Table Of ContentAmbrosius Mediolanensis
Orationes funebres I
Corpus Scriptorum
Ecclesiasticorum
Latinorum (CSEL)
Herausgegeben von der Arbeitsgruppe CSEL
an der Universität Salzburg
Band 106
Ambrosius Mediolanensis
Orationes funebres I
In psalmum 61 / De obitu Gratiani
De consolatione Valentiniani / De obitu Valentiniani
De obitu Theodosii
Ediert von Victoria Zimmerl-Panagl
International Advisory Board:
François Dolbeau, Roger Green, Rainer Jakobi, Robert Kaster, Ernst A. Schmidt, Danuta Shanzer, Kurt
Smolak, Francesco Stella, Michael Winterbottom
Zur Erstellung der Edition wurde das Programm CLASSICAL TEXT EDITOR verwendet.
ISBN 978-3-11-074719-5
e-ISBN (PDF) 978-3-11-074735-5
ISSN 1816-3882
Library of Congress Control Number: 2021935848
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Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
www.degruyter.com
Vorbemerkungen
Unter den Werken des Ambrosius nehmen seine Totenreden eine besondere Stel-
lung ein und haben in unterschiedlichen Forschungsrichtungen Interesse geweckt:1
Sie sind unter anderem als die ersten vollständig erhaltenen Leichenreden aus dem
lateinischen Sprachraum und als literarisch kunstvolle Dokumente für die Philolo-
gie von Interesse, aufgrund ihrer historischen Implikationen sind sie willkommene
Quellen für die Geschichtswissenschaft, und in ihren exegtischen, dogmatischen
bzw. christologischen Schwerpunkten sind sie wertvolle Zeugen für patristische For-
schungen.
Doch auch wenn es sich bei den Reden für die Kaiser Valentinian II. und Theo-
dosius I. um die ersten vollständig erhaltenen lateinischen Totenreden der Antike
handelt, sind sie keine Totenreden, wie sie für die Klassische Antike angenommen
werden dürfen: Sie sind deren christianisierte Weiterentwicklung, die zwar Topoi
oder Bestandteile der antiken Konsolationsliteratur enthalten, diese jedoch christ-
lich überformen. Die Reden unterscheiden sich von ihren antiken Vorgängern auch
durch ihren Kontext im Ablauf der (sich zur Zeit des Ambrosius herausbildenden)2
christlichen Begräbnisfeier; da sie aber mit prominenten Persönlichkeiten, nämlich
den Kaisern, und jeweils politisch heiklen Situationen in Zusammenhang stehen,
können und dürfen auch sie nicht als ‚Muster‘ gelten, durch das uns die ‚typische‘
spätantike Totenrede greifbar würde. Die in diesem Band edierten Reden für die
Kaiser Valentinian II. und Theodosius I. wurden außerdem zu unterschiedlichen
Anlässen gehalten: jene für Valentinian II. unmittelbar vor dessen Beisetzung im
Rahmen einer wie auch immer strukturierten liturgischen Feier; jene für Theodo-
sius I. zu dem Zeitpunkt, als der Leichnam des Kaisers von Mailand nach Konstanti-
nopel überstellt wurde (es ging zumindest die Rezitation von Ps. 114 voraus). Die
Reden folgen aufgrund ihrer Kontextualisierung, aber auch aufgrund sehr unter-
schiedlicher historischer Situationen nicht demselben inhaltlichen Muster und ste-
hen zwischen den Genera ‚Predigt‘ und ‚(Lob)Rede‘.
Der dritte Text, der im vorliegenden Band ediert wird, ist weder eine Leichenre-
de noch steht er unmittelbar mit einer Begräbnisfeier bzw. einer Beisetzung in Zu-
sammenhang, wurde aber aus inhaltlichen Gründen bereits in Teilen der mittelalter-
lichen Überlieferung mit den beiden genannten Reden für die Kaiser Valentinian
und Theodosius verbunden (aus verlagstechnischen Gründen war für den vorlie-
genden Band ein Sammeltitel notwendig; in Ermangelung eines besseren Begriffs,
der allen drei Texten völlig gerecht wird, wurde „Orationes funebres I“ gewählt,
auch wenn in psalm. 61 keine Leichenrede im eigentlichen Sinn ist): Es handelt sich
||
1 Die Forschungsliteratur ist zahlreich, wie ein Blick auf die Bibliographie zeigt. Allgemein zu den
Leichenreden sei auf CONSOLINO, Art. Leichenrede, verwiesen.
2 VOLP, Tod und Ritual (u.a. p. 203).
https://doi.org/10.1515/9783110747355-201
VI | Vorbemerkungen
um Ambrosius’ Auslegung von Psalm 61, in deren zweitem Teil die Ermordung von
Kaiser Gratian ins Zentrum rückt. Diese Psalmauslegung ist als letzter Teil des Cor-
pus der Explanatio psalmorum XII bekannt und wurde in dieser Weise im Jahr 1919
von Michael Petschenig in CSEL 64 ediert. Der Text nimmt allerdings im Corpus der
Explanatio psalmorum XII eine Sonderstellung ein (siehe dazu den betreffenden
Abschnitt in der Einleitung).
Folgende Umstände legten nahe, den Text von in psalm. 61 gemeinsam mit den
beiden Totenreden zu edieren: Als Petschenig in psalm. 61 edierte, war unbekannt,
dass es eine weitere Textfamilie gibt, in der diese Psalm-Auslegung überliefert wird;
erst durch die Forschungsergebnisse von Otto Faller (CSEL 73) und Mirella Ferrari
(zu Mailänder Handschriften, siehe die Bibliographie) wurde auf einige dieser Text-
zeugen aufmerksam gemacht. Als Michaela Zelzer 1999 eine Zweitauflage von CSEL
64 besorgte, wies sie zwar auf diese Handschriften hin, jedoch sah das Projekt der
Zweitauflage keine Untersuchung dieser Textzeugen vor.3 Einige Jahre später be-
gann sie mit Vorarbeiten für eine Neuedition dieser Psalmauslegung, verstarb je-
doch, bevor sie die Kollationen vervollständigen bzw. Ergebnisse für die Texterstel-
lung in irgendeiner Weise nutzbar machen konnte. Michaela Zelzer hielt außerdem,
wie sie im Zuge ihrer Beschäftigung mit den Ambrosius-Briefen mehrmals festhielt,
eine Neukollation und Neuedition der Rede für Kaiser Theodosius für notwendig.4
Ihre Anregungen wurden Grundlage für die vorliegende Edition, mit der ich seitens
des CSEL befasst wurde.
Im Zuge der Arbeit stellte sich heraus, dass die Ergebnisse zur handschriftlichen
Überlieferung, wie sie in der bisher einzigen kritischen Edition der Reden (ed. Otto
Faller, CSEL 73) und der Psalmauslegung (ed. Michael Petschenig, CSEL 64) in den
Apparaten vorliegen, nicht restlos verlässlich sind. Die textkritischen Apparate
enthalten Fehler und Ungenauigkeiten. Auch wenn die Bände als jeweils erste mo-
derne kritische Textausgaben unzweifelhaft große Verbesserungen für die Arbeit
mit den Texten darstellten, zogen die Probleme bei den Kollationen offenbar auch
Versehen bei der Texterstellung nach sich.5 Da außerdem der erwähnte Überliefe-
rungszweig, der für die mit Gratian in Zusammenhang stehende Psalmauslegung
bisher unberücksichtigt war, auch ein wichtiger Zeuge der Reden für Valentinian
und Theodosius ist und da die drei Texte in diesem Überlieferungszweig verbunden
sind, wurden sie gemeinsam untersucht.
Die Texte sind im Folgenden chronologisch geordnet und tragen in der Einlei-
tung die folgenden Abkürzungen: Die Auslegung von Psalm 61 (= die letzte im Cor-
||
3 PETSCHENIG – ZELZER, CSEL 64, 402, mit Hinweis auf FALLER, CSEL 73, 107*ff. und FERRARI, “Recen-
siones” milanesi, 45–47; siehe dazu näher unten in der Einleitung zu in psalm. 61.
4 ZELZER, Mittelalterliche ‚Editionen‘ (und öfter in weiteren Aufsätzen).
5 CSEL 73 erschien 1955; Otto Faller musste sich dabei zum Teil auf alte Kollationen stützen (CSEL
73, 1*); manche Fehler im textkritischen Apparat beruhen offenbar auch auf Verwechslung von
optisch ähnlichen Siglen, z.B. α und a.
Vorbemerkungen | VII
pus der Explanatio psalmorum XII), die mit Kaiser Gratian in Zusammenhang steht,
„in psalm. 61“, die Reden für die Kaiser Valentinian II. und Theodosius I. „Valent.“
und „Theod.“. Nach der Auflistung all jener Codices, in denen zumindest eines der
drei Werke enthalten ist, werden die lateinischen Texte separat ediert; jedem ist eine
eigene Einleitung vorangestellt, deren Schwerpunkte jeweils die Aufarbeitung der
Überlieferungsgeschichte und die Darlegung der damit verbundenen Probleme
sind. Die textkritischen Apparate versuchen, einen ‚Kompromiss‘ für die Weiterar-
beit zu bieten: einerseits sollen die skizzierten text- und überlieferungsgeschichtli-
chen Zusammenhänge weitgehend auch aus den Apparat-Angaben ablesbar sein,
andererseits sollen die Apparate nicht durch zu viele lediglich für die Überliefe-
rungsgeschichte relevante Details überfrachtet werden. Aus diesem Grund wurden
viele Informationen zu Lesarten einzelner Codices oder Untergruppen in die Einlei-
tung gestellt.6
Dieser Band hat von der Unterstützung vieler profitiert. Michaela Zelzer († 2012)
hat als akademische Lehrerin mein Interesse an Editionsphilologie geweckt und
später als Kollegin die Arbeit mit wertschätzender Anteilnahme begleitet; die Erfor-
schung des Œuvre des Ambrosius war ihr ein Herzensanliegen und bildete einen
Schwerpunkt ihres wissenschaftlichen Wirkens. Mein Dank gebührt meinen Kolle-
gen am CSEL: Clemens Weidmann, der dem Manuskript viel Zeit geschenkt und mir
viele wertvolle Anregungen gegeben hat (siehe auch Verweise auf ihn im textkriti-
schen Apparat), und Lukas Dorfbauer, der für Fragen ebenfalls stets offen war.
Auch unsere Leiterin, Dorothea Weber, war mir in fachlichen Fragen stets kompe-
tente und geduldige Ratgeberin. Dank gebührt auch den anonymen Gutachtern für
ihre wertschätzenden Worte und ihre konstruktive Kritik! Beim Kollationieren wur-
de ich bisweilen unterstützt und danke besonders Michael Margoni-Kögler, aber
auch Ana Bembič und Simon Ganzenbacher. Ebenso bedanke ich mich bei allen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Bibliotheken bzw. Handschriftensammlun-
gen, die mir stets freundlich weiterhalfen, besonders bei Aufenthalten an der Pari-
ser Bibliothèque nationale de France, der Biblioteca Ambrosiana in Mailand und der
Bodleian Library in Oxford, die zur Klärung einiger Detail-Fragen wichtig waren.
Ulrich Mauterer CanReg (Stift Herzogenburg) war auf diesen Bibliotheksreisen ge-
meinsam mit meinem Mann ein interessierter Begleiter, der – als Archivar stets für
Handschriften und Lesesäle begeistert – gemeinsam mit meinem Mann auch die
Einsichtnahme in die Codices unterstützte. Katharina Kaska, Österreichische Natio-
nalbibliothek Wien, bewies in Fragen zu Handschriften(katalogen) viel Geduld mit
mir – vielen Dank! Martin Wagendorfer (LMU München) war mir in kodikologischen
||
6 Wenn in der Einleitung außerdem von einzelnen Handschriften Sonderfehler genannt wurden,
deren Nennung für die stemmatische Einordnung selbstverständlich entbehrlich wäre, ist dies der
Versuch, die Kollationsergebnisse auch jenen Forschungsrichtungen zur Verfügung zu stellen, die
an einzelnen Handschriften näher interessiert sind.
VIII | Vorbemerkungen
Fragen und wie Michael Winterbottom sowie Peter Kidd (beide Oxford) auf der Su-
che nach Codices aus Cheltenham behilflich.
Mein wärmster Dank gilt meiner Familie: Mein Mann Johannes und meine Mut-
ter haben mit mir die Wellentäler des editorischen Daseins geduldig durchschritten,
das Projekt mit Interesse begleitet und mir viel Kraft gegeben. Dafür und für noch
viel mehr danke ich ihnen aus ganzem Herzen! Danke für seine Begleitung auch an
meinen Vater, der die Fertigstellung des Buches nicht mehr miterleben kann: ihm
sei es gewidmet.
Wien/Salzburg, Februar 2021 Victoria Zimmerl-Panagl
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen | V
Handschriftenliste | 1
In psalmum 61 / De obitu Gratiani
1 Historischer Rahmen und Inhalt | 25
2 Handschriften | 26
3 Überlieferungszusammenhang | 28
4 Werktitel | 28
5 Handschriftenfamilien | 30
5.1 ‚Psalmauslegungen‘ I: P, V und Verwandte | 31
5.2 ‚Psalmauslegungen‘ II: C, Z, O, Pl sowie B und der Codex des Martinus
Corbo | 33
5.3 Die Textklasse von Gw, H und der Codex des Martinus Corbo | 38
5.4 ‚Kaiserreden‘: A, Bo und Pb | 41
5.5 Textgeschichtliche Trennung der Zweige ‚Kaiserreden‘ und
‚Psalmauslegungen‘? | 43
5.6 Stemma | 44
6 Frühe Drucke und Vorgängereditionen | 45
7 Zur Texterstellung | 47
7.1 Textänderungen gegenüber CSEL 64 | 47
7.2 Textkritischer Kommentar zu ausgewählten Stellen | 48
Conspectus siglorum | 53
Textus | 55
X | Inhaltsverzeichnis
De consolatione Valentiniani / De obitu Valentiniani
1 Historischer Rahmen und Inhalt | 75
2 Handschriften | 78
3 Überlieferungszusammenhang | 79
3.1 Alttestamentliche Schriften, Valent. und epist. extra coll. 14 | 80
3.2 Valent. und epist. extra coll. 14 in Verbindung mit dem zehnten Brief-
buch | 84
3.3 Valent. als Teil der drei ‚Kaiserreden‘ | 85
4 Werktitel | 86
5 Handschriftenfamilien | 86
5.1 Gruppe α | 87
5.1.1 Die älteste erhaltene Textstufe von α: O und Pm (s. IX) | 91
5.1.2 Die Textklasse von O: Bm, P und Verwandte | 91
5.1.3 Die Textklasse von Pm | 94
5.1.4 Pm und π (Di, Ps, Tr, Re – ‚Zisterzienser-Tradition‘) | 95
5.1.5 Pm und ρ (G, C, E, Ox und F; D und Pr; T und Av; M) | 98
5.1.6 G, C, E, Ox und F | 100
5.1.7 D und Pr; Av und T (und das Fragment Pi); M | 102
5.1.8 Stemmatische Darstellung von α | 105
5.2 Gruppe β | 106
5.3 Der Hyparchetypus von α und β (= ψ) | 108
5.4 Pb und γ (= χ) | 109
5.4.1 Gruppe γ | 111
5.4.2 Codex Pb | 114
5.5 Stemma | 115
5.6 Indirekte Bezeugung | 116
6 Frühe Drucke und Vorgängereditionen | 117
7 Zur Texterstellung | 118
7.1 Textkritischer Apparat | 118
7.2 Textänderungen gegenüber CSEL 73 | 119
7.3 Textkritischer Kommentar zu ausgewählten Stellen | 119
Conspectus siglorum | 125
Textus | 127