Table Of ContentStudies in Contemporary Economies
Editorial Board
H. Bester
B. Felderer
H.l. Ramser
K.W. Rothschild
Jörg Althammer
••
Okonomische Theorie
der Familienpolitik
Theoretische und empirische Befunde
zu ausgewählten Problemen staatlicher Familienpolitik
Mit 19 Abbildungen
und 49 Tabellen
Springer-Verlag Berlin Heidelberg GmbH
PD Dr. Jörg Althammer
Universität Passau
Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre
Innstr.27
94032 Passau
Als Habilitationsschrift auf Empfehlung der Fakultät für
Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Augsburg
gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft
ISSN 1431-8806
ISBN 978-3-7908-1338-8
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Althammer, Jörg: Ökonomische Theorie der Familienpolitik: theoretische und empirische Befunde zu ausgewähl
ten Problemen staatlicher Familienpolitik I Jörg Althammer. - Heidelberg: Physica-Ver\., 2000
(Studies in contemporary economics)
ISBN 978-3-7908-1338-8 ISBN 978-3-642-57556-3 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-642-57556-3
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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2000
UrsprUnglich erschienen bei Physica-Verlag Heidelberg 2000
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Umschlaggestaltung: Erich Kirchner, Heidelberg
SPIN 10785296 88/2202-5 4 3 2 I 0 - Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung I
1.1. Problemstellung 1
1.2.Zielsetzungund Autbau .4
2. Familieund Familienpolitik 7
2.1. DefinitionundAbgrenzungdes Untersuchungsgegenstands 7
Exkurs: ZurQuantifizierungdes gesamtwirtschaftlichen Werts
der Haushaltsproduktion 16
2.2. Entwicklungder FamilienstruktureninderBundesrepublik Deutschland..19
2.2.1. EhegründungundStabilitätderEhe 19
2.2.2. DasgeänderteRollenverhaltender Frau 22
2.2.3. Familiengründungund demographische Entwicklung 24
2.2.4.Zusammenfassungderempirischen Ergebnisse 29
2.3. InstrumentestaatlicherFamilienpolitik 30
2.3.1. FamilienpolitischrelevanteNormendes Arbeits- und
Sozialrechts 30
2.3.2. Fiskalische Instrumente 33
2.3.2.1. InstrumentezurHerstellunghorizontaler
Steuergerechtigkeit 33
a) Das Ehegattensplitting 33
b)DerKinderfreibetrag 36
c)DerBetreuungsfreibetrag 37
d) DerAusbildungsfreibetrag 37
e) Dasbeschränkte Realsplitting 37
2.3.2.2. ImpliziteTransfers 38
a) DerHaushaltsfreibetrag 38
b) DieAbsetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten für
Alleinstehende 38
VI Inhaltsverzeichnis
2.3.2.3. ExpliziteTransfers 39
2.3.2.3.1. DasKindergeld 39
EntwicklungdesKindergelds 39
Exkurs: Die Reform dessteuerlichen FLAdurch dieUrteiledes
Bundesverfassungsgerichts 39
2.3.2.3.2. Das Erziehungsgeld .42
2.4. ZurnormativenTheoriestaatlicherFamilienpolitik .43
2.4.1. Fiskalische ExternalitätenderFamilie 44
2.4.2.TechnologischeExternalitäten .49
2.4.3. Implikationenfurdie Familienpolitik 53
3. IntrafamilialeZeitallokation, Haushaltsproduktion undKinderbetreuung 55
3.1. EinallgemeinesModell intrafamilialerZeitallokationund
Haushaltsproduktion 56
3.1.1. Expositiondes formalen Ansatzes 56
3.1.2. Familienpolitische Implikationen 66
3.1.3. IntrafamilialeArbeitsteilung 68
3.1.4. EmpirischeEvidenz 72
3.1.4.1. Lohnhöhe und Erwerbsbeteiligung 72
3.1.4.2. Arbeitsangebotund Haushaltsproduktionim familialen
Kontext 82
3.1.4.3. DieOpportunitätskostenderKindererziehung 88
3.1.5.Zwischenfazit 90
3.2.ErziehungundBetreuungvon Kindern imökonomischen Kontext... 91
3.2.1. EinökonomischesModellfamilialer Fürsorge 91
3.2.2. Kinderbetreuungund Arbeitsangebot: einigestilisierte Fakten 93
3.2.3. LeistungenundFinanzierungderTageseinrichtungenfilrKinder 95
3.2.4. DieDeterminantenderNachfrage institutioneller
Kinderbetreuung 96
3.2.4.1. Methodik 96
Inhaltsverzeichnis VII
3.2.4.2. EmpirischeVorgehensweiseundErgebnisse 97
3.2.4.3.Zurnormativen RechtfertigungstaatlicherInterventionen
indenBereichexternerKinderbetreuung 100
4. Die WirkungenstaatlicherFamilienpolitikaufdasgenerativeVerhalten 105
4.1. DieTheorieendogenerFertilität... 106
4.1.1.FormulierungdesstatischenModells 106
4.1.2. DynamischeFormulierung 109
4.1.3.ZusammenfassungdertheoretischenErgebnisse 111
4.2. Empirische Implementierung 112
4.2.1. Methodik 112
4.2.2. StandderLiteratur 115
4.3. VorgehensweiseundempirischeErgebnisse 117
4.4. Fazit : 128
5. ZurReform derFamilienbesteuerung 129
5.1. GrundlegendeVerfahrenderFamilienbesteuerung 130
5.1.1. EineTypologiealternativer FormenderFamilienbesteuerung 130
5.1.2.FormaleBeschreibungderVeranlagungsmodelle 133
5.2. AlternativeKonzeptionenderFamilienbesteuerung 136
5.2.I. Dasdisponible Einkommenals Besteuerungsgrundlage 136
5.2.2.DieMarkteinkommenstheorie 138
5.2.3. Einige Antwortenaus derOptimalsteuertheorie 140
5.2.4. EinZwischenfazit 145
5.3. WohlfahrtsökonomischeEffektederFamilienbesteuerung 145
5.3.1. EmpirischeundmethodischeGrundlagen 146
5.3.1.1. DisparitätsmaßeundAnalyseeinheit... 146
5.3.1.2. Das Wohlfahrtsmaß 148
5.3.2. AnalysealternativerFormenderFamilienbesteuerung 151
5.3.2.1. DarstellungalternativerModelleder
Familienbesteuerung 151
VIII Inhaltsverzeichnis
5.3.2.2. Datenbasisund Datenaufbereitung 154
5.3.2.3. EmpirischeErgebnisse und Diskussion 156
5.4. Fazit 164
MathematischerAnhangzum fiinften Kapitel 167
6. Zusammenfassung 171
TabellarischerAnhangzu Kapitel3 177
TabellarischerAnhangzu Kapitel4 199
Symbolverzeichnis 207
Abkürzungsverzeichnis 209
Abbildungsverzeichnis 211
Tabellenverzeichnis 213
Literatur 217
1. Einleitung
1.1. Problemstellung
Familienpolitik galt lange Zeit als Randbereich staatlicher Sozialpolitik. Das hat
sich in den letzten Jahren grundlegend geändert: bedingt durch die wirtschaftli
chen Herausforderungen des demographischen Wandels, aber auch durch die
jüngsten Urteile des Bundesverfassungsgerichts werden Fragen staatlicher Famili
enpolitik sowohl von politischer wie wissenschaftlicher Seite wieder stärker be
achtet. Mittlerweile nimmt die Familienpolitik im System staatlicher Sozialpolitik
sogar eine Sonderstellung ein: sie ist eine der wenigen sozialstaatlichen Leistun
gen, über derenprinzipielle Notwendigkeit sowohl in der Literatur wie im politi
schen Bereich weiterhin ein breiter Konsens herrscht. Dass die staatlicher Famili
enpolitik aufeine breite gesellschaftspolitische Akzeptanz bauen kann zeigt sich
insbesonderedarin, dass das familienpolitische Instrumentarium gerade injüngster
Zeit nach Art und Umfang ausgeweitet wurde. So wurden das Kindergeld, die
Kinderfreibeträge und die Bewertungder Erziehungsleistungen indergesetzlichen
Rentenversicherung in den letzten Jahren spürbar erhöht und der Anrechnungs
modus der Erziehungsjahre großzügiger gefasst- eine Entwicklung, die in deutli
chemGegensatzzum allgemeinenTrend inderSozialpolitiksteht.
Aufder anderen Seite ist die Familie als soziale Institution einem massiven Wan
del unterworfen, der teilweise als "Bedeutungsverlust" oder gar "Zerfall" der
Familie apostrophiert wird. Wie in allen industrialisierten Staaten zeigt sich auch
in der Bundesrepublik Deutschland eine nachlassende Heirats- und Geburtennei
gung, eine zunehmende Zahl von Ehescheidungen und die Herausbildung alterna
tiver familialer Lebensformen. Begleitet von dem Faktum einer zunehmenden
Erwerbsbeteiligungder Frau stellen diese Entwicklungen das traditionelle Leitbild
eineraufdem Institutder lebenslangen Ehe und der strikten Rollentrennung beru-
J. Althammer Okonomische Theorie der Familienpolitik
© Physica-Verlag Heidelberg 2000
2 1.Einleitung
henden Familienpolitik zunehmend in Frage, ohne dass die Entwicklung eines
neuen, normativ und faktisch verbindlichen familienpolitischen Leitbilds erkenn
bar wäre. Dabei zeigt sich immer deutlicher, dass mit der Pluralisierung der Le
bensformen kein gesellschaftlicher Bedeutungsverlust der Familie verbunden ist,
sondern dass die Gesellschaft nach wie vor in hohem Maßeaufdie in den Famili
enerbrachtenLeistungenangewiesen ist.
Der Familiensoziologe Franz-XaverKaufmannsieht in diesem Spannungsverhält
nis zwischen dem erkennbaren gesellschaftlichen Interesse an familialen Leistun
gen einerseits und hierzu konkurrierenden privaten Zielen eine Ambivalenz des
öffentlichen familienpolitischen Diskurses, die sich in derallgemeinen Akzeptanz
der Notwendigkeit staatlicher Familienpolitik bei einer gleichzeitig anhaltender
Kontroverse überdie angemessene Ausgestaltungdieser Politikniederschlägt. Die
Ursache hiertUrsiehtKaufmann letztlich inderTatsache, dass"den familienpoliti
schenDiskussionennahezujedeswissenschaftlicheFundament"fehle (Kaufmann,
1995,S. 3).
Der hier von einem tUhrenden Vertreter wissenschaftlicher Familienpolitik kons
tatierte Mangel an theoretischer Fundierung staatlicher Familienpolitik müsste
eigentlich überraschen, steht doch mit der "neuen mikroökonomischen Theorie
des Haushalts" ein ausformuliertes und in der Literatur mittlerweile etabliertes
Theoriegebäudezur VertUgung, das familiales Handeln im Rahmen der ökonomi
schen Prämissenerklärbarmacht. MitderHumankapitaltheorie, derHaushaltspro
duktionstheorie, der Theorie intrafamilialer Zeitallokation und der endogenen
Fertilitätstheorie liefert die new home economics einen analytischen Rahmen, der
zumindest qualitative Aussagen über die Wirkungen familienpolitischer Instru
mente erlaubt. Dabei darfjedoch nicht übersehen werden, dass gegen die Rezepti
on des ökonomischen Ansatzes in den familienpolitischen Diskurs erhebliche
Vorbehalte bestehen. So wird grundsätzlich in Frage gestellt, ob Nicht
Marktentscheidungen, insbesondere so höchst private Entscheidungen wie Part
nerschaftsbeziehungen oder der Kinderwunsch, mit den traditionellen mikroöko
nomischen Methoden überhaupt adäquat abgebildet werden können; nicht nur
außerhalb der ökonomischen Disziplin gilt die Familienökonomie als ein Beispiel
par excellence tUr den 'methodischen Imperialismus' der Wirtschaftswissen
schaften. Denn wenn man familiales Verhalten mit ökonomischen Modellen ana
lysiert, so unterstellt man implizit, dass familiales Verhalten das Ergebnis nutzen
optimierender Entscheidungen der Familienmitglieder ist, die aufder Grundlage
homogener und im Zeitablaufstabiler Präferenzen getroffen werden. Damit wer
den die Ursachen von Verhaltensänderungen letztlich aufÄnderungen der relati
ven (Schatten-) Preise und des Einkommens reduziert. Der ökonomische Ansatz
verzichtet also explizit darauf,jene Änderungen der Präferenzstruktur zu endoge
nisieren, die in der Familiensoziologie unter dem Stichwort der "gewandelten
I.I. Problemstellung 3
Lebensorientierungen" einen breiten Raum einnehmen (vgl. hierzu Schnee
windIVaskovis, 1992). Darüber hinaus stellt die Annahme homogener Präferen
zen aberauch den empirischen Gehaltdes ökonomischen Modells in Frage. Denn
sofern Präferenzen nicht identisch sind oder sich rein stochastisch über die Ge
samtpopulation verteilen kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass sie
systematisch mit den erklärten oder erklärenden Variablen des ökonomischen
Modells korrelieren. In diesem Fall wären dann auch empirische Ergebnisse, die
mit der familienökonomischen Theorie kompatibel sind, kein Beleg filr den Aus
sagegehaltdesökonomischenModells(PollakI Watkins, 1993).
Ein zweiter methodischer Einwand rekurriert aufdie Tatsache, dass die Familie
zumindestimtraditionellen Ansatz-alsökonomischeEntscheidungseinheitaufge
fasst wird, die einewohldefinierteFamiliennutzenfunktionmaximiert. Damitmuss
sich der familienökonomische Ansatz aber den Vorwurfder methodischen Inkon
sistenz gefallen lassen: denn wenn man berücksichtigt, dass Entscheidungsträger
natürlich nicht"die" Familie, sondern immernureinzelne Familienmitgliedersein
können, stellensich bereitsbei der Formulierungderzu maximierenden familialen
Zielfunktion die aus der Wohlfahrtstheorie bekannten Probleme kollektiver Präfe
renzbildung.
Ein dritter Einwand betrifft einen normativ-methodischen Aspekt. Im ökonomi
schen Ansatz wird die Entscheidungen über Fertilität, Erziehung und Ausbildung
der Kinder als Konsumprozess der Elterngeneration formuliert, d.h. nachfolgende
Generationen treten nicht als eigenständige Subjekte, sondern lediglich als 'Ar
gumente' der elterlichen Nutzenfunktion auf. Aber selbst wenn man die Klassifi
kation des Kindes in ökonomische Kategorien (je nach Betrachtungsweise als
"Konsum-" oder "Investitionsgut") als heuristisches und damit wertfreies Kon
strukt akzeptiert', ergeben sich durch diese Vorgehensweise manifeste normative
Implikationen, dieeine Übernahme der theoretischen Ergebnisse in die praktische
Familienpolitik prinzipiell in Frage stellen. Denn in normativer Hinsicht unter
scheidet sich die Realisierung des Kinderwunsches von sonstigen Konsumprozes-
Hierauf weist Becker bereits in seiner grundlegenden Arbeit zur endogenen
Fertilitätstheorie explizit hin: "Es mag weit hergeholt, künstlich oder sogar
unmoralisch erscheinen, Kinder mit Autos, Häusern oder Maschinen zu vergleichen.
Aber eine solche Klassifizierung besagt ja nicht, daß die Befriedigung oder die
Kosten, die mit Kindern verbunden sind, moralisch gesehen der gleichen Kategorie
zuzuordnen sind wie diejenigen, die mit anderen langlebigen Konsumgütern
verbunden sind." Und bezogen auf den Qualitäts-Quantitäts-trade off: "Um jedes
Mißverständniszu vermeiden, will ichgleich hinzufligen,daß"höhereQualität" nicht
moralisch besserbedeutet. Wennfurein Kindfreiwillig mehrausgegeben wirdalsfur
ein anderes, so deshalb, weil die Eltern aus der zusätzlichen Ausgabe einen
zusätzlichen Nutzen ziehen und es ist dieser zusätzliche Nutzen, den wir "höhere
Qualität"nennen."(Becker, 1993,S. 190).