Table Of ContentMartin Prinzhorn (Hrsg.)
Phonologie
Linguistische Berichte
Sonderheft 2/1989
Martin Prinzhorn (Hrsg.)
Phonologie
Westdeutscher Verlag
Linguistische Berichte
Forschung Information Diskussion
Herausgeber
Gunther Grewendorf (Universităt Frankfurt)
Arnim von Stechow (Universităt Konstanz)
Beirat
Hans Altmann (Munchen), Ria de Bleser (Aachen), Manfred Bierwisch (Berlin), Rainer Dietrich
(Heidelberg), Norbert Dittmar (Berlin), Sascha W. Felix (Passau), Hubert Haider (Stuttgart),
Joachim Jacobs (Wuppertall, Wolfgang Klein (Nijmegen), Manfred Krifka (Tubingen),
Klaus Mattheier (Heidelberg), Uwe Mtinnich (Tubingen), Frans Plank (Konstanz),
Dieter Wunderlich (Dusseldorf), Theo Vennemann (Munchen)
Redaktion
Gunther Grewendorf (Universităt F rankfurt), Herwig Krenn (Universităt Bochum), Klaus Mullner
(Kelkheim), Arnim von Stechow (Universităt Konstanz)
Alle redaktionellen Zuschriften und Sendungen erbitten wir nur an die verantwortliche Redaktion
der Linguistischen Berichte, z. Hd.: Professor Gunther Grewendorf, Johann Wolfgang Goethe
Universităt Frankfurt, Institut fur Deutsche Sprache und Literatur II, Grăfstr. 76, D-6000
Frankfurt am Main 11.
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LB-Info, zu Hănden von Pref. Dr. Herwig Krenn, Romanisches Seminar der Ruhr-Universităt
Bochum bzw. Herrn Klaus Mullner, Postfach 2151, D-6233 Kelkheim.
Die Linguistischen Berichte erscheinen sechsmal im Jahr. Jahrgangsumfang ca. 480 S.
Jăhrlich erscheint ein Sonderheft, das je nach Umfang berechnet und den Abonnenten bei
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Zweijahresabonnement priv. (90/91) DM 122,-x
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Der Westdeutsche Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann International.
ISBN 978-3-531-12038-6 ISBN 978-3-322-99960-3 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-99960-3
© 1989 Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen
Inhalt
Martin Prinzhorn
Einleitung: Modelle der Restriktion in der generativen Phonologie 7
Jonathan Kaye. Jean Lowenstamm und Jean-Roger Vergnaud
Konstituentenstruktur und Rektion in der Phonologie 31
Glyne L. Piggott
Die Parameter der Nasalierung 76
John Rennison
Wo steht die Morphonologie heute? 138
Andrew Spencer
Morpholexikalische Phonologie 164
Grzegorz Dogil
Phonologische Konfigurationen,
Natürliche Klassen, Sonorität und Syllabizität 198
Grzegorz Dogil und Michael Jessen
Phonologie in der Nähe der Phonetik. Die Affrikaten im Polnischen
und Deutschen ..... . 223
Mitarbeiter dieses Sonderheftes 280
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Einleitung:
Modelle der Restriktion in der generativen Phonologie
Martin Prinzhorn, Wien
1 Vorbemerkung
Betrachtet man die Entwicklung der generativen Syntax in den vergangenen 25 Jah
ren, so sieht man eine Verschiebung von der Problematik der Erzeugung (Generierung)
grammatischer Strukturen hin zur Problematik der Beschränkung generierender Regel
oder Repräsentationssysteme. Das Problem ist nicht mehr, einen Apparat zu entwerfen,
der alle möglichen Strukturen einer Sprache erzeugen kann, sondern jene Beschränkun
gen zu finden, die die Klasse der natürlichen Sprachen von der Klasse der formal mögli
chen Sprachen unterscheidet. Sprachliche Universalien werden als Eigenschaften ange
sehen, die die Menge der Einzelgrammatiken unterdeterminieren. Aus empirischer Sicht
war es in der Syntax die Forschungsstrategie, das Englische auch bei der Suche nach Uni
versalien als Ausgangspunkt zu nehmen (vgl. Ross 1967), in der weiteren Entwicklung
kamen die romanischen Sprachen (vgl. Kayne 1975, Rizzi 1982) und weitere germa
nische Sprachen (vgl. Haider 1986, Koster 1978, van Riemsdijk 1978) hinzu. Darüber
hinaus gibt es noch einige einzelsprachliche Analysen nichtindogermanischer Sprachen
(vgl. Huang 1982, Koopman 1984), die aber auch zentrale Fragen aus dem "Kernbe
reich" auf die jeweiligen Einzelsprachen übertragen. Generell muß man sagen, daß der
Erfolg der Analyse umso größer ist, je näher eine Sprache typologisch dem Englischen
ist, d.h. je strikter die Beschränkungen der Serialisierung sind. Die Annäherung des Mo
dells an andere Sprachtypen mit größerer Wortstellungsfreiheit ist eine allmähliche und
eng mit dem Abstraktionsgrad der formulierten Beschränkungen verbunden. Trotzdem
hat man sich innerhalb des generativen Syntaxmodells darauf geeinigt, die bestehen
den theoretischen Annahmen nicht ohne weiteres aufzugeben und so zugunsten einer
höheren Beschreibungsadäquatheit auf den restriktiven Charakter der Theorie zu ver
zichten. Diese Strategie bringt aber in immer höherem Maß empirische Fragestellungen
und Daten unterschiedlicher Sprachen ans Licht und erlaubt so eine einheitliche Be
schreibung.
Die Situation in der Phonologie stellt sich etwas anders dar. Das Standardmodell in
"Sound Pattern of English" (Chomsky & Halle 1968; im folgenden SPE) war trotz seines
Themas von vornherein nicht so sehr auf das Englische zugeschnitten und eine äußerst
erfolgreiche Analyse der unterschiedlichsten Sprachen war unmittelbar und ohne größere
Veränderungen des Modells möglich. Obwohl das Modell an sich sofort Anlaß zur Kritik
gab und vor allem die Annahme zweier unterschiedlicher Repräsentationsebenen in der
7
Debatte über Abstraktheit von den Kritikern entweder völlig zurückgewiesen oder durch
phonetisch realisierte Repräsentationen beschränkt wurde, spielten innerhalb der Theorie
Überlegungen zur Unterdetenninierung zunächst keine solche Rolle wie in der Syntax.!
Die Hauptentwicklungen in den 70er Jahren betrafen das Verlassen der segmentalen
Ebene und die Einführung mehrschichtiger Repräsentationen, was jedoch zunächst
nicht so sehr aus metatheoretischen Gründen, sondern eher wegen der Behandlung
empirischer Phänomene wie Akzent, Vokalhannonie etc. geschah.2 Der grundsätzliche
Zusammenhang zwischen mehrschichtigen Repräsentationen und Beschränkungen (wie
etwa lokaler Art) wurde erst später betont (vgl. Kaye, Lowenstamm & Vergnaud, in
diesem Band).
Die in diesem Buch zusammengestellten Beiträge beschäftigen sich alle in der einen
oder anderen Weise mit der Restriktion phonologischer Repräsentationen. Entweder sind
diese Restriktionen auf der segmentalen Ebene durch Unterspezifizierung, hierarchische
Merkmalsstrukturen oder eine Theorie des Channes fonnuliert oder sie betreffen supra
segmentale Einheiten wie Autosegmente und Silben. Eine weitere Möglichkeit ist die
Restriktion der Phonologie durch die Interaktion mit der Morphologie. Ich werde in
den folgenden Abschnitten die Grundmodelle der verschiedenen Annahmen, die in den
Beiträgen gemacht werden, diskutieren. Meistens gibt es, wie im Fall der Merkmalshier
archien, bereits verschiedene Versionen eines Modells. Ich werde mich jedoch an jeweils
eine Version halten und zwar bei der Theorie der Unterspezifikation (Abschnitt 1.1) an
Archangeli (1984), bei den Merkmalshierarchien (Abschnitt 1.2) an elements (1985) und
Sagey (1986) und bei der Channetheorie (Abschnitt 1.3) an Kaye, Lowenstamm & Verg
naud (1985). Die Interaktion von Morphologie und Phonologie diskutiere ich anhand der
lexikalischen Phonologie (Abschnitt 2), wobei ich mich auf Kiparsky (1982) beziehe.
Kiparskys Theorie hat den Vorteil, mehrere Annahmen zur Restriktion der Phonologie
durch die Morphologie zu vereinen, und obwohl sowohl Spencer als auch Rennison in
diesem Band Alternativen zu Kiparskys Theorie vorschlagen, messen sie ihre Modelle
an seiner Theorie.
1.1 Unterspezifizierung
Obwohl Archangeli (1984) ihre Theorie der Unterspezifizierung sowohl für segmen
tale als auch für suprasegmentale Einheiten entwirft, beschränke ich mich in dieser
Diskussion auf die segmentale Ebene. Wird aus einer zugrundeliegenden Repräsenta
tion eine phonetische Oberflächenfonn abgeleitet, so kann man die hinzukommende
Information in zwei Klassen unterteilen: tatsächlich distinktive Infonnation und nicht
distinktive, also redundante Information. Dieser Einsicht wurde in manchen Versionen der
1 Eine Ausnahme in dieser Hinsicht ist die Markiertheitstheorie im Kapitel 9 von SPE, die aber außer von
Kean (1975) innerhalb der generativen Phonologie nicht weiter verfolgt wurde und erst in jiingeren Arbeiten
in einer anderen Fonn wieder Eingang in die Theorie findet.
2 Eine frühe Arbeit, die für die Notwendigkeit von Beschränkungen, die über Silben strukturen fonnuliert sind,
argumentiert ist, Kahn (1976).
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strukturalistischen Phonologie durch Archiphoneme oder im SPE Modell durch Markiert
heitskonventionen Rechnung getragen. In der Theorie der Unterspezifizierung wird nun
versucht, die zugrundeliegende Repräsentation auf ein äußerstes Minimum an Informa
tion zu reduzieren, wobei sowohl die Distributions- als auch die Alternationseigenschaf
ten phonologischer Einheiten als Kriterium für diese Minimalisierung dienen. Darüber
hinaus werden die unterschiedlichen Merkmalswerte nicht in der zugrundeliegenden Ma
trix repräsentiert, sondern nur ein Merkmalswert kann zugrundeliegend sein, während die
anderen in der Folge durch Regeln eingefügt werden. Daraus ergeben sich die folgenden
Möglichkeiten:
(1) ZR
-M ---+ +M
+M ---+ -M
+M
~M
-M
Regeln wie in (1) werden als Redundanzregeln bezeichnet, sie können sowohl sprach
spezifisch (und so den strukturalistischen Archiphonemen ähnlich) als auch universell
(und so den SPE-Markiertheitskonventionen ähnlich) sein. Universelle Redundanzregeln
werden als "default"- Regeln bezeichnet, sprachspezifische Redundanzregeln als Kom
plementregeln. Durch unterschiedliche Anordnungen dieser beiden Redundanzregeltypen
sowie durch unterschiedliche Unterspezifizierung derselben Segmentmenge werden aber
universelle phonologische Eigenschaften relativiert, so daß die Betonung in Archangelis
System immer auf Systemadäquatheit und nicht so sehr auf einer universellen Adäquat
heit liegt. Auch zwischen Redundanzregeln und wirklichen phonologischen Regeln gibt
es eine Anordnung, die wiederum sprachspezifisch ist. Phonologische Regeln können
also in einer Sprache auf eine Menge von unterspezifizierten Segmenten angewendet
werden, während sie in einer anderen Sprache auf eine Teilmenge von spezifiziert(er)en
Segmenten angewendet werden. Bei der Frage der Regelanordnung dienen in erster Linie
sprach spezifische Alternationen und die damit verbundene Simplifizierung der jeweiligen
Grammatik als Entscheidungskriterien.
Nun zu einigen kurzen Beispielen für die Funktionsweise von Unterspezifizierung aus
Archangelis Dissertation. In einer Sprache sind die drei Phoneme IA!, /BI und ICI mit
den Merkmalen F, G und H folgendermaßen spezifiziert (Archangeli 1984,39):
(2) ABC
F +
G +
H + + +
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In einem System wie dem von Chomsky & Halle (SPE) sind alle Merkmale spezifiziert,
bzw. durch universelle Markiertheitskonventionen vor allen phonologischen Prozessen
aufgefüllt. Eine teilweise Spezifizierung, wie sie in einigen strukturalistischen Arbeiten
vorgeschlagen wurde, nimmt bei allen Phonemen die Spezifizierung einiger Merkmale
an, während andere Merkmale (bei allen Phonemen) keine Werte haben (3).
(3) ABC
F +
G +
H
Eine Regel wie (4) füllt dann die restlichen Merkmalswerte auf.
(4) [] -+ [+H]
In einem Modell der Unterspezifizierung nimmt man nun folgende Repräsentationen als
Ausgangspunkt an:
(5) ABC
F +
G +
H
Beim Spracherwerb muß also nur (5) gelernt werden, alle anderen Werte werden durch
die Redundanzregeln in (6) aufgefüllt.
(6) a. -+ [-F]
b. -+ [-G]
c. -+ [+H]
In (5) ist das Merkmal C völlig unspezifiziert, und hier macht die Unterspezifi
zierungstheorie Voraussagen hinsichtlich der besonderen Rolle von C (gegenüber A und
B) bei phonologischen Prozessen. Diese Voraussagen exemplifiziert Archangeli anhand
eines Vergleichs der Vokalsysteme des Spanischen, des Japanischen und des Telugu. Alle
drei Systeme bestehen aus den fünf Vokalen /i,e,a,o,u/ deren spezifizierte Matrix (7) ist.
(7) e a 0 u
hoch + +
tief +
hinten + + +
rund + +
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In allen drei Sprachen gibt es Vokalepenthese, im Spanischen ist der Vokal Iel betroffen,
im Japanischen {t/ und im Telugu /u/. Der epenthetische Vokal wird immer als maximal
unterspezifiziert angenommen.
Zunächst das spanische Vokalsystem. Da Iel völlig unspezifiziert sein soll, müssen
alle Merkmalswerte dieses Segments wegfallen und durch Redundanzregeln aufgefüllt
werden. Diese Merkmale fallen auch bei den anderen Segmenten weg und werden
aufgefüllt. Da die Merkmale von Iel alle den Wert "-" haben, fällt dieser Wert im
Vokalsystem weg:
(8) i e a 0 u
hoch + +
tief +
hinten + + +
rund + +
Weiters kann noch das Merkmal [hinten] wegfallen. Würde außerdem noch das Merkmal
[rund] wegfallen, dann würden die Merkmale [hinten] und [rund] bei den Segmenten
101 und 10/ durch dieselbe Redundanzregel mit "-" spezifiziert werden, die diesem
Merkmalswert leI zuweist. Es bleibt also für Spanisch die Repräsentation (9).
(9) e a 0 u
hoch + +
tief +
rund + +
Dazu gibt es eine Menge von Redundanzregeln, die intrinsisch geordnet ist und
sich sowohl aus universellen "default"-Regeln (DR) als auch aus sprachspezifischen
Komplementregeln (KR) zusammensetzt (10).
(10) a. [ ] ---+ [-hoch] (KR)
b. [ ] ---+ [-tief] (KR)
c. [ ] ---+ [+hinten, -rund]/[_, +tief] (DR)
d. [ ] ---+ [-rund] (KR)
e. [ ] ---+ [hinten]/[_, -tief, arund] (DR)
Für Japanisch und Telugu sehen die unterspezifizierten Matritzen und die dazugehörigen
Redundanzregeln wie in (11) und (12) aus.
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