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WISSENSCHAFrÈN
Rheinisch -Westfä1ische Akademie der Wissenschaften
Natur-, lngenieur-und Wirtschaftswissenschaften Vorträge . N 266
Herausgegeben van der
Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften
HERBERT GIERSCH
Perspektiven der Entwicklung der We1twirtschaft
NORBERT SZYPERSKI
Unternehmungs- und Gebietsentwicklung
als Aufgabe einze1wirtschaftlicher
und öffentlicher Planung
Westdeutscher Verlag
242. Sitzung am 7. April 1976 in Düsseldorf
© 1977 by Westdeutscher Verlag GmbH Opladen
Gesamtherstellung: Westdeutscher Verlag GmbH
ISBN 978-3-531-08266-0 ISBN 978-3-322-86065-1 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-86065-1
lnhalt
Herbert Giersch, Kiel
Perspektiven der Entwicklung der Weltwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Diskussionsbei träge
Professor Dr. rer. pol. Dres. h. c. Wilhelm Krelle; Professor Dr. rer.
pol. Herbert Giersch; Professor Dr. rer. pol. Erich Pouhoff; Hel-
mut Weikart MdL; Bergrat a. D. Professor Dr.-Ing. OUo Dünbier 23
Norbert Szyperski, Köln
Unternehmungs- und Gebietsentwicklung als Aufgabe einzelwirt-
schaftlicher und öffentlicher Planung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
Diskussionsbeiträge
Bergrat a. D. Professor Dr.-Ing. OUo Dünbier; Professor Dr. rer.
pol. Norbert Szyperski; Helmut Weikart MdL . .. . .. . . . .. .. . . .. 75
Perspektiven der Entwicklung der Weltwirtschaft
Von Herbert Giersch, Kiel
1. "Weltwirtschaft" ist kein neuer Begriff, obwohl er im anglo-amerika
nischen Sprachraum erst seit kurzem in Mode gekommen ist. Auf dem euro
päischen Kontinent ist er seit mindestens sechzig Jahren gebräuchlich, wie die
Namen mehrerer Wirtschaftsforschungsinstitute, Bibliotheken und Zeitschrif
ten in Deutschland bezeugen.
2. Doch stehen hinter dem Begriff Weltwirtschaft mindestens zwei ver
schiedene Ordnungsvorstellungen. Das eine Konzept folgt der traditionellen
Wirtschaftswissenschaft, die sich seit der Veröffentlichung von Adam Smiths
"Wealth of N ations" vor 200 J ahren darauf konzentriert hat, den spon tanen
Austausch von Gütern und Leistungen und den Kapitalverkehr zwischen
zahlreichen Unternehmen und Haushalten zu erklären. Im FalIe eines grenz
überschreitenden Handels und grenzüberschreitender Wanderungen von Ar
beitskräften und von Kapital sprach man von internationalen Wirtschafts
beziehungen. Diese Konzeption von Weltwirtschaft ist eine Katalaxie, eine
Tauschgesellschaft, eine internationale Privatrechtsgesellschaft, um einen
treffend en Begriff von Franz Böhm zu gebrauchen. Die Staaten beschränken
sich in diesem System darauf, Grenzabgaben - sprich Zölle - zu erheben
oder die Vertragsfreiheit durch direkte Kontrollen einzuengen. Daneben hat
es immer eine geistige Strömung gegeben, nach der die Weltwirtschaft als die
Fortentwicklung einer Volkswirtschaft anzusehen sei und diese als ein zen
tral-verwaltetes oder zentral-koordiniertes Gebilde wie ein Haushalt oder
ein Betrieb oder eine Wirtschaftsunion sozialistischer Länder nach dem Mu
ster des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe.
Weltwirtschaft in diesem zweiten Sinne ist die Konzeption eines welt
weiten hierarchischen Systems mit einer Weltregierung, die versucht, Voll
beschäftigung zu erzielen, das Wachstum regional zu differenzieren, be
stimmte Preise für Güter- und Produktionsfaktoren durchzusetzen und das
Weltsozialprodukt zugunsten oer armen Länder umzuverteilen. Während
das Konzept einer international en Wirtschaft im Sinne von Adam Smith auf
ein System von Märkten ohne staatliche Intervention hinausläuft, zielt die
moderne Denkart und Rhetorik darauf ab, daB eine politische Instanz auf
8 Herbert Giersch
Weltebene eine volonté générale gegen den Markt und die internationale
Tauschgesellschaft durchsetzt. Irgendwo dazwischen gibt es eine dritte Kon
zeption für eine bessere Weltwirtschaft. Sie Wh sich charakterisieren als "in
ternationale Kooperation zum besseren Funktionieren der international en
Marktmechanismen" .
3. Der traditionelle laissez-faire-Typ der Weltwirtschaft ist ein weltweiter
Handel. In ihm spiegelt sich eine weltweite Arbeitsteilung zwischen einer
Vielzahl von Individuen und Unternehmen. Handel und Arbeitsteilung ent
wickeln sich spontan innerhalb der Länder und über die nationalen Grenzen
hinweg, weil die Teilnehmer an diesem Vertragssystem darin einen Vorteil
sehen. Sie konzentrieren ihre Kräfte auf diejenigen Güter und Dienste, die
sie mit bestem Gewinn erzeugen und verkaufen (exportieren) können, urn im
Gegenzug jene Güter und Dienste zu kaufen (zu importieren), die sie selbst
so preiswert nicht herstellen könnten. Wenn jemand mit gegebenem Kraft
und Zeitaufwand entweder zwei Einheiten A oder eine Einheit B herzu
stellen vermag, so spezialisiert er sich am besten auf B, vorausgesetzt, daB er
für eine Einheit B mehr erlöst, als er für zwei Einheiten A bezahlen muB.
Was man dabei als Differenz gewinnt, kann für mehr Konsum oder für
Investitionen oder für mehr Freizeit verwend et werden. Diese allseits vor
teilhafte Arbeitsteilung findet ihre Grenzen in der GröBe des Marktes, wie
schon Adam Smith beobachtete, und der gröBte Markt, der im Rahmen einer
allumfassend vorteilhaften Arbeitsteilung genutzt werden kann, ist nun ein
mal die Erde, die wir mit der Welt gleichsetzen. Der Handel kann urn so
umfangreicher sein, und er ist urn so vorteilhafter, je mehr sich die Produk
tionsbedingungen unterscheiden. Diese Produktionsbedingungen umfassen
Klima, Bodenqualität, Rohstoffe, Infrastruktur-und Sachkapitalausstattung
und nicht zuletzt die Qualität des Arbeitskräftepotentials. Begrenzt werden
die Chancen des Handels und der Arbeitsteilung durch die Kosten der In
formationsbeschaffung, des Transports und der rechtlichen Durchsetzung von
Verträgen, aber auch durch Handelszölle und andere staatliche Interventio
nen, die wie künstliche Verkehrshindernisse wirken.
4. Handel und Arbeitsteilung nach dem soeben beschriebenen Prinzip der
komparativen Vorteile sind das Ergebnis freier Entscheidungen von Unter
nehmen und Haushalten. Sie wirk en zurück auf die räumliche Struktur der
Produktion, und zwar so, daB Güter, die viel Kapital (Land) und wenig
Arbeit erfordern, dort produziert werden, wo Kapital (Land) relativ reich
lich und Arbeit relativ knapp ist. Entsprechend werden arbeitsintensive Pro
dukte dort hergestellt und von dort importiert, wo das Angebot an Arbeits-
Perspektiven der Entwicklung der Weltwirtschaft 9
kräften reichlich und daher billig ist. Allgemein: Güter, die den relativ reich
lich vorhandenen Produktionsfaktor absorbieren, werden exportiert, und
Güter, die viel von den besonders knappen Faktoren beanspruchen und des
halb im Inlande nicht wettbewerbsfähig hergestellt werden können, werden
importiert. Deshalb gilt der Satz, dag Handel ein Substitut für Faktorwan
derungen ist. Anstelle von Arbeitskräften wandern arbeitsintensive Güter,
und weniger Kapitalbewegungen sind nötig, wenn Güter, die kapitalintensiv
erzeugt werden müssen, von den kapitalreichen in die kapitalarmen Länder
geliefert werden. Anders gewendet: Unterschiede in der Faktorausstattung
schaffen Spielraum für Handel und werden durch Handel in ihrer Bedeu
tung gemindert. Dies erlaubt uns zu erklären und vorherzusagen, dag Län
der mit reichen Rohstofflagerstätten Rohstoffe oder rohstoff-intensive Gü
ter exportieren, dag die tropischen Länder ihre Einfuhren mit sonneninten
siven Früchten oder touristischen Dienstleistungen bezahlen und dag Länder
mit einem hohen Wissensstand der Bevölkerung sich ihre Devisen vor allem
damit verdienen, dag sie intelligente oder forschungsintensive Güter auf den
Weltmarkt bringen. Da der Handel, vor allem unter laissez-faire Bedingun
gen auf freiwilligen Verträgen beruht, solche Verträge aber nur abgeschlos
sen werden, wenn sich beide Partner davon einen Vorteil versprechen, und
da die Partner solche Verträge nur erneuern, wenn sie im Vergleich zu den
Alternativen, die ihnen offenstehen, tatsächlich auch einen Vorteil erzielen,
besteht die st arke Vermutung, dag ein freier Handel auf die Dauer allen
zugute kommt. Im Gegensatz zu den Behauptungen mancher Länder, die
von ungleichen Verträgen sprechen oder ihre Austauschrelationen an utopi
schen Vorstellungen messen, ist Freihandel bes ser als kein Handel und auf
jeden Fall kein Nullsummenspiel.
5. Noch effizienter als durch Handel gestaltete sich die Standortstruktur
in der Welt, wenn die Unterschiede in der Faktorausstattung auch noch durch
die Mobilität von Arbeit, Kapital und technischem Wissen vermindert wür
den. Deshalb sieht die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft im Prinzip nicht
nur den freien Güteraustausch vor, sondern auch einen gemeinsamen Arbeits
und Kapitalmarkt und die Niederlassungsfreiheit der Unternehmen.
Wenn Arbeit und Kapital einschliemich des Humankapitals und der fin
digen Unternehmer dorthin gehen könnten und würden, wo sie die höchsten
Erträge erwarten, könnte die Menschheit insgesamt den grögten Vorteil aus
den klimatischen und geographischen Gegebenheiten ziehen. Zu dies en Ge
gebenheiten zählt auch das soziale Klima, das ein Reizklima sein kann und
in Verdichtungsgebieten mit niedrigen Kommunikationskosten nicht nur zu
wirtschaftlicher Aktivität anspornt, sondern auch zum Lernen und zum Hin-
10 Herbert Giersm
ausschieben der Grenzen des Wissens. Auf der anderen Seite kann das soziale
Klima auch steriler, ja, unerträglich werden, wenn der ProzeB der Ballung
bestimmte Grenzen überschreitet. Eigentlich sollte man erwarten, daB die
Länder ebenso wie Unternehmen urn mobile tüchtige Faktoren einschlieBlich
der Forscher und Unternehmer konkurrieren, soweit diese zu den natürlichen
Ressourcen komplementär sind und deshalb geeignet wären, das regionale
oder nationale Entwicklungspotential zu erhöhen. Aber das Entwicklungs
potential eines Landes oder einer Region ist ein langfristiges Konzept, dessen
zeitliche Dimension den relevanten Zeithorizont der Politiker in der reprä
sentativen Demokratie weit überschreitet.
6. Tatsächlich verhalten sich nur wenige nationale Regierungen so, als ob
sie sich in einem internationalen Wettbewerb befänden. Im Extremfalle
unterliegen sie starken Kräften, die von kurzfristigen Interessen getrieben
werden, und beschränken das Zu- und Abwandern von mobilen Faktoren
oder die Ein- und Ausfuhr von Gütern und Leistungen. Vor allem schwache
Regierungen stehen oft unter dem EinfluB privater Interessentengruppen, die
einen wirksamen Schutz vor der Auslandskonkurrenz begehren. Was den
heimischen Produzenten hilft, geht in der Regel zu Lasten der heimischen
Konsumenten, einschlieBlich der Unternehmen und Branchen, die die Import
güter als inputs im ProduktionsprozeB benötigen. Der politische ProzeB ar
beitet zugunsten der Produzenten und zum Nachteil der Nachfrager und
Konsumenten, weil wir allesamt als Anbieter und Produzenten ein eng be
grenztes Interesse haben und daher insoweit leicht organisierbar sind, wäh
rend wir als Nachfrager die Welt der Güter gleichsam durch ein Weit
winkelobjektiv sehen, statt durch ein Fernglas. Die einzig bedeutsame Aus
nahme sind die Mieter, aber Immobilien spielen im grenzüberschreitenden
Verkehr noch keine groBe Rolle. Man kann zwar im Rahmen der normativen
Wirtschaftstheorie zeigen, daB Importhemmnisse möglicherweise das ein
fachste Mittel sind, urn die Einkommensumverteilung zugunsten der Lohn
abhängigen zu verbessern, falls Arbeit der knappste Faktor ist; aber das
Theorem gilt nur unter restriktiven Bedingungen, die in der realen Welt
nicht leicht zu identifizieren sind. Handelsbeschränkungen lieBen sich auch
nationalegoistisch begründen, etwa wenn ein groBes Land, wie die USA, die
Absicht hätte, die übrige Welt monopolistisch auszubeuten, aber hiergegen
lassen sich starke ethische oder kosmopolitische Gründe ins Feld führen.
SchlieBlich gibt es die Möglichkeit, Handelsbeschränkungen ökonomisch zu
rechtfertigen, wenn sie dazu dienen, die Wirkungen falscher Marktsignale
zu korrigieren oder Unvollkommenheit des Preismechanismus auszugleichen;
aber es gibt hierfür bessere, gezielte Methoden, urn mit Problemen dieser Art
Perspektiven der Entwicklung der Weltwirtschaft 11
fertig zu werden. Die meisten Argumente für staatliche Eingriffe in den
international en Handel sind Relikte einer Zeit, in der die Regierungen sich
mangels anderer Instrumente der Wirtschaftspolitik darauf beschränken
muBten, an der Grenze zum Ausland zu operieren. DaB es dabei auch noch so
aussah oder dargestellt werden konnte, als ob die Intervention dem Ausland
Schaden zufügte, statt den Konsumenten im Inland, machte die protektioni
stische Handelspolitik natürlich besonders attraktiv.
7. Das System des relativ freien Welthandels ist in der groBen Depression
der Zwischenkriegszeit praktisch zusammengebrochen, aber es hat nach dem
zweiten Weltkrieg ei ne groBartige Renaissance erlebt. Ohne die Liberalisie
rung der Weltwirtschaft im letzten Vierteljahrhundert wäre es sicher kaum
zu jener Beschleunigung im Wachstum des Weltsozialprodukts und des ma
teriellen Wohlstands gek ommen, die in der Geschichte der Menschheit ohne
Beispiel ist. In allen Ländern war die wirksame Nachfrage so hoch, daB die
Furcht, freie Einfuhren könnten zu Arbeitslosigkeit führen, im Gegensatz
zur Zwischenkriegszeit kaum mehr eine Rolle spielte. Im Gegenteil sahen
manche Länder im Abbau von Zöllen und Importrestriktionen ein wiIl
kommenes Mittel, urn Angebotsengpässe auszuweiten und Inflationsten
den zen entgegenzuwirken. Die Handelsfreiheit in der Europäischen Wirt
schaftsgemeinschaft konnte schneller verwirklicht werden, als der Vertrag
von Rom es vorsah. Schwerwiegende Anpassungsprobleme entstanden dabei
nicht, weil sich die sechs Länder in ihrem Entwicklungsniveau und in ihrer
Faktorausstattung kaum unterschieden und der zusätzliche Handel deshalb
weitgehend auf einen intra-industriellen Austausch - im Gegensatz zu einem
inter-industriellen Austausch - hinauslief: Die Güter, die zusätzlich expor
tiert oder importiert wurden, waren einander ähnlich, da sie aus denselben
Branchen stammten (wie zum Beispiel französische und deutsche Kraftfahr
zeuge oder deutsche und italienische Haushaltsgeräte). Die Anpassungspro
zesse waren daher entweder gering oder konnten sich innerhalb der Branchen
oder gar innerhalb der einzelnen Unternehmen vollziehen. In keinem der
beteiligten Länder kam es wegen der Importkonkurrenz zum Schrumpfen
oder Aussterben ganzer Branchen.
8. Anders liegen die Verhältnisse im Nord-Süd-Handel - genauer im
West-Süd-Handel. Trotz ihrer guten Erfahrungen im Handel untereinander
fahren die meisten Industrieländer des Westens fort, ihre arbeitsintensiven
Industrien gegen die Konkurrenz aus Niedriglohnländern zu schützen. Der
Hauptgrund liegt wohl darin, daB ein freies Spiel der Marktkräfte in den
West-Süd-Beziehungen eher zu einer inter-industriellen als zu einer intra-