Table Of ContentCarl-Friedrich ^Geyer
Leid und Böses
in philosophischen Deutungen
Verlag Karl Alber Freiburg/München
Auf Primärliteratur wird im Text meist mittels Siglen
verwiesen; diese sind im Verzeichnis auf den Seiten
199-202 entschlüsselt.
Weitere Literaturangaben nach folgendem Beispiel: (2.36,
Die kursive Zahl (2.36) verweist auf den Titel in der
Bibliographie, die Zahl dahinter (16) ist die Seitenzahl.
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Geyer, Carl-Friedrich:
Leid und Böses in philosophischen Deutungen /
Carl-Friedrich Geyer. - Freiburg [Breisgau];
München: Alber, 1983.
(Kolleg Philosophie)
ISBN 3-495-47516-8
Alle Rechte Vorbehalten - Printed in Germany
© Verlag Karl Alber GmbH Freiburg/München 1983
Satz und Druck: Presse-Druck Augsburg
ISBN 3-495-47516-8
Inhalt
Einleitung 9
1. Identitätssicherung in archaischen Gesellschaften 20
2. Die religiöse Auseinandersetzung mit dem Leiden und
dem Bösen 28
a) Vorbereitende Reflexion 28
b) Der Buddhismus 29
c) Das Alte Testament 33
d) Nachbiblische Ijobinterpretationen 41
e) Das Neue Testament 44
3. Der Beginn der philosophischen Auseinandersetzung mit
dem Negativen 49
a) Mythos und Logos 49
b) Platon 52
c) Nachplatonische Deutungen 54
d) Plotin 58
e) Aristoteles 60
f) Die griechisch-römische Popularphilosophie 61
4. Lösungsvorgaben in den alteuropäischen
Gesellschaften 66
a) Vorbereitende Reflexion 66
b) Die Patristik 68
c) Die Scholastik 77
d) Die Mystik 85
e) Ausklang 92
5. Das Jahrhundert der Theodizee 95
a) Der neuzeitliche Traditionsbruch und die
Theodizeefrage 95
b) Leibniz’ ,Theodizee1 99
c) Elemente der Kritik 105
d) Immanuel Kant 108
6. Kontingenzbewältigung in der neuzeitlichen
bürgerlichen Gesellschaft 114
a) Die idealistische Autonomiethese 114
b) Ein veränderter Religionsbegriff 118
c) Georg Wilhelm Friedrich Hegel 119
d) Schellings ontologische Rechtfertigung des
Bösen 122
e) Arthur Schopenhauer 127
f) Die Taxation des historisch Möglichen 132
g) Friedrich Nietzsche 134
7. Der marxistische Ansatz 140
8. Moderne Interpretationen des Negativen, des Leidens
und des Bösen 150
a) Die Lebens- und Existenzphilosophie 150
b) Der Existentialismus 158
c) Ernst Bloch 165
d) Spätneuzeitliche Überlegungen zum Problem des
Negativen 168
e) Die Kritische Theorie 177
f) Zusammenfassung 180
9. Kontingenzbewältigung und Medienpluralismus 183
10. Ausblick 194
Verzeichnis der Siglen 199
Bibliographie 203
Personenregister 222
Sachregister 224
Einleitung
Mille piacer’ non vagliono un tormento.
Petrarca, Sonett 195
Eine Darstellung der verschiedenartigen Möglichkeiten, sich mit
dem Leiden und dem Bösen auseinanderzusetzen, muß - gerade
wenn sie sich als systematische Rekonstruktion versteht - von
mindestens drei Ebenen der Auseinandersetzung ausgehen. Als
erste dieser Ebenen kann ohne Zweifel die fraglose Integration
des jeweils als negativ Erfahrenen in den eigenen Lebenszusam
menhang angesprochen werden. Diese Möglichkeit einer Bewäl
tigung des Leidens und des Bösen begegnet vor allem in den
archaischen Gesellschaften (wenngleich nicht nur dort); ihr
Medium ist der Mythos. Eine weitere Ebene der Auseinanderset
zung ist die der explizit religiösen Deutungssysteme, die ungeach
tet unterschiedlicher Voraussetzungen darin Übereinkommen,
das Negative, das Leiden und das Böse auf die ,Sünde', also auf
individuelle Verfehlungen zurückzuführen. Eine dritte Ebene
wäre die einer rationalen Auseinandersetzung mit dem als
dysteleologisch, d. h. als einem angenommenen (rationalen)
Weltplan nicht integrierbar Erfahrenen. Hier steht der einzelne
vor der Schwierigkeit, diesen Weltplan angesichts dessen zu
rechtfertigen, was ihn dauernd in Frage stellt. Es ist bei aller
Einschränkung der Kompetenz der Diskursivität angesichts der
fundamentalen Lebensfragen des einzelnen wie der jeweiligen
Gesellschaften dieser dritte Gesichtspunkt, der eine Darstellung
wie die folgende rechtfertigt, die sich, auch wenn sie nicht umhin
kann, religiöse Zusammenhänge anzusprechen, nicht als theolo
gischer Traktat versteht (als solcher ist das Problem der soge
nannten ,Theodizee' lange thematisiert worden, vgl. u. a. 5.28),
sondern als Argumentationshilfe unter den Bedingungen der
Diskursivität. Damit ist wiederum eine Differenzierung impli
ziert; es muß unterschieden werden zwischen historischen
Abschnitten, in denen die Auseinandersetzung mit dem Negati
ven und dem Bösen zwar thematisch war und zum Beispiel die
Gestalt der religiösen Vorstellungen beeinflußt hat, und solchen,
in denen diese Auseinandersetzung zugleich auch als Problem
empfunden wurde (vgl. 3.14, 2ff.), d. h. nicht mehr selbstver
ständlich mit den Kategorien der tradierten religiösen Deutungs
systeme in Einklang gebracht werden konnte. Wo diese beiden
Ebenen auseinanderfallen, beginnt die Auseinandersetzung mit
dem Leiden und dem Bösen (abstrakter: mit dem Negativen und
Dysteleologischen) ein Problem der (vor allem praktischen)
Philosophie zu werden.
Geht man davon aus, daß jeder der drei angesprochenen
Ebenen der Auseinandersetzung mit dem Leiden und dem Bösen
eine ganz bestimmte historische Epoche zugeordnet werden
kann (dies gilt zumindest für den okzidentalen Kulturkreis),
dann ist es nicht abwegig, eine weitere Ebene der Auseinander
setzung anzunehmen, im Blick auf die - vor allem hinsichtlich
bestimmter Philosophien - das Urteil sich als zutreffend erwei
sen könnte, das Negative und Dysteleologische würden nicht
mehr als Problem eines rationalen Diskurses empfunden, und
eine Bewältigung sei nur noch möglich und sinnvoll in lebens
weltlichen Zusammenhängen oder falle erneut zurück an die
tradierten religiösen Deutungssysteme bzw. greife zurück auf
Quasi-Mythisches (vgl. u. a. 0.1). Allerdings spricht einiges
dafür, daß auch in der Theoriebildung der späten Neuzeit Fragen
der Bewältigung des Negativen, des Leidens und des Bösen
diskutiert werden, wenn auch der Kontext, in dem diese Fragen
gestellt werden, ein anderer ist, etwa der möglicher Aufklärungs
konzepte angesichts einer über ihre eigenen Möglichkeiten und
Grenzen unaufgeklärten Aufklärung (vgl. 4.22) oder jener, der
gegenwärtig das Thema Identität in den Mittelpunkt des Interes
ses von Sozialwissenschaftlern, aber auch von Vertretern der
praktischen Philosophie rückt (vgl. u. a. 4.6; 4.8; 4.13; 4.20;
4.29).
Ein möglicher Rückgriff auf religiöse Deutungssysteme ist
unter den Bedingungen der Gegenwart jedoch nur noch dann
plausibel, wenn er ein angemessenes Problembewußtsein nicht
von vornherein ausschließt. Wer nicht gerade neofundamentali
stisch argumentiert, kann bei einem derartigen Rekurs nicht
mehr ohne weiteres davon ausgehen, daß der Fromme, „der in
seinem Gott lebt“, nicht frage, „warum hat Gott mich und meine
Welt so geschaffen, wie sie ist, und nicht anders?“ (3.14, 4f.).
Monokausale Denkschemata sind nicht zuletzt durch den neu
zeitlichen Traditionsbruch und die mit ihm dominant gewordene
rationale Auseinandersetzung mit dem Problem des Leidens und
des Bösen auch in der Theologie obsolet geworden. Eine Distan
zierung von einem allzu leichtfertigen Rekurs auf biblische
Erklärungen und Interpretationen läßt sich feststellen, die bricht
„mit der vorzeitigen Sinngebung und Erklärung, mit einem
eilfertigen Kreuzesschema oder einer billigen Auferstehungs
these, der nicht eine lange tätige Buße vorangegangen ist, oder
mit einem kurzschlüssigen ,Dennoch‘-glauben ohne vergleich
bare Lebenssituation“ (5.47, 268). Die Bereitschaft zu Konzes
sionen an ein fragwürdiges „Trostbedürfnis“ ist allgemein im
Schwinden begriffen, und selbst dort, wo der Abkehr von der
Diskursivität eine Rückkehr zu zumindest Quasi-Mythischem
zu entsprechen scheint (vgl. 4.4), läßt sich weder eine simple
Mystifikation des Bösen noch ein bereitwilliges Sich-Bescheiden
mit der „Unerklärbarkeit“ des Leidens und des Bösen konstatie
ren. In diesem Sinne kann der lateinamerikanische Theologe L.
Boff schreiben: „Um an die großen Probleme des Lebens und
Sterbens, der Schmerzen und der Liebe heranzutreten, gehen wir
nicht vom Begriff aus, sondern vom Mythos, und nicht auf dem
Weg über Argumente, sondern über Erzählungen. Die
Geschichte der Überlegungen über das Leiden weist vom Ijob
der Bibel bis zum Ijob C. G. Jungs auf den Fehlschlag aller
theoretischen Lösungen und das Scheitern aller Begriffe hin. Das
Übel will nicht begriffen, sondern bekämpft werden ... Der
gerechte Grund macht es würdig. Dieser gerechte Grund besteht
darin, daß man der gesetzlichen Ordnung und der Logik des
aufgezwungenen Systems gegenüber die Gerechtigkeit für die
Ausgebeuteten und die Rechte auch der Letzten verteidigt. Das
System möchte sich als bedeutsames Ganzes ausgeben, als die
Wahrheit im bestimmten geschichtlichen Augenblick, als die
befreiende Lösung des Volkes. Es tut aber im Gegenteil der