Table Of ContentPeter Stemmer
Piatons Dialektik
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DE
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Quellen und Studien
zur Philosophie
Herausgegeben von
Jürgen Mittelstraß, Günther Patzig,
Wolfgang Wieland
Band 31
Walter de Gruyter · Berlin · New York
1992
Piatons Dialektik
Die frühen und mittleren Dialoge
von
Peter Stemmer
Walter de Gruyter - Berlin · New York
1992
© Gedruckt auf säurefreiem Papier,
das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.
Die Deutsche Bibliothek — CIP-Einheitsaufnahme
Stemmer, Peter:
Piatons Dialektik : die frühen und mittleren Dialoge / von Peter
Stemmer. — Berlin ; New York : de Gruyter, 1992
(Quellen und Studien zur Philosophie ; Bd. 31)
Zugl.: Berlin, Freie Univ., Diss., 1990
ISBN 3-11-012770-9
NE: GT
© Copyright 1992 by Walter de Gruyter & Co., D-1000 Berlin 30.
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Satz und Druck: Arthur Collignon GmbH, D-1000 Berlin 30
Buchbinderische Verarbeitung: Lüderitz & Bauer, D-1000 Berlin 61
Vorbemerkung
Diesem Buch liegt meine Habilitationsschrift zugrunde, die 1990 an
der Freien Universität Berlin angenommen wurde. Karlfried Gründer,
Ernst Tugendhat und Ursula Wolf danke ich für ihre Hilfe und Förderung.
Mein Dank gilt auch den Herausgebern der „Quellen und Studien zur
Philosophie", insbesondere Wolfgang Wieland.
Berlin, im April 1992
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung V
Einleitung 1
Kapitel I: Krise und Dissens 4
§ 1 Krise und sprachlicher Wandel 4
§ 2 Krise und Typen ethischen Dissenses 12
Kapitel II: Die „Was ist X?"-Frage als Antwort 31
§ 3 Dissens und „Was ist X?"-Frage 31
§ 4 „Was ist X?"-Frage und poion-Ft&ge 42
§ 5 „Was ist X?"-Frage und Verifikation 50
§ 6 „Was ist X?"-Frage und Wissen 63
Kapitel III: Die Beantwortung der „Was ist X?"-Frage: der Elenchos 72
§ 7 Wie gelangt man zum Ideenwissen? Vorüberlegungen .... 72
§ 8 Beispiele: zwei Elenchoi 80
§ 9 Die Regeln des Elenchos 96
§ 10 Elenchos und Syllogismus 127
§11 Elenchos und Wahrheit 142
Kapitel IV: Entfaltungen des elenktischen Verfahrens 152
§ 12 Prämissensicherung und die Idee des Guten 152
§ 13 Die Konzeption der Dialektik in der Politela 191
§ 14 Anamnesis 225
§ 15 Das hypothetische Verfahren 250
Abschluß 271
Vili Inhaltsverzeichnis
Literaturverzeichnis 274
Stellenregister 284
Verzeichnis griechischer Ausdrücke 300
Sachregister 302
Personenregister 305
Einleitung
„Dialektik" — so nennt Piaton das Können, das den Philosophen
auszeichnet. Es besteht darin, Fragen wie, was Gutsein, was Gerechtsein,
was Besonnensein ist, methodisch untersuchen zu können. Wer diese
Bestimmung der Dialektik und ihre Ausführung nicht nur als eine Phi-
losophenmeinung, als ein Stück vergangenen Denkens referieren und
wiederholen können, sondern begreifen will, muß sich über zwei Fragen
klarwerden: Er muß erstens verstehen, warum begriffliche Fragen der Form
„Was ist X?" (wobei „X" für ein abstraktes Nomen steht) bei Piaton in
das Zentrum der Philosophie rücken. Warum sind es gerade diese Fragen,
die dem Dialektiker aufgegeben sind? In den frühen und mittleren Dia-
logen erörtern Sokrates und seine Gesprächspartner zu einem großen Teil
„Was ist X?"-Fragen, besonders solche, die nach ethischen Schlüsselbe-
griffen fragen. Im Charmides ist die Themafrage: „Was ist Besonnensein?",
im Laches·. „Was ist Tapfersein?", im Euthjphron: „Was ist Frommsein?" Im
Hippias Maior fragt Sokrates: „Was ist Schönsein?" Im Menon wie im
Protagoras wird die Frage, ob, gut zu sein, lehrbar ist, zurückgeführt zu
der elementareren Frage, was Gutsein ist. Ähnlich wird in der Politela die
Beantwortung der Themafrage, ob es gut ist, gerecht zu sein, von der
Untersuchung der Frage, was Gerechtsein ist, abhängig gemacht. Die
besondere Bedeutung der „Was ist X?"-Fragen für die platonische Philo-
sophie zeigt sich nicht nur darin, daß eine Reihe von Dialogen sich
ausschließlich der Beantwortung einer Frage dieser Art widmet; sie spiegelt
sich auch in der Emphase und dem Nachdruck, mit dem Sokrates sie
immer wieder seinen Gesprächspartnern stellt, sowie in der Ausführlich-
keit, mit der er immer neu ihren Sinn erläutert.1 — Warum also ist die
Untersuchung dieser Fragen so wichtig? Was macht ihre Untersuchung so
nötig?
1 Es sei nur angemerkt, daß die „Was ist X?"-Fragen auch in den späteren Dialogen nicht
verschwunden sind. Im Theaitet ist die Themafrage: „Was ist Wissen?", und im Sophistes,
Politikos und Philebos geht es ebenfalls darum, zu bestimmen, was etwas ist.
2 Einleitung
Zweitens muß, wer Piatons Bestimmung der Dialektik begreifen will,
herausfinden, welche Methode Piaton für die Beantwortung der „Was ist
X?"-Fragen konzipiert. Die Dialektik ist die Kunst, diese Fragen methodisch,
in einem geordneten Verfahren zu untersuchen. Dieser Aspekt ist für
Piaton so wichtig, daß er zur Bezeichnung dieser Untersuchungsform das
Wort „Dialektik" einführt und sie damit nicht durch ihre Motivation, dem
Streben nach Wissen, sondern durch ihre Methode, das διαλέγεσθαι,
auszeichnet. Was aber heißt es, eine Frage dialektisch zu untersuchen? Wie
geht eine dialektische Untersuchung vor? Es kommt hier darauf an, eine
konkrete Vorstellung von der dialektischen Methode zu gewinnen. Das
Konzept einer Methode hat man erst dann verstanden, wenn man sie selbst
gebrauchen und mit ihr operieren könnte. Alle Erklärungen der dialekti-
schen Methode, die diesen Test nicht bestehen, sind bloß abstrakt, sie
begnügen sich vorschnell mit Vorstellungen und Redeweisen, die Plausi-
bilität suggerieren, tatsächlich aber kein Verständnis vermitteln.
Mit diesen Überlegungen sind die beiden Leitfragen der vorliegenden
Untersuchung fixiert: (1) Warum ist es für Piaton so wichtig, begriffliche
Fragen der Form „Was ist X?" zu untersuchen? Und: (2) Welche Methode
konzipiert Piaton für die Beantwortung dieser Fragen? Die erste Frage
wird in den Kapiteln I und II, die zweite in den Kapiteln III und IV
untersucht.2
Die Beantwortung dieser Fragen wird, wenn sie gelingt, nicht nur
Piatons Dialektikkonzept klären, sie wird auch den Ansatz und die Anlage
seines eigenen Philosophierens verständlich machen. Denn die Auffassung,
die ein Philosoph von der eigentlichen philosophischen Tätigkeit hat, und
seine eigene philosophische Praxis sind zwei Seiten ein und derselben
Medaille. Piaton sieht die eigentliche philosophische Aufgabe darin, be-
griffliche Fragen methodisch zu untersuchen, und er führt solche Unter-
suchungen durch. Die Gründe für das eine zu verstehen, heißt, die Gründe
für das andere zu verstehen. Zu verstehen, warum Piaton dem Dialektiker
die Aufgabe stellt, „Was ist X?"-Fragen zu untersuchen, heißt, zu verste-
hen, warum Piaton in den frühen und mittleren Dialogen immer wieder
„Was ist X?"-Fragen untersucht, stets ihre besondere Bedeutung und
Wichtigkeit betont und zunehmend, in immer weiter ausgreifenden Über-
2 Da sich meine Arbeit auf die Untersuchung der frühen und mittleren Dialoge beschränkt,
werde ich die methodischen Reflexionen Piatons im Spätwerk, vor allem das Konzept
der Dihairetik, das erstmals im Phaidros stärker in den Vordergrund tritt und in den
Dialogen Sophistes, Poütikos und Philebos entfaltet wird, nicht behandeln.