allgemeine Entwicklungsgeschichte der Organismen, Berlin
1866, S. 793). Zum heutigen Profil der Ökologie als naturwissenschaftliche Disziplin
vgl. Franz Klötzli: Einführung in die Ökologie, Bern 1983, sowie Eugene H. Odum:
Ökologie, 4. Aufl., München 1990.
6 Zur Geschichte der Ökologie als Wissenschaft vgl. außer Trepl (oben, Anm. 4) u.a.
Gunter KüpperslPeter LundgrenlPeter Weingart: Umweltforschung - die gesteuerte
Wissenschaft? Frankfurt 1978.
7 Vgl. auch Wolfgang Haber: Vom rechten und falschen Gebrauch der Ökologie. Eine
Wissenschaft und ihr Dilemma, Regeln für den Umgang mit Umwelt abzuleiten, in:
Naturschutz und Lanschaftsplanung 25 (5), 1993, S. 187ff.
8 Vgl. dazu treffend Trepl (Anm. 4), S. 12ff.