Table Of ContentKARL MARX
MANUSKRIPTE ÜBER DIE POLNISCHE FRAGE
QUELLEN UND UNTERSUCHUNGEN ZUR
GESCHICHTE DER DEUTSCHEN
UND ÖSTERREICHISCHEN ARBEITERBEWEGUNG
HERAUSGEGEBEN VOM
INTERNATIONAAL INSTITUUT VOOR
SOCIALE GESCHIEDENIS, AMSTERDAM
DIREKTOR: PROF. DR. A. J. C. RÜTER
IV
MOUTON & CO - 1961 - 'S-GRAVENHAGE
KARL MARX
MANUSKRIPTE ÜBER DIE
POLNISCHE FRAGE
(1863-1864)
HERAUSGEGEBEN UND EINGELEITET
VON
WERNER CONZE
UND
DIETER HERTZ-EICHENRODE
MOUTON & CO - 1961 - 'S-GRAVENHAGE
© COPYRIGHT RESERVED
PRINTED IN THE NETHERLANDS BY BATTELJEE EN TERPSTRA, LEIDEN
INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung, von Werner Conze 7
Entstehung und Beschaffenheit der Manuskripte, von Dieter
Hertz-Eichenrode 42
I. Die Entstehung der Manuskripte 43
II. Marx' Arbeitsmethode 51
III. Die Beschaffenheit der Manuskripte 53
IV. Die von Marx benutzte Literatur 77
V. Erklärungen zur Textgestaltung . . . . . . .. 83
KARL MARX
MANUSKRIPTE ÜBER DIE POLNISCHE FRAGE
Polen, Preußen und Rußland 91
Polen und Frankreich 165
1) The so-called Polish Succession War 166
2) The Seven Years' War (1756-1763) 168
3) Erste Teilung Polens 174
4) French Republic. Vom 21. September 1792 to 11. No-
vember 1799 176
5) Consulate 181
6) Empire. May 1804 (Crowned 2. Dezember 1804) until
1815 182
7) Restauration 188
8) Louis Philippe 190
9) Republic of 1848 194
Personenregister 197
Sachregister 201
EINLEITUNG
Im Kampf der revolutionären Bewegung gegen das beharrende
europäische Staatensystem zwischen der napoleonischen Zeit und den
beiden europäischen Nationalstaatsbildungen der 60er Jahre des 19.
Jahrhunderts hat die polnische Frage stets einen hervorragenden
Platz eingenommen. Die Sache Polens schien mit der Verwirklichung
der Freiheit in Europa untrennbar verbunden zu sein. An den Polen
war durch die Teilungen schweres Unrecht verübt worden. In der
restaurativen Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongreß war
Polen aufs neue dem Staatsinteresse der drei Teilungsmächte zum
Opfer gebracht worden. Die landschaftlichen Sonderstellungen, die
den Polen in Preußen, Österreich und Rußland zunächst gewährt
wurden, konnten die Wünsche der stolzen und verwundeten Adels-
nation, deren Nationalbewußtsein allmählich in immer breitere
Schichten des polnischen Volkes auszustrahlen begann, nicht befrie-
digen. Die auf ihre Wiedervereinigung hoffenden polnischen Patrioten
waren der Sympathien aller Liberalen Europas gewiß. Die Wieder-
herstellung Polens konnte nur gegen die drei großen Monarchien
durchgesetzt werden, die der nationalen und konstitutionellen Be-
wegung des Liberalismus entgegenstanden. Als Ende November 1830
in Warschau der polnische Aufstand gegen Rußland ausbrach, da
wurde die Warschauer Losung „Für unsere und eure Freiheit" weithin
in Europa, nicht zuletzt in den deutschen Staaten, aufgenommen, und
die Begeisterung für die Polen als Kämpfer für die Freiheit steigerte
sich bis zu emphatischen Kundgebungen.1 In den folgenden Jahren
konspirativer Tätigkeit national-revolutionärer Emigrantengruppen
aus allen europäischen Ländern, in denen die Fragen nationaler Ein-
heit und konstitutioneller Freiheit nicht gelöst waren, spielten die
Polen stets eine Hauptrolle. Freilich blieb es nicht aus, daß die Ver-
bundenheit in der als einheitlich empfundenen revolutionär-freiheit-
1 Vgl. neuerdings den ertragreichen Aufsatz von Hans Roos, „Die Tübinger
Romantik und die Polen. Ein Beitrag zur Geschichte der europäischen Kon-
spiration von 1819—1833", Tübinger Blätter, 45 (1958), S. 33-54. Ich danke
Herrn Dr. Roos für einige wichtige Hinweise und Anregungen aus seinen
umfangreichen Studien zur nationalen Frage in Ostmitteleuropa im 19. Jahrhundert.
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liehen Gesinnung und Zielsetzung sich aufsplitterte, je mehr die
soziale Bewegung in den Gesichtskreis der Progressiven trat und
demokratische oder gar sozialistische Gedanken entwickelt wurden.
Dazu kam die allgemeine Gefahr, daß nationale Bewegungen, auch
wenn sie eine Internationale der Völkerfreiheit erstreben, mit Not-
wendigkeit in den Antagonismus der nationalen Ziele geraten. Solche
Aufsplitterung war bereits 1848 sowohl bei den aktiven polnischen
Nationalrevolutionären wie auch bei Liberalen und Demokraten
anderer Nationen gegenüber der polnischen Frage wirksam, so sehr
auch die alte Gleichung von „unserer und eurer" Freiheit noch vor-
herrschte. Nach 1848 und besonders in den 60er Jahren ging diese
Gleichung immer mehr verloren. War Napoleon III. wirklich der
Bundesgenosse für die polnische Freiheit? War von England noch
etwas zu erwarten? Mündete der deutsche Liberalismus nicht mehr
und mehr in den kommenden kleindeutschen Nationalstaat ein und
gab, selbst wenn gegenüber der Bismarckschen Politik noch Zurück-
haltung geübt wurde, seine frühere Polenfreundschaft auf? Und vor
allem: war das Ziel sozialer Emanzipation, besonders der vielbe-
rufenen „Bauerndemokratie" wirklich mit der nationalpolnischen
Sache eng verbunden? Hatte sich nicht schon im Krakauer Aufstand
1846 und dann wieder im Aufstand von 1863 gezeigt, daß die pol-
nischen Bauern keineswegs in ihrer Mehrheit davon überzeugt waren,
mit den polnischen adligen Herren in einer Front gegen die drei
Teilungsmächte zu stehen? Sozialisten wie Proudhon oder Bakunin
setzten nicht auf die polnische Karte. Das Ziel der nationalen Wieder-
herstellung Polens stand nicht mehr nur im Gegensatz zu den konser-
vativen Monarchien, sondern geriet in Konflikt mit politischen Leit-
bildern und Grenzvorstellungen deutscher und russischer National-
bewegung. Und vom Gesichtspunkt einer die nationalen Grenzen
überspringenden Sozialrevolution war es sehr fragwürdig, ob gerade
die doch vorwiegend aus der Szlachtatradition stammenden pol-
nischen Freiheitskämpfer noch geeignete Bundesgenossen waren.
Wenn etwa Rußland nicht von außen besiegt zu werden brauchte,
sondern von innen revolutioniert werden konnte, dann sank die Be-
deutung Polens in den Augen demokratisch oder sozialistisch gesinn-
ter Sozialrevolutionäre.
Gerade in jenen zwei Jahrzehnten zwischen der Revolution von
1848 und der Bismarckschen Reichsgründung, als die „Bewegungs-
partei", wie die Liberal-Progressiven im Vormärz genannt worden
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waren, sich aufsplitterte und die polnische Frage in den Widerstreit
der national- und Sozialrevolutionären Gegensätze geriet, haben sich
Marx und Engels wiederholt mit Polen auseinandergesetzt. Es ist
selbstverständlich, daß die polnische Frage ihr besonderes Interesse
erregen mußte; denn wie auch immer Polen in die revolutionäre
Rechnung eingesetzt werden mochte, so war es doch zweifellos einer
der empfindlichsten neuralgischen Punkte Europas, dessen Land-
karte, wie Engels sagte, noch zu verändern war. Polen behielt daher
für Marx und Engels solange seine hervorragende Bedeutung, wie
sie Europa durch die ihnen eigene Kombination von Krieg und Re-
volution nationalstaatlich und demokratisch-sozialistisch umzuwan-
deln strebten. Das heißt: Polen blieb bei ihnen lebenslang mit im
Zentrum ihrer politischen Hoffnung, wenn auch der Optimismus und
Schwung ihrer Frühzeit im Laufe langer, enttäuschender Jahre ab-
nahmen.
Die durch die nachfolgende Edition zum ersten Mal bekannt ge-
machten Manuskripte von Marx zur polnischen Frage aus den Jahren
1863—64 verdanken ihre Entstehung dem Ereignis des polnischen
Aufstandes vom Januar 1863. Noch einmal standen Marx und Engels
unmittelbar unter dem Eindruck einer politischen Entscheidungs-
situation, die sie ihren Wünschen ein Stück näher bringen konnte,
ähnlich wie 1848, aber schwächer als damals, als sie die weltgeschicht-
liche Wende geradewegs auf sich zukommen sahen. In seinem Brief an
Engels, in dem er vom Wiederbeginn der Revolutionsära sprach,
setzte Marx daher einschränkend hinzu: „Die gemütlichen delusions
und der fast kindliche Enthusiasmus, mit dem wir vor Februar 1848
die Revolutionsära begrüßten, sind zum Teufel."2 So nahm zwar
offenbar die polnische Frage bei Marx noch den gleichen Platz ein
wie im Jahre 1848; nur hatte Marx seitdem 15 Jahre bitterer Er-
fahrungen und harter Ernüchterung durchgemacht. Er ließ sich nicht
mehr von der eingebildeten geschichtlichen Logik einer scheinbar
reifen revolutionären Situation so weit hinreißen, daß er das Gelingen
für sicher hielt. Er wußte vielmehr, „welche Rolle die Dummheit in
Revolutionen spielt und wie sie von Lumpen exploitiert werden".2
Der alternde Skeptiker blickte zurück auf die Naivität des Beginns.
Aber er hatte nicht resigniert. Das Ziel war geblieben, nur weit hin-
ausgerückt; und die polnische Frage war offenbar noch immer an
ihrem alten Platz.
2 MEGA (dtsch), III, 3 (1930), S. 127. Marx an Engels 13.2.1863.
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Von Haus aus standen beide Freunde dem polnischen Land und
Volk völlig fern. Es war nichts anderes als das Interesse an der großen
Revolution, was sie zur Beschäftigung und zur Stellungnahme ver-
anlaßte. Polen selbst ist ihnen zeitlebens unbekannt geblieben. Der
lebendige Kontakt kam allein durch die Bekanntschaft mit polnischen
Emigranten zustande. Es ist bekannt, daß solche Beziehungen schon
vor 1848 bestanden haben. Von größerer Bedeutung scheint allerdings
nur die Bekanntschaft mit dem Historiker Joachim Lelewel, dem ehe-
maligen Professor der Universität Wilna und gescheiterten Führer
der demokratischen Richtung im Aufstand von 1831 gewesen zu sein.
Marx und Engels kannten ihn seit Mitte 1845, sind aber wohl erst im
Winter 1847—48 in eine intensivere Arbeitsverbindung mit ihm ge-
kommen.3 Damals waren Marx und Lelewel im Vorstand der 1847
nach älteren Zusammenschlüssen neu gebildeten Internationalen
Demokratischen Gesellschaft in Brüssel. Dazu kam, daß in jener Zeit
hochgespannter revolutionärer Erwartung der Krakauer Aufstand
Aufsehen erregt hatte, sodaß Marx und Engels nicht nur Belehrung
über Polen suchten, sondern zum ersten Mal auch öffentlich zur pol-
nischen Frage auf der Gedächtnisfeier zum polnischen Aufstand von
1830, die von den „Fraternal Democrats" in Londen veranstaltet
wurde, Stellung nahmen.
Lelewel vertrat bereits eine soziale Konzeption der polnischen Ge-
schichte. Er verwarf den Gedanken einer Wiederherstellung Polens
in Anknüpfung an die alte Adelsrepublik. Die Entwicklung konnte
seiner Meinung nach nur zu einer Volksrepublik führen, die auf die
Masse der Bauern gestützt sein sollte. Voraussetzung dazu war für
ihn die Befreiung der Bauern aus aller persönlichen und grundherr-
lichen Abhängigkeit, wie sie bisher allein im preußischen Teilgebiet
Polens durchgeführt worden war. Die staatliche Freiheit schien ihm
nur auf dem Wege von der Adelsnation zur Volksnation erreichbar zu
sein. Nur freie oder zur Freiheit drängende Bauern konnten zum
großen Volksaufstand in eigener Sache eingesetzt werden. „Car ce
sont eux qui constituent réellement la nation."4 „La Pologne ne
3 „Erinnerung von Jenny Marx", in Vospominanija o Markse i Engelse (Moskau,
1956), S. 204 ff.; hier und für alle weiteren biographischen Angaben bes. Celina
Bobinska, Marks i Engels a sprawy Polskie (Warschau, 1955). Dt. übs.: Marx und
Engels über polnische Probleme (Berlin (O.), 1958), S. 68 ff.
4 Joachim Lelewel, Histoire de Pologne, I (Paris, 1844), S. 340.
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