Table Of ContentRenate-Berenike Schrnidt
Lebensthema Sexualität
Renate-Berenike Schmidt
Lebensthema Sexualität
Sexuelle Einstellungen, Erfahrungen
und Karrieren jüngerer Frauen
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2003
Gedruckt mit Unterstützung des Förderungs- und Beihilfefonds Wissenschaft
der VG Wort.
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier.
Die Deutsche Bibliothek-CIP-Einheitsaufnahme
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Der Deutschen Bibliothek erhältlich
ISBN 978-3-8100-3516-5 ISBN 978-3-663-10622-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-10622-7
© 2003 Springer Fachmedien Wiesbaden
Ursprünglich erschienen bei Leske + Budrich, Opladen 2003
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
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Inhalt
I. TEIL:
KONFIGURATION: THEORETISCHE UND METHODISCHE
RAHMUNGEN
1 Einleitung..................................................................................... 11
1.1 Die Erforschung weiblicher Sexualität......................................... 12
1.2 Sexualität und Geschlecht............................................................. 17
1.3 Heterosexuelle Erfahrungen ......................................................... 22
1.4 Erleben und Erinnern, Erzählen und Wiedergeben....................... 24
1.5 Zum Aufbau des Buches............................................................... 28
2 Theoretische und methodologische Vorbemerkungen............. 31
2.1 Sexuelle Skripte ............................................................................ 31
2.2 Einstellungs-und Handlungsmuster ............................................. 41
2.3 Zur Methodologie der Typenbildung............................................ 44
3 Allein leben-zusammen schlafen? Die Fiktion vom
,Swinging Single'......................................................................... 47
4 Sexualbezogene Fragenkomplexe .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. . .. .. .. . .. . . .. .. . . .. 57
4.1 Der erste Koitus............................................................................ 58
4.2 Aktuelle Sexualkontakte ............................................................... 60
4.3 Geglückte und mißglückte Sexualkontakte .................................. 63
4.4 Sexuelle Praktiken und die Bedeutsamkeit des eigenen
Orgasmus .. .. .. .. .. . .. . .. . .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. . .. . . .. .. .. .. .. .. . .. .. .. . .. . . .. 68
4.5 Erfahrungen mit Trennungen........................................................ 72
4.6 Problembereiche ........................................................................... 74
4.7 Aufklärung und Kommunikation im Jugendalter ........................ 82
4.8 Grundsätzliche Einstellungen und Bewertungen zur Sexualität... 83
4.9 Einstellungen zur partnerschaftliehen ,Treue'.............................. 85
6 Inhalt
II. TEIL:
RE-KONSTRUKTION: TYPOLOGIE SEXUELLER EINSTELLUNGS
UND HANDLUNGSMUSTER
Vorbemerkung .. . .. .. . .. . .. .. . .. . .. . . .. .. . . .. . .. . .. .. . .. .. . .. . .. . .. .. . . .. .. . . .. . .. . .. . .. . .. . .. .. . .. . .. . 91
5 Erste Orientierung: partnerschaftsergänzende
Intimkontakte.............................................................................. 93
5.1 Biographischer Hintergrund und aktuelle Partnerschaftssituation 94
5.2 Einstellungen zu Sexualität, Liebe, Partnerschaft......................... 95
5.3 Sexuelle Handlungsmuster ........................................................... 98
5.4 Zusammenfassung........................................................................ 118
6 Zweite Orientierung: unverbindlich-erwartungsoffene
Intimkontakte . .. . .. . .. .. . .. . . .. .. . .. . .. .. . .. . .. . .. .. . .. . .. . .. . .. . .. . . .. . .. . .. .. . .. . .. .. . .. . 123
6.1 Biographischer Hintergrund und aktuelle Partnerschaftssituation 124
6.2 Einstellungen zu Sexualität, Liebe, Partnerschaft......................... 125
6.3 Sexuelle Handlungsmuster ........................................................... 128
6.4 Zusammenfassung........................................................................ 149
7 Dritte Orientierung: freundschaftsbasierte Intimkontakte..... 153
7.1 Biographischer Hintergrund und aktuelle Partnerschaftssituation 154
7.2 Einstellungen zu Sexualität, Liebe, Partnerschaft......................... 156
7.3 Sexuelle Handlungsmuster ........................................................... 162
7.4 Zusammenfassung .. .. .. .. .. .. .. .. . .. .. . .. .. . .. . .. . .. . .. .. .. .. . .. .. .. .. . .. . .. . .. .. .... . .. . 181
8 Vierte Orientierung: postpartnerschaftliehe Intimkontakte... 187
8.1 Biographischer Hintergrund und aktuelle Partnerschaftssituation 188
8.2 Einstellungen zu Sexualität, Liebe, Partnerschaft......................... 190
8.3 Sexuelle Handlungsmuster ........................................ ................... 194
8.4 Zusammenfassung........................................................................ 214
9 Fünfte Orientierung: exklusiv-partnerschaftliehe
Intimkontakte.............................................................................. 219
9.1 Biographischer Hintergrund und aktuelle Partnerschaftssituation 220
9.2 Einstellungen zu Sexualität, Liebe, Partnerschaft......................... 221
9.3 Sexuelle Handlungsmuster ........................................................... 225
9.4 Zusammenfassung .. .. .. . .. .. .. .. .. .. .. .. . .. .. .. .. . .. .. .. .. .. . .. . .. . .. . .. .. ... .. .. . .. .. .. . 248
10 Exkurs: Die Logik desMißlingens-eine ,andere' sexuelle
Karriere....................................................................................... 255
Inhalt 7
III. TEIL:
INTEGRATION: SEXUALITÄT ALS LERNPROZESS
11 Systematisierender Vergleich: Sexualmuster jüngerer Frauen 269
11.1 Matrix des sexuellen Erfahrungs-, Einstellungs- und
Handlungsraums .. . .. .. .. .. .. .. .. .. .. ... .. .. .. .. .. .. .. .. . .. . .. .. .. .. .. .. .. .. .. . .. .. .. . .. .. . 269
11.2 Musterkonfigurationen ................................................................. 274
11.3 Gemeinsamkeiten und Differenzen............................................... 289
12 Lebensgeschichtliche Aktualisierungen .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 299
12.1 Befunde zur Jugendsexualität.. .... .............................. ................... 302
12.2 Sexuelle Handlungsstile der Jugend und Sexualmuster des
Erwachsenenalters-ein Vergleich................................................ 309
12.3 Kollektive Lernprozesse............................................................... 312
13 Theoretische Folgerungen.......................................................... 321
Anhang 1: Forschungsdesign und Methode............................................. 331
Anhang 2: Kurzvorstellung der Interviewpartnerinnen ........................ ... 341
Literaturverzeichnis .. . . .. . . .. . .. .. .. .. .. .. .. .. . .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. . .. .. . .. .. .. .. 349
I. Teil
Konfiguration:
Theoretische und methodische
Rahmungen
1 Einleitung
Das vorliegende Buch ist den Erfahrungen gewidmet, die jüngere Frauen
heute auf dem Markt der sexuellen Möglichkeiten machen können und ma
chen müssen. Empirisch liegen ihm 37 Intensivinterviews zugrunde, die ich
in den Jahren 1996 und 1997 in Bremen durchgeführt habe. 1
Ergebnis meiner Befragungen waren knapp sechzig Stunden auf Ton
bandkassetten aufgezeichnete Interviews, die sich durch die Arbeit studenti
scher Hilfskräfte nach und nach in gut 1.150 Seiten transkribierter Texte
verwandelten. Dieser Materialkorpus enthält eine ungeheure Fülle einzelner
Informationen, nicht nur über das sexuelle Denken, Fühlen und Handeln der
befragten Frauen, sondern auch über ihr bisheriges Leben, ihre aktuelle Le
benssituation und über ihre Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft. Wie
stets bei Interviewstudien könnten die Berichte der Befragten - nicht gänz
lich unabhängig vom eingesetzten Gesprächsleitfaden, aber doch zumindest
partiell souverän - in eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien mit ganz un
terschiedlicher Fokussierung und interpretativer ,Binnenlogik' verwandelt
werden. Die ,Entscheidung' für eine der vielen möglichen Interpretationsfo
lien und Darstellungsweisen ist dabei - nicht nur nach meiner Erfahrung2 -
ebenso von vorausgegangenen erkenntnisleitenden Interessen abhängig wie
von nicht vorhersehbaren Einsichten und sich neu ergebenden Absichten
während des Prozesses der Rekonstruktion des empirischen Materials selbst.
In diesem konkreten Fall war die Fragestellung zum Beginn des Vorha
bens alles andere als identisch mit jener, auf die mit der nun vorgelegten Stu
die zu antworten versucht wird (dazu später mehr). Im Mittelpunkt meiner
Auswertung der geführten Interviews stand schließlich - am Ende eines lan
gen, nicht immer geradlinig verlaufenen Prozesses des ,Dialogs' der Wissen
schaftlerin mit ihrem Material - die Frage nach den sexuellen Einstellungs
Einzelheiten zur Rekrutierung der Untersuchungspopulation, zur Interviewmethode
und zum Vorgehen bei der Auswertung der Interviews finden sich im Anhang.
2 Und nach dem in der qualitativen Sozialforschung äußerst beliebten Paradigma des
"grounded theory approach" (Glaser/Strauss 1998/1967) soll es sich auch gar nicht
anders verhalten.
12 Einleitung
und Handlungsmustern3 jüngerer Frauen. Dabei ging und geht es mir nicht
nur um den strukturellen Zusammenhang zwischen Wissensformen auf der
einen und Handlungspraxen (jeweils im weitesten Sinne) auf der anderen
Seite, sondern auch um die kollektive biographische ,Logik', nach der sich
Erfahrung mit der aktuellen Lebenssituation und den zukunftsorientierenden
Zielen und Wünschen verknüpft. Die Wahl dieses Fokus bedarf nach meinem
Verständnis von Wissenschaft keiner Legitimierung, allerdings sehr wohl ei
ner Erklärung in Form dezidierter Hinweise auf die intersubjektiven Voraus
setzungen und Rahmenbedingungen, die eine solche Fokussierung möglich -
und in meinem sexualpädagogischen Impetus vielleicht auch nötig - gemacht
haben. Als Teil einer solchen ,Erklärung' möchte ich die folgenden Ab
schnitte dieser Einleitung verstanden wissen.
1.1 Die Erforschung weiblicher Sexualität
Wenige Jahre bevor ich mit dieser Arbeit begann, beklagte Kirsten von Sy
dow (1993: 7-8), daß der wissenschaftliche Diskurs über Sexualität in der
Bundesrepublik Deutschland noch recht unentwickelt sei. Die Ursache für
diese Abstinenz läge darin, daß Sexualforschung den Wissenschaften noch
immer als suspekt gelte.
Tatsächlich lassen sich - zumindest was die empirische Sozialforschung
angeht - bis in die jüngste Zeit hinein etliche Belege für diese These finden:
Burkartet al. (1989) führen Ende der achtziger Jahre qualitative Interviews
zum Themenkomplex ,,Liebe, Ehe, Elternschaft" (so der Buchtitel), bei de
nen "intime Fragen" weitgehend ausgeklammert bleiben.' In der umfangrei
chen Längsschnittuntersuchung über nichteheliche Lebensgemeinschaften
von Vascovicz und Rupp (1995) spielt sexuelles Gelingen und Mißlingen -
entgegen aller Alltagsplausibilität - für "Partnerschaftskarrieren" keine Rol
le. Auch N ave-Herz und Sander ( 1998) , vergessen' bei ihren ansonsten
hochelaborierten Reflexionen über den Wandel der Bedeutung der Ehe fase
völlig, daß diese bis vor wenigen Jahrzehnten die einzige legitime Möglich
keit für sexuelle Interaktionen darstellte. Und wenn wir Keddi et al. (1998)
glauben würden, gehörte Sexualität schlicht nicht zu den "Lebensthemen
junger Frauen" (alle übrigen werden unter diesem Titel überaus kenntnis
wie detailreich vorgestellt). Gänzlich ausgeklammert bleibt der intime Le-
3 Was ich in dieser Arbeit unter sexuellen Einstellungs- und Handlungsmustern (kurz:
Sexualmustern) verstehe, ist Gegenstand des folgenden 2. Kapitels.
4 Als Grund wird angeführt, daß bei diesen intimen Fragen die "Antworten und Er
zählungen eher knapp und allgemein ... ausgefallen sind" (Burkart et al. 1989: 189),
was mir - ganz zurückhaltend ausgedrückt - nicht unbedingt Folge der Unwilligkeil
der Interviewten zu sein scheint.
5 Die Ausnahme bilden drei kurzen Passagen (Nave-Her:zJSander 1998: 44, 46--47 und
58), in denen es um die Legitimität der sexuellen Gemeinschaft geht.
I Konfiguration: Theoretische und methodische Rahmungen /3
bensbereich auch in den Untersuchungen des Bundesfamilienministeriums
zur "Situation von Frauen" in der Bundesrepublik (BMFSFJ 1996, 1998). In
den meisten dieser und vielen anderen - meine Beispiele ließen sich fast be
liebig ergänzen - Untersuchungen zur ,sozialen Wirklichkeit' ist das intime
Zusammensein offenbar eine Leerstelle, über deren Existenz ohne ein Wort
der Erklärung hinweggegangen werden kann.
Gerade vor diesem Hintergrund wirkt Kirsten von Sydows These über
aus plausibel. Sie ist allerdings, so meine ich heute6, falsch, weil sie auf einer
unzutreffenden Prämisse beruht. Unentwickelt ist in Deutschland nicht der
wissenschaftliche Diskurs über die Sexualität als solche, defizitär ist vielmehr
dessen Ein- und Anhindung in bzw. an den allgemeinen Diskurs in den Sozi
alwissenschaften. Das tatsächliche Problem besteht meines Erachtens darin,
daß ,Sexualität' heute als Spezialthema von spezialisierten Sexualforschern,
nicht aber als Normalthema von normalen Sozialforschern untersucht wird.
Ein reiches Feld wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Thema Sexualität
findet sich im deutschsprachigen Raum deshalb erst dann, wenn man den
Blick vom professionell etablierten Feld der Familien-, Lebenslauf- und
Frauenforschung abwendet. Tatsächlich ist hinsichtlich des intimen Zusam
menlebens in den vergangeneu fünfzehn Jahren geradezu ein Forschungs
boom zu verzeichnen, motiviert (und auch finanziell möglich gemache) nicht
zuletzt durch das Thema Aids, das seit Mitte der achtziger Jahre zunächst in
den USA und dann sehr schnell auch in Europa Öffentlichkeit, Politik und
Wissenschaft erreichte. Aids selbst war dabei aber für viele Forscher und
Forscherinnen nur der Anlaß, um verschiedenste sexualbezogene Fragen auf
zuwerfen und zu beantworten. Die öffentliche Debatte über die primär sexu
ell übertragene Krankheit hat dabei wohl auch dazu beigetragen, ,intime
Themen' in den beteiligten Professionen zumindest für eine Zeit ,salonfähig'
zu machen. Forschungspraktische Folgen lassen hingegen weiterhin auf sich
warten.
Die neue, Aids-induzierte Sexualforschung ist aber nur eine der beiden
Entwicklungen in den Sozialwissenschaften, auf die hier zu verweisen ist.
Bereits in den Jahren , vor Aids' hatte die feministische Debatte - 1968 wurde
Sirnone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht" aus dem Jahr 1949 neu auf-
6 Ich gebe zu, daß von Sydows These mich während der Arbeit an diesem Buch mehr
als einmal verunsicherte. War das Thema, das mich seit Jahren umtrieb, zwar für
mich selbst spannend, für meine Kolleginnen und Kollegen aber doch eher degou
tant? Begab ich mich mit einem ,exotischen Erotik-Thema' ins wissenschaftliche
Abseits? Würde meine Arbeit anschlußfähig an sozial- und insbesondere erzie
hungswissenschaftliches Denken und Forschen bleiben? Die Zweifel sind nicht aus
geräumt, die gestellten Fragen kann erst die (genauer: meine berufliche) Zukunft be
antworten.
7 Sexualität ist dabei offenbar eher ein ,Tabu' der Sozialwissenschaftler selbst als ihrer
Finanziers. So ist in den neunziger Jahren kaum ein sexualbezogenes Thema (ein
schließlich dem der sado-masochistischen Rituale- Wetzstein et al. 1993) denkbar,
das nicht durch staatliche Forschungsgelder hätte gefördert werden können.