Table Of ContentStefanie Schultz
Natur als gesellschaftliches Verhaltnis
Stefanie Schultz
Natur als
gesellschaflliches
Verhaltnis
Zur Kritik der Naturwerttheorie
1[)'l1:\f7 DeutscherUniversitiitsVerlag
~ GABLER . VI EWEG ·WESTDEUTSCHER VERLAG
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Schultz, Stefanie:
Natur als gesellschaftliches Verhaltnis : zur Kritik der
Naturwerttheorie / Stefanie Schultz. - Wiesbaden : DUV,
Dt. Univ.-Verl., 1993
(DUV : Sozialwissenschaft)
lugl.: Berlin, Techn. Univ., Diss., 1992
ISBN-13: 978-3-8244-4136-5 e-ISBN-13: 978-3-322-85976-1
001: 10.1007/978-3-322-85976-1
D 83
Der Deutsche Universitats-Verlag ist ein Unternehmen der
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© Deutscher Universitats-Verlag GmbH, Wiesbaden 1993
Softcover reprint of the hardcover 1 st edition 1993
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Inhalt
1 Binleitung 9
2 Die Leugnung und Nutzung der Produktivitat der Natur als Ur-
sache der Umweltkrise 27
2.1 Die Trennung von Gesellschaft und Natur 31
2.1.1 Der ProzeJ3 der Abspaltung des Menschen von der Natur in
Immlers Zivilisationstheorie 32
2.1.2 Die Abspaltung der Gesellschaft von der Natur in den 'technolo-
gischen Revolutionsmodellen' 37
2.2 Die faIsche Form der Einheit von Gesellschaft und Natur 42
2.2.1 Zum Verhiiltnis von biologischer und sozialokonomischer Evolu-
tion -Das Oberschreiten der Grenzen der Natur 43
2.2.2 Die Externalisierung des Menschen in die Natur . die gescheiterte
Humanisierung der Natur 46
2.3 Die Wertform als Zivilisationsprinzip: Leugnung der Produk-
tivitit der Natur aIs Form der Ausbeutung 52
2.3.1 Die altorientalische Produktionsweise als Modell der Konstitution
von 'Natur' als gesellschaftlich nieht anerkannte Produktivitat 53
2.3.2 Die 'orientalische Form' der Konstitution von 'Natur' innerhalb
der industriekapitalistischen Produktionsweise 58
2.3.3 Ausgangspunkt bei der Vergesellschaftung: Loslosung von der
Natur als Form der Einbindung 63
2.3.4 Exkurs iiber Widerspriiche 70
3 Naturwerttheorie kontra ' Arbeitswertlehre' 81
3.1 Der AusschluB der Natur von der Wertbildung in Marx' Wert-
lehre 84
6 Inhalt
3.2 Die Beteiligung der Natur an der Wertbildung 87
3.2.1 Die Natur als 'Partnerin' der Arbeit 88
3.2.2 Drei Formen der Beteiligung der Natur an der Wertbildung 90
3.3 Die Natur ist als 'reproduktives System' an der Wertbildung
beteiligt 102
3.3.1 Zwei Ausbeutungsrelationen: Arbeit und Natur 103
3.3.2 Die okologische Natur als reproduktives System 110
3.3.3 Die 'Mystifikation' der Naturproduktivitiit in der Arbeitsproduk
tivitiit 111
3.3.3.1 Die Riickfiihrung der Naturwerte auf Arbeitswert 115
3.3.3.2 Zum Unterschied von Gebrauchswert der Arbeit und
Gebrauchswert der Natur 122
3.3.4 Wert und Wertform 129
4 Zur Kritik der 'Okologischen Okonomie' 135
4.1 Die Naturwerttheorie als Basis einer 'Okologischen Okono-
mie' 136
4.2 Okologische Okonomie als Einheit von wertma.8iger und phy-
sischer Okonomie 142
4.2.1 Die Okonornie der 'Nettoproduktivitiit' 143
4.2.2 'WertmiiBige' und 'qualitative' Aspekte der Reproduktion der Na-
tur 144
4.2.3 Programmatische Skizze zur okologischen Reform 146
4.2.4 Exkurs: Die Darstellung weiterer naturwerttheoretisch orientier-
ter Theoriekonzepte 148
4.2.4.1 Pechan: Naturwerttheoretische Bewertungskonzepte in
der ehemaligen DDR 149
Inhalt 7
4.2.4.2 Hofmeister: Das physische Bilanz-Prinzip 153
4.3 Die 'Erzeugung der Nator' als emeute Subsumtion der Natur
unter das Kapital 159
4.3.1 Die Naturwerttheorie als 'subjektive Wertlehre' 162
4.3.2 Die okonomische und die technologische Wertform der Natur 170
4.3.3 Formelle und reelle Subsumtion der Natur unter das Kapital 179
4.3.4 Der okologische Umbau der Industriegesellschaft ereignet sich
bereits 184
5 Schlu8: Die geselIschaftstheoretische und erkenntnistheoreti-
sche Dimension der 'Erzeugung der Natur' 191
5.1 Die Natur als produktive und als produzierte 194
5.1.1 Luhmann: "Die Umwelt ist, was sie ist." 196
5.1.2 Immler: "Die reformatorische Operation besteht darin, die Natur
von Umwelt in System zu transferieren." 200
5.1.3 'Okologische RationalWit' 202
5.2 Natur als erkennbare und erkannte 209
5.2.1 Exkurs: Zur Erkenntnistheorie des Peirceschen Pragmatismus -
Vermittiung von 'auBerem Ding' und Subjekt im Natur-Begriff 215
5.2.2 1m 'richtigen' Begriff von Natur spiegelt sich die 'falsche' Gesell-
schaft 224
5.3 Natur als produzierte und konstituierte 225
6 Zusammenfassung 237
Literaturverzeichnis 245
Nachbemerkung 261
KURZFASSUNG
Gegenstande der vorliegenden Arbeit sind die kritische Zivilisationstheorie, die
Werttheorie und die Erkenntnistheorie Immlers. Seine Analysen werden als Beispiele
fiir diejenige Form der gesellschaftstheoretischen Analyse des sog. Mensch-Natur
Verhiiltnisses bzw. der Kapitalkritik diskutiert, die die Ursache der Umweltkrise in
der 'falschen Form' des Stoffwechsels mit der Natur sieht. Zentral ist die Frage,
inwieweit in einem werttheoretischen Sinne von einem Beitrag der Natur zur
Wertbildung gesprochen werden kann.
Die Beantwortung dieser Frage setzt eine Auseinandersetzung mit der Vergesell
schaftungsform der Natur in der industriekapitalistischen Produktionsweise voraus. In
Verbindung damit, daB die Arbeitskraft in der industriekapitalistischen Produktions
weise dem VerwertungsprozeB des Kapitals subsumiert wird, indem sie technologi
sche und okonomische Wertform erhiilt, wird die Natur dem Industriesystem als bloBe
Dinglichkeit gegeniibergestellt. Sie wird als sog. reproduktives System in der Form
von 'Tribut' vergesellschaftet, d.h. ihre 'Produkte' werden angeeignet, ihre Produktivi
tiit jedoch okonomisch nieht anerkannt. Diese Art des Aneignungsverhaltnisses leitet
sich aus der Existenz der Wertform als 'Synthesis' der Gesellschaft abo
Fiir die Wertformanalyse folgt daraus, daB die Natur nieht in der gleichen Form
wie die Arbeit an der Wertbildung beteiligt sein kann, weil sie nicht in der gleichen
Form wie die Arbeit vergesellschaftet ist. Daher ergibt sieh der Raubbau an Natur
nieht aus der Blindheit okonomischer Theorie, sondern ist eine triviale Foige der
Wertform. Die Wertform gibt der Natur die gesellschaftliche Form der Wertlosigkeit.
Allerdings kann angenommen werden, daB sieh gegenwartig in den Forderungen,
eine okologische Okonomie zu etablieren, die Naturproduktivitat anzuerkennen, das
Industriesystem zu okologisieren etc. ein Wandel der Vergesellschaftungsform der
Natur abzeiehnet. Die Natur soli als Rechtssubjekt anerkannt, die Nutzung ihrer
Produktivitat soll bezahlt, und sie soli in ihrer Eigenschaft als okologisches oder
autopoietisches System wahrgenommen werden. In der vorliegenden Arbeit wird die
These diskutiert, daB sich in solchen Forderungen abbildet, daB die Natur analog zur
Arbeitskraft Warenform erhiilt und ihre Produktivitat dem kapitalistischen
Produktions-und VerwertungsprozeB subsumiert wird.
Parallel zur Auseinandersetzung mit der Naturwertlehre werden die Bedingungen
und die wissenschaftstheoretischen Implikationen reflexiver und kritischer Gesell
schaftstheorie im Verhiiltnis zu 'ontologischer' Gesellschaftskritik diskutiert.
1 Einleitung
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Reichweite der von Hans Immler entwik
kelten Naturwerttheorie (vgl. insbesondere 1985 und 1989)1 fiir die adaquate gesell
schaftstheoretische Reflexion des sog. Mensch-Natur-Verhaltnisses zu priifen. Imrnler
behauptet, daB auch die Natur, so wie die Arbeit, an der Wertbildung beteiligt sei, und
daB das Ignorieren dieses Sachverhaltes (nicht zuletzt seitens der 'abstrakten' Oko
nomie) als Ursache der okologischen Krise anzusehen sei.
Immler knupft damit an (z.T. von ihm selbst gefiihrte) Diskussionen der siebziger
Jahre2 an, in denen der UmweltOkonomie von der marxistischen Kritik vorgeworfen
wurde, sie entwickele Instrumente zur Bekampfung der Umweltkrise, die genau der
Rationalitat folgten, die die Krise hervorgebracht habe (vgl. Hassenpflug 1975,790).
Den Monetarisierungs-bzw. Bewertungskonzepten der Umweltokonomie und der
Landschaftsplanung ist in diesem Kontext vorgeworfen worden, die abstrakte Ratio
nalitat der Wertform abzubilden. Diese abstrakte Rationalitat, die die Form des kapi
talistischen Umgangs mit den Naturressourcen kennzeichne, habe die Umweltzersto
rung hervorgebracht, da sie aufgrund der Orientierung an der Verwertung des Werts
dem Tauschwert Vorrang vor dem Gebrauchswert einraume. Sie abstrahiere daher
von aller Stofflichkeit und verhalte sich 'blind' (vgl. Immler 1975, 825) und grenzenlos
ausbeutend gegenuber den Naturgrundlagen (vgl. Immler 1973, 649).
Mittels der Monetarisierungsstrategien der Umweltokonomie werde die
Warenrationalitat und darnit die 'Blindheit' gegenuber allem Stofflich-Konkreten auf
den Gegenstand Natur angewendet, so daB die Natur nicht in ihrer 'physischen Quall
tat', sondern nur als "Sack voll Ressourcen" (Hampicke 1977,622) wahrgenommen
werden konne. Das Interesse der UmweltOkonomie bestehe nicht in der Losung des
Umweltproblerns, sondern lediglich darin, die Reparatur des Marktversagens zu ge
wahrleisten -auf Kosten der Natur, von deren 'konkreter Qualitat' damit abstrahiert
werde. (Vgl. Hampicke 1977, 587ff., Hassenpflug 1975, Schultz 1984a)
1 Vgl. auBerdem Immler 1983, 1983a, 1984, 1989a, 1989b, 1990, 1990a, 1991, 1991a, sowie Immler
und Schmied-Kowarzik 1984, Immler und Schmied-Kowarzik (Hrsg.) 1986. Vgl. auch die RepJiken:
Beckmann 1990, Diefenbacher 1990, Eidam 1989, Fetscher 1989, Hickel 1989, Moewes 1990, Schmied
Kowarzik 1983, 1983a, SchOnherr 1990, Schultz 1988, Stem 1991 sowie die Stellungnahmen in Immler
und Schmied·Kowarzik (Hrsg.) 1986.
2 Vgl. z.B. Deutschmann 1973, Dupuy und Robert 1978, Enzensberger 1973, Hampicke 1973, 1975,
1977, Hassenpflug 1974, 1975, 1980, Immler 1973, 1973a, Immler (Hrsg.) 1979, Kade 1972, Krusewitz
und Kade 1974, Maier 1979, Ronge 1972, Rom0ren und ROm0ren 1973.
10 Einleitung
1m Rahmen dieser marxistischen Kritik an der Umweltokonomie hat Immler
vorgeschlagen, die Stoff- und Energiebilanz alternativ zu den Instrumenten der
Umweltokonomie einzusetzen. (Vgl. Immler 1975)3 Hinter diesem Konzept steht die
folgende Uberlegung: Wenn sich der Tauschwert bzw. die Wertrationalitiit 'blind'ge
geniiber der stofflichen Ebene des Gebrauchswerts und den 'stofflich-energetischen'
Naturgrundlagen verhiilt, dann ist es notig, auf der Ebene des Gebrauchswertes eine
'gebrauchswertorientierte-naturale' Kontrolle und Rege1ung des gesellschaftlichen
Prozesses der Naturaneignung einzufiihren. (Vgl. Immler 1975,831) Dies soli mittels
des Instrumentes der Stoff-und Energiebilanz moglich sein, da sein 'Kalkal' ein stoff
lich-energetisches ist. Als solches sei es auch ein 'konkretes', 'gebrauchswertorien
tiertes' Kalkill.
Die Rationalitiit des Instrumentes liiBt sich folgendermaBen zusarnmenfassen:
Der betriebliche ProduktionsprozeB ist als geschlossenes System anzunehmen. Dar
aus folgt, daB aile Stoffe, die in einen Produktionsbetrieb hineinkommen, ihn auch
wieder verlassen miissen, sei es als Haupt-oder als Kuppelprodukte, d.h. u.a. auch als
fiir die Umwelt (die Natur und die Menschen) potentiell schiidliche Stoffe. Wiihrend
solche Inputstoffe und Kuppelprodukte aufgrund der Wertrationalitiit nicht wahrge
nommen werden, wei! sie als kostenlose Inputstoffe oder kostenloser Abfall nicht in
den 'Tauschwertbi!anzen' der betrieblichen Buchfiihrung auftauchen, so gewiihrlei
stet demgegeniiber der 'Gebrauchswert-Blick' der Stoff-und Energiebilanz, daB diese
Stoffe wahrgenommen werden konnen. 1m Sinne des sparsamen und schonenden
Umgangs mit den Naturressourcen soli der ProduktionsprozeB dann so veriindert
werden, daB der Stoffverbrauch und die Kuppelproduktion minimiert werden kon
nen, urn schiidliche Wirkungen fiir Mensch und Natur moglichst zu vermeiden. Dies
seien die Voraussetzungen fiir einen bewuBten und rationalen Umgang der Gesell
schaft mit der Natur, den die 'Bewertungsstrategie' der Umweltokonomie aufgrund
ihres notwendigerweise abstrakten Naturbi!des niemals gewiihrleisten konne. (Vgl.
Projektgruppe SEB 1984, lOff., Hofmeister 1987, 1989)
Die Diskussion der Rolle der "Natur in der okonomischen Theorie" (Immler
1985) und die Ausarbeitung der Naturwerttheorie setzen diese Uberlegungen fort,
einerseits indem Immler zu zeigen versucht, daB die Geschichte der Okonomie sich
(mit Ausnahme der Theorie der Physiokraten) durch das Verdriingen der Leistungen
der Natur aus der okonomischen Theorie auszeichne, und andererseits indem er dar
auf verweist, daB gegenliiufig zu diesem VerdriingungsprozeB die gesellschaftliche
Praxis sich immer mehr der Natur bemiichtigt habe und sich ihrer 'Leistungen' be
diene; die Industriegesellschaft sei zu einer 'Naturgesellschaft' geworden. Weiterge
hend als seinerzeit mit der Entwicklung des Instrumentes der Stoff- und Energiebi
lanz fiir die Umweltplanung fordert er nun eine Okonomie, die sich der Naturbe
dingtheit der Produktion bewuBt wird. Der herrschenden -nach wie vor abstrakten -
Okonomie stellt er als zur Losung der Umweltkrise notwendige Alternative eine 'phy-
3 Vgl. auch Projektgruppe BSP 1976, Projektgruppe SEB 1984, Schultz 1984, Hofmeister 1989, Bech
mann, Hofmeister, Schultz 1987, 1987a. Vgl. hierzu auch KapiteI4.2.4.2.
Einleitung 11
sische' bzw. 'okologische Okonomie', in der die Produktivitat und Reproduktionsnot
wendigkeit der Natur anerkannt wird, gegeniiber.
In der vorliegenden Arbeit wird dieser 'nach Alternativen suchenden' Form der
Reflexion des Verhaltnisses von Gesellschaft und Natur die These entgegengesetzt,
daE sieh die kritisierte Okonomie (und deren Instrumente) und die als Alternative
entwiekelte Okonomie (und deren Instrumente) nicht wie Altemativen im Umgang
mit der Natur zueinander verhalten, sondern daB sie sieh innerhalb der Kapitalratio
nalitat erganzen und in Kombination den NaturausbeutungsprozeB historisch vervoll
kommnen. Beide zusammen gewahrleisten auf unterschiedlichen Ebenen (der
Tauschwertebene und der Gebrauchswertebene) die Ubertragung der Wertform auf
die Natur - oder umgekehrt: Die als Objekt aus der Gesellschaft ausgegrenzte und
'beraubte' Natur wird als Produktivkraft in das System eingegrenzt, indem einerseits
die Produktivitat und Reproduktionsnotwendigkeit der Natur als okologisches System
thematisiert wird und die Natur in Gestalt verschiedener 'Okologisierungsformen' der
Technik technologische Wertform erhiilt und indem andererseits die Natur iiber die
Monetarisierungskonzepte der Umweltokonomie okonomische Wertform bekommt.4
Beide Ansatze fiir die theoretische Bewiiltigung der Umweltkrise -die sog. biirgerli
che Okonomie und ihre oko-marxistische Kritik und Selbstkritik -waren demnach als
erscheinendes BewuBtsein der Anderung der Vergesellschaftungspraxis von Natur zu
betrachten. In ihnen bildet sieh ab, daB sich die Ausbeutungsform der Natur andert
bzw. erweitert.
Wurde die Natur bislang als Objekt gesetzt, d.h. als eine Ansammlung von Ding
lichkeit -Materie -gesehen, so wird sie nun als sich reproduzierende und zu reprodu
zierende Produktivkraft thematisiert und erhalt damit eine iihnliche Stellung wie die
Arbeitskraft im kapitalistischen System. Die Stellung der Natur als Objekt ware dem
nach nicht als ein Zeiehen von allgemeiner 'Blindheit' gegeniiber der Natur zu deu
ten -das wiirde bedeuten, daB die Natur iiberhaupt nieht, also auch nieht in zerstoreri
scher Weise zur Kenntnis genommen worden ware -, sondern als ein Zeichen von
'spezifischer Blindheit',5 namlieh 'Blindheit' gegeniiber der Produktivitat und Repro
duktionsnotwendigkeit von Natur. Wird nun gefordert, die 'Blindheit' durch Aner
kennung der Naturproduktivitat zu ersetzen, so muB sieh darin die Anderung der
Ausbeutungsform der Natur -nicht etwa die ausbeutungsfreie 'Versohnung' mit der
Natur -zeigen, denn es erscheint nicht plausibel, von der Anerkennung der Naturpro
duktivitat unter kapitalistischen Bedingungen auf die Aufhebung dieser Bedingungen,
4 VgI. hierzu die These von Heller 1989,215, der die Rationalitiit der okonomischen (neoklassischen)
Theorie nicht fiir unvereinbar mit den okologischen Erkenntnissen halt. VgI. hierzu auch Schulz 1989.
Erwahnenswert ist in diesem Kontext auch die These A1tvaters, der trotz seiner Kritik der Monetarisie·
rungskonzepte vertritt, daB "(o)kologische Konsequenzen des Produzierens und Konsumierens ( ... ) in
das System der Werte mit Hille des Mediums Geld zuriickgeholt und so bearbeitbar gemacht werden"
(Altvater 1990,43) konnen.
5 VgI. Pfriem 1986, 33.