Table Of ContentFriedrich H. Tenbruck H rsg.
Perspektiven der
Kultursoziologie
Gesammelte Aufsätze
Friedrich H. Tenbruck
Perspektiven der
Kultursoziologie
Friedrich H. Tenbruck
Perspektiven
der Kultursoziologie
Gesammelte Aufsätze
Herausgegeben von Clemens Albrecht,
Wilfried Dreyer und Harald Homann
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
Die Deutsche Bibliothek-CIP-Einheitsaufnahme
Tenbruck, Friedrich H.:
Perspektiven der Kultursoziologie: gesammelte Aufsätze I
Friedrich H. Tenbruck. Hrsg. von Clemens Albrecht ...
ISBN 978-3-531-12773-6 ISBN 978-3-663-11031-6 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-11031-6
NE: Albrecht, Clemens [Hrsg.]
Alle Rechte vorbehalten
© 1996 Springer Fachmedien Wiesbaden 1996
Ursprünglich erschienen bei Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1996
Der Westdeutsche Verlag ist ein Unternehmen der Bertelsmann Fachinformation.
Das Werk einschließlich aller semer Teile ist urheberrechtlich
geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des
Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzuläs
sig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,
Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und
Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Umschlaggestaltung: Horst Dieter Bürkle, Darmstadt
Umschlagbild: © 1996 M. C. Escher I Cordon Art-Baarn-Holland.
All rights reserved.
Gedruckt auf säurefreiem Papier
ISBN 978-3-531-12773-6
Inhalt
Einleitung der Herausgeber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
I. Zur Bedeutung der Kultursoziologie
Über Kultur im Zeitalter der Sozialwissenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
Die Aufgaben der Kultursoziologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
Gesellschaftsgeschichte oder Weltgeschichte? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
Repräsentative Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
II. Kultursoziologische Studien
Zur Soziologie der Sophistik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
Die Sophistik als Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
Fortschritt der Wissenschaft? [Auszüge) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
Jugend und Gesellschaft. Soziologische Perspektiven [Auszüge) . . . . . . 195
Soziologie und Planung: Grenzen der Planung [Auszüge) . . . . . . . . . . . 219
Arbeit - Existenzsicherung und Lebenswert: Schlußfolgerungen . . . . . . 235
Die Musik zwischen europäischer Kultur und globaler Zivilisation 251
Die Bedeutung der Medien für die gesellschaftliche
und kulturelle Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
Friedeich H. Tenbruck - vita academica
und ausgewählte Schriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
5
Einleitung der Herausgeber
Die Sozialwissenschaften des 20. Jahrhunderts kennen mancherlei Umbrüche,
insbesondere in Deutschland. Nicht der geringste besteht im Aufkommen einer
disziplinären Kultursoziologie seit den späten 70er Jahren, das für alle, die es
aktiv erlebt und mitgestaltet haben, aber auch in der beobachtenden Rückschau,
in erster Linie mit dem Namen Friedrich H. Tenbrucks verbunden ist.
Wie immer man diese Entwicklung einschätzen mag, ob als kultursoziolo
gische Wende oder als kulturalistische Vereinseitigung, ob als Wiederaufnahme
älterer Theoriebestandteile oder als Vergegenwärtigung uneingelöster Verspre
chungen der soziologischen Theorie, nur selten wird gesehen, daß die Kul
tursoziologie, wie sie Tenbruck programmatisch entwickelt hat1, sich vor allem
als unverzichtbares Medium der Selbstverständigung und Selbstvergewisserung
in den modernen Gesellschaften versteht. An der Zuweisung dieser spezifischen
Aufgabe für die Sozialwissenschaften hat er seit ihrer frühen Formulierung
im ersten Beitrag dieses Bandes von 1962 festgehalten. So belegen die hier
versammelten Studien, daß diese Kultursoziologie weder eine Schwundstufe
ehemals höhergesteckter sozialwissenschaftlicher Ambitionen noch eine kul
turkritische Resignationsfrucht darstellt, sondern die dezidierte Alternative zur
Anti-Soziologie derjenigen, die an der Dialektik sozialwissenschaftlicher Auf
klärung irre geworden waren.
Verständlich wird diese konstitutive Kontinuität in den Arbeiten Tenbrucks
allerdings erst, wenn geklärt ist, in welchem Sinne ihnen eine allgemeine kul
tursoziologische Orientierung zugrunde liegt. Diese Orientierung besteht we
niger darin, daß sich Tenbruck von Beginn an vornehmlich Problemen der
Kultur gewidmet hat. Bedeutsamer und grundsätzlicher ist, daß er die Soziologie
selbst als Wissenschaft der Kultur begreift. Damit ist ihr die Doppelaufgabe
gestellt, als Kultursoziologie die gesellschaftliche Wirklichkeit von ihren kul
turellen Grundlagen her zu betrachten, und sie ist zweitens aufgerufen, ihre
eigene eminente Rolle im Selbstverständigungsprozeß der Gesellschaft zu re
flektieren und aufzuklären. 2
Von dieser Aufgabenstellung her erklärt sich auch Tenbrucks theoretisches
Interesse und seine Stellung zu den Versuchen, eine letztgültige Theorie der
Gesellschaft zu entwickeln. Denn auch hier verfolgt er den vor allem von
Weber überkommenen Gedanken, daß die sozialen Tatsachen sich nicht von
I Vgl. dazu die ersten Beiträge dieses Bandes.
2 Vgl. im vorliegenden Band: S. 40ff.; S. 48ff.; v.a. S. 59f.; S. 68ff.
7
selbst empirisch erschließen, sondern von den handelnden Subjekten gedeutet
werden müssen. Und dieses Deutungsbedürfnis läuft ins Leere, bleibt in Tri
vialitäten oder allgemeinen Richtigkeiten verfangen, wenn nicht die historischen
und kulturellen Dimensionen der Realität erschlossen werden, die in der Lage
sind, die Bedeutung der sozialen Tatsachen für uns zu demonstrieren. Tenbruck
hat daher immer wieder unter dieser Perspektive die soziologische Theorie,
ihre Konstruktionen und Versprechungen durchgemustert. Denn welche Gestalt
die Theorien besitzen, auf welche Ziele hin sie erarbeitet werden, ist schlechthin
entscheidend für den Auftrag, den sie sich zumessen.
Die Aufgabe der hier vorangestellten Einleitung besteht darin, zu umreißen,
wie sich die allgemeine kultursoziologische Orientierung Tenbrucks herausge
bildet hat, zu klären, inwieweit daraus ein Programm resultiert und die Auswahl
und Ordnung der folgenden Beiträge zu erläutern.
Der Neubeginn der Kultursoziologie
Nimmt man A. Vierkandts "Handwörterbuch der Soziologie" als Maßstab für
den Stand der deutschen Soziologie zu Beginn der 30er Jahre, so kann man
einige Indizien gewinnen, um die Kontinuitätsbrüche durch den Nationalso
zialismus und seine Aufarbeitung nach 1945 zu vermessen. Von den Bereichen
der Soziologie, die 1931 durch einen eigenen Artikel mit "-soziologie" am
Ende in ihrer besonderen Bedeutung hervorgehoben wurden, haben die meisten
nach 1945 unmittelbare und nicht weiter problematisierte Fortsetzungen ge
funden, wie etwa die Betriebssoziologie, die Rechts-, Religions- oder Wissens
soziologie, die heute meist als "spezielle Soziologien" weiter erforscht und
gelehrt werden, ohne daß ihr Inhalt oder ihre Forschungstradition als wesentlich
belastet gelten.
Im Gegensatz dazu haben nach 1945 zwei Richtungen in der jüngeren
Generation zunächst keine Fortsetzung gefunden: die Beziehungssoziologie und
die Kultursoziologie. Sieht man einmal von den besonderen Ursachen ab, die
zum Abbruch der Beziehungslehre Leopold von Wieses geführt haben,3 so ist
die "Kultursoziologie" also eines der wenigen Hauptgebiete der deutschen So
ziologie, das nach 1945 wenig Beachtung gefunden hat, obgleich ihre wich
tigsten Vertreter, Alfred Weber und Alfred v. Martin, zumindest in den 50er
Jahren noch aktiv waren.
3 Dieser Abbruch ist insofern erstaunlich, als in Köln die institutionellen und personellen
Voraussetzungen für die Weiterführung der Lehre geradezu ideal bestanden hätten (Institut,
bedeutende Stellung des "Schulhauptes", Schüler, Zeitschrift; vgl. dazu Heine von Alemann,
Leopold von Wiese und das Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften in Köln 1919 bis
1934, in: W. Lepenies {Hrsg.), Geschichte der Soziologie, Bd. 2, {1976), Frankfurt/M 1981,
S. 349-389; Johannes Weyer, Westdeutsche Soziologie 1945-1960. Deutsche Kontinuitäten
und nordamerikanischer Einfluß, Soziologische Schriften Bd. 41, Berlin 1984, S. 157ff.).
Daß diese Theorie bis heute keinen Anschluß gefunden hat, scheint somit nur aus der
Theoriegeschichte erklärbar zu sein.
8
Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Sie lassen sich teils aus A. Webers
Darstellung der "Kultursoziologie" in Vierkandts Handwörterbuch ermitteln:
Die Kultursoziologie, so A. Weber 1931, schließe an die großen geschichts
philosophischen Theorien und Fragestellungen der soziologischen Klassiker
an, vor allem von St. Simon, Comte und Marx. In direktem Anschluß an
diese Klassiker fragt A. Weber weiter: "Ist eine Geschichtssoziologie als ein
heitliche Umfassung und Deutung des historischen Prozesses unter letzten
kulturellen Wertgesichtspunkten möglich?"4 Als Antwort entwarf A. Weber
dann sein Konzept der "Kultursoziologie" im wesentlichen aus der Differenz
zwischen der Kultur als der "seelisch-geistigen Ausdrucksform" und dem kul
turübergreifenden Zivilisationsprozeß. 5
Dieser geschichtsphilosophische Anspruch erklärt, warum sich die jüngere
Generation in der westdeutschen Soziologie zunächst nicht mit dem Begriff
"Kultursoziologie" identifizieren konnte und wollte: Zum einen stand diese
Bezeichnung für jene Restbestände geisteswissenschaftlicher Tradition, der man
sich durch strikte Empirie und Anschluß an die amerikanischen Theorieent
wicklungen gerade entledigen wollte; zum anderen knüpfte diese Kulturso
ziologie an die überkommenen Geschichtsphilosophien des 19. Jahrhunderts
an, die jene weltanschauliche Spaltung in der Weimarer Soziologie bewirkt
hatte, die man nun durch eine konsequente Professionalisierung des Faches
zu überwinden hoffte. "Kultursoziologie" war eine Geisteswissenschaft, während
man allenthalben eine Sozialwissenschaft zu sein anstrebte, unabhängig von
der Frage, ob man weiterhin Geschichtsphilosophie betrieb wie die "Frankfurter
Schule", sich der Mode als Gegenstand zuwandte wie Rene König oder das
philosophische Reflexionspotential der Soziologie retten wollte wie Helmut
Schelsky.
Die einhellige Ablehnung dessen, was man als spezifisch deutsche Traditionen
in der Soziologie zu identifizieren glaubte, kennzeichnet jedenfalls die Lage
in den 50er Jahren. "Die alte ,deutsche Soziologie' ... bot uns allen keine
Chance zu neuenEinsichten mehr",6 wie es Schelsky rückblickend formulierte.
Deshalb wurden 1959 auf der Tagung im Jagdschloß Niederwald " ... die Ori
ginalität und Problemeinheit einer ,deutschen Soziologie' seit Max Weber oder
Simmel zu Grabe getragen"7.
Von den jüngeren Soziologen brach nach Schelskys Erinnerung Friedrich
H. Tenbruck aus diesem Konsens als erster aus, indem er die Suche nach
4 Alfred Weber, Kultursoziologie, in: A. Vierkandt (Hrsg.), Handwörterbuch der Soziologie;
gekürzte Studienausgabe, (1931), Stutegart 1982, S. 83.
5 Als unmittelbarste Fortsetzung dieser Theorie kann wohl der Schüler A. Webers Norbert
Elias gelten, dessen Erfolg dann aber erst Ende der 60er Jahre einsetzte (vgl. Norbert Elias,
Über den Prozell der Zivilisation, 2 Bde., (1968), 13. Aufl., Frankfurt/M 1988).
6 Helmut Schelsky, Rückblicke eines ,Anti-Soziologen', Opladen 1981, S. 17; auch wenn Schelsky
aus diesem Konsens die ,Frankfurter Schule' ausschließt, so galt in deren Selbstverständnis
die ,deutsche Soziologie' dezidiert nicht als ein Traditionsstrang, auf den man sich berufen
wollte, ganz im Gegensatz zum deutschen Idealismus (Kant, Hege!, Schopenhauer).
7 Helmut Schelsky, Rückblicke eines ,Anti-Soziologen', Opladen 1981, S. 65 (im Original
kursiv).
9
einer einheitlichen Theorie der Gesellschaft zu einer Variante der Geschichts
philosophie erklärte und einen ,neuen Pluralismus' forderte, in dem dann
auch die deutschen Klassiker ihren legitimen Ort hätten. 8 Ungeachtet der
Tatsache, daß für die Wiedererrichtung der Kultursoziologie auch andere eine
wesentliche Rolle spielten,9 so spiegelt doch die Entwicklung des Denkens
von F. H. Tenbruck in besonderer Weise die Lage des ganzen Faches, auf die
der Neubeginn der Kultursoziologie eine Antwort geben sollte. Entscheidend
dabei ist, daß sich dieser Neubeginn bei Tenbruck als ein Prozeß vollzog, der
nicht an einzelnen ,Entdeckungen' oder gar als eine ,Wende von der Struktur
zur Kultursoziologie' festzumachen ist, sondern im philosophisch fundierten
Grundinteresse Tenbrucks von Beginn an angelegt war, das er ja mit vielen
Soziologen der 50er Jahre teilte (erinnert sei nur an Plessner, Schelsky, Berg
straesser, Horkheimer, Adorno, Gehlen), und das durch die Lage der Soziologie
im ganzen aktiviert, herausgefordert und geprägt wurde. In der Rekonstruktion
dieses Prozesses lassen sich gleichwohl einzelne Elemente ausmachen, die sich
schließlich zur programmatischen Neuformulierung der Kultursoziologie ver
dichteten. Drei dieser Elemente seien im folgenden hervorgehoben: 1) Die
Rolle historischer Studien, 2) die Wiederentdeckung der Wissenschaftslehre
Max Webers und 3) der Anschluß an die amerikanische Kulturanthropologie.
1) Ein wichtiger Hintergrund der Kultursoziologie der 20er Jahre war das
besonders enge Verhältnis, das die deutsche Soziologie mit der Geschichts
wissenschaft verbunden hatte.10 War dieser Strang auch nach 1945 unter dem
doppelten Druck von empirischer Sozialforschung und ,harter' Theorie deutlich
in den Hintergrund getreten, so daß er einer eigenen Vergegenwärtigung be
durfte, 11 so stand doch vor allem Alfred v. Martin auch nach 1945 für die
Kontinuität einer historisch arbeitenden Kultursoziologie.12 Das prekäre und
weithin ungeklärte Verhältnis zwischen Geschichte und Gesellschaft im Lichte
und nach Maßgabe der neuen soziologischen Theorieentwicklung zu klären,
war das ambitionierte, weil zum Kern der Bedeutung der modernen Sozial
wissenschaften vorstoßende Anliegen der Habilitationsschrift Tenbrucks.13 Die-
8 Vgl. ebd., S. 68; diese Aussagen beziehen sich auf den Artikel von Friedrich H. Tenbruck,
Deutsche Soziologie im internationalen Kontext. Ihre Ideengeschichte und ihr Gesellschafts
bezug, in: Köln er Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 21: Deutsche
Soziologie seit 1945. Entwicklungsrichtungen und Praxisbezug, hrsg. von Günther Lüschen,
Opladen 1979, S. 71-107.
9 Etwa Wolfgang Lipp oder Hans Peter Thurn, Soziologie der Kultur, Stuttgart 1976; einen
Überblick gibt Heft 3 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 31, 1979,
S. 393ff.
10 Vgl. dazu etwa die immer noch klassische Studie von Carlo Antoni, Vom Historismus zur
Soziologie, Stuttgart 1950.
II Vgl. Volker Kruse, Historisch-soziologische Zeitdiagnosen in Westdeutschland nach 1945.
Eduard Heimann, Alfred von Martin, Hans Freyer, Frankfurt/M 1994.
12 Vgl. etwa Alfred von Martin, Geist und Gesellschaft. Soziologische Skizzen zur europäischen
Kulturgeschichte, Frankfurr/M 1948; Soziologie der Renaissance. Physiognomik und Rhyth
mus einer Kultur des Bürgertums, (1932), 2. Aufl., Frankfurt/M 1949.
13 Vgl. Friedrich H. Tenbruck, Geschichte und Gesellschaft (Sozialwissenschaftliche Abhand
lungen der Görres-Gesellschaft Bd. 14), Berlin 1986; auf die Bedeutung des Habilitations-
10
se, wie auch andere theoretische Arbeiten gingen bei Tenbruck immer parallel
mit konkreten historischen Studien, deren Ergebnisse das Problem des Ver
hältnisses von Kultur und sozialer Struktur je besonders bestimmten und damit,
wenn man will, historisierten.
Für den Neubeginn der Kultursoziologie spielte Anfang der 60er Jahre eine
Studie über das Mönchstum eine wichtige Rolle, deren Manuskript verschollen
ist. Die Bedeutung des Themas läßt sich aber aus Briefstellen rekonstruieren.
Als Tenbruck 1962 von Helmut Schelsky zu einem Vortrag nach Dortmund
eingeladen wurde, schlug er als Thema neben "Kultur im Zeitalter der So
zialwissenschaften" auch "Die Entstehung des Mönchstums" vor: "Es handelt
sich um eine Hypothese über die Entstehung des Mönchtums, bei der es aber
nicht um das geschichtliche Ereignis als solches sondern um eine systematische
Hypothese über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, bzw. den
sozialen Wandel geht. Ich möchte zeigen, wie sich beim Abbau gesellschaftlicher
Strukturen und der Zerfaserung der Kultur das Individuum erst in die Isolation
rettet (vorpachomianisches Mönchstum) und dann im gesellschaftlichen Abseits
sich selbst neue Gruppen, hier sogar künstlich mit Regeln, schafft, in denen
eine neue Stabilisierung der Person gelingt, aus der ja dann im Abendland
fast eine neue Gesellschaft, das Mittelalter, hervorgegangen ist. Ich möchte
daran praktisch die Grenze des soziologischen Determinismus, und der sozio
logischen Begriffe überhaupt erläutern, also der Spontaneität und Kreativität
des Individuums in gesellschaftlicher Hinsicht nachgehen .... Ich will hinzu
setzen, dass keine Arbeit über Erscheinungen der Gegenwartsgesellschaft mir
so viel eingetragen hat wie diese anscheinend abliegende und antiquarische
Hypothese. Ich würde sie gleichzeitig benutzen, um die grundlegende Bedeu
tung der historischen Dimension für die Soziologie zu vertreten. Ich würde
endlich anhand der Theorie eine umfassende Hypothese über die Möglichkeiten
und die gesellschaftliche Bedeutung der geistigen Gruppenbildung entwik
keln."14 Der Neubeginn der Kultursoziologie knüpfte an die historische So
ziologie insofern an, als aus einem geschichtlich erweiterten Horizont der
Stoff genommen werden konnte, um die Gültigkeit der Grundprämissen so
ziologischer Theorie überprüfen und ihren Geltungsraum (Gesetzescharakter)
begrenzen zu können.
2) Für den Neubeginn der Kultursoziologie spielte die deutsche Wiederent
deckung der deutschen Klassiker (in den USA war ja das Gewicht Webers
und auch Simmels kontinuierlich gewachsen, unter welchem Vorzeichen auch
immer15) sicher eine wichtige Rolle. Gerade Schelsky, der die Klassiker der
,deutschen Soziologie' begraben hatte, antwortete auf den Simmel-Aufsatz Ten-
themasfür den Neubeginn der Kultursoziologie kann hier aus Platzmangel nicht eingegangen
werden.
14 Brief von Friedrich H. Tenbruck an Helmut Schelsky vom 28.1.1962.
15 Vgl. dazu Reinhard Bendix/Günther Roth, Max Webcrs Einfluß auf die amerikanische So
ziologie, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, II, 1959, S. 38-53.
11