Table Of ContentLEHRBUCH
DER
MEERESHEILKUNDE.
Für Aerzte und gebildete Laien.
Von
DR. ARNOLD BILLER,
Professor, Oberstabsarzt a. D.
Mit / Landkarte und 1/ Abbildungen.
Springer-Verlag
Berlin Heidelberg GmbH
1913
NW., Unter den Linden 68.
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-662-34259-6 ISBN 978-3-662-34530-6 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-34530-6
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Dem
tatkräftigen Förderer der Thalassotherapie
Herrn K. k. Regierungsrat, a.o. Professor, Ritter m.a.
Dr. Julius Olax
zu Abbazia
verehrungs voll gewidmet
vom Verfasser.
Vorwort.
Das vorliegende Lehrbuch bildet die dritte Publikation auf dem
Gebiete der Meeresheilkunde. Den ersten Anlass zur Beschäftigung
mit diesen Fragen gab mir die an mir selbst beobachtete Heilung von
einem eingewurzelten Bronchialkatarrh im Jahre 1889 durch den vier
wöchigen Aufenthalt in dem Nordseewinde von Wyk und Sylt, ohne
irgend welches Medikament und ohne Rückfälle in den folgenden
24 Jahren (vergl. den Text, S. 55). Diese Beobachtung führte mich
darauf, in der Staub- und Bakterienfreiheit der echten Seeluft
das wirksame Prinzip dieser Naturheilung zu erblicken. Die ein
schlägigen Untersuchungen von B. Fischer bestätigten und erweiterten
meine .Annahme. Es gelang mir so zum ersten Male den Begriff
"Seeluft" im Gegensatz zur Landluft genau zu präzisieren.
Dieser Erkenntnis gab ich im Jahre 1890, in Verbindung mit
den klimatischen und hydrologischen ]~rgebnissen der "Kommission
",ur Untersuchung der deutschen Meere" in Kiel, Ausdruck in der Fest
schrift für Geheimrat Prof. Dr. E. v. Leyden in der Arbeit: "Die
Wirkungsweise der Seebäder", welche des allgemeinen Interesses
wegen einige Wochen später als erweiterter Abdruck im Buchhandel
(A. Hirschwald, 1890) erschien.
Die zweite Veröffentlichung auf diesem Gebiet bildete meine
Bearbeitung der Abschnitte: "Klimatische Verhältnisse (Seeluft
und Seewasser)" und "Seesanatorien" in dem Handbuch für
physikalische Therapie von Goldscheider und Jacob, Band I,
Teil 1, Leipzig 1901.
Zu der vorliegenden dritten Publikation wurde ich veranlasst
durch den Umstand, dass das erstaunliche Anwachsen der Literatur
über Meeresheilkunde, teils durch bahnbrechende wissenschaftliche
Untersuchungen namhafter Forscher, teils durch die Erfahrungen der
Badeärzte und ihre Mitteilungen auf den Kongressen zu Biarritz,
Abbazia und Kolberg, eine Neubearbeitung meiner "Wirkungsweise
der Seebäder" notwendig machte.
VI Vorwort.
Plan und Einteilung dieses "Lehrbuches der Meeresheilkunde" ist
aus dem Inhaltsverzeichnis ersichtlich. Neben der Rekapitulierung der
einschlägigen Arbeiten habe ich mir durchweg mein eigenes Urteil
gewahrt. Ich verweise in dieser Beziehung auf die Besprechung der
mit dem Ai tkenschen Staubzähler erhaltenen, oft widerspruchsvollen
Resultate. Auch wird der aufmerksame Leser manches Neue und
Fortschrittliche in dem Buche finden, besonders in der scharfen
Präzisierung der Begriffe "Seeklima" und "Seewind", in der Be
rechnung der Häufigkeit des Seewindes, Küstenwindes und. des Land
windes für die einzelnen Kurorte oder Gruppen von solchen, wodurch
erst eine physikalische Oharakterisierung der europäischen Seekurorte,
wie ich sie im Abschnitt F zum ersten Male durchgeführt habe, für
Sommer- und Winterkuren möglich wurde.
So hoffe ich, dass dieses Buch dem Badearzte im Abschnitt E,
"Therapeutische Rückblicke", einen Ueberblick gibt über alle diejenigen
Krankheiten, welche bisher mit Erfolg in Seebädern behandelt worden
sind, andererseits aber dem praktizierenden Arzte in Stadt und Land
die Möglichkeit gewährt, für jeden seiner bade bedürftigen Patienten
den nach Jahreszeit, Klima und Seewindwerten geeigneten Kurort
auszu wählen.
Schlachtensee, den 1. Mai 1913.
A. Hiller.
Inhalt.
Seite
Vorwort ... . V
Einleitung .. .
A. Die Seeluft. 3-106
Kapitel I. Die Luftwärme . 4
Kapitel H. Die Luftfeuchtigkeit 23
Kapitel III. Die Zusammensetzung der Seeluft 39
Kapitel IV. Die Luftbewegung . . . . . . . 66
Kapitel V. Die physiologische Wirkung des Seewindes. 81
Kapitel VI. Der Luftdruck. . . . . 104
Anhang: Die Lichtwirkung . ... 107
B. Das Seebad . . . . . . . . . . . . . . 115-145
Kapitel I. Der Wärmegrad des Secwassers 115
I{apitel 11. Die Bestandteile des ScewasscrH 123
KapitelIII. Die Bewegung des Seewassers . 128
Kapitel IV. Die physiologische Wirkung des Seebades. 131
C. Winterkuren an der See . . . . . . . . . . . . 146-171
I{apitel I. Das Winterklima der Seekurorte . . . . . 147
Kapitel II. Die Häufigkeit der Seewinde, J{iisten- und Landwinde
in Prozenten. . . . . . . . . . 153
Kapitel III. Windstärke im Winter . . . . . 162
I{apitel IV. Sonnenscheindauer . . . . . . . . . 166
Kapitel V. Zusammenfassung der Ergebnisse. . . 169
D. Seereisen. Schiffssanatorien. Bootfahrten 172-192
I\:apitel I. Vorteile und Mängel der Seereisen 172
Kapitel II. Die Unterkunft auf dem Schiff. . 173
Kapitel IrI. Therapeutisch wirksame Seereisen 180
Kapitel IV. Schiffssanatorien und ihre Mängel 186
Kapitel V. Bootfahrten zu IIeilzwecken . 190
E. Therapeutische Rückblicke . ..... . 193-213
I. Allgemeine Ernährungsstörungen . . 193
Il. Krankheiten des zentralen und peripheren Nervensystems 194
IH. Infektiöse Krankheiten. . . . . . 198
IV. Krankheiten der Atmungsorgane. . 205
V. Krankheiten der Verdauungsorgane 207
VI. Krankheiten der Kreislauforgane . . 209
VII. Krankheiten der Harnorgane . . . 210
VIII. Frauenkrankheiten. . . . . . . . 211
IX. Augen-, Obren- und Hautkrankheiten 213
F. Physikalische Charakteristik der Seebäder 214-238
I. Die Ostseebäder . . . . . . . . . . . . 215
11. Die Nordseebäder . . . . . . . . . . . 221
III. Die Seebäder am Kanal (englische und französische Küste 227
IV. Die Bäder an der französischen Ozeanküste . . . . . . 231
V. Die Bäder an der französischen Mittelmeerküste (Riviera
di ponente) 235
Namen- und Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
Das rasche Anwachsen der Städte, die stetig zunehmende Ein
wohnerzahl und die damit fortschreitende Wohnungsdichtigkeit der
Bevölkerung lassen das Bedürfnis derselben, mindestens einen Monat
im Jahre in der freien und reinen Luft an der See oder im Hoch
gebirge zuzubringen, von Jahr zu Jahr lebhafter erscheinen. Es kommt
hinzu die angestrengte Berufstiitigkeit fast aller Bevölkerungskreise in
Wissenschaft und Kunst, in Verwaltung und Unterricht, in Handel und
Industrie, welche mit andauernder Anspannung der geistigen und
körperlichen Kräfte verbunden ist und daher wenigstens einmal im
Jahre eine mehrwöchige Erholung behufs Sammlung neller Spannkräfte
gebieterisch fordert.
Unter diesen Erholungsbedürftigen gibt es aber noch eine
ganze Reihe von Personen, welche mit langwierigen kleinen körper
lichen Leiden behaftet sind, durch welche die Berufstätigkeit zwar
nicht gehindert, aber doch in lästiger Weise beeinträchtigt wird. Es
gehören dahin Katarrhe der Atmungsorgane, insbesondere der
Nase, des Hachens, des Kehlkopfes und der Luftröhren; ferner Ver
änderungen der Kreislaufsorgane, wie die Arterienentartung
(Arteriosklerose), die habituelle Herzschwäche, Innervationsstörungen
des Herzens, bei Kindern namentlich An ä m i e und 0 h 1 0 r 0 se; häufig
Ver d au u n g s s t Ö run gen, Appetitmangel, Obstipation, Hämorrhoidal
beschwerden ; und nicht zum letzten - die Signatur unserer Zeit -
das Heer von Nervenkranken mit geistiger Erschöpfung, Schlaf
losigkeit, mit neurasthenischen und hysterischen Beschwerden. Er
holungsbedürftige, welche mit einem solchen Leiden behaftet sind,
suchen gegenwärtig mit Vorliebe die See auf, um an derselben Heilung
oder doch Besserung ihrer Leiden zu finden.
Da die Grenzen unseres Vaterlandes im Norden und Nordwesten
vom Meere bespült werden, so werden von den Sommergästen vor
wiegend die ihnen am nächsten liegenden Seebadeorte der Ostsee und
der Nordsee aufgesucht. Wer schon im Frühjahr oder auch im Herbst
A. HilI er, Lehrbuch der Meeresheilkunde. 1
2
und Winter einen Seebadeaufenthalt wählen muss, wird die wärmeren
Badeorte des Mittelmeeres, der Adria und des Atlantischen Ozeans
vorziehen.
Bezüglich der Wahl des Kurortes ist es notwendig, sich über die
Heilkräfte des Meeres und den verschiedenen Grad ihrer Wirk
samkeit in den einzelnen Meeren genauere Kenntnis zu verschaffen.
Wir unterscheiden hierbei im allgemeinen drei Heilfaktoren, nämlich
die Einwirkung der Seeluft, die Lichtwirkung und das Seebad.
In allen drei Eigenschaften zeigen die Kurorte der verschiedenen :Meere
grosse Verschiedenheiten, welche für die Wahl des Kurortes zu Heil
zwecken von bestimmendem Einflusse sind.
A. Die Seeluft.
Als "Seeluft" können wir im streng physikalischen und thera
peutischen Sinne nur solche Luft bezeichnen, welche über der Ober
fläche des freien Meeres schwebt oder vom Meere her dem Badeorte
auf der Insel oder an der Küste zugeführt wird. Diese Luft ist hin
sichtlich der Zusammensetzung wesentlich verschieden von der "Land
luft," welche vom Festlande her kommt und über bewachsene, von
Menschen und Tieren bewohnte Flächen streicht. Als "Küstenluft"
kann man die Luft bezeichnen, welche teils über bewohntes Land,
teils über freies Meer streicht, wie es z. B. an manchen Küstenorten
und an Orten auf schmalen Landzungen der Fall ist.
In der Seeluft haben wir es mit einem Heilmittel zu tun, welchem
der Kranke während eines mehrwöchigen Aufenthaltes ununter
bro eh en, nur zu den verschiedenen Tageszeiten mit wechselnder
Stärke, unterworfen ist. Die von einem erwachsenen Menschen ein
geatmete Luftmenge beträgt pro Minute (nach Zuntz):
in vollkommener Ruhe 5 Liter
im Stehen . 6 "
beim langsamen Gehen 10-12"
Nehmen wir an, dass ein Kurgast an der See von dem 24stündigen
Tage 16 Stunden im Liegen und Sitzen und nur 8 Stunden im Stehen
und Gehen zubringt, so berechnet sich die an einem Tage einge
atmete Seeluftmenge auf 96 Hektoliter. Da man durch Treppen
steigen am Strande oder im Hause oder durch gelegentliche lebhaftere
Gangart eine noch gesteigerte Lufteinnahme hat, so kann man unbe
denklich die pro Tag eingeatmete Luftmenge auf rund 100 Hekto
liter annehmen. Es ist wohl einleuchtend, dass an sich geringfügige
Eigentümlichkeiten in der Zusammensetzung der Seeluft bei dieser
dauernden Einwirkung grosser Luftmengen von mächtiger Wirkung auf
den Körper sein können.
Zu dieser Einwirkung auf die Respiration kommt aber noch die
andauernde Umspülung des ganzen Körpers mit der Seeluft
und die dadurch bewirkte Beeinflussung der Hautatmung oder der
Per s p i rat ion, welche an sich zwar geringfügig ist, aber durch die
mehrere Wochen andauernde und täglich etwa 12 Stunden währende
1*